Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Wenn das Ich sich auflöst

Von Wolfgang Uchatius

Morbus Alzheimer – diese Diagnose stellt Patienten und ihre Angehörigen vor die größte Herausforderung ihres Lebens. So auch Heiner Bartel und seine Frau. Stationen eines Weges in die Dunkelheit 

Heiner Bartel geht die Straße entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt und jeden Meter kennt, und auf einmal bleibt er stehen. In der Hand hält er einen Briefumschlag. Er schaut die Straße hinauf und hinunter, er sieht die Drogerie, den Elektroladen, das Blumengeschäft. Autos fahren an ihm vorbei. Er geht ein paar Schritte, schaut auf die andere Straßenseite, bleibt wieder stehen. Er dreht sich um und geht langsam zurück. Als er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zieht, wirft er den Brief auf den Boden und fängt an zu weinen.

»Was ist mit dir?«, fragt seine Frau.

»Ich finde den Briefkasten nicht mehr.«

Der Mann, der das sagt, ist 63 Jahre alt, mittelgroß, trägt einen kurzen, grau melierten Bart und eine elegante Brille. Sein Gesicht und seine Arme sind braun gebrannt wie nach einem langen Urlaub. Heiner Bartel hat viel Zeit, in der Sonne zu sitzen, seit er weiß, dass sich sein Gehirn langsam auflöst.

Seine Frau kommt aus der Küche. Gerdi Bartel, 65 Jahre alt, ehemalige Krankenschwester und Pflegedienstleiterin, sieht den Mann, mit dem sie seit 34 Jahren verheiratet ist, schluchzend im Hausflur stehen, den Briefumschlag zu seinen Füßen. Sie denkt, oh Gott, der Briefkasten, letzte Woche hat er ihn noch gefunden. Sie denkt, wie wird das weiter­gehen, wann kommt der Tag, an dem er mein Gesicht nicht mehr kennt? Sie spricht das nicht aus. Stattdessen nimmt sie ihren Mann in den Arm. Sie sagt: »Wir sprechen die Strecke noch mal durch, das wird helfen, du wirst sehen.« Sie versucht, Hoffnung in ihre Stimme zu le­gen. Als ob Heiner Bartel vielleicht doch ein paar Meter zurückgehen könnte auf dem Weg, den sein Leben vor vier Jahren einschlug.

Am 25. Mai 2004 sitzt Heiner Bartel, damals Geschäftsführer eines deutsch-polnischen Logistikunternehmens in Stettin, in der Abteilung für Gerontopsychiatrie des Krankenhauses in Hamburg-Ochsenzoll, und vor ihm liegt ein Wort: Auto. Es steht auf einem Blatt Papier, das eine Psychologin ihm zeigt, ein paar Sekunden lang, dann kommt das nächste Blatt, der nächste Allerweltsbegriff. So geht das zehnmal, dann soll Bartel die Begriffe wiederholen. Ein paar fallen ihm ein, dann bleibt er hängen. Er soll eine Minute lang Wörter aufzählen, die mit »B« beginnen. Er gerät ins Stocken. Er soll mit Hilfe kleiner Bauklötze geometrische Figuren nachlegen, Dreiecke, Rechtecke, Quadrate. Es gelingt ihm nicht.

Er weiß, dass dies leichte Aufgaben sind. Aber er weiß nicht, weshalb er sie nicht lösen kann. Genau so wenig, wie er diese seltsamen Sachen begreift, die ihm in den vorangegangenen Monaten passiert sind. Als ihm beim Schreiben von Geschäftsbriefen plötzlich die Formulierungen entfielen, dachte er noch, er sei erschöpft, überarbeitet. Aber dann wollte er im Restaurant auf einmal die Rechnung zweimal bezahlen. Nach einem Gespräch mit Freunden konnte er sich an kein Wort erinnern. An Weihnachten ließ er eine Tüte mit Geschenken im Auto liegen, ohne sie hinterher zu vermissen.

Wegen solcher Aussetzer ist er in die Klinik gekommen, in die »Gedächtnissprechstunde«, wie die Ärzte das hier nennen. Weil er schon das komische Gefühl hatte, mit seinem Kopf stimme etwas nicht. Aber das kann doch nicht sein, oder?

