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Land ohne Gedächtnis

Von Stephan Lebert

Vor 18 Jahren ist die DDR verschwunden. Den Deutschen, in Ost wie in West, gelingt es bis heute nicht, sich daran zu erinnern, wie das Leben im SED-Staat wirklich war. Es wird gelogen, geschwiegen oder gestritten. Eine Recherche in einer gespaltenen Republik

Immer gibt es Ärger. Zum Beispiel im pommerschen Städtchen Pasewalk, wenn der gewissenhafte Herr Brose wieder mal ein Kapitel Stadtgeschichte dokumentieren möchte, mal geht es um die Historie von Firmen, mal um Architektur, mal um Pasewalk als Garnisonsstadt. Und oft, sagt Brose, laute die Reaktion der Stadtoffiziellen, ach nee, alles, was DDR-Geschichte betreffe, sei uninteressant und außerdem schädlich für das frische Image der Stadt. Aber so gehe das doch nicht, empört sich Hobbyforscher Brose, er könne doch diese 40 Jahre nicht einfach immer weglassen, »die DDR hat es doch gegeben«. Stattdessen finanziere die Stadt Arbeiten von chinesischen Künstlern, die kein Mensch verstehe. »Was, bitte, sollen Chinesen in Pasewalk?« Diese Tabuisierung der DDR-Jahrzehnte, das Nichts-mehr-davon-wissen-Wollen, sei sehr schädlich, »auch deshalb«, sagt Brose, »ist die Stimmung in Pasewalk sehr, sehr schlecht«.

Ärger gab es auch, als der Sozialforscher Klaus Schröder von der Freien Universität in Berlin beklagte, dass die heutigen Schüler in den neuen Bundesländern erschreckende Wissenslücken aufwiesen: Nur jeder Zweite wisse noch, dass die DDR eine Diktatur war. Schröder hatte in einer Untersuchung west- und ostdeutsche Schüler ausschließlich nach den verschiedenen Ausformungen des Unrechtsstaates gefragt. Wie bitte? Nichts als ein Unrechtsstaat? Ein Sturm der Entrüstung kam aus den neuen Bundesländern, zornige Briefe und Anrufe. Schröder druckte in seinem Buch Soziales Paradies oder Stasi-Staat einen der Briefe ab: Darin stand, Schröder habe nichts verstanden, die DDR sei »wertemäßig« der jetzigen bundesdeutschen Gesellschaft in allen Bereichen überlegen. Schröder titelte über dieses Schreiben: Post aus Ostdeutschland. Klingt denunzierend, und so war es sicher auch gemeint.

Oder Ingo Schulze. In seinem aktuellen Roman Adam und Evelyn blendet er zurück in den Sommer 1989, erzählt eine verwickelte Liebesgeschichte in der DDR. Hochgelobt wurde dieses Buch, vor allem die Leichtigkeit, mit der Schulze die vergangene Alltäglichkeit und die Würde seiner Figuren schildert. »Adam und Evelyn« steht auf der sogenannten Shortlist des diesjährigen Buchpreises, gehört zu den großen Erfolgen dieses Buchherbstes. Schulze sagt, er könne sich also wahrlich nicht beschweren über die Anerkennung, aber es habe eben auch Stimmen gegeben, die meinten, na, da habe der Schulze die DDR aber arg nett und schnuckelig dargestellt, Stimmen, die ihn ärgern. Schnuckelig? In dem Roman würde einer an der Grenze erschossen, Studier- und Berufsverbote würden ausdrücklich thematisiert. Nett? Er frage sich, wie man zu solch einer Einschätzung kommen könne. Und Ingo Schulze, geboren in Dresden ein Jahr nach dem Mauerbau, stellt als Antwort eine Frage: Finden viele Menschen eine normale DDR-Alltagsbeschreibung vielleicht deshalb schon warm und lieblich, weil sie ihre momentanen Lebensumstände, den wirtschaftlichen Druck beispielsweise, als zunehmend beklemmend empfinden?

