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Plötzlich ein Pflegefall (Teil 1)

Von Petra Neumann-Prystaj

VOR DREI JAHREN ist ECHO-Redakteurin Annette Winter im Wiesbadener Hospiz Advena gestorben. Denn in Darmstadt gab es keine Einrichtung, in der die auf Schmerztherapie angewiesene Krebspatientin ihre letzten Tage hätte verbringen können.

Wenn es schon vor drei Jahren ein stationäres Hospiz in Darmstadt gegeben hätte, wäre der ECHO-Redakteurin Annette Winter (1963 bis 2005) ihre Odyssee durch Krankenhäuser und Einrichtungen und so manche sorgenvolle schlaflose Nacht erspart geblieben. Durch sie kamen viele Redakteurinnen und Redakteure dieser Zeitung erstmals konkret mit dem Thema Sterbebegleitung und Hospiz in Berührung.

Die Leserinnen und Leser des ECHO kennen Annette Winter unter den Kürzeln „anwi“ und später „win“ wie gewinnen – eine gewiss nicht zufällige Buchstabenwahl. In ihren Anfangsjahren schrieb die Redakteurin über lokale Darmstädter Ereignisse, wechselte eine Weile später ins Ressort Feuilleton und war dort spezialisiert auf Kino- und Rockmusikkritiken. In ihren letzten beiden Jahren arbeitete sie im Ressort Politik.

Sie starb vor drei Jahren, am 7. Dezember 2005, 42 Jahre alt, fern von Darmstadt, im Hospiz Advena in Wiesbaden an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung. Annette war alleinstehend, musste also vieles allein entscheiden und organisieren. Ihre an der Bergstraße wohnende verheiratete Schwester, Mutter von zwei Kindern, ihre Mutter und ihr Darmstädter Freundeskreis begleiteten Annettes Leidensweg von Darmstadt nach Frankfurt und Wiesbaden.

Als die Frauenärztin einen Knoten in ihrer Brust feststellte, war Annette Winter 37 Jahre alt. Sie brach nicht zusammen. Mit der Diagnose Brustkrebs ging die studierte Mathematikerin bewundernswert sachlich und unsentimental um, auf die Fortschritte der Medizin und im Stillen auch auf ihren Gott vertrauend. Mit Hilfe des Internets und kundiger Freunde wurde sie zur Expertin ihrer Krankheit, kannte sich bald in allen möglichen Therapien aus und erzählte sehr oft und sehr ausführlich davon.

Das war ihre Art, mit der deprimierenden Wahrheit umzugehen. Sie wollte dem Feind ins Auge sehen. Wenn ihr einer damit kam, dass es „Krebstypen“ gebe, Menschen also, die – selber schuld! – allen Kummer in sich hineinfressen, statt sich zu öffnen, und der Krankheit damit einen Nährboden liefern, reagierte sie verärgert: Das sei wissenschaftlich längst widerlegt.

Nach der zu ihrer Erleichterung brusterhaltenden Operation ertrug sie tapfer ihre erste Chemotherapie. Die Lymphknoten unter ihrem linken Arm wurden vorsorglich entfernt, von nun an machte er ihr trotz Druckmanschette durch ständige Schwellung und zeitweise auch Entzündungen zu schaffen. Dann folgte eine aufwühlende Kur in Süddeutschland. Sie lernte Frauen kennen, bei denen die Krankheit fortgeschritten war. Diese Begegnungen machten ihr Angst, weil sie ihre Zukunft in anderen gespiegelt sah.

In der stets vernunftbetonten Annette erwachte die Gier nach Leben. Sie wollte sich so richtig spüren, beim Joggen, Wandern und Skateboardfahren. Zwei Wünsche waren noch offengeblieben: Wellenreiten und Motorradfahren. Zielorientiert wie immer, machte sie den Motorradführerschein. Als sie die Prüfung bestanden hatte, kaufte sie sich eine eigene Maschine, eine Suzuki Freewind, die viel zu hoch für sie war, und bretterte über die Autobahn. Eine Zeitlang versuchte sie, Mitglied einer Motorradgruppe zu werden, war den anderen aber zu langsam.