Eine Stunde dauert der Test. Hinterher schreibt die Psychologin einen Bericht, zwei Seiten lang, ihr Urteil setzt sie ans Ende: »Verdacht auf Demenz vom Alzheimer-Typ«. Eine Rückenmarkspunktion bringt Gewissheit. Die Ärzte finden in Heiner Bartels Nervenwasser zahlreiche Eiweißmoleküle, die typisch sind für jene Krankheit, die der deutsche Psychiater Alois Alzheimer vor hundert Jahren entdeckte, ohne damals sonderliches Aufsehen zu erregen. Anfang des 20. Jahrhunderts litten die Menschen an Tuberkulose oder Pocken, an Syphilis oder Keuchhusten, oft starben sie lange vor ihrem 50. Geburtstag, zu früh, um die Alzheimerkrankheit zu entwickeln, die junge Menschen nur in Ausnahmefällen trifft.

Heute sind Pocken und Syphilis besiegt, die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt bei rund 80 Jahren, und Morbus Alzheimer entwickelt sich zur neuen Volkskrankheit. Der Fußballbundestrainer Helmut Schön, der Geiger Helmut Zacharias, der Boxer Bubi Scholz, der SPD-Politiker Herbert Wehner, sie alle litten an Alzheimer. Der Philologe und Publizist Walter Jens hat keine Ahnung mehr davon, dass er einmal als einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen galt. Inzwischen leiden schätzungsweise 1,2 Millionen Bundesbürger an Alzheimer oder einer ähnlichen Form der Demenz. In zwanzig Jahren werden es wohl doppelt so viele sein. Denn die Lebenserwartung steigt weiter, und die Alzheimerkrankheit unterscheidet sich von anderen Krankheiten dadurch, dass praktisch jeder sie irgendwann bekommt. Man muss nur alt genug werden. Heiner Bartel hatte das Pech, dass es ihn früher erwischt hat als die meisten anderen.

Er sitzt auf der Terrasse, seine Frau hat Erdbeeren und Quark auf den Tisch gestellt. Er hat ein großes Fotoalbum vor sich hingelegt, eine Chronik seines beruflichen Lebens, er schaut es oft an, er zeigt es gerne her. Es verbindet ihn mit der Zeit, als sein Gehirn noch gesund war.

Fotos von Stehempfängen sind da zu sehen, von Messen, von Dienstreisen nach Shanghai, nach Prag, nach Chicago. Fast immer steht ein mittelgroßer Mann mit Brille und kurzem dunklen Bart in der Mitte des Bildes, fast immer in Anzug und Krawatte, mal schüttelt er dem Vorstandschef die Hand, mal stößt er mit Geschäftspartnern auf einen Vertragsabschluss an, sich offensichtlich wohlfühlend inmitten der Kunden und Kollegen. Bartel zeigt auf eines der Bilder, er zeigt auf den bärtigen Mann, der lachend in die Kamera prostet. »Diese Person bin ich, wie unschwer zu erkennen ist.«

Es stimmt, natürlich, man erkennt ihn sofort. Das Überraschende ist, wie sehr Bartel sich trotzdem verändert hat, das Foto ist ja nur ein paar Jahre alt. Der Mann auf dem Bild hat einen furchtlosen, selbstsicheren Blick, ein Mann, von dem seine Frau erzählt, dass er »so gerne unter Menschen war«, dass er »von jedem Empfang, von jeder Konferenz zufrieden mit einem Stapel Visitenkarten wiederkam«.

Der Mann auf der Terrasse sieht aus, als ob er Angst habe. Immer ist eine Unsicherheit in seinen Augen, die einen Menschen wohl befallen muss, wenn er sich nicht mehr zurechtfindet in der Welt, in der er sich jahrzehntelang auskannte. Wenn er sich auf sich selbst nicht mehr verlassen kann. Oft, wenn Bartel einen Satz beendet hat, fragt er: »Habe ich das schon mal erzählt?« Er blättert durch das Album, manchmal beginnt er eine Erklärung, stockt, rettet sich dann in kurze Sätze, bei denen wenig schiefgehen kann, sagt, »Das war der japanische Konsul« oder: »Besuch aus Südamerika«, und findet beim nächsten Bild dann plötzlich eine Erinnerung wieder, die ihn von Schiffscontainern, Häfen und Reedereien erzählen lässt.

