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Umflort ist nun die stolze Bayernkrone

Von Michael Stiller

Montag, 29. September

Es war ein Sonntag hell und klar, ein Sonntag, wirklich wunderbar. Der Sonntag war so einzig schön, man hat nicht leicht ein’ schöner’n g’sehn. (Karl Valentin)

Auch der Montag ist hell und klar. Der Himmel über München weiß-blau, als registriere er nicht, was da unten passiert ist. Die Bergkette im Süden ist auch noch da. Die Zugspitze sieht fast aus, als sei sie noch ein bisschen höher geworden. Der Bayerische Rundfunk sendet wie immer, die dortige CSU-Seilschaft scheitert mit dem Anliegen, wenigstens nur Beckstein-Reden und Trauermusik zu senden, am Intendanten. Auf dem Oktoberfest wird weiter Fass um Fass angezapft.

Nur der Huber-Erwin ist schon mal weg und mit ihm die wepsige Generalsekretärin Christine Haderthauer, die man wegen ihres zahnigen Lächelns in der CSU „Fury“ nennt. Lediglich Ministerpräsident Günther Beckstein macht noch Heckmeck. Die Natur aber scheint zu ignorieren, was am Sonntag passiert ist: Zeitenwende in Bayern, CSU ohne absolute Mehrheit. Ein unheimlicher Schlag, vergleichbar nur mit dem Tod der Bayernkönige Ludwig II. und Franz Josef I. Wahrscheinlich braucht selbst die Natur etwas Zeit, darauf zu antworten, und wartet mit ihrer Reaktion bis zum amtlichen Endergebnis. Welch ein Verfall an Anständigkeit!

Beckstein hatte ja eine Art Vertrauensfrage mit der Bayernwahl verbunden. Er wollte sich nur von anständigen Bayern wählen lassen. Jetzt hat nicht einmal mehr in Bayern der Anstand eine Mehrheit. Selbst im Gral der CSU-Macht, im Landtag, haben die Unanständigen von SPD, FDP, Freien Wählern und Grünen die Mehrheit. In der Wahlnacht sieht Beckstein aus, als habe er sich wieder einmal jene zwei Maß Bier gegeben, mit denen man noch Auto fahren können soll.

Von den CSU-Oberen unterjochte Schwarze und längst wirbellose Staatsbeamte begrüßen sich seit gestern mit einem Schimmer in den Augen: „Dass ich das noch einmal erleben darf.“ Bei der Wahlparty der Freien Wähler redet einer daher wie der verstorbene Mitgründer der „Republikaner“, Franz Schönhuber. Franz „Smiley“ Maget (SPD) lächelt unentwegt. Wahrscheinlich, weil er das SPD-Ergebnis von 1978 fast halbiert hat. Herr Martin Güll, ein verdienter sozialdemokratischer Lehrer aus dem stockschwarzen Dachauer Hinterland, ist guter Dinge. Er hat massig Zweitstimmen gesammelt.

Dienstag, 30. September

O, du Bayernchef Beckheckmeck, jetzt is scho dei Huber weg, und mir ham so des G’fühl, jetzt brauchts ihr ein Asyl. (Gstanzl, Kisterbuam, Gurnöbach)

Beckstein hält noch verzweifelt durch, obwohl die Leute so was von gemein sind. Wenn die CSU früher einen kleinen Dämpfer bekommen hat, hat sie ihnen schon am Montag leid getan. Jetzt ist ein Nachtreten und Spotten, dass Gott erbarm. Volksmunds Tenor: „Die hätten no’ weit mehr Schläg’ verdient.“ Thomas Goppel (Wissenschaftsminister) fleht: „Schritte statt Tritte“. Wann, bitte, hat die CSU je gefleht?

Aber in diesem Tunnel der Missgunst zeigt sich ein kleiner heller Punkt. Nein, das hat nichts mit Edmund Stoiber zu tun, der ankündigt, er wolle sich wieder stärker in die CSU einbringen. Alle hoffen, dass er die Drohung nicht wahr macht, nur die Bundestagsabgeordnete Daniela Raab schickt ihm liebe Grüße.

