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Eine Sekunde nur

Von Christoph Cadenbach 

Ein junger Hitzkopf, ein empörter Familienvater, ein Zeuge, der helfen will: Drei Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, treffen aufeinander. Am Ende wird einer von ihnen tot sein. Die Geschichte eines schrecklichen Moments, in dem Aggression, Fremdenhass und falsch verstandenes Ehrgefühl zusammenkamen und zu einer Katastrophe führten.

Manchmal fängt ein Albtraum erst mit dem Aufwachen an. Erol will jetzt nicht aufwachen. Sein kleiner Bruder Ahmet ist sofort hochgeschreckt, als die Beamten der Berliner Polizei mit vorgehaltener Waffe das Kinderzimmer stürmten. Erol aber »verharrt mit fest zugekniffenen Augen in Schlafstellung in seinem Bett«, wie es später im Bericht heißt. Der 17-Jährige ist gestern zum Mörder geworden; er weiß es noch nicht, ahnt es aber vielleicht.

Die Polizisten durchsuchen ihn noch im Bett, legen ihm Handschellen an, erst dann darf er sich aufrichten. Festnahmezeit: 1:30 Uhr nachts. Erol sieht die eingetretene Tür, den umgestürzten Schreibtisch, die acht Beamten und will nicht glauben, was sie ihm erzählen.

Der junge Mann sei tot, im Krankenhaus gestorben, sagen sie. Erol schweigt.

Sein Vater tritt an ihn heran. »Wenn du schon Scheiße gebaut hast, dann steh auch dazu wie ein Mann«, schnauzt er seinen Sohn auf Türkisch an. Erol führt die Beamten hinaus auf den Hausflur, zum Fahrstuhl. Sie müssten die Deckenverkleidung nach oben drücken und dann zur Seite schieben, sagt er. Auf dem Dach des Fahrstuhls finden die Polizisten ein Klappmesser mit Holzgriff. Die zehn Zentimeter lange Klinge schnappt auf Knopfdruck heraus. Die eine Seite ist geschliffen, die andere gezackt wie ein Kampfmesser aus einem Martial-Arts-Film. Auf dem reflektierenden Stahl klebt dunkelrotes Blut.

Die Polizisten fahren Erol zur Gefangenensammelstelle. Der Arzt findet keine Drogen und nur sehr wenig Alkohol in seinem Blut. Erols Verhalten sei beherrscht, sein Bewusstsein klar, seine Stimmung depressiv, stellt er fest. Für den Jungen aus Berlin-Reinickendorf wird es die erste Nacht hinter Gittern, obwohl er bereits eine Vorstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung erhalten hat. Am nächsten Morgen stellen ihn die Boulevardblätter als Prototyp des ausländischen Jugendkriminellen dar. Wegen eines belanglosen Streits habe er ein Leben ausgelöscht, einen jungen Mann, der nur helfen wollte, kaltblütig abgestochen, einfach so. Politiker und aufgebrachte Bürger verlangen eine Verschärfung des Jugendstrafrechts. Aus dem unbekannten Arbeitslosen Erol A. ist der »Messerstecher vom Tegeler See« geworden.

Erols Fall war 2007 einer von 167 Mord- und Totschlagsdelikten in Berlin. Seine Tragik hat die Menschen ganz besonders erschüttert: sechs Menschen, deren Wege sich am 12. Juni 2007 zufällig kreuzten. Erol A., der heute in der Jugendstrafanstalt Berlin sitzt; Ralf S., ein Familienvater, der damals für Ordnung am Strand sorgen wollte; Daniel und Martin, die ihren Freund haben sterben sehen und heute noch immer Angst haben, ihre echten Namen in der Zeitung zu lesen; und der Arzt Ufuk Sentürk, der vergeblich versucht hat, ein Leben zu retten. Sie alle haben von ihrem Tag erzählt. Eine Geschichte über Integration, Zivilcourage und alltäglichen Rassismus in Deutschland.

DARIUS

»Morgen, Darius.«

»Yo, was geht?«

»Heute kamen die Noten, und ich hab’s gepackt. Das müssen wir feiern!« Daniel lacht in sein Handy. Ein paar »Ehrenrunden« hat er gedreht und nun, mit 23, endlich das Abitur in der Tasche. Darius hat ihm dabei geholfen. Jeden Morgen hat er Daniel vor den Prüfungen geweckt und frische Brötchen vorbeigebracht, »sonst wäre ich niemals pünktlich gewesen«, sagt Daniel.