Viele hielten die knabenhafte Frau mit den kurzen, dunklen Haaren für burschikos und hart im Nehmen, einen Kumpel zum Pferdestehlen. Wie sensibel, einfühlsam und verletzlich sie war, wusste nur ihr engerer Kreis.

Sie hoffte, dass der Krebs überwunden war. Deshalb schloss sie neben ihrer Teilzeitarbeit beim ECHO an der Mainzer Universität ihren Magister in Alter Geschichte ab. Küche und Bad ihrer Wohnung strich sie in lebhaften Farben an, allerdings erst, nachdem sie sich gewissenhaft über Farbkonzepte informiert hatte. Sie wollte nicht in Passivität erstarren.

Als sie mit Kolleginnen nach Bergamo fliegen wollte – das Ticket war schon bestellt, das Hotel gebucht – erfuhr sie bei einer Nachuntersuchung, dass wieder Metastasen (Absiedlungen des Tumors) gefunden worden waren. Die Ärzte setzten sie unter Druck: So schnell wie möglich sollte sie jetzt die Einwilligung für eine sehr harte Chemo geben. Eine, bei der sie ihre Haare verlieren würde.

Die Kolleginnen brachten ihr aus Italien einen Kalender mit Engelsbildern mit. Sie ahnten, dass Annette von nun an Schutzengel gut gebrauchen konnte.

Zwar schrumpften die Metastasen, verschwanden aber nicht. Da begriff Annette, dass sie zu den fünf Prozent der Patientinnen mit einer besonders aggressiven, todbringenden Brustkrebsart gehörte. Ihr in England lebender Bruder bezahlte die Behandlung mit Gamma Knife, bei dem Metastasen im Hirn attackiert werden. Die Krankenkasse wollte den stattlichen Betrag nicht übernehmen. Annette setzte große Hoffnungen auf diese Therapie. Ganz allein unternahm sie noch eine Auto-Reise durch Südengland und schwärmte später von den traumschönen Gärten. Es war ihr letzter Urlaub. Über eineinhalb Jahre verbrachte sie mit Chemotherapien, Bestrahlungen und Reha-Maßnahmen. Ein Auf und Ab von Kampf, Leiden und Hoffen. In dieser Zeit erstarkte ihr Glaube an Gott.

Im Februar 2005 begab sie sich zur Weiterbehandlung in die Frankfurter Universitätsfrauenklinik. Im Krankenbett liegend, irritierte sie ein ungewohntes Kribbeln in den Beinen. Um diese Unruhe loszuwerden, lief sie fast eine Nacht lang die Treppe rauf und runter. Am nächsten Tag war ein Bein gelähmt. Wenige Tage später das zweite. Sie konnte nicht mehr stehen!

Voller Entsetzen weigerte sie sich im Februar, ihren Geburtstag zu feiern, der ihr letzter werden sollte. Sie haderte mit der Welt, womit hatte sie ein solches Schicksal verdient? Die Ärzte der Frauenklinik wussten nicht, was sie mit der austherapierten Patientin anstellen sollten und schoben sie wegen ihrer rätselhaft gelähmten Beine in die Neurologie ab. Aber auch dort war sie fehl am Platz, man wollte sie schnell wieder nach Hause schicken. Schockiert mailte Freundin Ulrike dem Freundeskreis: „Annette ist ein Pflegefall!“ Sie hatte plötzlich, zusätzlich zu ihrer Krankheit, ein ganz, ganz großes Problem. Wohin mit ihr?

Annette saß im Rollstuhl. Eine Erklärung für die Lähmung war inzwischen gefunden: Die Krebswucherungen drückten auf die Wirbelsäule, verursachten eine Quasi-Querschnittlähmung. In ihre Darmstädter Altbauwohnung, die im ersten Stock liegt, konnte sie nun nicht mehr zurück. Sie glaubte, dass sie in Darmstadt mit Hilfe des Bauvereins eine Behindertenwohnung finden würde, bat eine Kollegin, schon mal bei der Wohnungsbaugesellschaft vorzufühlen. Die Kollegin war hin und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihr zu helfen und der Ahnung, dass eine Behindertenwohnung nicht ausreichen würde. Denn Annette konnte nicht mehr allein leben.

