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Auf Rosen gebettet

von Ulf Schubert

Man kann ins Kloster gehen, um sich zu finden. Oder in eine Kneipe, die es eigentlich nicht mehr geben kann. Eine Reise zum „Reichsadler” – nach Duisburg.

Die Bettwäsche ist alt und ein wenig verschlissen – aber die Rosen, sie leuchten! Das schmale Bett ist vom vielen Liegen klapprig. Auf dem Laptop läuft ein Dokumentarfilm aus den achtziger Jahren. Den Regisseur Klaus Wildenhahn muss der „Reichsadler”, diese Gaststätte in Duisburg-Rheinhausen, fasziniert haben. Die Ästhetik des Verschwindens. Anfang vom Untergang einer Lebenswelt. Die Arbeiter im Reichsadler verstanden damals nicht, warum der Regisseur sie so zeigt. An der Theke, beim Kegeln und Singen ihrer Lieder, beim Schweigen. Alltag. Traditionen. Selbstverständlichkeiten. Der Regisseur übernachtete im Reichsadler. Ich erkenne das Zimmer wieder: das offene Dachfenster über der Gaststätte. Im Morgengrauen zogen aus dem Stahlwerk weiße Rauchwolken in den Himmel. Die Wirtinnen liefen geschäftig durch den Raum. In weißen Arbeitskitteln und mit jüngeren Gesichtern. Die Wände waren weißer als heute.

Ort aus einer anderen Zeit. Der Gasthof hat das Stahlwerk überlebt. In guten Zeiten arbeiteten bei Krupp zwanzigtausend Menschen. Es bedeutete damals was, Kruppianer zu sein. Generationen von Familien arbeiteten im Werk. Das waren auch gute Zeiten für die Chefin im Reichsadler. Als vor zwanzig Jahren der Plan, die Schließung des Werkes, bekannt wurde, kam die Aufregung. Wut und Verzweiflung. Ein halbes Jahr lang kämpften die Arbeiter um ihr Werk. Das Stahlwerk steht heute nicht mehr. Im Reichsadler haben die alten Krupparbeiter aber immer noch ihre festen Plätze. Die Chefin ist eine adrette Frau, macht den Laden seit 1948, lässt sich nur noch selten blicken, sie kann sich aber auf die Frauen verlassen. Die arbeiten auch schon seit Ewigkeiten hier. Am Telefon war sich die Wirtin nicht sicher, ob ich das Zimmer wirklich haben wolle. Viele Gäste wären nicht mehr so zufrieden. „Die Ansprüche”. Kein Fernseher, kein Bad auf dem Zimmer.

Ich mag diese Gaststätte. In der Nacht liegt neben mir, hinter einer dünnen Wand, eine dünne Frau. Die Chefin sagt, sie sei eine gute Frau. Und das sagt die Frau auch über die Chefin. Die dünne Frau dreht sich um, ihr Bett knarrt. Meins auch. Sie hat aufgehört zu schnarchen. Sie könnte auch in ihrer Wohnung leben. Aber sie hat Angst alleine zu Hause. Seit zwei Jahren lebt sie hier. Die Chefin muss irgendwo unter mir liegen. Da ist ihre Wohnung. Mir ist heiß, die Heizung ist aus. Ich lege die Hand auf den Boden. Er ist sehr warm, die Chefin heizt. Das Dachfenster geht schwer auf. RATSCH. Das war laut. Die dünne Frau dreht sich wieder um. Es wird bald hell.

Irgendjemand hat vergessen, im Gemeinschaftsbadezimmer sein Geschäft hinunterzuspülen. Morgens kommt immer eine alte Frau und putzt, wechselt die verwaschenen Handtücher. Ich bin nicht pingelig, habe ihr aber gesagt, sie solle diesen braunen Fleck neben dem Bett mal wegwischen. Vielleicht bekommt sie ihn ja weg. Sie hat ein wenig daran herumgerieben und auf dem PVC-Boden wurde der braune Fleck heller. Ich wohne seit einer Woche hier. Kindheitserinnerungen, in einer vor sich hinsiechenden Gaststätte im Kochdunst. Erinnerungen an eine Kultur, an eine Zeit, in der ich groß geworden bin. Achtziger Jahre, immer noch geprägt von einer Kultur des Nachkriegsdeutschlands.