Die beiden kennen sich von der Schule, einem Oberstufenzentrum für Elektrotechnik. Daniel hat durchgehalten, Darius die Schule vor dem Abschluss verlassen. Er war nicht schlecht, nur die Motivation fehlte ihm, und er wollte lieber praktisch arbeiten, was er auch zu Hause gemacht hat. In seiner Einzimmerwohnung hat er fast alles selbst gebaut: das Hochbett, die angestrahlten Plexiglassäulen, in denen Wasserblasen blubbern, den Bewegungsmelder im Flur und die Eieruhr in der Küche, die er mit einer alten Streifenwagenlampe aufgerüstet hat. Darius ist ein Tüftler. Im September will er eine Ausbildung zum Elektrotechniker beginnen. Die Lehrstelle hat er sicher.

Daniel schlägt vor, zum See zu fahren. Es ist heiß, schon morgens fast 30 Grad. Eine schwüle Dunstwolke hängt wie ein nasser Lappen träge über der Stadt. Für den Abend hat der Wetterdienst Regen angesagt, es soll erst einmal der letzte schöne Tag dieses noch jungen Sommers sein.

Darius verabschiedet sich, wie er es immer tut. »Yo, hauste rein!« Dann packt er Badehose und Taucherbrille in einen Rucksack und verlässt das Haus, einen hässlichen Sechzigerjahrebau mit 56 Mietparteien.

Darius mag sein Viertel nicht. Vor drei Jahren ist er aus Tegel hierher in die Klemkestraße in Reinickendorf gezogen, aber wenn er nun bald eigenes Geld verdient, will er am liebsten sofort wieder zurück. Die beiden Nordberliner Stadtteile trennen zwar nur ein paar Kilometer, doch dazwischen liegen Welten. Tegel mit seinem See, den italienischen Eiscafés und den Ausflugsdampfern galt lange Zeit als Naherholungsgebiet für gestresste Städter. Heute ist das Viertel zwar ein bisschen in die Jahre gekommen, doch noch immer sehr grün, mit sauberen Parkbänken im Lindenschatten. In der Klemkestraße reihen sich dagegen graue Arbeiterkasernen aneinander, und am Kiosk geht das Bier am besten.

Darius geht zur Bushaltestelle. Er ahnt nicht, dass es das letzte Mal sein wird, dass er hier wartet. Warum sollte ein 23-jähriger gesunder, junger Mann auch über den Tod nachdenken?

EROL

Erol macht sich auf zum Strand. Seine Mutter hat ihm ein wenig Fladenbrot mit Nutella eingepackt, wie sie es immer tut. Ihr Sohn geht ohne viele Worte. Erol ist ein ruhiger Mensch, 1,76 Meter groß, drahtig, mit kurz rasiertem schwarzem Haar und einer markanten breiten Nase. Er trägt unauffällige Jeans, ein rotes T-Shirt und keinen Schmuck. Sein älterer Bruder Murat sagt, er sei in sich verschlossen, aber nicht schüchtern. »Und wenn man ihn sauer macht, kann er sehr aggressiv werden.« Sein Klappmesser in der Hosentasche trägt er wie ein zweites Handy fast immer mit sich herum. Erst vor zwei Monaten, kurz nach seiner Berufungsverhandlung, hat er es sich gekauft. Damals, im April, bekam er eine zweite Chance. Eigentlich hätte er für ein Jahr ins Gefängnis gehen müssen, doch die Richterin lobte seine »positive Entwicklung« – Erol hatte freiwillig ein Antiaggressionstraining absolviert – und wandelte die Haft- in eine Bewährungsstrafe um.

Zwei Jahre darf er nun nicht mehr straffällig werden. Zwei Jahre – weil er einen Mann mit einem Fleischermesser in den Oberschenkel und die Schulter gestochen hat. Im November 2005 war das.

Damals hatte Erol den 14-jährigen Mesut C. in ein Internetcafé in seiner Nachbarschaft gebeten. Er will mit ihm »etwas klären«. Mesut soll eine Freundin von Erol als »Schlampe« bezeichnet haben. Die beiden gehen vor die Tür. Erol gibt ihm eine Kopfnuss. Ein paar Tage später meldet sich Mesuts älterer Bruder Kassim bei ihm. Was er will, ist Erol klar: »Stress«. Also stecken sich Erol und ein Freund lange Fleischermesser unter die Jacken und gehen gemeinsam zum vereinbarten Treffpunkt vor einem Supermarkt.