Die DDR hatte mehr als 16 Millionen Einwohner und eine Größe von rund 108000 Quadratkilometern. Verschwunden ist das Land vor genau 18 Jahren. Übrig geblieben sind die Erinnerungen. Es ist wie eine Art Dunkelkammer, in der die unterschiedlichsten Menschen hineingehen, um mit ganz unterschiedlichen Bildern wieder herauszukommen. Menschen, die die DDR gut kannten, gehen da hinein, Menschen, die die DDR hassten, Menschen aus dem Osten, Menschen aus dem Westen, die nie in der DDR waren und trotzdem Bescheid wissen. Es ist ganz schön was los in dieser Dunkelkammer. Auch Politiker stürmen besonders gerne rein, um Bilder für ihr Tagesgeschäft passend zu machen. All diese Leute haben eine exakte Vorstellung, wie diese Bilder auszusehen haben, die sie nur aus ihrer Vorstellung entwickeln. Die Bilder sehen manchmal böse aus und manchmal nett, aber eines haben sie alle gemeinsam: Es gibt in der Regel höllische Aufregung, wenn sie andere anschauen. Es ist wie bei einem tief zerstrittenen Ehepaar: Deine Erinnerung ist falsch, meine ist richtig. Du siehst es so, aber ich habe recht.

Ingo Schulze ist ein sympathischer Mann. Seine Freundlichkeit lädt zum Unterschätzen ein. Es dauert in dem Gespräch auch ein bisschen, bis man erkennt, dass dahinter ein gewisser Zorn zu spüren ist. Das hat damit zu tun, dass er es allmählich leid ist, beim Thema DDR immer am Anfang sagen zu müssen, also, die DDR sei eine Diktatur gewesen, klar, und noch klarer sei, man möchte sie auf keinen Fall zurückhaben. Sagen tut er es aber dann doch noch mal, zur Sicherheit. Wir fahren in seinem Auto vom schönen Literarischen Colloquium am Wannsee in die Berliner Innenstadt. Schulze fährt seinen Škoda Kombi auf die Stadtautobahn und erzählt von vielen Dörfern in den neuen Bundesländern, längst verlassen von sämtlichen jungen Menschen, »regelrechte Potemkinsche Dörfer«. Er erzählt von der Art und Weise, wie seine Heimat Dresden renoviert wurde, die Frauenkirche, die Innenstadt, und er neulich bei einem Spaziergang feststellen musste, wie fremd er sich fühlte und wie ihn plötzlich eines dieser an sich schrecklichen Wandgemälde auf einer Hausfassade berührte. Vietnamesische Arbeiter sind darauf zu sehen, echter DDR-Kitsch, »aber ich habe mich erinnern können, es war fast das Einzige, was noch da ist aus meiner Kindheit«. Grauenhaft finde er das, dieses städteplanerische Auslöschen der Geschichte, »am liebsten direkt von der Kaiserzeit zu den heutigen Fassaden, die nur noch Disneyland sind. Und Kommerz total«.

Schulze möchte nicht jammern, er möchte so gerne eine ganz andere Debatte führen, fast 20 Jahre nach der Einheit, und zwar eine über die verschiedenen Abhängigkeiten in den jeweiligen Systemen. Diktatur, Eingesperrtsein, Stasi – auf der DDR-Seite, er wisse selbst noch sehr genau, wie tief die Angst saß, als ihn Anfang der achtziger Jahre plötzlich Stasi-Leute kontaktierten und er viel Glück hatte, als er sie wieder loswurde. Aber dennoch werde man doch mal sagen dürfen, dass es eben in der DDR eine andere Abhängigkeit nicht gegeben habe, die Abhängigkeit vom Geld, »es gab eh nicht viel zu kaufen, es gab keine sensationellen Unterschiede bei den Löhnen. Niemand hat etwas des Geldes wegen getan. So war das.«

Ingo Schulze erhielt im vergangenen Jahr den Thüringer Literaturpreis in Höhe von 6000 Euro, gestiftet von dem Energieriesen E.on. In seiner Dankesrede berichtete er von Goethes ewigem Kampf, künstlerisch unabhängig zu sein, und von seinem grundsätzlichen Problem, dass ein öffentlicher Preis von einem Konzern finanziert werde. Natürlich wisse er, dass E.on jetzt keine Erzählung von ihm verlange, in der E.on einen Erfrierenden rette. Aber ein Unbehagen bleibe, und deshalb schlug er vor, dies in Zukunft zu trennen, Thüringen soll einen eigenen Preis haben und E.on eben auch. Für den Landespreis werde er sein Preisgeld stiften. Die Abhängigkeit von Kunst und Kommerz – man wird es doch mal sagen dürfen. Auch wenn sich die Reaktionen, vor allem der Künstlerkollegen, sehr in Grenzen hielten.

