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Der Tod in der Tüte

Exit Bags und die Geschäfte der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben. Nach den Motiven der Lebensmüden wird nicht gefragt

Von Philip Eppelsheim

FRANKFURT. Drei Stunden saß die Mutter neben ihrer Tochter und wartete auf den Tod. Sie hielt die Hand der Tochter. Sie blickte auf die durchsichtige Plastiktüte. Die Tochter hatte darum gebeten, dass die Mutter ihr beim Sterben helfe. Sie hatte gesagt, dass sie froh sei, in ihrer Gegenwart sterben zu dürfen. Dann hatte die Tochter Beruhigungstabletten genommen und sich die Plastiktüte mit dem mit Frottee verkleideten Gummiband über den Kopf gezogen.

"Es gibt eindeutig humanere Methoden zur Selbsterlösung, die durchaus im Bereich der Vorstellung liegen", ist in "Die Kunst und Wissenschaft des Suizids - Kapitel eins. Selbsterlösung und Kunststoffhüllen: Einführung der maßgeschneiderten Exit Bag" zu lesen. Aber in manchen Ländern sei man - "leider" - auf die Kunststoffhülle angewiesen. Dann preisen die Hersteller des "Exit Bags" dessen handwerkliche Qualität: "Die Herstellung einer maßgeschneiderten Kunststoffhülle dauert gegenwärtig 45 Minuten. Jede Tüte wird sorgfältig von Hand angefertigt, wobei nur hochwertiges Material verwendet wird." So klingt das Geschäft mit dem Tod.

Die Tochter saß neben der Mutter und wartete auf den Tod. Sie hatte schon seit Jahren immer wieder auf den Tod gewartet. Seit der Jugend, als die Depressionen kamen. Jetzt, mit 44, wollte sie nicht mehr warten.

Sie hatte sich bei der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben angemeldet. Die Mitgliedserklärung gibt es im Internet. Jahresbeitrag 42 Euro, Lebensmitgliedschaft 770 Euro. 35 000 Mitglieder gibt die Gesellschaft an und dass sie die Bedingungen für Sterbende verbessern sowie die Öffentlichkeit für humanes Sterben sensibilisieren will: "Die DGHS unterstützt nicht die Suizidabsicht gesunder Menschen. (Kranke) Personen, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden, werden satzungsgemäß nicht in die DGHS aufgenommen, sondern an andere Hilfsorganisationen weiter verwiesen." Voraussetzung für "Suizid und Beihilfe zur Selbsttötung" sei eine schwere Behinderung oder Krankheit, die nicht psychisch bedingt ist, die "schweres persönliches Leiden des betroffenen Patienten mit sich bringt und/oder mit Entwicklungen verbunden ist, die es im späteren Verlauf dem Patienten nicht mehr ermöglichen, sich von eigener Hand zu töten". In solchen Fällen könne der Suizid oder die Beihilfe als "Ultima Ratio" sogar "geboten" sein.

Die Autorin und Kriminologin Christine Swientek sagt: "Das ist Auslese. Das hatten wir schon einmal." Wenn man schreibe, wann sich jemand töten dürfe, dann sei das auch eine Aufforderung: "Du erfüllst die Kriterien, du kannst gehen." Es sei unmoralisch, unethisch und verwerflich, Menschen einzureden, dass sie gehen könnten. "Es legt den Menschen nahe: ,Du bist nicht mehr viel wert: Willst du den Exit Bag?'" Dahinter stecke die Frage, wer es wert sei zu leben.

Welche Schicksale sich hinter den Anträgen verbergen, prüft die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben nicht. "Wie soll man das machen? Das geht nicht", sagt DGHS-Sprecherin Susanne Dehmel. Anfang der neunziger Jahre geriet die Gesellschaft in die Schlagzeilen. Ihr Gründer Henning Atrott hatte sich dafür bezahlen lassen, dass er Suizidwilligen Zyankali verschaffte. Am 15. Juli 1991 tötete sich ein "psychiatrisch auffälliges DGHS-Mitglied". Polizisten fanden Aufzeichnungen zufolge über "130 Termine von 1988 bis 1992". Die Gesellschaft trennte sich von Atrott. Die Deutsche Hospiz Stiftung warf der Gesellschaft schon vor acht Jahren vor, dass sie Selbstbestimmung per Plastikbeutel propagiere, "wohl wissend, dass Menschen dabei qualvolle Stunden durchleben und nicht wenige wieder aufwachen - mit bleibenden Schäden".