Das Leben hatte auch was Unbeschwertes. Überlebt. Papierschirme im Eisbecher. Auf zu, auf zu. Kaputt. Ich habe den Kulturbruch des Nachkriegsaufbaus nicht direkt erlebt, kenne nur die Erzählungen. Eltern, Großeltern. Es ist ja interessant, woran sich eine Kultur erinnert. Woran und wann. Bis in die achtziger Jahre waren die meisten Filme in Deutschland geschichtslos. Heute schwindet die Persilreine. Es ist eine interessante Zeit der Erinnerungskultur. Filme: Wunder von Bern, Die Flucht, Der Untergang. Themen, die erst fünfzig Jahre später in der Gesellschaft wieder auftauchen. Papierschirmchen im Eisbecher und Salzstangen überdeckten den Nazimuff. Persilwerbung. Rein machen, Deckchen und Blümchen auf den Tisch.

Am Morgen, gegen sieben, die Chefin sitzt neben den anderen Frauen. Sie trägt einen Bademantel und Lockenwickler in ihren Haaren. Eine Frau, mit kurzen, grauen Haaren schlurft durch den Gastraum. In einer Hand hält sie einen großen Taschenrechner, in der anderen eine Zigarette mit einem sehr langen Glimmstängel. Sie schlurft Richtung Tisch, da liegt ein Berg mit Abrechnungen. Jemand hat ihre Bild-Zeitung durcheinandergebracht. „Arschloch”, sagt sie und legt ihre Bild-Zeitung auf einen Stuhl neben sich. Ich war es – weiß aber nicht, ob sie es weiß. Der alte Holztisch wird geschrubbt. Ätzender Geruch steigt in die Nase. Vor mir steht eine blaue Kaffeekanne. Unter der Alufolie Käse und Schinken, ein Schälchen Marmelade. Wenn die Brötchen alle sind, bringt die Bedienung einen neuen Korb. Sie zwinkert mir zu. Ich soll satt werden. Im Saal nebenan haben Vertreter der Firma Vorwerk-Staubsauger gleich eine Versammlung. Diese Vertreter sind auch schon wieder Vertreter einer untergegangenen, vorherigen Zeit. Einer von ihnen ist zu früh, setzt sich an meinen Frühstückstisch, steckt sich eine Zigarette an, sagt, seine alte Firma habe dichtgemacht. Und nun mag er es nicht, mit Mitte fünfzig, Leuten Staubsauger zu verkaufen.

Die Köchin steht in der Küche, Fett qualmt durch den Raum. Mit der Arbeit in der Industrie wurden auch die Hawaiitoasts weniger. Im Reichsadler gibt es Hawaiitoast, Hühnerfrikassee, Erbsensuppe, Schnitzel mit Bratkartoffeln, Salat als Beilage mit Bohnen aus der Dose. Zum Nachtisch gibt es Paradiescreme oder Fruchtcocktail. Exotik der Nachkriegsgesellschaft. Ich habe als Kind auch noch Hawaiitoast gegessen, mochte diese warme, giftige Kombination aus gekochtem Schinken, Scheibenkäse, Toast und Ananas. Der Käse sackte in das Loch der Ananas, und dort steckte eine rote Cocktail-Kirsche. Ragout fin mit Blätterteig war auch mal sehr angesagt. Ragout fin wird nachträglich mit Worcestershiresauce gewürzt. Nicht mehr ganz so aktuell, aber trotzdem auch ein Hawaiitoast seiner Zeit: Sushi. „Wir bestellen gleich Sushi, möchtet ihr auch was?” Dann sitzen wir da, mit den Plastikboxen. Rainald Grebe hat ein Lied über Sushi und dreißigjährige Pärchen geschrieben: „Wir wollten nie wie unsre Eltern werden und sind es auch nicht geworden. Unsre Eltern sind ja älter und ziemlich provinziell. Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen – tun die doch auf den Müll.”