Schulze ist verheiratet, seine Frau ist Wessi. Sei nie ein Problem gewesen, sagt er, man müsse viel reden. Na ja, neulich habe sich seine Frau kaputtgelacht über das Wort Kombinat, sie habe gar nicht mehr aufgehört zu lachen. »Irgendwann hab ich dann gesagt, ich versteh gar nicht, was daran so lustig ist.« Sagt Schulze und parkt ein auf dem Gendarmenmarkt. Beinahe wäre es zu einem hübschen Zusammenstoß gekommen. Der Schriftsteller Sven Regener (Herr Lehmann) war auch gerade mit seinem Kombi unterwegs, beide Autos waren sich für einen Moment bedrohlich nahe gekommen. Hätte man irgendwie gerne zugeschaut, wie sich diese beiden Schriftsteller mit den Folgen eines Blechschadens arrangiert hätten.

Wenig wissen die Schüler von heute über die DDR von damals

Fast in Blickweite des Gendarmenmarktes befand sich übrigens der einstige Renommierbau der DDR, der Palast der Republik. Inzwischen abgerissen, sind nur ein paar riesige Säulen übrig, die aus einer leeren Baugrube in die Luft ragen. Asbestverseucht war der Palast, und nach ewigem Ringen ist nun beschlossen worden, mit Museum und Schloss in eine Vergangenheit zu gehen, die viel weiter zurückliegt als die paar DDR-Jahrzehnte. Schulze würde sagen: Wieder ein Disney-Projekt.

Die Aufarbeitung einer Diktatur. Wie fatal es ist, wenn man sich nicht erinnert, wenn man verdrängt, wenn Menschen daran kaputtgehen: Ein berühmtes Buch hat dies alles ausführlich beschrieben und problematisiert. Es gibt eine Passage, die ausgezeichnet die Seelenlage vieler Menschen in den neuen Bundesländer trifft. Echte Trauer, heißt es in dem Buch, sei immer etwas Positives, Kräftiges, es werde zwar ein Verlust empfunden, aber das Selbstwertgefühl werde nicht vernichtet. Melancholie sei hingegen die krankhafte Steigerung der Trauer, und das Buch zitiert Sigmund Freud: »Den Melancholikern widerfährt eine außerordentliche Herabsetzung seines Ich-Gefühls, eine großartige Ich-Verarmung.« Eine der Folgen sei eine Trägheit gegenüber demokratischen Institutionen, eine gefährliche Passivität gegenüber freiheitlichen Idealen. Das Buch heißt Die Unfähigkeit zu trauern von Alexander und Margarete Mitscherlich, erschienen im Jahr 1967. Auf dem Buchrücken stand der Satz: »Von der Verleugnung des Unbequemen«. 22 Jahre nach Ende des Nazihorrors erstmals veröffentlicht, ein Klassiker der Psychologie, mit erstaunlichen Wahrheiten für das deutsche Lebensgefühl im Jahr 2008, fast 20 Jahre nach der deutschen Einheit. In einem Vorwort für eine spätere Ausgabe in den siebziger Jahren weist Alexander Mitscherlich auf eine Untersuchung unter Schülern hin, die erschreckendes Nichtwissen über die Gräueltaten der Nazis offenbarte.

Besuch im Städtchen Pasewalk, wenn man so will: einem wahrhaft melancholischen Ort. 12000 Einwohner, es waren schon mal 16000, Arbeitslosigkeit 18,5 Prozent. Es läuft nicht gut hier, man kann es nicht anders ausdrücken. Der Bürgermeister, ein zugezogener Schwabe, steckt tief in einem Bauskandal, die jungen Leute sind schon längst weggezogen. Die Hauptstraße wird geprägt von Angeboten, billig beerdigt zu werden, und von Sozialdiensten, die »Pflege zu Hause« preisen. Viele Soldaten der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR leben in der Gegend, viele von ihnen völlig verbittert, weil sie bei der Bundeswehr nicht gebraucht wurden. Beinahe egal, mit wem man auf den Straßen redet, bei allen scheint die Erinnerung von einem Gefühl überlagert zu sein: Es ist nicht gerecht, wie man nach der Wende mit uns umgegangen ist, bis heute umgeht. Und es ist auch nicht gerecht, dass jetzt die Polen kommen aus dem boomenden Stettin und Häuser kaufen und verlassene Schlösser und Geschäfte eröffnen.