Erst wird geredet, dann wird geschubst. Als Kassim Erols Freund auf den Boden wirft und ihm zweimal mit der Faust ins Gesicht schlägt, zieht Erol sein Messer. Zwei Freunde von Kassim, die sich als Rückendeckung hinter dem Supermarkt versteckt hatten, kommen zu Hilfe. Es sind kräftige junge Männer. Einer will Erol das Messer aus der Hand treten, Erol sticht ihm in den Oberschenkel. Die drei bekommen jetzt Angst und laufen weg. Erol und sein Freund verfolgen sie, durch die Straßen Berlins am helllichten Tag, mit den Messern in der Hand. Erol erwischt einen von hinten an der Schulter, dann stolpert er plötzlich und bricht die Verfolgung ab.

»Ich hatte einen Blackout«, versucht Erol seine Tat heute zu erklären. »Du siehst nichts, du nimmst deine Umgebung nicht wahr.« Erst nach dem Stolpern sei er wieder zu sich gekommen. Sein Bruder Murat sagt: »Das ist Erbsache, bei uns heißt es, man hat Hunde in sich. Wenn jemand uns wütend macht, dann sehen wir nur noch rot.«

Erol war damals 15 Jahre alt. Es war bereits seine zweite Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung, und heute glaubt er, dass es besser gewesen wäre, »hätte ich dafür meine Strafe bekommen und in den Knast gemusst«.

DARIUS

Auf dem Video sieht man einen schmächtigen Jungen mit einem hübschen Gesicht. Seine kräftigen Augenbrauen verleihen seinem Blick etwas Melancholisches, obwohl er viel lacht. Unter seiner Baseballkappe kräuseln sich dunkle Locken, der schwarze Pulli ist, wie es sich für Hip-Hop-Klamotten gehört, drei Nummern zu groß. Der Junge blickt nach oben zu einem Freund an einer Kletterwand, gibt ihm Anweisungen, die richtigen Tritte zu finden. Schnitt. Jetzt steht der Junge bis zu den Knien in einem See. Ein Mann taucht ihn ins Wasser, der Junge prustet.

Das Video kann man sich auf der Onlineplattform Youtube anschauen. Es zeigt Darius auf seiner Konfirmandenfahrt: Wie er rappt, wie er Späße macht, wie er sich von Pastor Uwe Heinhold im See taufen lässt. Fast zehn Jahre ist das her, aber Darius hat sich kaum verändert. Er ist immer noch der schmächtige Junge, der oft zu spät kommt, dem aber niemand böse sein kann. Seine Freunde sagen, er war »immer gut drauf«, hatte ständig »einen Spruch auf den Lippen« und »lächelte Probleme einfach weg«. Seine Ringerkollegen vom VfL Tegel haben ihn als »cleveren Kerl mit unheimlichem Siegeswillen« in Erinnerung, bei dem man nur Angst hatte, dass er »auf der Matte einmal durchbricht«, weil er so dünn war. Pastor Heinhold, den Darius auch nach seiner Konfirmation ab und zu besuchte, schätzte ihn als »tollen Homie«. Darius hätte sich nie verstellt. »Zu seinem Gebetspaten hat er anfangs gesagt: ›Ick glob nich an Gott.‹ Das trauen sich nicht viele.« Am liebsten hat Darius seine Nachmittage mit Kumpels auf der »Wiese« vor der Humboldt-Bibliothek verbracht. Oder er ist – wie auch an diesem Tag – mit Daniel und Martin zum Tegeler See gefahren.

RALF

Den ganzen Tag hat er in der prallen Hitze Dachpappen verschweißt, jetzt will er nur schnell ins Wasser: Ralf S. holt seinen fünfjährigen Sohn vom Kindergarten ab. Am Wochenende würde er einfach raus nach Brandenburg zu seinem Campingwagen fahren, doch nun ist es schon 14 Uhr, und morgen muss er wieder um fünf Uhr aufstehen. Also steuert er seinen Mercedes-Kombi Richtung Badestelle Saatwinkel am Tegeler See. Seine Schwägerin Angelika wartet dort bereits auf ihn. Ralf S. ist ein kräftiger Kerl mit dicken Oberarmen, braun gebrannt von der Arbeit auf dem Bau und tätowiert. Um den Mund hat er sich einen Wikingerbart stehen lassen, das passt zu seinem Faible für Rockmusik. Am liebsten hört er AC/DC, Rammstein oder die Böhsen Onkelz.

Seinen Boxer Eddy hat er heute zu Hause gelassen, Hunde gehören nicht an den Strand, die machen da nur Dreck, und Ralf S. ist ein ordentlicher Mensch.