Er zeigt einen Zeitungsausschnitt. Die Lübecker Nachrichten. Überschrift: Hamburger Containerexperte wurde Vertriebschef der LHG, der Betreiberfirma des Lübecker Hafens. Von Heiner Bartel, dem »gelernten Schiffsmakler und Reedereikaufmann«, ist da die Rede, für den bei der LHG eigens ein neuer Bereich geschaffen wurde. Ein paar Seiten weiter ein Artikel aus dem Februar 2000, in dem steht, Bartel werde Geschäftsführer des Cross Baltic Terminal Operators, einer im polnischen Stettin ansässigen Tochterfirma des Lübecker und des Stettiner Hafenbetreibers.

»Einen Moment, bitte.« Bartel steht auf, er geht ins Haus. Als er zurückkommt, hält er etwas in der Hand, etwas Kleines. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen.« Er legt ein Streichholzbriefchen auf den Tisch, bedruckt mit dem rot-blau-weißen Logo der Hamburger Lager- und Speditionsgesellschaft, Bartels erstem Arbeitgeber. Er klappt das Briefchen auf. Innen stehen die Adresse und Telefonnummer der Firma. »Und was steht darunter?«, fragt er.

Fernkopierer: 74041600/601.

»Genau. Fernkopierer. So hat man in Deutschland in den siebziger Jahren die Faxgeräte genannt, daran sehen Sie, wie alt das ist, das hebe ich mir auf, das hat sozusagen historischen Wert.«

Er bringt das Briefchen zurück, blättert wieder durch das Album, bleibt an einer alten Aufnahme des Hamburger Hafens hängen, sagt, dass die beiden Kräne auf dem Bild noch immer da stünden, und unterbricht sich dann selbst. »Einen Moment, bitte.« Wieder geht er ins Haus, kommt gleich darauf zurück. Wieder hält er etwas in der Hand. Die Farben Rot und Blau sind zu erkennen. Es ist das Streichholzbriefchen. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen…«

Jahrzehntelang war Morbus Alzheimer den Medizinern ein großes Rätsel. Heute weiß man: Die Ursache dafür, dass Heiner Bartel sich oft nicht mehr an das erinnert, was er vor fünf Minuten sagte, sind winzige, giftige Eiweißpartikel. Zu Abertausenden haben sie sich tief im Inneren seines Kopfes angesammelt. Dort, etwa auf Höhe der Ohren, liegt ein nur wenige Zentimeter großes, leicht gebogenes Stück Hirngewebe, der sogenannte Hippocampus. Er ist für die Ausbildung des menschlichen Ortsgedächtnisses zuständig und ist gleichzeitig so etwas wie der Kurzzeitspeicher des Gehirns. Alles, was ein Mensch sagt, sieht, hört, liest, wird im Hippocampus gespeichert und von dort in andere Teile des Gehirns weitergeleitet, wo es als Erinnerung abgelegt wird.

So war das auch bei Heiner Bartel, als er noch der selbstbewusst lachende Mann auf den Fotos war. Bevor sich die giftigen Eiweißmoleküle in seinem Kopf ansammelten. Sie durchdringen den Hippocampus, manche kleben zu kleinen Klumpen zusammen, kaum dicker als ein menschliches Haar, andere verdrehen sich zu zerstörerischen Fäden und töten Nervenzelle um Nervenzelle. Noch immer kann Heiner Bartel sehen, hören, lesen, sprechen. Sich aber hinterher noch daran zu erinnern, das fällt ihm zunehmend schwerer. Noch immer kann er gehen, laufen, Fahrrad fahren. Aber zu begreifen, wo er sich befindet, wo er die Richtung wechseln, den Weg verlassen muss, das ist ihm fast unmöglich.

Die Sonne sticht durch die Bäume, das Wasser glitzert, auf der großen Wiese stemmt sich ein junger Mann langsam in den Liegestütz. Bartel hat sich eine Baseballmütze über den Kopf gezogen, seine Frau hat ihn daran erinnert, sich die Schnürsenkel zu binden, jetzt gehen sie mit schnellen Schritten durch das Sommerlicht. Es ist Donnerstag, und donnerstags treffen sich die Bartels immer mit ein paar Bekannten im Hamburger Stadtpark, um sich ein wenig zu bewegen. Fünf Rentner in beigen Jacken, beigen Hosen, braunen Halbschuhen, mit Walkingstöcken in den Händen. Heiner Bartel fällt nicht auf unter ihnen, er sieht ja nicht krank aus, und das Tempo kann er locker halten, körperlich geht es ihm gut.