Immer wieder tauchte die Gesellschaft in Zusammenhang mit Gerichtsprozessen auf: 1995 zog sich eine Frau eine Tüte über den Kopf. Ihrem Freund hatte sie einen Brief geschrieben. "Ich bin nicht geisteskrank. Ich habe es mir lange überlegt. Aber ich kann nicht mehr." Die 47 Jahre alte Frau hatte auch eine Patientenverfügung hinterlassen: einen Vordruck der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben. "Lebenserhaltende Maßnahmen" wurden darin untersagt. Der Gesellschaft wurde bei Zuwiderhandlungen zugebilligt, Anzeige zu erstatten. Die Frau bat ihren Freund, dass er sie in Ruhe sterben lassen möge. "Lass mir genug Zeit." Ihr Freund wartete zwei Stunden.

1999 kam ein Mitarbeiter der Gesellschaft für humanes Sterben in ein Wiener Pflegeheim. Er gab sich als Neffe einer Dreiundneunzigjährigen aus. Er nahm sie mit, verabreichte ihr Beruhigungsmittel. Dann zog er ihr eine Plastiktüte über den Kopf.

Nach einem Jahr wies die Gesellschaft für humanes Sterben ihre Mitglieder darauf hin, dass sie eine Zeitschrift bestellen könnten, "in der Mittel und Wege aufgezeigt werden, wie ein Freitod aus humanitären Gründen abzusichern ist". Für Swientek problematisch. "Eine Anleitung zur Tötung, mir fehlen die Worte. Das ist krankhaft, geltungssüchtig." Die Tochter hatte der Mutter gesagt: "Ich will dieses Leben nicht leben." Die Mutter hatte versucht, ihr Lebensmut zu geben. Als sie merkte, dass es nicht gelang, hatte sie schließlich ihrer Tochter versprochen, ihr beizustehen. Dreißig Jahre hatte die Tochter an Depressionen gelitten. In manchen Wochen hatte sie sich gut gefühlt. Sie war fröhlich, sie tat Dinge, die ihre Mutter nicht verstand. "Sie gab dann ihr ganzes Geld aus, hat alles übertrieben und abwegige Dinge getan." Nach diesen Wochen der "Fröhlichkeit" lag die Tochter dann monatelang im Bett. Und die Wochen der Fröhlichkeit seien immer weniger geworden.

"Gott sei Dank, dass du da bist", empfing die Tochter ihre 73 Jahre alte Mutter, als diese sie von der Klinik abholte. Sie hatte alle gefragt, ob sie ihr sterben helfen könnten. Die Freunde, das Klinikpersonal. Aber alle hatten abgelehnt, außer der Mutter. Zehn Jahre nachdem sie den Exit Bag zugeschickt bekommen hatte, holte die Tochter den Beutel wieder hervor. Dieses Mal sollte es klappen.

"Es wird vermittelt, dass eine humane Möglichkeit des Suizids mit den Plastiktüten möglich ist", sagt der Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch. "Der Tod mit der Plastiktüte ist aber kein leichter Tod. Da steckt unheimlich viel Zynismus dahinter." Ein Todeskampf, bei dem sich der Körper mit aller Kraft wehre.

Brysch spricht von Querverbindungen zwischen der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben, Dignitas und Kusch, davon, dass die Gesellschaft den geistigen Nährboden für die anderen Sterbehilfeorganisationen bereitet habe. Immer wieder höre er von Fällen, in denen Menschen einen Erstickungsbeutel zum Suizid genutzt hätten. "Alle mit dem Plastiksack hatten den Kontakt über die DGHS. Menschen, die alleine sind, die keinen Lebensmut haben, nicht einmal unbedingt psychisch Kranke. Vielleicht hatten sie nur eine depressive Phase."