»Man kann sich auf ihn verlassen«, sagt Angelika S. über ihren Schwager. Was sie weniger mag, ist seine »Vielweiberei«. Aber Ralf S., 44, ist über die Jahre ruhiger geworden, vor allem seitdem sein Sohn auf der Welt ist. Nur wenn es Ärger gibt, geht er noch immer dazwischen und haut zu – »zur Verteidigung«.

Früher war das anders, da »hat der Typ erst eine gekriegt, und dann hab ich ihn gefragt, was er wollte«, sagt Ralf S. Früher waren aber auch die Prügeleien anders: »Da hat man sich kurz geboxt, und dann war die Sache erledigt.« Und heute, mit den ganzen Türken und Arabern, die erzählten immer von Ehre, »aber was soll denn das für eine Ehre sein, wenn man nachtritt und Waffen benutzt?«

UFUK SENTÜRK

Jetzt bloß nicht wieder angehalten werden. Ufuk Sentürk guckt in den Rückspiegel und rollt über Orange. Er hat es eilig, seine Schicht fängt gleich an. Eine Polizeikontrolle wäre jetzt das Letzte, was er braucht. Die unfreundlichen Beamten, die ihn wie einen Verbrecher behandeln, bis sie auf seinem Personalausweis den Titel »Doktor« lesen. Auch auf dem Amt oder im Kaufhaus hat der Assistenzarzt so etwas schon erlebt. Ufuk Sentürk ist stolz auf seinen Beruf, aber bescheiden geblieben. Angeben würde er mit seinem Titel nie, auch nicht vor seinen Cousins, die als Gemüsehändler jobben oder Hartz IV beziehen. Heute muss der 30-Jährige ins Virchow-Klinikum, 24 Stunden Unfallchirurgie, die Notaufnahme. Er biegt in die Osloer Straße ein. Nördlich von hier ist er groß geworden, nur einen Block weiter als Erol, von dem er zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas gehört hat.

Warum wird aus dem einen ein Arzt, aus dem anderen ein Krimineller? Darüber hat sich Ufuk Sentürk schon oft Gedanken gemacht. »Vieles hängt vom Umfeld und vom Freundeskreis ab«, sagt er. »Ich hatte Glück. Auf der Grundschule und dem Bertha-von-Suttner-Gymnasium waren die Klassen gemischt, manchmal war ich der einzige Türke. Natürlich sinkt das Niveau, wenn darin kaum noch Muttersprachler sitzen.«

EROL

Auf dem abschließenden Grundschulzeugnis von Erol heißt es, der Junge sei freundlich und kontaktfreudig, könne gut arbeiten, habe ein erfreuliches Interesse an Englisch, sei allerdings mündlich sehr zurückhaltend und liefere die Hausaufgaben nur unpünktlich und unregelmäßig ab. Alles in allem sei sein Betragen »gut«. Erol ist niemals sitzen geblieben. Also versucht er es nach der Grundschule auf der Gustav-Freytag-Realschule. Sie hat einen guten Ruf; etliche Absolventen wechseln später noch an ein Gymnasium, um dort ihr Abitur zu machen. Erol ginge sehr gern an das Bertha-von-Suttner-Gymnasium, das liegt nur ein paar Meter weiter, nach sechs Monaten schickt man ihn jedoch auf die Paul-Löbe-Hauptschule. Er hat das Probehalbjahr nicht bestanden. Das »Scheißebauen« beginnt.

Unter »Scheißebauen« versteht Erol »klauen, jemanden schlagen, so was halt«. Er sieht das bei den Älteren, und er will dabei sein. Als Kind ist er häufig mit seinem Bruder in den Schillerpark gefahren. Die beiden haben sich auf dem Fahrrad Wettkämpfe geliefert. Erol war ehrgeizig, hasste es zu verlieren. Jetzt steht er wieder in einem Wettkampf, jeden Tag. Auf der Hauptschule geht es darum, der Härteste und Gnadenloseste zu sein, und Erol ist nicht schlecht. Seine neuen Freunde schenken ihm zur Belohnung sein erstes Messer.