In einem Café machen sie Pause. Sie setzen sich auf die Terrasse, bestellen Bionade und Apfelschorle, reden über Kreuzfahrten, die Wirtschaftskrise und Urlaub an der Nordsee. Bartel schweigt meist, hin und wieder wirft er einen Satz ein. Einmal erzählt er von seinem Zivildienst auf Sylt, kommt ins Stocken, macht eine Pause, denkt nach, und dann fängt ein anderer zu reden an, weil er glaubt, Bartel sei schon fertig.

»Moment«, unterbricht seine Frau und legt die Hand auf seinen Rücken, als wolle sie ihn stützen, »ich glaube, Heiner war noch nicht zu Ende.« Der andere entschuldigt sich, Bartel fügt noch ein paar Wörter an, dann bewegt sich das Gespräch in eine andere Richtung.

Es geht ans Zahlen. Mit Münzen und Scheinen kommt Bartel seit Längerem nicht mehr zurecht, das Portemonnaie will er trotzdem noch einstecken, daran hält er fest. Also sagt seine Frau: »Darf ich mal den Geldbeutel haben, Schatz?« Er holt ihn aus der Jackentasche, öffnet ihn, er sieht die kleine Karte aus blauem Tonpapier mit seinem Namen und seiner Adresse darauf. Er zieht sie heraus und lächelt: »Die hat Gerdi gemacht, wenn ich mal wieder verloren gehe.« Im Notfall kann er die Karte anderen Leuten zeigen oder einem Taxifahrer, damit der ihn nach Hause bringt. Das war damals ihre Antwort auf jenen Tag, als er mit dem Fahrrad durch Hamburg fuhr und den Weg nach Hause nicht mehr wusste. Er rief seine Frau an, konnte ihr aber nicht erklären, wo er sich befand. Seitdem lebt er in einer ihm fremden Stadt. Alleine geht er nur noch zu Fuß aus dem Haus, seine Wege werden immer kürzer, die Strecke zum Briefkasten, 150 Meter lang, ist die größte Entfernung, die er noch sicher bewältigt. Jedenfalls war das bis vor Kurzem so.

Er schließt den Geldbeutel und gibt ihn seiner Frau. Sie bezahlt die Getränke. Er steht auf. Jede Woche gehen sie in dieses Café. Dutzende Male waren sie schon hier. Er fragt: »Wo ist denn hier die Toilette?«

»Geradeaus und dann links.« Er geht über die Terrasse auf die Eingangstür zu, bleibt stehen, zögert, wendet sich um. »Muss ich jetzt um das Gebäude herum?« Ein Mann aus der kleinen Gruppe steht auf und geht zu ihm. Er legt Bartel den Arm um die Schultern und zeigt ihm den Weg.

Es ist kein Virus, kein Bakterium, das die Alzheimerkrankheit auslöst. Der Mensch selbst erzeugt die toxischen Eiweißpartikel, jeder Mensch. Jahrelang sammeln sie sich im Organismus an, ohne dass sich dies im Kopf bemerkbar machte. Bis irgendwann eine kritische Menge erreicht ist und das Gehirn anfängt, sich aufzulösen, als sei es der jahrelangen Arbeit müde.

Einige Wissenschaftler sagen, Alzheimer sei womöglich Teil des natürlichen Alterns, keine Krankheit im eigentlichen Sinn. Unklar aber ist, weshalb die Selbstzerstörung des Gehirns bei manchen Menschen mit 60 beginnt, wie bei Heiner Bartel, und bei anderen mit 90 noch nicht eingesetzt hat.

Immer sind es seltsame Gedächtnislücken, mit denen alles beginnt, denn immer ist es der Hippocampus, der Kurzzeitspeicher, der als Erstes schrumpft. Von dort aus breiten sich die Eiweißteilchen in andere Hirnregionen aus, auch in solche, in denen Gefühle verarbeitet werden, Angst, Wut, Mitgefühl, Bereiche des Gehirns, die die Persönlichkeit des Menschen steuern. Auch dort sterben die Nervenzellen.