Irgendwann sitzt man bei der Redakteurin der Regionalzeitung Nordkurier, und sie, die Journalistin, sagt, sie könne die Medien nicht leiden, die immer nur negativ berichten aus Pasewalk und Region. Der Nordkurier versuche sich dagegenzustemmen, mit einer Jugend-Seite und einer Serie über örtliche Babys. Doch dann liefert sie selbst die schlechten Nachrichten. Die Rechtsradikalen seien ein großes Problem, auch ihr Auto sei schon demoliert worden, wegen eines ihrer Berichte in der Zeitung. Und ihr Sohn, Kellner von Beruf, ist nach Irland ausgewandert, wegen der Bezahlung. »Ich habe ihm zugeraten, der musste weg. Was soll er hier?«

Es ist wichtig, jetzt wegzublenden aus der Depression. In die Gegend um die sächsische Stadt Zittau mit den umliegenden Dörfern, im Zittauer Gebirge gelegen. Ein enormer Kontrast: überall frisch renoviert wirkende Häuser, Cafés und Restaurants. Ein Urlaubsgebiet, das boomt. Wer sich kurz mit dem Wagen verfährt, findet sich auf einmal in Tschechien wieder oder in Polen. Seit dem Wegfall der Grenzkontrollen erkennt man den Länderwechsel nur noch an dem Piepen des Handys, das einen im neuen Netz begrüßt. Hier scheint es zu funktionieren, dieses Dreiländereck entwickelt eine sehr eigene Ausstrahlung, die nichts mehr zu tun hat mit der Unterscheidung alte oder neue Bundesländer. Da entsteht was Neues, ein Stück lässiges Europa, vielleicht besser: Osteuropa. In den sächsischen Lokalen gibt es böhmisches Gulasch, und bei den Hartz-IV-Stammtischen kommt es gar nicht selten zu Lobliedern auf den deutschen Sozialstaat. Weil die Arbeitslosen hier mehr Geld in der Tasche haben als die tschechischen Arbeiter zwei Orte weiter, trotz einer Siebentagewoche.

Mittendrin, im Dörfchen Oybin, wohnt Heinz Eggert. Bis zur Wende war er hier evangelischer Pfarrer, nach 1989 ging er in die Politik, wurde sächsischer Innenminister und stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Er wurde mit seinem kahl geschorenen, markanten Kopf eine Art Fernsehstar, moderierte zusammen mit Erich Böhme eine eigene Talkshow. Die Medien feierten ihn als politisches Ausnahmetalent. Eine Blitzkarriere, die aber auch ziemlich schnell wieder endete. Ein von Eggert entlassener Sicherheitsmann sagte aus, Eggert habe ihn sexuell belästigt. Der Verdacht war in der Welt, und wieder stürzten sich die Medien auf ihn, diesmal auf den sündigen Star. Eggert leugnete alles, und die Staatsanwaltschaft begann erst gar nicht richtig mit den Ermittlungen, so fadenscheinig waren die Vorwürfe. Doch Eggert trat zurück, 1995 war das, als Minister und als CDU-Bundesvorsitzender, weil er dachte, so ein Gerücht werde man nicht mehr los.

Nach seinem Sturz kam ein Anruf von Helmut Kohl, und kurz darauf trafen sie sich. Der Kanzler fragte, ob er helfen könne. Ob ihn vielleicht ein Botschafterposten interessiere? Eggert freute sich und lehnte ab, nein, Diplomat sei nichts für ihn. Er blieb im Landtag als Abgeordneter. Er sagt, ohne seine Frau und die vier Kinder hätte er die Affäre wohl nicht durchgestanden.

Die DDR ist kein Thema, es geht am Ende nur um Persönliches

Rund 8000 Seiten umfasst seine Stasi-Akte. Manchmal waren bis zu 40 Spitzel gleichzeitig mit dem aufmüpfigen Pfarrer Eggert befasst. Er sitzt in einer kleinen Stube seines Hauses und zeigt aus dem Fenster. Da hinten habe ein Nachbar gewohnt, von Beruf Wachmann an der Grenzstation, mit dem sei er ein wenig befreundet gewesen und der habe ihn all die Jahre bespitzelt. Aber auf anständige Art, sagt Eggert, »er hat immer weniger geschrieben, als er wusste. Trotzdem hat sich der Mann geschämt, er ist mir aus dem Weg gegangen.« Doch dann hat er ihn eines Tages auf der Straße getroffen, »man hat sofort gesehen, wie krank er war. Er wollte sich entschuldigen. Ich sagte ihm, brauchst du nicht, deine Berichte waren in Ordnung.« Eine Woche später war der Mann tot.