Wie viele Menschen den Exit Bag bislang nutzten, ist nicht nachvollziehbar. In "Die Kunst und Wissenschaft des Suizids" heißt es: "Eleanors Hausarzt wurde herbeigerufen, der die Sterbeurkunde unterschrieb. Offiziell lautete die Todesursache ,Krebs', nicht Beihilfe zum Freitod - nur die, die dabei waren, wissen es."

Die Mutter wusste, dass der Tod in dieser Nacht kommen würde. Sie wusste es, bevor ihre Tochter sich die Plastiktüte genommen hatte - "wie ein Kind mit seinem Spielzeug hat sie sich benommen. Sie hat sich gefreut, sie hat gefragt: Kann ich jetzt die Tüte überstreifen?" Bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr sei die Tochter lebenslustig gewesen. Sie malte, machte ihr Abitur. "Und dann ging es los." Keine Medikamente hätten gegen die Depressionen und gegen die Schizophrenie geholfen. Die Tochter habe nicht mehr in dieser Welt gelebt, sei nur noch eine Marionette gewesen. "Es ist eine sadistische Krankheit. Ich möchte nicht dem Herrgott begegnen, der sie erdacht hat. Es ist die Hölle."

Swientek hat lange Zeit ehrenamtlich mit suizidgefährdeten Menschen gearbeitet. Sie sagt, Depressionen seien nicht heilbar, aber sie seien behandelbar. Gerade Frauen mit vierzig hätten oft ein depressives Tief. "Depressionen können kein Grund sein, sich zu töten. Man kann sie behandeln, und das Leben geht weiter." Fast alle Menschen, die sich umbrächten, hätten eigentlich nur anders leben wollen, es aber nicht geschafft. "Der Selbstmord ist die letzte Tür, aber sie haben nicht an allen Türen geklopft."

In einem Schreiben der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben an ein ehemaliges Mitglied aus dem Jahr 2005 heißt es: "Zur DGHS-Philosophie der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung gehören auch grundsätzliche Erwägungen, im Endstadium einer Krankheit . . . diesen Leidens- und Sterbeprozess von eigener Hand abzukürzen." Mitglieder hätten die Möglichkeit, "sich nach einer bestimmten Mitgliedsdauer bei einem separaten Verlag eine Informationsschrift zu bestellen, in der Mittel und Wege aufgezeigt werden, wie ein Freitod aus humanitären Gründen abzusichern ist". Beigefügt ist eine "Einverständniserklärung zum Bezug der Broschüre "Selbsterlösung durch Medikamente sowie des Exit Bags".

Es wird darauf hingewiesen, dass beides nicht von der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben vertrieben wird. Der Verlag mit Sitz im Landkreis Karlsruhe sei mit der Gesellschaft weder "wirtschaftlich noch personell verflochten". Zudem erklärt der Besteller unter anderem, dass er in den letzten drei Jahren nicht psychisch krank gewesen ist und dass er weder Broschüre noch Exit Bag an Dritte aushändigen werde. Für 15,50 Euro kann dann das Buch und für 45,80 Euro der Exit Bag bestellt werden. Von der Gesellschaft für humanes Sterben selbst kommen die Exit Bags nie. "Sie übernimmt nur das Marketing." In einem Schreiben des Präsidiums der Gesellschaft aus dem Jahr 2002 heißt es: Die Gesellschaft "darf als Verein keine Beihilfe zum Suizid leisten. Konkret bedeutet das: Die DGHS vertreibt nicht, verkauft nicht und verschenkt auch nicht Suizidmittel."

Aber sie sagt den Mitgliedern, wie sie daran kommen. "Wenn die Mittel dann erst einmal da sind und eine Situation eintritt, in der ein Mensch nicht leben will, dann nutzt er sie", sagt Swientek. Auf Nachfrage sagt die Gesellschaft, Exit Bags seien über den Verlag nicht mehr zu bestellen. "Die gibt es dort nicht mehr." Doch zwei E-Mails an den Verlag reichen. Es werden keine Fragen gestellt, nicht einmal nach dem Alter. Zwei Tage später liegt ein Bestellschein im Briefkasten. Er ist an eine Firma in Kalifornien namens "The Gladd Group" adressiert. Für 60 Dollar kommt dann der Tod mit der Post.

