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Nominierter Text

Von Kathrin Aldenhoff

Gefangen. Aus dem Leben eines jungen Intensivtäters

REIN - Drinnen - Raus

Es geht dann alles schneller als gedacht. Nach einem Jahr und vier Monaten im Gefängnis, ist Samir wieder ein freier Mann. Zumindest, wenn er sich an die Regeln hält. Ein kalter Tag Ende Januar, Samir läuft durch Kattenturm. Der Bach durch den Park ist gefroren, das Eis hält eine weiße Plastiktüte gefangen, den grünen Plastikdeckel einer Flasche, einen blauen Handschuh. Samir zeigt auf die Einfamilienhäuser mit den großen Fenstern, die auf der anderen Seite des Bachs stehen. „Das ist das Bonzenviertel, da drüben leben die Kinder, die keine Scheiße bauen.“ Dann zeigt er auf die Hochhäuser Kattenturms und sagt: „Hier ist das Getto, hier sind die Kinder, die aggressiv sind und Scheiße bauen.“ Er war eines dieser Kinder. Und auch als Erwachsener hörte er nicht auf, Scheiße zu bauen. Bis er im Gefängnis landete.

Dabei hat er nie geglaubt, dass sie ihn kriegen. Jogginganzug, dunkle Haare, schmale Statur – die Täterbeschreibung passt doch auf jeden, dachte Samir. Wie sollten sie da auf ihn kommen? Aber nun sitzt er hier, 19 Jahre alt, in dieser Zelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen, acht Quadratmeter groß, mit Gittern vor den Fenstern. Und fragt sich, wie ihm das passieren konnte, warum er das getan hat. Das mit den Überfällen, mit der Waffe. Es war so verlockend, das viele Geld, so leicht ranzukommen. Es klang so einfach, wenn sein Freund davon erzählte. Nun sitzt er hier, der andere ist draußen. „Am Ende war ich der Dumme“, so sieht er das. Wenn Samir darüber redet, wird er wütend. Auf den Freund und auf sich. Vor allem auf sich.

Samir ist einer von rund 70 jungen Männern in Bremen, die Polizei und Staatsanwaltschaft besonders viel Arbeit machen. Die Hälfte von ihnen sind Intensivtäter, die anderen sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Samir ist Intensivtäter. Seit er 14 ist, hat er regelmäßig mit Polizei und Staatsanwaltschaft zu tun. Mit 18 Jahren muss er das erste Mal ins Gefängnis. Drei von vier jungen Männern, die zu einer Jugendstrafe verurteilt werden, landen irgendwann wieder dort.

Samir ist gefangen, gefangen in seinem Leben, in den Verhältnissen, in denen er aufwuchs, gefangen in seinen Gewohnheiten. Und nun auch körperlich gefangen, in einer acht Quadratmeter großen Gefängniszelle. Wie entgleitet ein Leben? Was bringt einen jungen Menschen ins Gefängnis? Wie fühlt es sich an, eingesperrt zu sein? Und wie kann ein Leben, in dem vieles falsch lief, zu einem guten werden? Kann es das überhaupt? Wie kann jemand, der Monate im Gefängnis verbrachte, wieder in die Gesellschaft finden? Die Geschichte von Samir erzählt davon.

Zweieinhalb Jahre hat er bekommen, ohne Bewährung. Er war 18 Jahre alt, als das Urteil erging, im Namen des Volkes, ausgesprochen im Amtsgericht Bremen. Seinen 19. Geburtstag feierte er im Gefängnis, in der JVA Oslebshausen, am Rand von Bremen. Er kaufte Erdbeerrolle für die anderen Insassen und für die Beamten. Wenn es schlecht läuft, wird er auch seinen 20. Geburtstag dort feiern. Wenn es ganz schlecht läuft, auch den 21. Geburtstag.