Am Wochenende servieren die Frauen im Reichsadler vor dem Hauptgericht immer eine Kraftbrühe. Die alten Frauen müssen ganz schön rennen. Gegen Mittag und am Abend sind viele Tische besetzt. Auf den Tischen stehen auf einer weißen Tischdecke Plastikblumen, neben dem Halter mit dem Salz- und Pfefferstreuer. Über dem alten Holzschrank der Theke breitet der schwarze Reichsadler aus Stein seine Flügel aus. Der Spielautomat brabbelt wie ein seniler alter Roboter. Gardinen, Stühle und Bilder sind irgendwann mal neu dazugekommen. Über hundert Jahre ist die Gaststätte alt. Die alte Säule in der Mitte des Raums wurde mit Gips aufgepeppt. Wie damals, in den jugoslawischen oder griechischen Restaurants. Exotik, Freddy Quinn und die Sehnsucht. Im Klubraum nebenan spielen ein paar Männer Skat. Zwei Männer lehnen an der Theke. Wenn sie das Gewicht verlagern – um die Zigarette zum Mund zu führen, knarren die Dielen auf dem Boden. Häufig kommt mittags die alte Dame. Sie hat ihren Platz neben dem Eingang. Die Bedienung bittet, ein Stück aufzurücken, weil ich auf dem Platz der alten Dame sitze. Sie ist 92 Jahre alt.

Auf dem alten Tisch im Gastraum steht mein Notebook und wirkt fremd. Wie eine Designstudie für die Zukunft. Ich lege den Dokumentarfilm ein und zeige der Wirtin die Vergangenheit: vor zwanzig Jahren, sie formte Hunderte Frikadellen. Die Chefin zapfte um sechs Uhr morgens die ersten zehn Biere. Immer nach der Nachtschicht kamen die Krupp-Arbeiter. Vor dem Eingang bildete sich eine Schlange, so voll war es. Wirtin: „Ach ja! Der Zigarettenautomat stand damals noch neben dem Eingang.” Hat sich nicht viel verändert. Als das Werk noch existierte, kamen allerdings mehr Arbeiter. Im Gastraum führt eine Treppe hinunter zur Kegelbahn. „Vollautomatisch”, steht auf einem Schild. Im Dokumentarfilm sitzen gut genährte Damen an einem langen Tisch in einem engen Raum der Kegelbahn. In der Zeitung stand, dass im Wirtschaftswunder-Wohlstand Übergewicht ein Massenphänomen war. „Dicke Bäuche, Doppelkinn und dralle Hintern. Überzuckerter Dosen-Pfirsich und die Faszination von fertigen Ravioli.” Die meisten älteren Menschen, die heute im Reichsadler sitzen, sind nicht dick. Im Film zeigt eine der Frauen den anderen einen bunten Fächer. „Aus Ibiza?” Nein. „Palma de Mallorca!”. Sie steht auf, nimmt sich eine Kugel und schleudert sie auf die Kegelbahn. Die Frau rotiert ein wenig, hält sich aber auf den Beinen.

Die Wirtinnen, die ich kenne, sind nicht alt. Sie nennen sich, glaube ich, auch nicht mehr Wirtin. Weiß nicht, wie sich Aushilfskellnerinnen heute nennen. „Ich arbeite in einer Bar”, höre ich manchmal. Die angesagten Gaststätten heißen heute Bars. Nicht mehr „Zum Reichsadler”, sondern ungefähr so: Minibar, 103 oder Hausbar – Obwohl ich Leute kenne, die haben eine Kneipe, eine Bar aufgemacht. Sie behielten den alten Namen der Säuferkneipe: „Fuchsbau”. Aber der Name ist ironisch gemeint und hat mit dem alten Fuchsbau nichts mehr zu tun. Heute legen DJs auf, und hinten sieht es aus wie in einer Lounge. Sie haben vor der Eröffnung alles entrümpelt.

Der Reichsadler ist wie ein Baum mit Jahresringen. Diese Kontinuität gibt es ab und zu – und dann werden diese Gaststätten zu Institutionen. Irgendwann wirkt der Laden nicht mehr nur altmodisch, sondern wieder cool. Nur leben hier in Rheinhausen nicht viele jüngere Menschen. Viele sind alt und für die ist das hier die Normalität. Die Namensgebung „Zum Reichsadler” ist nicht ideologisch. Zu Zeiten des Kaiserreiches, als die Gaststätte den Namen bekam, war „Reichsadler” eine übliche Namensgebung. Dass Namen etwas Historisches konotieren, ist den Inhabern vollkommen egal gewesen. Intellektuelle reden über Konzepte, die Leute hier nicht. Die Besitzerin vom Reichsadler ist dem Namen gegenüber unbefangen. Die Gaststätte hieß immer schon so. Konnte man an Preußen denken, ohne das, was danach passierte? Ohne Militarismus? Konnte man die Symbiose jüdisch und deutsch denken, ohne das, was passiert ist? Immer wieder kommt man auf die verdammten Nazis. Sie haben die Ideen des Heroismus missbraucht. Friedrich der Große sagte einmal: „Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden.” Preußen bedeutete neben Überlegenheitskomplex, auch Liberalismus, Sozialgesetzgebung – und auch Multikulturalismus. Es war nicht nur ein Zeitalter des Absolutismus. Die Stunde Null. Alles andere, was davor war, kulminierte für nachfolgende Generationen im Nationalsozialismus.