Die Mutter und die Tochter zahlten den Mitgliedsbeitrag, sie bezahlten für das Buch und für die Tüte. Sie zahlten für den Tod. "Warum sollte es auch nichts kosten?", fragt die Mutter. "Heutzutage kostet doch alles." Dignitas, sagt Brysch, brauche eine bestimmte "Tötungsanzahl im Jahr", um sich finanzieren zu können. Kusch veröffentlichte jüngst auf einer Internetseite, dass seine Suizidbegleitung künftig bis zu 8000 Euro kosten werde. Der Betrag werde jedoch "individuell vereinbart unter Berücksichtigung der finanziellen Situation des Sterbewilligen". Gestaffelte Tarife für den Tod.

Nachdem die Tochter die Tabletten, die sie und ihre Mutter hatten auftreiben können, geschluckt hatte, zog sie sich die durchsichtige Tüte über den Kopf und wartete auf den Tod. Die Mutter sagt, sie könne nicht verstehen, warum die Gesellschaft ihnen nicht auch Tabletten besorgt habe. "Sie haben uns alleine gelassen. Warum machen sie es nicht richtig?" Sollte sie noch einmal in eine solche Lage kommen, würde sie sich an Dignitas wenden.

Immer wieder hatte die Tochter Tabletten geschluckt. Einmal hatte sie drei Tage im Koma gelegen, bevor Ärzte sie wieder zurückholten. Als sie auf der Intensivstation erwachte, wollte sie aus einem Fenster springen. "Es ist doch keine Leistung, jemanden, der sich umbringen will, wieder zurückzuholen", sagt die Mutter.

Die Tochter hatte die beneidet, die es geschafft hatten. Dieses Mal war sie entschlossen wie nie. "Diesmal war es anders." Die Mutter wartete und blieb bei ihr. "Ich konnte mich diesmal nicht entziehen. Ich wollte sie nicht gehen lassen, damit sie sich auf Gleise legt oder von einer Brücke springt. Sie alleine in der Kälte. Ich hätte es nicht ertragen." Eine halbe Stunde, heißt es im Begleitheft, sollte es dauern, bis der Tod eintritt. Die Mutter wartete drei Stunden.

Vor Gericht, wo es um Tötung auf Verlangen ging, sagte die Mutter, dass sie sich keiner Schuld bewusst sei. Ein Freund der Tochter sah es anders. Er hatte die Polizei gerufen, nachdem die Mutter ihm in der Nacht von den vergangenen Stunden erzählt hatte. Sie habe ihm erzählt, dass sie der Tochter Beruhigungspillen gegeben habe. Dann habe sie darauf gewartet, bis die Tochter schlief, und ihr die Tüte über den Kopf gezogen. Als der Tod kam, habe sich die Tochter kaum gewehrt. Der Freund sagte, es sei der Tochter gar nicht "so schlecht" gegangen.

"Wie kommt er dazu?" Die Mutter sagt, sie habe sich 20 Jahre um die Tochter gekümmert. Sie habe so vieles geopfert, und niemand habe sich dafür interessiert. "Wer soll sich herausnehmen dürfen, zu bestimmen, wer leben muss?" Wer das Gegenteil?

Die Richter stellten das Verfahren ein. 900 Euro Geldbuße musste die Mutter zahlen, an ein Hospiz. Sie sagt, sie würde es jederzeit wieder tun. Ihre Tochter habe so sehr gelitten, nicht einmal sie selbst wisse, wie sehr. Swientek sagt: "Es bringt sich niemand um, dem ein anderer nicht den Tod gewünscht hat."

Die Mutter schaute auf ihre Tochter und wartete auf den Tod. Sie sah die Tochter unter der Plastiktüte atmen, sie hörte sie röcheln. Sie lief im Zimmer umher wie ein "Tiger im Käfig". Stunden ließ der Tod auf sich warten. Da nahm die Mutter ein Kissen und drückte zu.

Erschienen in: „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ am 5. Oktober 2008