Samir sitzt im Jugendvollzug, Haus 3. An manchen Tagen denkt er über das nach, was er getan hat. An manchen Tagen schaut er Filme. An manchen Tagen verzweifelt er. Tür auf, Tür zu, das bestimmt nun seinen Alltag. Er ist gefangen, er kann nicht selbst entscheiden, wann er an die frische Luft geht, mit wem er redet, wann er isst, wann er Sport macht. Viele Stunden am Tag schaut Samir auf eine glatte weiße Metalltür. Einer, der vor ihm hier saß, hat mit einem schwarzen Edding eine Türklinke aufgemalt.

Im Jugendvollzug der JVA Bremen ist Platz für 45 junge Männer, im Jahr 2016 sitzen hier zwischen 30 und 42 ihre Strafe ab. Samir ist einer von ihnen. Samir heißt in Wirklichkeit anders, er soll anonym bleiben. Er hat, wie alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen hier, sein Leben noch vor sich. Das soll nicht belastet sein von dem, was er getan hat. Es sollen nicht alle wissen, wie der junge Mann heißt, den im Sommer 2015 SEK-Beamte in der Wohnung seiner Eltern in Kattenturm verhafteten. Früh am Morgen stürmten sie mit einem Durchsuchungsbefehl die Wohnung, er schlief noch. Genauso wie seine Eltern, seine Großmutter, die gerade zu Besuch war, und seine vier jüngeren Geschwister.

Es ist Anfang März 2016, Samir sitzt im Besucherraum 1 der JVA und erzählt von diesem Morgen. Der Raum ist gelb gestrichen, an der Wand hängen zwei Bilder, vielleicht sollen sie die Toskana zeigen. Es ist eine Terrasse zu sehen, ein gelbes Haus, blauer Himmel, Sonnenschirme. Samir trägt Jeans, ein weinrotes T-Shirt, eine schwarze Trainingsjacke mit blauen Streifen. Seine Augen sind braun, die glatten schwarzen Haare trägt er kurz, an den Seiten sind sie noch kürzer geschoren. Der Bart ist sorgfältig gestutzt, er bedeckt Kinn und Wangen.

Samirs Verhaftung liegt zum Zeitpunkt dieses ersten Gesprächs mehr als ein halbes Jahr zurück, aber als er davon spricht, wird seine Stimme lauter, er spricht schneller, wird wütend. Seine Oma bekam vor Schreck kaum Luft, sagt er, seine Geschwister schrien, sein Vater auch. Erst als die SEK-Beamten sagten, sie würden ihn auch gleich mitnehmen, beruhigte sich der Vater. „Ich kenn‘ das nur aus dem Fernsehen. Das ist schon heftig, das am eigenen Leib zu spüren“, sagt Samir.

Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zu diesem Zeitpunkt schon zwei Ermittlungsakten angelegt. Sie hatten die Bilder von Videokameras ausgewertet. Polizisten glaubten, Samir zu erkennen, sie hatten die Position seines Handys zur Tatzeit ermittelt. An diesem Morgen suchten sie nach Beweisen. Nach der Kleidung, die der Täter trug. Nach verschiedenen Jogginghosen, nach Trainingsjacken, nach Schuhen, nach der Waffe. Sie ist der Grund, warum die Ermittler mit einem Sondereinsatzkommando kamen: weil Samir bei dem, was er getan hat, eine Waffe dabei hatte. Und weil sie mit Widerstand rechneten.

Für fast jede fünfte Straftat in Deutschland verdächtigt die Polizei einen Jugendlichen oder einen Heranwachsenden bis 21 Jahre. Rund 171 000 jugendliche und 180 000 heranwachsende Tatverdächtige listet die Polizeiliche Kriminalstatistik 2015 für ganz Deutschland auf. Für die Stadt Bremen zählte die Statistik rund 1800 jugendliche und rund 2200 heranwachsende Tatverdächtige. Bremen liegt damit leicht über dem Bundesdurchschnitt. In beiden Fällen sind ausländerrechtliche Verstöße nicht berücksichtigt, darunter fallen zum Beispiel unerlaubte Einreise und unerlaubter Aufenthalt in Deutschland.