Es ist noch nicht lange her, die Bartels standen im Garten, sie schnitt Blumen, er stand daneben, da trat eine Nachbarin an den Zaun. Wie es denn dem Herrn Berger gehe, einem guten Freund von Heiner Bartel, von dessen schwerer Krankheit sie gehört hatte. Sie wusste nicht, dass Berger wenige Tage zuvor verstorben war. Heiner Bartel aber wandte sich ihr zu und sagte mit lockerer, fast frohgemuter Stimme: »Der ist längst über den Jordan.« In diesem Moment, erzählt Gerdi Bartel, habe sie ihren Mann nicht wiedererkannt, so ungerührt, so gefühllos. Es war ihr dann wieder nach Bügeln zumute.

Sie sagt das, wenn sie es nicht mehr aushält: dass sie im Keller noch was zu bügeln habe. Und dann geht sie hinunter und weint, damit er ihre Verzweiflung nicht sieht.

Sie seien sich immer sehr nahe gewesen, sagt Gerdi Bartel. Vielleicht auch, weil sie keine Kinder haben, mit denen sie ihre Aufmerksamkeit hätten teilen müssen. Fast jeden Tag, sagt sie, habe er ihr Blumen geschenkt. Fast jeden Tag hätten sie einander abends im Bett vor dem Einschlafen ihre Gedanken erzählt.

Einmal, an Weihnachten, standen sie vor dem Baum und öffneten die Geschenke, die sie sich überreicht hatten. Sie hatten sich schön gemacht, nur füreinander, er trug einen Anzug, sie ein langes Kleid. Er riss das Papier auf, sie riss das Papier auf, er fand ein Buch, Das verborgene Wort von Ulla Hahn, sie fand ein Buch, Das verborgene Wort von Ulla Hahn. Beide mussten sie lachen, und beide haben sie sich gefreut. »Jeder hatte gedacht, genau das könnte dem anderen gefallen«, sagt Gerdi Bartel, »und beide hatten wir recht.«

Gerdi Bartel kann sehr liebevoll und sehr lange davon erzählen, wie feinfühlig ihr Mann früher gewesen sei. Genau gesagt, kann sie zwei Stunden lang davon erzählen. So lange ist er auf einem Spaziergang draußen mit einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Hamburger Alzheimer Gesellschaft, die jeden Montag vorbeikommt, damit Frau Bartel ein wenig Zeit für sich hat, Zeit zum offenen Gespräch zum Beispiel. Sie will ihren Mann nicht verletzten dadurch, dass sie in seiner Anwesenheit davon spricht, wie fremd er ihr manchmal ist. Er versteht das ja alles.

Das verletzt sie am meisten, wenn Bekannte anrufen und Sachen sagen wie: Sei froh, dass er dich noch versteht. Sei froh, dass er dich noch erkennt. Als ob seine Liebe nur darin bestanden habe, sich ihr Gesicht zu merken.

Sie hatten viele enge Freunde, früher. Eine richtige Clique waren sie, fünf Paare, die jedes Jahr zu Pfingsten auf Fahrradtour gingen und sich im übrigen Jahr gegenseitig zum Essen einluden. Heiner Bartel war dabei nie der Stille, der am Rande stand, eher der Redner in der Mitte. Er liebte es zu kochen. Dabei summte er vor sich hin, und hinterher am Tisch unterhielt er die Runde mit Scherzen oder breitete seine Meinung zum Weltgeschehen aus und brachte so eine Diskussion in Gang.

So jedenfalls beschreiben es zwei, die damals immer dabei waren, Klaus und Anke Andresen, ein älteres Ehepaar, gut über 60, wie die Bartels, das in seinem Wohnzimmer in einer Kleinstadt südwestlich von Hamburg sitzt, durch die große Fensterscheibe hinaus in den romantisch verwilderten Garten schaut und darüber nachdenkt, warum die Freundschaft zu den Bartels, die sie früher mindestens einmal im Monat getroffen haben, in den vergangenen Jahren flüchtiger wurde. Warum sie sich so hilflos fühlten im Umgang mit einem Mann, der nicht einen Arm oder ein Bein verloren hat, sondern sich selbst. Frau Andresen hat den glucksenden Enkelsohn auf dem Schoß, die Milchflasche in der Hand, sie erzählt davon, wie es mit den Bartels früher war, und dann sagt Klaus Andresen: »Ich kann den Heiner doch nicht auf einmal wie ein Kind behandeln.«

Anfangs, sagt Klaus Andresen, sei er noch gut mit der Krankheit des Freundes zurechtgekommen. Er war in Rente, Bartel war in Rente, gemeinsam schrieben sie sich an der Universität Hamburg ein, Seniorenstudium, deutsche und russische Geschichte von 1850 bis zum Ersten Weltkrieg. Hoch interessant sei das gewesen, spannende Gespräche hätten sie geführt darüber, wie sich das spätere Schicksal beider Länder damals schon andeutete, dann habe sich die Krankheit dazwischengeschoben.