Eggert hat alle 8000 Seiten gelesen. Deshalb weiß er, wie viele andere Spitzel nicht anständig waren. Wie schwer sie ihn verraten und belastet haben, teilweise auch mit bösartigen Unsinn. Er hat mit keinem von ihnen später geredet, »was soll das.« Ob er durch das Studium der Akten den Glauben an die Menschen verloren habe? Nein, sagt er, »ich bin doch Theologe. Und Theologen wissen, wie die Menschen sind.«

Heinz Eggert ist es also gelungen, zu unterscheiden, wer die wirklichen Täter waren. Er differenziert. Er hat es geschafft, obwohl ihm übel mitgespielt wurde damals, er landete vorübergehend sogar mal in der Psychiatrie. Ein genauer, ein differenzierter Blick, erstaunlich, dass dies in Deutschland so gar nicht geklappt hat. Wer waren die Täter? Was ist aus denen geworden? Und wer waren die Anständigen, trotz alledem? Und wer die Feigen? Wer die Tapferen? Und die Gleichmütigen? Welche Biografie, von wenigen, muss man verurteilen? Und welche muss man, auch in Anbetracht der Umstände, anerkennen?

Gut sieht Eggert aus, vielleicht ein paar Kilo schwerer. In der schwarzen Lederjacke hat er sich gerne früher fotografieren lassen, sie hängt immer noch griffbereit in der Garderobe. Eggert verachtet jede Art von DDR-Nostalgie. Man hätte, sagt er, etwa drei Quadratkilometer DDR irgendwo einzäunen sollen, als eine Art Freizeitpark. So hätte man jederzeit nachschauen können, wie es wirklich war. Zum Beispiel den Zustand der Altenheime besichtigen, »die waren doch eine Katastrophe. Wenn ich böse aufgelegt bin, denke ich, ich würde es den Tätern von damals wünschen, in einem solchen Heim ihr Alter zu verbringen.«

Wenn man immer wieder mal in diesen DDR-Park fahren könnte, würde sich auch das Gerede von den angeblichen Wendeverlierern stark relativieren. Jeder sähe, was alles gewonnen worden ist an Lebenskultur, an Freiheit. Klar gab es in der DDR eine große Sicherheit für Arbeiter, aber oftmals, sagt Eggert, habe der Alltag doch so ausgesehen: Es gab nichts zu tun oder nur stundenweise Arbeit, trotzdem blieben alle beschäftigt, »hätte man sich eigentlich denken können, dass dies nicht funktioniert«.

Er habe noch 1989 geglaubt, man müsse die DDR nicht abschaffen, man könne sie reformieren. Aber dann habe er schnell begriffen, nein, das ganze System habe weggemusst, »sonst wären die alten Kader zurückgekehrt, irgendwann. Es ist viel schiefgelaufen im Einheitsprozess, vor allem das Zusammentreffen westlicher Arroganz auf östliche Unsicherheit. Aber es gab keine Alternative. Die alten Täter mussten weg.« Eggert wird nächstes Jahr nicht mehr für den sächsischen Landtag kandidieren, nach fast 20 Jahren ist Schluss mit der Politik, »heute ist das auch mehr ein Verwaltungsjob, das kann ich nicht so gut«. Er habe gelegentlich Schwierigkeiten mit vielen der jungen Politiker, »die immer das gut finden, was die Mehrheit gut findet. Ich weiß nicht, ob Demokratie mal so gedacht war.« Rentner Eggert? Vielleicht kauft er sich noch mal eine neue Harley Davidson, die alte hatte nach einem Unfall Totalschaden. Er will öfter mit dem Hund raus, Vorträge an der Universität halten und weiterarbeiten als Seelsorger im Sterbehospiz.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hat in seinem Buch Deutsche Gesellschaftsgeschichte, BRD und DDR 1949 bis 1990 in einem verächtlichen Fazit die DDR zur »totalen Sackgasse« erklärt und prophezeit, von diesem Land werde in der deutschen Geschichte nichts als eine Fußnote übrig bleiben. Im Grunde, sagt Eggert, sehe er das auch so. Mit seinen Jahrgängen, er ist 1946 geboren, werden eines Tages die Letzten gestorben sein, die noch wirklich von der DDR geprägt wurden. In seinen Gesprächen mit den Sterbenden im Hospiz, also mit den meistens ganz Alten, falle ihm auch schon auf: Die DDR ist kein Thema. Es gehe am Ende immer nur um persönliche Dinge, um Schuld und um die Frage, wem sie noch verzeihen möchten. Es ist merkwürdig, sagt Eggert, nie gehe es darum, jemanden noch anzuklagen. »Mit uns stirbt dieses Land dann endgültig. Meine Kinder sagen jetzt schon immer, ach, Mann, komm uns jetzt nicht wieder mit deiner DDR.«