Jugendgewalt ist vor allem ein Problem der Männer: In beiden Altersgruppen sind vier von fünf Tatverdächtigen männlich. Die Hälfte der Intensivtäter in Bremen hat einen türkischen oder kurdisch-libanesischen Migrationshintergrund.

Samir ist einer von ihnen. Als er mit 18 zum ersten Mal im Gefängnis landet, ist der Ort nicht neu für ihn. Sein Bruder saß schon dort, sein Vater auch. Nun also auch er. Die SEK-Beamten nahmen ihn an dem Morgen im Sommer 2015 mit. Er wurde dem Haftrichter vorgeführt, gesagt hat er nichts. Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll stellte einen Haftbefehl aus, Samir war dringend tatverdächtig, und der Richter hielt die Gefahr für groß, dass er weiter ähnliche Taten begeht. Und er ist der Meinung: „Wer so etwas gemacht hat, der darf abends nicht bei Mama und Papa sein.“ 

So etwas – diese Taten, die so viel schlimmer sind als all das, was er vorher getan hat.

„Viele sagen, sie hätten mir das nie zugetraut. Du bist doch so ein ganz ruhiger, ganz friedlicher Mensch. Ich seh‘ dich immer lächeln, nie traurig. Selbst wenn du mal Schläge von deinem Vater bekommen hast, du hast hinterher gelacht. Ich bin mit einem Lächeln auf die Welt gekommen. Meine Mutter hat immer gesagt, lächle, sei nie traurig. Meine Mutter lächelt auch immer, das hab‘ ich von ihr. Wenn wir uns sehen, lächeln wir. Im Gegensatz zu meinem Papa.“

Auf den Vollzugsplan, den er später in der JVA bekommt, hat jemand zwei Kreuzchen gemacht: bei Erstinhaftierter und Intensivtäter. Es ist das erste Mal, dass Samir ins Gefängnis muss, aber nicht das erste Mal, dass er vor einem Gericht stand. Doch die Male davor gab es Sozialstunden oder das Verfahren wurde eingestellt. Der Jugendrichter sagt: „Die Taten davor sind nicht im Ansatz mit dem vergleichbar, was im Sommer 2015 passiert ist.“

Nachdem er dem Jugendrichter gegenüber saß, bringen ihn die Beamten in die JVA, in die unterste Etage im Haus 3, Untersuchungshaft. Samir weiß nicht, was ihn erwartet, wie lange er dort bleiben muss. Er weiß nicht, wann er seine Eltern wiedersieht, seine Geschwister, seine Freundin. Im Jogginganzug sitzt er in der Zelle, auf den drei Etagen über ihm sitzen die Jugendlichen, die ihren Prozess bereits hinter sich haben, die verurteilt wurden zu einer Jugendstrafe. Dass er dort später auch sitzen wird, dass er Stunden am Fenster verbringen wird, redend und rauchend, die Mauer immer im Blick, das weiß er da noch nicht. 

„Ich bin gegen 18 Uhr hier hingekommen. Da waren ein paar Insassen auf dem Flur, die haben geguckt. Wer ist das? Was hat der gemacht? Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf. Wo bin ich hier gelandet? Als ich die Zelle gesehen habe, habe ich gedacht: Oh mein Gott, was ist das hier? Toilette, Bett, alles was man in einer Wohnung hat, ist in einem Zimmer, in einer Zelle. Und dann wird einem klar, was man angestellt hat. Man überlegt, wie geht es weiter. Ich bin jetzt in einem Raum, der ist acht Quadratmeter groß. Ein Bett, ein Schrank, ein Waschbecken. Und dann die Leute. Was sind das für Leute?“