Als Zwischenstation bot sich das Evangelische Hospital für Palliativmedizin in Frankfurt an. Dort zog die gelähmte Patientin in ein Zimmer mit Balkon ein. Es tat ihr gut, mit den ehrenamtlichen Hospizmitarbeiterinnen über ihre Situation zu reden. Doch die in diesem Hospital schmerztherapeutisch behandelten Krebs- und Aids-Patienten werden wieder nach Hause oder in ein Pflegeheim entlassen. Annette musste sich nach einer anderen Bleibe umschauen. Allerdings gibt es für so junge, alleinstehende Patienten wie sie im Rhein-Main-Gebiet keine passende Einrichtung. Sie fallen durch alle Raster.

Eine Notlösung wurde gefunden: das Darmstädter Alten- und Pflegeheim in der Emilstraße. Zum Glück war der Leiter verständnisvoll, zum Glück stand ein Zimmer leer. Der Raum war hell und hübsch, besaß einen Balkon, und die alten Damen waren begierig, den Neuzugang kennenzulernen und zu bemuttern. Aber Annette fühlte sich fehl am Platz, sie war doch erst 42 und im Kopf noch so viel jünger. Sollte ein Altenheim ihre Endstation sein?

Die Erleichterung, überhaupt einen Platz gefunden zu haben, mischte sich mit ihrer inneren Ablehnung. Trotzdem ließ sie sich gebrauchte Buchregale mitbringen, versuchte, sich gemütlich einzurichten. Von hier aus wollte sie ihre Chemotherapie fortsetzen. Kurz darauf, um die Osterzeit, flackerten erstmals unerträgliche Schmerzen auf. Annette litt. Das Pflegeheim aber war auf eine Schmerzbehandlung für Krebspatienten nicht eingestellt.

Freundin Claudia erinnert sich: „An Ostern besucht ich Annette im Altenheim. Ich hatte ein Osterkörbchen für sie zurecht gemacht und freute mich darauf, es ihr bringen und mit ihr plaudern zu können. Als ich ankam, fand ich Annette in einem bedauernswerten Zustand vor. Sie hatte offensichtlich sehr starke Schmerzen, sagte dies auch und meinte, ich solle wieder gehen, sie könne im Moment überhaupt keinen Besuch ertragen, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sei.“

Annette wurde ins Evangelische Krankenhaus Elisabethenstift in Darmstadt verlegt. Sie litt unter der Chemotherapie und hatte trotz starker Mittel und Morphium-Pflaster fürchterliche Schmerzen. Im Nachbarbett lag eine abgezehrte, sterbenskranke Frau. Wieder wurde Annette mit dem möglichen Endstadium ihrer Krankheit konfrontiert und musste einen Entschluss fassen. Sollte sie auf einer weiteren Behandlung bestehen oder aufgeben?

„Sie war sehr schlimm dran“, erinnert sich ihre Schwester Sabine, die ihr damals nur noch mit Eis eine kleine Freude machen konnte. Die Ärzte seien nett gewesen, hätten sich aber mit Ratschlägen zur Fortsetzung der Chemotherapie zurückgehalten.

Jetzt musste sie sich entscheiden zwischen einer Chemotherapie mit fragwürdigem Ausgang und den damit verbundenen quälenden Schmerzen und der Hoffnung auf ein paar lebenswerte Monate in Würde ohne die Apparate-Medizin der Krankenhäuser. Annette wählte das Hospiz. „So hätte ich es an Ihrer Stelle auch gemacht“, gestand ihr einer der Ärzte.

Das Hospiz im dörflich geprägten Wiesbadener Stadtteil Erbenheim nahm sie auf. Sie hatte, was sie bei ihrem Einzug nicht ahnen konnte, noch acht Monate zu leben. Im Durchschnitt bleiben die Bewohner 25 Tage.

Ihre Schwester Sabine holte sie im Elisabethenstift ab und begleitete sie im Krankenwagen nach Wiesbaden. Annette schaute aus dem Autofenster, verabschiedete sich still von Darmstadt. Sie wusste, dass sie nicht mehr zurückkommen würde. Aber sie gab ihre Wohnung im Martinsviertel nicht auf, sie wollte nicht heimatlos sein, das war ihre mentale Rückversicherung.