Fischer trägt die DDR im Körper, nach Jahren im Uranabbau

150 Kilometer weiter, sächsisches Erzgebirge. Nahaufnahme des Gesichtes von Michael Fischer, ein eindrucksvolles Gesicht, mit harten, fast brutalen Zügen, darunter eine einnehmende Verletzlichkeit. Michael Fischer, geboren 1951, war Bergarbeiter der Firma Wismut, fuhr jahrelang unter Tage, um Uran abzubauen, im Akkord, unter hohem Leistungsdruck, weil die Sowjetunion das Uran brauchte für den Bau ihrer Atombomben. Leute wie Fischer wurden exzellent bezahlt, waren echte Helden der Arbeit in der DDR. Die Münchner Filmemacherin Annekathrin Wetzel hat den großartigen Film Leben auf Abruf über dieses Gesicht gemacht, über Michael Fischers Kampf, seine Würde zu behalten. Wenn man so will, trägt Fischer die DDR in seinem Körper: Man hatte ihnen allen nicht erzählt, wie gefährlich ihre Arbeit war, da sie dauernd enormer radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. Fast alle Kumpel von Fischer sind entweder längst elend an Krebs gestorben oder schwer erkrankt. Auch Fischer ist kaputt. Sein Arzt hat ihm den Rat gegeben, »die nächsten fünf Jahre noch intensiv zu leben«.

Es gibt eine Szene in diesem Film, da sitzt Fischer mit paar Freunden von damals zusammen, alle kaum über 50 Jahre alt, alle schwer gezeichnet von Krankheit, von Chemotherapie, von Kurzatmigkeit. Wenn sie könnten, würden sie ihr Leben noch mal so leben, noch mal Bergarbeiter, noch mal nach Uran graben? Einer nach dem anderen sagt Ja, klar, welch wunderbare Zeiten, die Kameradschaft, das Leben da unten, der Sinn, der Zusammenhalt. Einige haben Tränen in den Augen, als sie das sagen. Dieser Moment hat nichts mit DDR zu tun, nichts mit Kommunismus. Aber viel damit, dass alles anscheinend leichter ist als das Geständnis, das eigene Leben sei falsch, sei ein Irrtum gewesen. Was würde auch danach kommen, nach dieser Einsicht?

Das Leben in der DDR. Im Grunde wäre es so einfach, die Trennlinie zu ziehen. Da die Diktatur, da der Alltag, das Leben der Menschen abseits von Politik, das Leben der anderen. 18 Jahre nach dem Verschwinden des anderen Deutschlands müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, sich diese Wirklichkeit anzuschauen – zumindest in den Räumen der Fotoagentur Ostkreuz ist es das. Gegründet von einer Gruppe ostdeutscher Fotografen unmittelbar nach der Wende. Was vor einigen Jahren eher eine rührige Sache von Archivarbeit war, ist zu einem großen Geschäft geworden. Fotos, die vom gewöhnlichen Leben in der DDR berichten, kosten oft schon mehrere Tausend Euro. Ältere Fotografen wie Sibylle Bergemann, Harald Hauswald oder Ute Mahler, die auch für dieses Dossier fotografierte, sind plötzlich Stars. Ihre Aufnahmen werden beispielsweise nächstes Jahr in einer großen Ausstellung in Los Angeles gezeigt. Die sehr eigene Ästhetik dieser Fotos hat mit dem eher ruhigen, poetischen Blick der Fotografen zu tun, denen es ganz sicher nicht um Aufdecken von Missständen ging, ja auch nicht gehen konnte in dieser Diktatur.