Das Licht kommt vielmehr aus Ingolstadt-Gerolfing. Wo die Not am größten, ist nämlich der Horst am nächsten. Er wird den CSU-Vorsitz übernehmen. Was haben sie im letzten Jahr über ihn getuschelt und gelästert, weil er eine Freundin hatte und infolgedessen jetzt ein Baby hat. Sie haben den Huber an seiner Stelle zum Vorsitzenden gewählt. Aber er hat allen verziehen: der Geliebten seinen Fehltritt, der CSU ihre Gemeinheiten. Nur wenn ihn nochmal einer in der CSU Frauenverbraucherminister nennt, will er klagen.

Allerdings muss er dringend zu Udo Walz, dem Starcoiffeur. Das ansehnliche Mannsbild, von einer taz-Kollegin unumwunden als Frauentyp bezeichnet, sieht am Kopf aus wie ein Auto, das in eine zu niedrige Garage gefahren ist. So geht’s nicht. Herr Güll wird immer vergnügter.

Mittwoch, 1. Oktober

Einmal träum ich vom Wahltag, einmal träum ich von mir, einmal träum ich von der Haderthauer, aber was Aansdändichs träumt mir nie. Und wisst ihr was: Jetzt leckts mi. (Aus Franken, überwiegend eingedeutscht, wird Günther Beckstein zugeschrieben)

Jetzt mag er auch nimmer. Die CSU-Fraktion im Landtag war bei der konstituierenden Sitzung fast so hässlich zu ihm wie vor drei Jahren zu Edmund Stoiber. In Hinterzimmern wird nach dem Karrieristen-Motto „Süß riecht die Leiche des Vordermanns“ kräftig gemeuchelt. Ein Gerücht besagt, dass das Landtagsamt eine Expertise zum Thema „Anständigkeit und Wahlverhalten“ erarbeitet hat. Ein international renommierter Charakterologe,  Professor W. P. Sadlodowitsch, kommt zum Ergebnis, Beckstein hätte weder die CSU noch sich selbst zum Ministerpräsidenten wählen dürfen, weil er im Wahlkampf mitunter unanständig gewesen sei.

Als Beleg führt er Herrn Güll aus dem Dachauer Land an. Über den hat Beckstein gesagt, dass er in den Landtag müsse, damit ihm seine Schüler nicht mehr ausgesetzt seien.

Sadlodowitsch geht auch der Frage nach, warum Beckstein meine, dass alle, die er blöd halte, in den Landtag wechseln müssten. But who the hell ist Sadlodowitsch?

Nach Becksteins Rückzug zeigt sich, wie bärenstark die zweite Reihe der CSU doch noch ist. Gleich vier wollen ihn beerben. Innenminister Joachim Herrmann, wegen seiner Bedächtigkeit „Balou“ genannt. Thomas Goppel, bei dem man nie drauf achten muss, was er sagt, sondern darauf, wie er es sagt. Georg Schmid, Chef der CSU-Landtagsfraktion, nett, aber etwas ungelenk. Spielt er Fußball gegen die Landtagspresse, schnalzt schon mal eine Achillessehne.

Horst Seehofer, stark wie Bär Bruno, will abwarten, bis sich die drei von ihm als Wichtel betrachteten Rivalen in den Vorgesprächen gegenseitig ruiniert haben. Dann macht er auch den Ministerpräsidenten, wahrscheinlich auch noch den Generalsekretär.

Seehofer zeigt artistische Fähigkeiten. Weil die Tür des Fraktionssaals von Journalisten belagert ist, er aber ein dringendes Bedürfnis verspürt, nimmt er die Feuerleiter.

Ein großer Tag für Herrn Güll. Er hat es tatsächlich in den Landtag geschafft, das steht jetzt fest. Beckstein sei Dank. Es sickert durch, dass der Ex-Staatssekretär Hans Spitzner mehr über Professor Sadlodowitsch weiß. Es gibt aber auch Hinweise, dahinter verberge sich Landtagsvizepräsident Peter Paul Gantzer (SPD). Eher unwahrscheinlich. Dessen wissenschaftliche Reputation beruht auf Veröffentlichungen zum Sex im Alter und der Anwendung von Kuschelhormonen bei nachlassender Spannkraft. Nicht zuletzt wegen dieser verdienstvollen Arbeit gelingt dem bald 70-Jährigen der Wiedereinzug in den Landtag.