Den Vorlesungen konnte Bartel noch folgen, aber die vielen Menschen um ihn herum, das Stimmengewirr, das war zu viel für ihn. In der Cafeteria wusste er nicht mehr, wie man bezahlt, in der Mensa verlor er die Orientierung. Und Andresen? Der wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Einfach weitermachen wie bisher, das ging nicht. Er musste Bartel ja helfen, einerseits. Aber ihn an die Hand nehmen und mit einfachen Sätzen beruhigen wie einen Vierjährigen, wenn er im Durcheinander der Uni in Panik geriet? Der Heiner sei doch ein Freund, sagt Andresen, der sei doch ein erwachsener Mann und kein kleiner Junge. So haben sie sich ein wenig aus den Augen verloren, die alten Freunde. Erst in den vergangenen Monaten ist der Kontakt wieder enger geworden. Die Andresens wollen künftig bei den Bartels häufiger vorbeikommen, mit Heiner Bartel etwas unternehmen, einen Ausflug vielleicht, einen Spaziergang zumindest. »Es geht ja auch darum, Gerdi ein wenig zu entlasten«, sagt Anke Andresen. Und darum, Heiner Bartel zu treffen, so lange er dies noch bewusst erlebt.

Wie ein wuchernder Pilz verbreiten sich die giftigen Proteine im Gehirn eines Alzheimerkranken, und überall zerstören sie Nervenzellen: im Schläfenlappen, wo sich eines der Sprachzentren befindet, im Scheitellappen, der für das mathematische Denken zuständig ist, im Stirnlappen, in dem Verhaltenskontrolle und Urteilsfähigkeit ihren Ursprung haben.

Heiner Bartel sagt: »Dass Schlimmste ist, dass ich noch lange nicht alles vergessen habe.« Er sagt es langsam und bedächtig: »Dass ich mich noch daran erinnern kann, wie es war, mich erinnern zu können.«

Es gibt Tage, da sitzen die Bartels in der Küche und reden, und dann steht er plötzlich auf und geht ins Wohnzimmer und bleibt dort, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Und wenn seine Frau zu ihm geht, um zu schauen, ob er vielleicht fernsieht oder Radio hört oder in einem Bildband blättert, dann sitzt er oft einfach nur da. Reglos, ausdruckslos.

Sie komme in diesen Momenten nicht mehr an ihn heran, sagt Gerdi Bartel. »Er ist dann gefangen in seiner Traurigkeit.« Darin gleicht Heiner Bartel dem Großteil der Alzheimerpatienten im Frühstadium. Die meisten werden depressiv. Sie können sich an vieles nicht mehr erinnern, aber den Verlust betrauern, das können sie noch. Und sich ängstigen vor dem, was vor ihnen liegt, das können sie auch. Nur von Rettung träumen, das können sie nicht mehr. Dem Krebspatienten bleibt wenigstens die Hoffnung. Bei Alzheimer gibt es keine Wunder. Und kein Medikament. Tabletten können das Fortschreiten der Demenz verlangsamen, die Kommunikation zwischen den Nervenzellen verbessern, ein paar Erinnerungen bewahren. Die Zerstörung des Gehirns aber geht weiter.

Auf dem Tisch liegen große und kleine Malblöcke, Pinsel verschiedener Länge und Dicke, Wasserfarben, Buntstifte, Aquarellkreiden. Die Kunsttherapeutin fragt: »Na, wonach steht Ihnen der Sinn?«

Sie sind zu sechst. Drei Frauen, drei Männer von Ende 50 bis Anfang 80. Früher waren sie einmal Blumenverkäufer, Lehrer, Techniker oder Anwalt. Jetzt haben sie eines gemeinsam: Alzheimer im Frühstadium. Zweimal im Monat treffen sie sich im fünften Stock eines Bürogebäudes im Hamburger Stadtteil Wandsbek, in den Räumen der Alzheimer Gesellschaft. Sie reden über ihre Krankheit, tragen Gedichte vor, singen Lieder, oder sie malen.