Aber hinzu kommt, dass viele Abbildungen eine sehr eigene, sehr echt wirkende Lebensfreude ausstrahlen. Als hätten diese Menschen auf den Bildern beschlossen, abseits der Politik ihr Leben erst recht zu genießen in den verschiedenen Nischen. Die Agenturleiterin Betty Fink sagt, das Leben in der DDR sei mancherorts eben sinnlicher gewesen, als es heutzutage ist. Vielleicht weil die Leute mehr Zeit hatten, »mehr bei sich waren. Wer weiß?« Sinnlicheres Leben in der DDR? Wie bitte, jaja, und was ist mit Bautzen und den Mauertoten? Man kann sie fast hören, die Protestschreie in dieser öden, festgezurrten Debatte, die immer und immer wieder die gleichen Positionen wiederholen.

Noch ein Ortswechsel. Berlin-Mitte, eine Vorstellung der neuen Auflage des Buches Top Spione im Westen, ein Saal, in dem kein Platz mehr frei ist, hundert Leuten, eher ältere Jahrgänge. Auf dem Podium sitzen zwei hochrangige Offiziere des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit und Werner Großmann, der letzte Nachfolger von Markus Wolf als Chef der Auslandsspionage. Im Publikum sitzen vor allem »Kundschafter des Friedens«, wie sie ausdrücklich begrüßt werden, also Leute, die für die Stasi im Ausland spionierten und dafür zum Teil hohe Haftstrafen bekamen, aber inzwischen wieder in Freiheit sind. »Helden« seien sie, sagen die Stasi-Offiziere, sagt Stasi-Chef Großmann. Und alle klatschen, immer wieder, beklatschen sich selber.

Es sei einfach unglaublich, wer nicht begreifen könne, dass die Spione und die IMs der DDR nur für den Frieden in der Welt tätig gewesen seien, so sagen sie es wirklich, die Stasi-Männer. Kein Geheimdienst der Welt sei so edel gewesen. Wieder Beifall. Eine wahrlich geschlossene Gesellschaft. Nur einmal meldet sich eine mutige Frau, die darauf hinweist, dass die Stasi doch auch üble Sachen gemacht habe. Also, antwortet einer der Stasi-Offiziere, natürlich kämen überall schwarze Schafe vor, und gegen die müsse natürlich auch vorgegangen werden, aber in der Regel könne man sagen, Prüfungen der Einzelfälle würden immer bestätigen, dass keinerlei Unrecht geschehen sei. Beifall. Dann steht ein Mann im Publikum auf und sagt, er möchte darum bitten, nicht den Ausdruck »ehemalige DDR« zu verwenden. Er sehe es nämlich so: Österreich sei doch auch 1939 von Hitler einverleibt worden und wurde später wieder eigenständig. Ob das nicht eines Tages mit der DDR auch passiere? Man sehe doch, wie gerade der Kapitalismus zusammenkrache. Und die Russen, werden die nicht langsam auch wieder stark? Wer weiß, ob sie die DDR nicht eines Tages befreien?

Also, wenn diese Leute in die Dunkelkammer gehen und mit ihren Bilder von der DDR rauskommen – diese Bilder möchte man wirklich nicht sehen.

Einer, der immer versucht hat, differenziert, jenseits der extremen Bilder, über die DDR und deren Bewohner zu sprechen, ist Wolfgang Thierse, Vorsitzender der Ost-SPD und heute stellvertretender Bundestagspräsident. Er sitzt in seinem Büro und berichtet von Missverständnissen und Niederlagen bei seinen Bemühungen, vernünftige und abgewogene Worte zu finden. Einmal, sagt er, habe er davon gesprochen, dass die Ostdeutschen einen tieferen Gerechtigkeitssinn hätten. Mein Gott, sagt Thierse, »da war was los, als hätte ich damit gemeint, die Ossis sind die besseren Menschen. Ich meinte, durch ihre Geschichte sei ebendieses Empfinden ausgeprägter.« Er erzählt von seinem Wahlkampf gegen den PDS-Kandidaten und Schriftsteller Stefan Heym 1994 im Wahlkreis Prenzlauer Berg. Heym habe fortwährend behauptet, der Prenzlauer Berg werde eines der Armenhäuser Europas, dafür sorge der Kapitalismus. Heym gewann die Wahl, und der Prenzlauer Berg wurde zur totalen Boomgegend. Ja, so ist das.