Sabine versprach, sie in zwei Tagen wieder zu besuchen. Sie hatte Angst vor der Begegnung, weil sie erwartete, ein Bündel Elend vorzufinden. Um so erstaunter und erleichterter war sie, als Annette sie in ihrem Rollstuhl vom nahe gelegenen Bahnhof abholte. Der Schwerkranken ging es deutlich besser. War etwa ein Wunder geschehen?

Der Leiter des Hospizes, Lothar Lorenz, behauptet, dass fast alle Hospiz-Bewohner dort richtig aufblühen, zumindest während der ersten Tage oder Wochen. Denn im Hospiz werden alle Krebsmedikamente mit ihren schweren Nebenwirkungen abgesetzt. Der Körper wird entgiftet. Nur noch die Schmerzen werden gelindert, dafür ist das Personal geschult.

Der lange Abschied (Teil 2)

Ihre Schwester Sabine und einige Freundinnen richteten Annettes Zimmer im Hospiz wohnlich nach ihren Geschmacksvorstellungen ein – von den Vorhängen bis zur DVD- und Musikanlage. Vom Rollstuhl aus führte sie Regie. Ihre Lieblingsbücher und Lieblingsfilme lagen griffbereit neben dem Bett.

Im Hospiz war die Lust der Krebspatientin an Gesprächen und an Menschen wieder erwacht. Sie wollte Besuch, sie brauchte ihn, am liebsten täglich. Doch ohne Anmeldung lief bei ihr gar nichts. Gewissenhaft führte sie ihr kleines Terminbüchlein mit den vielen Telefonnummern. Es konnte vorkommen, dass sie Anrufern einen Korb erteilte. Nein, an diesem Tag bekomme ich schon Besuch. Diese Woche bin ich ganz ausgebucht. Wie wär's denn eine Woche später?

Ihre Freundin Claudia erzählt: „Bei meinen Besuchen traf ich Annette in aller Regel in guter bis sehr guter Stimmung an. Wir plauderten über alles mögliche. Sie las viel, der Zauberberg von Thomas Mann hat sie sehr beschäftigt. Sie hörte auch viel Musik, das war eines ihrer Hobbys. Das Thema Schmerzen spielte im Hospiz nie mehr eine Rolle. Ich hatte immer den Eindruck, sie hatte dort keine. Ach, halt, einmal hatte sie nachts Schmerzen, wie sie mir bei einem Besuch erzählte. Sie bekam etwas, und dann war es auch wieder gut.“

Der Tod war in der Regel kein Gesprächsthema. Jedenfalls sprach sie nicht mit allen Besuchern darüber. Ihre Freundin Renate relativiert diesen Eindruck: „Annette hat sich gut überlegt, was sie mit wem geredet hat. Sie kannte uns alle sehr gut und wusste, mit wem sie über welche Themen reden konnte. Sie hatte ja eine große Auswahl an Gesprächspartnern.“

Annettes letzter Sommer war mit gutem Wetter gesegnet. Ihre Familienangehörigen und ihre Freundinnen schoben sie im Rollstuhl über die Felder, und die ausgedehnten Ausflüge endeten meist in einem Gartenlokal. Bald kannte sie alle Gaststätten der Umgebung, die für Behinderte zugänglich waren. In einem italienischen Restaurant hatte sich der Kellner schon daran gewöhnt, ihren Rollstuhl über die drei Treppenstufen zu heben. Das war ihm keine Last, wie er versicherte, sondern eine Ehre.

Annette gab der Zeitschrift „Bella“ ein Interview, allerdings unter dem Pseudonym Britta Schmidt, und ließ sich für den Bericht auch fotografieren, obwohl sich ihr Gesicht durch die Cortison-Behandlung verändert hatte und sie sich nicht mehr gern im Spiegel betrachtete. Die Journalistin Claudia Reshöft schrieb über sie: „Manchmal holt Britta Schmidt die Angst ein, wenn sie nachts in ihrem Zimmer liegt und Geräusche über den Flur zu ihr herüberschallen. „Dann frage ich mich, ob die anderen Bewohner dieselben Ängste haben wie ich. Und ob es ihnen auch so schwer fällt, das Leben loszulassen.“

Freundin Ulrike beschreibt, wie die Atmosphäre im Hospiz auf sie wirkte: „Ich fand den Eingang sehr schön. Da lag ein Buch aufgeschlagen, in das die Leute etwas schreiben konnten. Der Inhalt bestand aus Todesanzeigen und Dankesbekundungen der Angehörigen für die gute Betreuung. Jeder Patient blieb in seinem Zimmer, es gab keinen Kontakt mit anderen. Man nahm als Besucher nur wahr, dass im Nachbarzimmer wohl jemand Neues eingezogen war, weil sich auf dem Balkon etwas verändert hatte.“

Manchmal klopften ehrenamtliche Helferinnen an die Tür und boten Annette und ihren Besuchern Kaffee und selbstgebackenen Kuchen an, das hatte etwas Heimeliges.