Schwungvoll bringt Bartel die Farbe aufs Papier, lässt rote, violette, orangenfarbene Linien ineinanderlaufen. Die Furcht und die Unsicherheit sind aus seinen Augen verschwunden. Er summt und singt vor sich hin. Er hat früher nie gemalt. Erst als die beginnende Demenz ihn von seinem Beruf trennte, nahm er irgendwann versuchsweise den Pinsel in die Hand, lange bevor sie auch in der Selbsthilfegruppe mit dem Malen begannen. Inzwischen malt er fast jeden Tag.

Eine Mitarbeiterin der Alzheimer Gesellschaft tritt in den Raum. Sie sagt: »Der Kaffee ist fertig.« Bartel nimmt einen Kugelschreiber und schreibt den Satz auf sein Bild. Er macht das manchmal, wenn er malt: Hält das, was er hört, schriftlich fest, als wolle er sein beschädigtes Gehirn entlasten. Mal sind es Nachrichten aus dem Radio, mal ein paar Dinge, die ihm seine Frau erzählt. Auf zerfließende Blauflächen, auf Schemen von Schiffen, auf geschwungene rote Linien schreibt er dann unvermittelt: »Ärger mit Putin« oder »Scholz neuer Mann der SPD« oder »Gerdi schreibt E-Mail an Petra«. Mehrere Aquarellblöcke hat er schon gefüllt auf diese Weise, auf der ersten Seite steht immer derselbe Satz: »Mein kranker Kopf malt Tagebuch.« Die Bilder, die so entstehen, dokumentieren nicht nur das Zeitgeschehen, sondern auch das Fortschreiten der Demenz.

Als er den Kugelschreiber absetzt, steht auf dem Papier, das an diesem Nachmittag bei der Alzheimer Gesellschaft vor ihm liegt: »Der Kae ist fertig.«

Neben Heiner Bartel sitzt Isolde Bauer, eine große stille, weit über 70-jährige Frau. Ihr Blatt ist noch fast weiß. Jeden Farbklecks plant sie lange. Zaghaft setzt sie den Pinsel an, zieht langsam einen gelben Strich über das Papier, setzt den Pinsel ab, schaut erschreckt.

»Jetzt habe ich was verkehrt gemacht.«

Die Kunsttherapeutin tritt zu ihr.

»Nein, Frau Bauer, Sie haben gar nichts verkehrt gemacht.«

Heiner Bartel lächelt. Dann sagt er laut in die Runde: »Das ist ja das Schöne, die da draußen können so viel verkehrt machen. Wir nicht mehr.« Einen Moment ist es still im Raum. Dann fangen alle an zu lachen.

Wie lange wird er noch malen können? Wie lange noch schreiben? Ein Jahr? Zwei? Drei? Bisher ist die Krankheit bei Heiner Bartel langsam fortgeschritten. Aber das Tempo kann sich ändern, unvermittelt, unerwartet, auch das ist eines der Rätsel der Alzheimerkrankheit. Sicher ist nur, dass sie zum Tode führt, manchmal nach fünf, manchmal nach fünfzehn Jahren. Sicher ist, dass alle Patienten irgendwann das Bewusstsein verlieren, krank zu sein. Meist hilft das ihrer Seele.

Nicht selten herrscht in gut betreuten Wohngemeinschaften für Demenzpatienten eine fröhliche, fast ausgelassene Stimmung. Die Krankheit aber hält auch das nicht auf. Wie alle Alzheimerfälle vor ihm wird auch Heiner Bartel sich selbst nicht mehr im Spiegel erkennen. Er wird das Sprechen verlernen, das Gehen, das selbstständige Essen und Trinken.

Er wird dann stumm und unbeweglich im Stuhl sitzen wie jene Frau, die die Bartels neulich sahen und deren Anblick sie so erschreckte, obwohl sie doch seit Langem wissen, was sie erwartet.

Sie hatten sich auf einen schönen Nachmittag gefreut. Die Alzheimer Gesellschaft hatte in einem Seniorenheim zum Tanz geladen. Es gab Kaffee und Kuchen, wie immer, ein paar Dutzend Leute saßen an den Tischen, Kranke und Gesunde, Angehörige und Patienten. Die Bartels betraten den Raum, hinten spielte ein Musiker auf der Elektroorgel, er sang Volkstümliches und alte Schlager, einige Paare tanzten schon, da fiel ihr Blick auf einen Mann, der an einem der Tische saß. Mit der einen Hand hielt er die Gabel, ein Stückchen Kuchen darauf, die andere Hand hatte er auf die Schulter seiner Frau gelegt, die im Rollstuhl neben ihm saß, die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund leicht geöffnet. So saß sie da und bewegte sich nicht, nur hin und wieder kaute und schluckte sie. Zwei Stunden lang saß ihr Mann neben ihr, er hat sie gefüttert und gestreichelt und ihr den Speichel von der Wange gewischt. Die Bartels sahen es, und es war ihnen, als sähen sie ihre eigene Zukunft.