Maget lächelt immer noch. Die CSU tippt auf Morbus Grins. Stoiber beruhigt die CSU: „Es sind keine Scherben zerbrochen. Äh.“

Donnerstag, 2. Oktober

Schön, Huber, des hast guat g’macht, aus dir kann noch was werd’n. (Refrain eines Lieds von Hans Söllner, bayerischer Reggae-Barde)

Erwin Huber strebt angeblich in die Wirtschaft. Da muss er wohl schon als Finanzminister eine Vor-Rückversicherung abgeschlossen haben. Man könne ihn sich in einer Position vorstellen, die einer beliebten Funktion in US-Unternehmen entspricht, heißt es: Vicepresident for forgotten things.

Auch Beckstein soll nicht so tief fallen, heißt es, und ein „Ministerium für selbst gestellte Aufgaben“ übernehmen. Ein anderes Gerücht sagt, er werde die von Franz Josef Strauß seinerzeit doch nicht bezogene Ananasfarm in Alaska übernehmen. Nur für „Fury“ Haderthauer haben sie noch nichts. Vielleicht wird sie Managerin der Pferderennbahn Pfaffenhofen an der Ilm, das liegt nah an ihrem Heimatort Ingolstadt.

Spitzner kennt Sadlodowitsch tatsächlich, ist aber entgegen seinem Naturellmundfaul. Gantzer hat ein Problem. Da ihn ungerechterweise viele in seiner Fraktion nicht mehr als Vizepräsidenten dulden wollen, soll er sich mit dem Gedanken tragen, im Parlament Beratung für Kollegen der Altersklasse 60 plus anzubieten. Ein SPD-Referent behauptet, er habe Maget in seinem Büro mit traurigem Gesicht gesehen, als er gerade Weißwürste aß. Herr Güll schickt Beckstein eine Flasche Frankenwein der Sorte „Nordheimer Absturz“.

Freitag, 3.Oktober

Umflort seh ich die stolze Bayernkrone, dahin für immer scheint ihr hehrer Glanz, das Scepter ruht auf dem verwaisten Throne, verdorrt scheint mir Bavarias Ruhmeskranz. (Ludwig Rudolph Schaufert, 1886 zum Tod Ludwigs II.)

20. Todestag von Franz Josef Strauß. Zeit des Innehaltens und der Buße vor allem für Edmund Stoiber und den früheren Finanzminister Kurt Faltlhauser. Beide haben den Fiskus gewähren lassen, als er im Zug von Ermittlungen gegen Strauß-Sohn Max die Familiengruft in Rott am Inn pfänden wollte. Während der Feier wird über eine Spezialleitung zu Wolke 7 eine Kurzanalyse von FJS zur CSU eingespielt: „Kameraden, ihr habt das FFF-Syndrom. Ihr seid nur noch fett, faul und auf Feuerwehrfesten. Euch muss man Kunstdünger in die Schuhe schütten. Der Stoiber hat gemeint, wenn er sich die Absätz vorn hinklebt, geht’s aufwärts. Politische Pygmäen, Pfifferlinge.“ Es herrscht betretenes Schweigen. CSU-Fraktionschef Georg Schmid ist so bestürzt, dass er sogleich seine Kandidatur zur Beckstein-Nachfolge zurückgibt. Eine Rolle spielt allerdings auch, dass selbst im durchgeknallten Bayern dieser Tage niemand ernsthaft Regierungschef werden kann, der den Spitznamen „Schüttelschorsch“ trägt. Den hat sich der Schwabe durch die Fähigkeit erworben, täglich stundenlang mehrere Hände von potenziellen CSU-Wählern auf einmal schütteln zu können. Die Nummer „Einmal Ministerpräsident und zurück“ soll ihm aber auch die extrem gefährdete Wiederwahl zum Fraktionschef sichern. Professor Sadlodowitsch bleibt weiter unauffindbar. Herr Güll feilt an seiner Abschiedsrede für die Schulkinder, und Franz Maget: hat die Weißwürste verdaut und lächelt wieder.

Gott mit dir, du Land der Bayern. (Landeshymne)

Erschienen in: „taz – die tageszeitung“ am 4. / 5. Oktober 2008