Claudia meint: „Eine Gabe von Annette war es, die Menschen für ihre Wünsche einzuspannen. Wenn sie etwas wollte, gab sie es einem mit auf den Weg, und beim nächsten Besuch bekam sie es dann. Auf diese Weise konnte sie sich vom Bett aus alles wohnlich und komfortabel herrichten. Mit der Fernbedienung steuerte sie ihre vielen Leuchten, Telefon und Musikanlage.“

Ariane ergänzt: „Zu Annette und dem Hospiz fällt mir ein, dass mir bei meinem Besuch als erstes ein von zwei Männern getragener Sarg entgegenkam. Ich habe ja keine große Scheu vorm Thema Tod, aber ich musste doch erstmal schlucken. Annette erzählte, sie habe Bedenken, sich mit anderen Bewohnern anzufreunden, da sie ja jeden Moment sterben könnten. Das leuchtete mir ein.“

Auf Sabine, die Schwester, machte das Haus von Anfang an keinen deprimierenden Eindruck. „Man hat vergessen können, dass hinter jeder Tür ein Mensch mit einem schweren Schicksal liegt.“ Wenn sie mit Annette im Hospiz-Garten saß und die sterbenskranken Kinder aus dem Nachbarhospiz „Bärenherz“ sah, war sie voller Mitleid – und voller Dankbarkeit für ihre beiden gesunden Kinder.

Gerald hatte große Angst vor dem ersten Besuch im Hospiz – und er war nicht der einzige Mann, der den Weg nach Wiesbaden-Erbenheim scheute. Manche beließen es bei „Kopf-hoch!“-Telefonaten. Gerald stellte sich das Gebäude traurig und düster vor und war angenehm überrascht, weil es in den Gängen nicht nach Medizin, Mensch und Krankenhaus roch, sondern ganz neutral. Annette, deren Neugier auf Neues sich trotz ihrer Krankheit und der gelähmten Beine nicht geändert hatte, ließ sich von ihm wie von jedem ihrer Besucher durch Erbenheim schieben und erklärte stolz die Sehenswürdigkeiten wie eine routinierte Fremdenführerin. Bei der Rückkehr von diesem Ausflug – es war ein sonniger Tag – wurde im Hospiz-Garten gerade ein Sommerfest gefeiert. Die Stimmung war unbeschwert, der Tod nicht eingeladen.

Auf Daniel, den Kollegen aus dem Politik-Ressort, wirkte das Hospiz zwar nicht unheimlich, aber doch ziemlich unpersönlich. „Die Leute, die da rein- und rauskamen, waren alle ein bisschen geschäftsmäßig. Dass man sich dort zuhause fühlen könnte – den Eindruck hatte ich nicht. Weil die Wände dünn sind, hörte Annette nachts das Stöhnen und Seufzen der anderen. Sie lenkte sich mit Musik ab.“ An den Tod wurden Annettes Besucher manchmal diskret erinnert. Dann lagen Blumensträuße vor den Türen der Verstorbenen, und im Vorraum brannte eine Kerze.

Rund um die Uhr war Annette, die doch ihre Unabhängigkeit so liebte, nun wegen ihrer gelähmten Beine auf andere angewiesen. Wenn sie einen ihrer geliebten Ausflüge unternehmen wollte, brauchte sie einen Gutwilligen, der den Rollstuhl über Straßen und Feldwege schob. Sonst blieb ihr nur der Aufenthalt im Hospiz-Garten. Im Freundeskreis wurde beschlossen, für sie einen elektrischen Rollstuhl zu kaufen, der ihr einen Teil ihrer Selbstständigkeit zurückgeben sollte. Der nötige Betrag kam bei einer Sammlung unter Kollegen zusammen, über die Hälfte gab die ECHO-Verlagsleitung großzügig dazu.