Sie sind trotzdem geblieben. Sie haben getanzt und gegessen, haben sich unterhalten und auch ein paar Mal mit den anderen gelacht, und am Ende, als alle aufstanden und sich bei den Händen fassten, da haben sich die Bartels mit in den Kreis gestellt, und alle haben sie gesungen:

In Hamburg sagt man Tschüss.

Das heißt Auf Wiedersehn.

In Hamburg sagt man Tschüss.

Das klingt vertraut und schön,

und wer schon mal in Hamburg war,

der kann das gut verstehn,

und wer schon mal in Hamburg war,

der kann das gut verstehen.

»Es war dann doch ganz schön«, sagt Gerdi Bartel, »die Gespräche, die Musik, und man tanzt ja auch ganz gerne.« Dennoch sind sie nicht wieder hingegangen.

Heiner Bartel sagt, er habe weniger Angst vor dem Tod als vor der Umnachtung, die ihm vorausgeht. Angst davor, noch zu leben, noch da zu sein, bei Gerdi, seiner Frau, sie aber trotzdem allein zu lassen.

Gerdi Bartel hat sich ein Buch gekauft. Es heißt Abschied zu Lebzeiten. Darin berichten die Angehörigen von Alzheimerkranken über ihren Alltag. Es geht um Männer, die ihre Frau anschreien, weil sie nicht wissen, wer diese fremde Person ist, die ihnen das Gesicht wäscht; es geht um Inkontinenz und beschmutzte Fußböden und darum, dass vielen irgendwann die Kraft ausgeht und sie den Erkrankten dann ins Pflegeheim geben. Gerdi Bartel hat das Buch heimlich gelesen, einmal aber ließ sie es auf dem Nachttisch liegen.

»Was ist denn das für ein Buch?«, fragte er.

Er nahm es in die Hand, schaute es an, blätterte darin, dann legte er es wieder zurück. Sie wartete, was er sagen würde, gespannt, ein wenig ängstlich auch. Aber er schwieg. Und sie schwieg dann auch.

Das Gehirn eines gesunden, erwachsenen Menschen ist etwa 1,3 Kilogramm schwer. Das Gehirn eines Alzheimerpatienten im Endstadium wiegt oft nur noch 900 Gramm. Wo beim Gesunden gut durchblutetes Hirngewebe pulsiert, klaffen dann große Löcher. Wenn der Erkrankte nicht vorher an Nierenversagen oder einer Lungenzündung stirbt, greifen die Eiweißpartikel als Letztes den Hirnstamm an, der die primitiven Körperfunktionen steuert. So erlahmt das Kauen, das Schlucken, zuletzt das Atmen. Das ist dann das Ende.

Heiner Bartel geht die Straße entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt und jeden Meter kennt. In der Hand hält er einen Briefumschlag. Er schaut die Straße hinauf und hinunter, er sieht die Drogerie, den Elektroladen, das Blumengeschäft, und er weiß, an den Blumen muss er vorbei. Er wollte den Weg noch einmal gehen, unbedingt wollte er es. Also hat seine Frau ihm die Strecke beschrieben, immer wieder, und dieses Mal bleibt sie drin in seinem Kopf. Als er die Tulpen und Rosen hinter sich lässt, sieht er eine Telefonzelle, dahinter entdeckt er etwas Gelbes.

Er geht näher heran, es ist der Briefkasten.

Heiner Bartel steckt den Umschlag in den Schlitz. Die Klappe schließt sich. Einen Moment bleibt er stehen, dann geht er zurück.

Später wird Gerdi Bartel sagen, sie habe ihren Mann seit Wochen nicht mehr so glücklich erlebt wie in dem Moment, als er nach Hause kam und ihr sagte, er habe den Briefkasten wiedergefunden.

Erschienen in: „Die Zeit“ am 17. Juli 2008