In einem psychologischen Gutachten der Jugendgerichtshilfe heißt es: Den »Wechsel zur Hauptschule erlebte Erol als Versagen und Enttäuschung für seine Familie«. Und weiter: »Seine Verspätungen und Fehlzeiten erhöhten sich in der neunten Klasse deutlich. Er wirkte selbstbewusster, vergriff sich im Ton und wurde beleidigend gegenüber Mitschülern und Lehrern. Die Eltern besuchten weder Elternabende noch Schulveranstaltungen, auf Kontaktversuche der Schule reagierten sie nicht.«

Im Sommer 2006 verlässt Erol die Schule ohne Abschluss. Er jobbt sporadisch, verbringt die meiste Zeit aber mit seinen Freunden. In der Türkei, glaubt Erol hätte er sich das nicht er-lauben können. »Ich hätte wahrscheinlich mit 14 arbeiten müssen. Denn wenn man da nur so rumhängt, denken die Leute Schlechtes über einen, dass man drogenabhängig ist oder so.« Aber in Reinickendorf, wo er kaum einen seiner Nachbarn kennt, fällt Erol nicht weiter auf. Seinen Berufswunsch hat er nach der ersten Straftat eh abgeschrieben: Er wollte mal Polizist werden.

Darius

Gerade als ein Streifenwagen an ihnen vorbeifährt, zündet sich Darius eine Zigarette an. Nicht, dass wir noch eine Strafe bezahlen müssen, scherzt er mit Daniel und Martin. Der Weg von der Bushaltestelle zum Badestrand Saatwinkel führt durch einen Wald, und dort ist das Rauchen verboten. Doch die Beamten interessieren sich für die drei jungen Männer nicht. Darius hat schon schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Iraner, er sieht südländisch aus. Als er einmal einen Beamten in Uniform etwas fragte, fuhr ihn dieser nur an: »Halts Maul, du Kaffer!« Darius hat das nicht auf sich sitzen lassen, ist hinter dem Mann hergelaufen und hat ihn zur Rede gestellt, bis sich dieser entschuldigte. Seine Freunde sagen, er hat früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Darius ist allein bei seiner Mutter groß geworden. Zu seinem Vater hatte er zeitweilig nur wenig Kontakt. »Es hat wohl einige Differenzen während der Pubertät gegeben«, meint Martin. Dennoch sei Darius sehr stolz auf seinen Vater gewesen, einen Ingenieur und Architekten. »Das Einkaufszentrum in Alt-Tegel hat er entworfen. Immer wenn wir dort durchgelaufen sind, hat Darius gesagt: ›Krass, oder, das hat mein Vater gebaut‹«, erzählt Martin. »Die beiden haben sich tierisch geliebt.«

EROL

Erol ist zufrieden. Eine schöne Bucht ist das hier, sichelförmig, von Bäumen umsäumt, feiner Sand führt in seichtes Wasser. Seit ein paar Stunden liegt er mit ein paar Kumpels in der Sonne. Gerade sind seine beiden besten Freunde, Ugur und Evrim, angekommen. Während Evrim sich abseits der Gruppe auf eine Bank setzt, um einen mitgebrachten Döner zu essen, spazieren Erol und Ugur Richtung Wald. Sie wollen kurz zum anderen Strand, ein Stückchen nördlich von hier, »Mädchen abchecken«.

RALF

»Machste das zu Hause auch?«, schnauzt Ralf S. den Jungen von seinem Handtuch aus an. Er kann es nicht leiden, wenn so ein »Knirps« einfach seinen Dreck liegen lässt.»Halt doch die Fresse!«, blafft Evrim zurück. Er kann es nicht leiden, wenn man ihn so anfährt, von oben herab, als wenn er »ein Hund« wäre. Dabei hat er doch nur die Alufolie, in die sein Döner eingewickelt war, auf der Bank liegen lassen.

Die beiden schreien sich an, bis Evrim die Lust verliert und zurück zu seinen Freunden geht. »Ich hab gemerkt, dass der so’n bisschen rassistisch ist. Er hat zwar nichts gesagt, aber seine Art war irgendwie so«, erzählt Evrim später.

Ralf S. sagt dagegen, dass er nichts gegen Ausländer habe. »Bei mir in der Straße wohnen viele Polen und Russen, die fallen gar nicht weiter auf.« Seine Schwägerin Angelika fügt hin-zu: »Ich würd nie südlicher als in die Seestraße, in den Wedding ziehen. Da ist mir zu viel Dunkelvolk.«

UFUK SENTÜRK

»Wie geht’s dir?« Ufuk Sentürk steht in der Nachmittagssonne vor dem Virchow-Krankenhaus und telefoniert mit seiner Frau. Sie ist im sechsten Monat schwanger. Die beiden haben sich in Istanbul kennengelernt; ihre Familie stammt aus Trabzon am Schwarzen Meer, seine auch. Noch wohnen die beiden im Wedding, damit »sie sich erst mal an Berlin gewöhnen kann«. Seine Frau spricht noch nicht so gut Deutsch. Aber wenn ihr Kind auf der Welt ist, wollen sie sich eine Wohnung in den besseren Berliner Stadtteilen Charlottenburg oder Steglitz suchen.