Die neue Bewegungsfreiheit im Elektro-Rolli konnte Annette zwar nur einige Wochen, dafür aber sehr intensiv genießen. Täglich unternahm sie von nun an allein ihre Exkursionen und ließ sich eine Karte mit großem Maßstab besorgen. Mit ihrer kessen Schusterjungenmütze schirmte sie ihre empfindlich gewordene Haut vor der aggressiven Sonne ab. Bald kannte sie sich in Erbenheims Umgebung besser als mancher Einheimische aus.

Die „Spaziergänge“ mit Freundinnen bekamen einen neuen Charakter: Man konnte sich jetzt mit ihr auf gleicher Höhe unterhalten, fast wie früher. Pläne wurden geschmiedet: „Wir könnten doch mal mit dem Bus nach Wiesbaden reinfahren“. Sie genoss den Duft der Felder und Vorgärten, den Anblick fliegender Störche. Freundin Alex brachte ihr neugeborenes Baby mit – ein putzmunterer Säugling im Hospiz, das war eine kleine Sensation.

Mit dem Pflegepersonal focht Annette manche Kämpfe aus. Gern ließ sie sich baden, was wegen des Aufwands nicht so oft möglich war, wie sie es wollte. Sie teilte ihre Nasszelle mit der Bewohnerin oder dem Bewohner des Nebenzimmers. Wenn sie es benutzte, war es für den anderen gesperrt und umgekehrt. Die Nachbarn konnten sich sehen und kennenlernen, mussten es aber nicht.

Eine Pflegerin gab Annette zu verstehen, dass sie schon viel zu lange im Hospiz wohne und anderen, die es nötiger hätten, den Platz wegnehme. Das machte ihr zu schaffen, sie begriff dies als schrecklichen Vorwurf. Auch ihre Krankenkasse stürzte Annette in eine Depression: Eine Zeitlang sah es so aus, als würde die Kasse die Hospizkosten nicht mehr übernehmen. Aber vielleicht beurteilte Annette, die davon empört und aufgeregt erzählte, die Situation viel zu schwarz. Vor lauter Angst, ihr könnte ihre allerletzte Zuflucht genommen werden. Gern hätte sie ihre beiden Katzen noch einmal um sich gehabt. Das aber war in diesem Hospiz nicht möglich.

Nach ein paar Wochen war sie nicht mehr fähig, ihren Elekto-Rollstuhl zu benutzen. Sie lag nur noch im Bett, war aber weiterhin ansprechbar. Von ihrer Ärztin ließ sie sich genau erklären, wie es mit ihr zu Ende gehen würde. Sie werde „einfach wegdämmern“, hieß es beruhigend. Mit dem Pfarrer ihrer Darmstädter Gemeinde besprach sie Einzelheiten ihrer Trauerfeier auf dem Waldfriedhof, erzählte ihm Stationen ihres Lebens, bestimmte, welche Musik beim Begräbnis erklingen sollte. Ihre Grabstätte hatte sie sich ausgesucht, als sie noch laufen konnte. Noch in ihren letzten Tagen kümmerte sie sich um das Weihnachtsgeschenk für ihre Schwester. Annette kam nicht mehr dazu, die 24 Türchen des Adventskalenders zu öffnen, den ihr Ariane wie jedes Jahr geschickt hatte.

Claudia erinnert sich: „Als ich das letzte Mal ins Hospiz kam, das war ein oder zwei Tage vor ihrem Tod am 7. Dezember, war sie ins Koma gefallen. Sie lag in ihrem Bett auf der Seite, als schliefe sie ganz fest.“ Renate hat an ihrem Bett gewacht und den Eindruck gehabt, dass sie sie mit ihren Worten noch erreichen konnte.

Annette starb in Anwesenheit ihrer Familie, versöhnt mit sich und der Welt, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. „Es war ein friedlicher Tod“, mailte Ulrike an den Freundeskreis. Nun lag auch vor Annettes Tür ein Blumenstrauß, und im Eingangsbereich des Hospizes flackerte eine Kerze.

Erschienen in: „Darmstädter Echo“ am 6. und 10. Dezember 2008