Die Gaststätte in Rheinhausen ist eine Geschichtsspur deutscher Vergangenheit. Wie die Preußen dachten auch die Kruppianer lange Zeit, sie seien die Überlegenen, ein Heer der Unbesiegbaren. Und heute: Eine Kultur bricht weg. Die stolze Arbeiterklasse und ihre Kultur, die hochbezahlten Facharbeiter, gut gesichert, teilhabend am rheinischen Kapitalismus. Auch an der Entwicklung von Krupp kann man sehen, wie die Zeiten sich geändert haben. Das Kruppsche Ende der Industriegesellschaft, mit den großen Heeren der Arbeiter in Deutschland. Das Ende der Industriearbeit und die postindustriellen Werksschließungen.

Im Reichsadler läuft Musik: „Lieg ich auch im Dreck, ich will bei dir sein. Der Nebel ist geheimnisvoll . . . tauchst manchmal aus dem Nebel auf, so, wie ein wilder Wasserlauf.” Im Reichsadler kocht die Köchin seit 40 Jahren gute bürgerliche Küche, um die sechs Euro. Immer noch halten Ortsvereine hier ihre Versammlungen ab. Die Kruppianer kommen, wenn es was zu feiern gibt. Zusammenhalt, Konformität. Daraus wachsen Traditionen. Die Kruppianer hatten klare Wertideen, ein gemeinsames Leben, Pflichten, soziale Kontrolle. Viele Menschen im Reichsadler leben in ihren Erinnerungen.

Die Vergangenheit ist wichtig. In Deutschland gab es lange Zeit einen Abwehrmechanismus gegen die Vergangenheit. In den fünfziger, sechziger Jahren: Waschbetonmentalität. Die Vergangenheit wurde weggeputzt. Waschbetonfußgängerzonen. Ständig wurden alte Dinge entsorgt. Sperrmüllzeiten, da waren tolle Sachen dabei. Warum wurde ständig entsorgt? In anderen Ländern, in denen die Menschen auch nicht weniger Geld hatten, wurde nicht ständig entsorgt. In Deutschland miefte das Alte. Die Leute wollten vergessen – das historisch Unliebsame, in Manifestation von Gardinen und Stehlampen. Eine Nation erfindet sich neu. Noch eine Säule mehr. Klassizistischer Stil. Schinkel. Pseudokontinuität. Wir seien nicht gut genug, heißt es.

Ich bin mit dem Essen fertig. Die Bedienung bringt den Fruchtcocktail. Ich schiebe ihn wieder einmal zur Seite und zünde mir eine Zigarette an, überlege, was mich hier, im Reichsadler, so lange hält. Fast eine Woche schon. Nach der Schließung des Stahlwerkes liegt der Reichsadler verloren in der Zeit. Insel der Vergangenheit. Erinnerungen an eine Kultur, die so kaum noch existiert. Im Reichsadler dürfen die Dinge alt werden. In England ist es eine Selbstverständlichkeit, zum Beispiel Fenster alt zu lassen. Sie werden nur neu gestrichen. Alte Fliesen zugelassen. Enge Städte, schiefe Balken, alte Badezimmer, Wasserhähne, an denen man sich die Hände verbrüht. Entweder ist das Wasser zu heiß oder zu kalt.

Im Saal hinter der Theke beginnt eine Blaskapelle zu spielen. In schrägen Tönen. Ein alter Kruppianer fragt, ob heute nicht Versammlung sei. „Mensch, heute ist doch Skatrunde!”, sagt die Bedienung. Vor ein paar Wochen hatten die Krupparbeiter im Reichsadler eine Veranstaltung. „Zwanzig Jahre Arbeitskampf”.

Ich bin seit einer Woche hier, und jetzt halte ich es nicht mehr aus. Ich will wieder in die Gegenwart.

Erschienen in: „Süddeutsche Zeitung“ am 26. / 27. Juli 2008