Seine Eltern hätten sich über die Kindererziehung nicht solche Gedanken gemacht, sagt Ufuk Sentürk und meint das gar nicht vorwurfsvoll. Denn »wie sollen einen Eltern erziehen, die selbst keine Erziehung genossen haben?« Man dürfe sich das nicht wie in Deutschland vorstellen. »Östlich von Istanbul war die Türkei ein armes Land«, sagt Sentürk. Nur mit Glück konnten die Leute lesen und schreiben. Die meisten hätten den ganzen Tag auf dem Land ge-arbeitet, während ihre Kinder sich selbst erzogen. »Und dann macht man sie zu Gastarbeitern und erwartet, dass sie nicht nur mit der fremden Umgebung klarkommen, sondern ihre Kinder auch geradewegs nach deutschen Maßstäben erziehen? Das kann man doch vergessen!«

EROL

Während sie durch den Wald schlendern, reden Erol und Ugur über ihre Väter, wie so oft. »Mach die Scheiße weg, sonst stech ich dir die Augen aus«, habe sein Vater ihn in der Dönerfabrik heute angebrüllt, erzählt Ugur. Die beiden müssen lachen. Manchmal führten sich die Alten auf wie kleine »Diktatoren«. Auch Erols Vater ist nicht zimperlich.

Als es einmal wegen Erol und seiner ständigen Prügeleien eine Klassenkonferenz gab, spuckte sein Vater ihm vor der versammelten Lehrerschaft ins Gesicht. Er hatte keine Ahnung, was sein Sohn für einen Ärger machte, und fühlte sich jetzt in seiner Ehre gekränkt. »Unser Vater hat noch den alten Kopf«, sagt Erols Bruder Murat.

Vor 18 Jahren ist der Vater aus der Türkei nach Deutschland gezogen. Seine Frau und die beiden Söhne Murat und Erol kamen nach. Die Familie stammt aus der Nähe von Urfa, einer Stadt einige Kilometer vor der syrischen Grenze. Dort unten, in Südostanatolien, ist die Türkei besonders arm und traditionell. Ein Drittel der Menschen leben von der Landwirtschaft. In Deutschland jobbt der Vater anfangs in einem Dönerimbiss, später fährt er Lkw. Als er keine Arbeit mehr findet, verbringt er seine Tage zunehmend im kurdischen Teehaus. Die Familie lebt von Hartz IV.

Plötzlich klingelt Erols Handy. Evrim ist dran. »Kommt zurück, wir hauen ab. Der Bus fährt gleich.«

RALF

Der Himmel zieht sich langsam zu, es wird bald regnen, doch Darius will noch schwimmen gehen. Bevor er im Wasser ist, hört er den Streit.

»Kommt her, wenn ihr was wollt!« Ralf S. zeigt auf seinen Sohn. »Dieser Junge könnte euch plattmachen«, schreit er den vier Jugendlichen hinterher, die sich da vom Acker machen wollen, ohne ihre leeren Flaschen mitzunehmen. Einer von denen hatte doch vorhin schon sein Dönerpapier auf der Bank liegen lassen.

»Der alte Mann soll die Fresse halten.« Erol wird langsam sauer.

Mit Evrim, Ugur und seinem Kumpel Robert geht Erol Richtung Wald. Die anderen sind bereits vorausgelaufen, um den Bus nicht zu verpassen. »Halts Maul. Ich ficke deine Mutter!«, brüllt er noch einmal quer über den Strand. »Dich würde es gar nicht geben, wenn ich in deiner Mutter nicht drin gewesen wäre!«, schreit Ralf S. zurück.

Das reicht, das ging gegen die Familie. Erol zieht sein rotes T-Shirt aus und rennt wieder zurück.

NOTRUF I

Um 18:10 Uhr geht bei der Notrufstelle der Polizei folgender Anruf ein:

Anrufer: »Hallo, hier ist gerade eine Schlägerei, wir sind hier am Strand, bei Marienwerder, Saatwinkel. Da müssten Sie bitte schnell jemanden hinschicken. Familienvater wird von Türken angegriffen. Mit Knüppel…«

Beamter: »Marienwerder, ja? Am Strandbad?«

Anrufer: »Ja. Das ist eine Badestelle, wo die Yachten auch sind. Bitte schicken Sie einen Krankenwagen, es blutet doll.«

Beamter: »Ja, alles klar.«

Anrufer: »Oh Gott, hier geht’s grad ziemlich ab.«

DARIUS

Erol schlägt Ralf S. zuerst mit der Faust ins Gesicht. Der boxt zurück. Durch die Arbeit auf dem Bau ist er deutlich kräftiger. Robert und Evrim kommen ihrem Freund zu Hilfe, während Ugur von hinten mit einem armdicken Stock in der Hand angerannt kommt.