Hinter Thierse an der Wand hängt ein gemaltes Porträt von Willy Brandt. Das sei die goldene Zeit der SPD gewesen, die siebziger Jahre, mit Brandt. Gerade in letzter Zeit sei eine große Sehnsucht nach dieser Zeit zu spüren, sozusagen nach der heilen Welt der vollen Sozialkassen. Und im Osten gebe es sowieso ein Bedürfnis nach der Rückkehr zur totalen Sicherung. Von dieser Sehnsucht profitiere die Partei Die Linke. Eine fatale Sehnsucht, meint Thierse. Als hätte bloße Rückkehr schon irgendwann mal funktioniert. Aber aus diesem Grund sei auch eine ernste Beschäftigung mit dem Erbe der DDR kaum möglich, alle Seiten schleuderten sich nur noch Schlagworte entgegen, sagt er und schüttelt den Kopf, fast ein wenig aufgebracht.

Immer gibt es Ärger, überall. Und dann sind da noch die Schüler aus dem Osten, nicht einmal die wissen mehr, wie böse die DDR war. Um wenigstens diese Diskussion ein wenig zu beruhigen, treffen wir Kathrin Wiencek, von Beruf Lehrerin für Mathematik, Physik sowie Politik und Geschichte und nebenbei noch Vorsitzende des Brandenburger Philologenverbandes. Sie ist geborene Potsdamerin, hat zwei erwachsene Söhne, von denen einer gerade Lehrer wird. Sie ist eine große und starke Frau, trägt ein buntes Kleid, bestellt sich in einem Potsdamer Café gleich neben ihrer Schule einen Milchkaffee und erzählt sehr lustig, wie sie nach der Wende in Neukölln gearbeitet hat. Viele Ausländerkinder gab es, und sie hielt an der DDR-Tradition des Hausbesuches fest: Wenn der Schüler schwierig ist, geht man nach Hause zu den Eltern. So sei es gewesen, sagt sie, »und das finde ich heute noch gut«. Also klingelte sie einmal an der Wohnungstür eines aufmüpfigen Jungen. Der Vater öffnete, ein Vorbeter der örtlichen Moschee, wie sie später erfuhr. Er hatte nur zwei Fragen. Haben Sie Kinder? Ja, zwei. Junge oder Mädchen? Zwei Jungen. Das gefiel ihm anscheinend. Er holte seinen Sohn und stauchte ihn zusammen. Von da an war der immer brav. Frau Wiencek mag diese Geschichte. Frau Wiencek neigt zum Pragmatismus.

Deutsche sind genauso faul wie Russen, man muss sie nur lassen

Wie sie nun die geschichtslosen Ostschüler beurteilt? Verlogen sei die Aufregung, unglaublich verlogen. Zum Beispiel in Brandenburg habe man massiv die Unterrichtsstunden für Politik und Geschichte reduziert, auf oftmals nur eine Stunde pro Woche – und dafür Religion und Ethik erweitert. Dazu habe man immer weiter Lehrer eingespart. Und jetzt wissen die Schüler nichts, und alle empören sich, »das ist wirklich manchmal schwer zu ertragen«.

Frau Wiencek verfügt übrigens auch über einen eher praktischen Gedanken in der großen Theoriediskussion, was nun am Ende besser sei, der Kapitalismus oder nicht doch der Sozialismus: »Ich sage immer, wenn zwei durch den Atlantik schwimmen, und der eine ersäuft, dann ist das noch keine Garantie, dass der andere durchkommt.«

Die Ossis, die Wessis. Die Kapitalisten, die Sozialisten. Keinen Schritt weitergekommen in den Diskussionen, auch nach 18 Jahren noch alles beim Alten. Schubladendenken überall. Vielleicht ist es ratsam, noch einen Außenstehenden zu Wort kommen zu lassen. Es war im Literarischen Colloquium am Wannsee, kurz bevor wir zu Ingo Schulze ins Auto stiegen. Er hatte mit dem russischen Schriftsteller Andrej Bitow darüber diskutiert, wie die Deutschen und die Russen sich heute sehen. Bitow reagierte in der Debatte gereizt, er hasse Klischees, sagte er. Und dann fügte er hinzu: Er glaube außerdem ganz fest daran, dass die Deutschen im Prinzip genauso faul sein könnten wie die Russen und auch fast so gut saufen könnten. Man müsse sie nur lassen.

Erschienen in: „Die Zeit“ vom 1. Oktober 2008