Robert tritt Ralf S. in die Hoden, der Schmerz lässt den Mann zusammenfahren, er krümmt sich nach vorn. Beim Aufrichten kriegt er Evrim zu packen und nimmt ihn in den Schwitzkasten. Als Erol seinen Freund eingeklemmt unter dem Arm des Deutschen sieht, zieht er sein Messer.

»Bist du verrückt, steck das ein!«, schreit Robert ihn an und stößt gegen seine Schulter. Erol ist heiß, sein Puls schlägt hoch. Nur schwer kann er sich zusammenreißen, doch er senkt noch einmal den Arm.

Währenddessen holt Ugur aus. Er steht hinter Ralf S. und hat den Stock wie einen Baseballschläger beidhändig gepackt. Angelika will ihrem Schwager helfen und greift nach dem Ast. Ugur schlägt ihr auf den Unterarm, dann lässt er seinen Knüppel auf Ralf S.’ Schulter sausen.

»Das kann doch gar nicht sein!« Darius glaubt es nicht, was da oben am Strand gerade passiert. Vier Jugendliche auf einen Mann, und der hat auch noch ein Kind dabei. Mit Daniel und Martin rennt er Richtung Schlägerei und schnappt sich den Kerl mit dem Knüppel. Darius greift mit beiden Armen von hinten um Ugurs Brustkorb, drückt dessen Arme nach oben und reißt ihn zu Boden – ein Nackenhebelgriff, man fixiert den Gegner, tut ihm dabei aber nicht weh. Die vielen Leute um ihn herum, sein bester Freund auf dem Boden: Erol dreht durch. Er nimmt sein Messer verkehrt herum in die Hand, sodass die Klinge von unten aus der Faust ragt. Es sind nur ein paar Schritte, zwei Sekunden vielleicht, dann stößt er Darius das Messer unterhalb der rechten Schulter in den Rücken, mit voller Kraft, bis zum Griff. Der Stich durchtrennt die zehn-te Rippe und bohrt sich in den Lungenunterlappen. Erol zieht das Messer aus der Wunde, hört die Schreie seiner Freunde und rennt mit ihnen weg.

Darius taumelt über den Strand. Er bekommt keine Luft mehr. Jemand stützt ihn, drückt ihm ein T-Shirt auf den Rücken. »Es war wie eine Seltersflasche, die man geschüttelt hat, und aus der das Wasser rausspritzt. Inner-halb von 30 Sekunden war mein Hemd voll Blut«, sagt der Helfer später der Polizei.

Der Notarztwagen 2205 trifft laut Protokoll um 18:25 Uhr an der Badestelle Saatwinkel ein. Darius wird am Strand reanimiert und in ein künstliches Koma versetzt. Dann fährt man ihn ins Virchow-Krankenhaus.

NOTRUF II

Bei der Notrufstelle der Polizei geht um 18:17 Uhr folgender Anruf ein:

Anrufer: »Guten Tag. Ich habe gerade eine Anzeige gemacht wegen einer Gewalttat, Saatwinkel. Ich habe die Verdächtigen verfolgt. Ich wollte jetzt melden, dass die gerade in einen Bus einsteigen.«

Polizist: »Die Messerstecherei dort, oder was?«

Anrufer: »Genau. Die Personen, die Verdächtigen, also die das getan haben, steigen gerade in den 133er-Bus ein, der jetzt gerade losfährt Richtung Alt-Heiligensee.«

Polizist: »Danke, die Kollegen werden gleich bei Ihnen sein.«

EROL

Ugur, Robert und Erol hasten durch den Wald. Evrim hat sich von ihnen abgesetzt, ist zu den anderen gelaufen und in den 133er gestiegen. Gleich wird er verhaftet werden, als Einziger aus der Tätergruppe. Vorerst.

Erol versucht sich zu beruhigen. Es wird schon nichts passiert sein, denkt er. Der Junge wird es überleben und er keine lange Gefängnisstrafe bekommen, wie damals, 2005. Das Leben wird einfach weitergehen, mit den Freunden, mit der Familie. Sie kommen an eine Bushaltestelle und fahren Richtung U-Bahn. Ugur erzählt immer wieder, wie er den Deutschen mit dem Knüppel geschlagen hat, und lacht. Robert fragt Erol, warum er den Jungen nicht ins Bein gestochen hat. »Ich wusste selber nicht, was ich tun soll«, antwortet er.

Als Erol, Ugur und Robert in ihrem Viertel ankommen, gehen sie in einen Imbiss und bestellen Cola und Döner.

UFUK SENTÜRK

Um 20:25 Uhr muss Dr. Ufuk Sentürk aufgeben. Der Junge ist tot, hat einfach zu viel Blut verloren, die Notoperation hatte von Anfang an kaum Aussicht auf Erfolg gehabt. Draußen auf dem Flur der Notaufnahme warten Daniel und Martin auf den Arzt. Ihre T-Shirts sind mit dem Blut ihres Freundes getränkt. Auch Darius’ Mutter ist da. Nun erfährt sie, dass ihr Sohn im Alter von 23 Jahren gestorben ist.

Der Fall wird Ufuk Sentürk lang in Erinnerung bleiben. Als er später erfährt, dass Erol, der Täter, nur wenige hundert Meter von seinem Elternhaus groß geworden ist, sagt er: »Das ist schon krass. Der eine sticht zu, der andere versucht zu retten.«

EROL

Die drei sitzen bei Robert und rauchen Zigaretten. Ein Freund kommt vorbei, der mit Evrim zusammen im Bus gefahren ist. Er erzählt von der Verhaftung und dass die Bullen wüssten, wer den jungen Mann niedergestochen hat. Erol geht trotzdem nach Hause. Im Fahrstuhl schiebt er die Deckenverkleidung zur Seite und versteckt sein Messer, dann betritt er die Wohnung. Seine Mutter ist noch wach, hat auf ihn gewartet, wie sie es immer tut. Sie fragt ihren Sohn, ob etwas Besonderes passiert sei. Der schüttelt den Kopf und geht in sein Zimmer. Erol legt sich schlafen.

Erol A. wird am 10. Januar 2008 von der 13. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin zu acht Jahren Jugendhaft wegen Totschlags verurteilt. Seine Freunde Ugur, Evrim und Robert erhalten jeweils Bewährungsstrafen. Erols Familie lebt zu diesem Zeitpunkt schon längst wieder in der Türkei. Der Vater ist wenige Tage nach Erols Verhaftung mit seiner Frau und den vier jüngeren Kindern in die alte Heimat zurückgekehrt. Aus Angst vor Blutrache.

Als seine Eltern ihn längere Zeit nicht besuchen, klaut Erol in der Gefängnistischlerei eine Feile – um die Gitterstäbe durchzusägen. Er hat Angst, seine Familie habe ihn verstoßen. Die Feile wird entdeckt. Für den Prozess wurde ein psychologisches Gutachten über Erol erstellt. Darin heißt es, Erol sei ein erstaunlich reifer, sozial kompetenter und im Umgang angenehmer Jugendlicher. Die Diskrepanz zwischen seinem Auftreten und der strafrechtlichen Vorgeschichte sei »bemerkenswert«.

Keine Gewaltcomputerspiele, keine Horrorfilme, kein Gangsterrap – die Gerichtspsychologin hält nur wenige Punkte fest, die Erols Tat erklären könnten: das Unver-mögen, Gefühle auszudrücken, die Überforderung in Stresssituationen. Erols Anwalt ergänzt: »Er hat nie gelernt, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.«

Im Gefängnis versucht Erol, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Er sei überlegter geworden, sagt sein Bruder Murat. »Seine Augen fliegen nicht mehr so durch den Raum.« Nach der Haftentlassung droht ihm dennoch die Abschiebung. Aufgrund seiner Straftaten wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt. Über seine Tat sagt Erol heute: »Vielleicht ist die Strafe noch zu gering. Ein Menschenleben kostet keine acht Jahre.«

Am 12. Juni 2008, ein Jahr nach Darius’ Tod, wird am Badestrand am Tegeler See ein Gedenkstein aufgestellt. Zur Trauerfeier kommen mehr als hundert Menschen: Darius’ Mutter, die auf Anraten ihrer Ärzte nicht mehr über den Fall sprechen möchte, sein Vater, seine Freunde Daniel und Martin. Auch Ralf S. und seine Schwägerin Angelika sind da.

Die Inschrift, die auf dem Stein zu lesen ist, lautet: »In den Herzen von Familie und Freunden wird Darius ewig weiterleben. Möge er den Menschen ein Beispiel für Zivilcourage sein. 21.2.84–12.6.07.«

erschienen in: Süddeutsche Zeitung am 24. Dezember 2008