Mit 14 hatte Samir seine ersten beiden Anzeigen wegen Sachbeschädigung bekommen, danach: Bedrohung, Beleidigung, gefährliche Körperverletzung, versuchte Nötigung, Hausfriedensbruch. Mit 17 noch einmal eine Anzeige wegen versuchter Anstiftung zur Körperverletzung, Sozialstunden, dann erst mal nichts. 15 Monate später stand er mit einer Maske über dem Kopf und einer Waffe in der Hand in einer Spielothek in der Neustadt und brüllte: „Geld her!“ 

Samir ist in Bremen geboren, sein Vater ist Libanese, seine Mutter Türkin, sie leben von Sozialleistungen. In der Familie sprechen sie Arabisch, aber die Länder seiner Eltern kennt Samir nur aus Erzählungen. Er liebt das libanesische Brot, das hat viel Geschmack und macht satt, nicht wie das Toastbrot hier im Knast, sagt er. Er hat sechs Geschwister, zwei sind älter als er, vier sind jünger, die liebt er auch.

Samir liebt seine Familie, vor allem seine Mutter, ihr vertraut er alles an. Er sagt, seine Eltern haben seinen Geschwistern und ihm Respekt und Anstand beigebracht. „Das, was aus uns geworden ist, das liegt an uns.“ Er weiß, dass er seine Mutter enttäuscht hat, mit dem, was er getan hat. Und doch hat es ihn nicht davon abgehalten. Er liebt seine Familie und doch hat sie ihn nicht so gefestigt, dass er sich an die Regeln der Gesellschaft hält. Wenn er selbst Kinder hat, dann will er aus Kattenturm wegziehen, sagt er. „Bei meinen Kindern will ich alles richtig machen, was bei mir falsch gelaufen ist.“

Der Wohnblock, in dem er mit seiner Familie lebt, ist kein Hochhaus. Er sieht freundlich aus, ist in hellen Farben gestrichen. Neben dem Haus steht eine Rutsche, Müttergrüppchen schieben Kinderwagen über die Wege, Hunde ziehen ihre Besitzer von Ecke zu Ecke. Wenn es regnet, sieht die Gegend trist aus. Wenn die Sonne scheint, fallen die Sonnenschirme auf, die pinken Petunien, die bunte Wäsche, die auf den Balkonen trocknet.

Kattenturm ist einer der Ortsteile Bremens, die immer am falschen Ende der Statistik stehen. Bei der Wahlbeteiligung mit zuletzt knapp 40 Prozent am unteren Ende, bei der Arbeitslosigkeit (18,4 Prozent) und beim Anteil der Hartz-IV-Empfänger (28,2 Prozent) oben. Mehr als 40 Prozent der Kinder unter 15 Jahren leben in einem Haushalt, in dem die Eltern Hartz IV bekommen. Jeder zweite, der in Kattenturm lebt, hat einen Migrationshintergrund. Bremenweit ist es jeder dritte. Das Armutsrisiko in Kattenturm ist höher, das mittlere steuerpflichtige Einkommen mit 16000 Euro im Jahr niedriger als durchschnittlich in der Stadt Bremen.

Samir ist einer von denen, für die manche schon viel früher viel härtere Strafen fordern. Wenn ihn einer beleidigt hat, ist er auf ihn losgegangen. „Diese Wut kann ich nicht kontrollieren“, sagt er. Mit neun hat er gemeinsam mit seinen Freunden angefangen, in der Schule andere Kinder zu ärgern, mit elf hat er Süßigkeiten geklaut, mit 13 anderen Kindern ihr Geld weggenommen. Kleingeld machen, so nennt er das. Dann lernte er neue Leute kennen, jünger als er. „Die haben schon Einbrüche gemacht, als ich noch Fahrräder geklaut hab“, sagt er. Sie freundeten sich an, waren zusammen unterwegs. Sie haben andere bedroht, Handys geklaut, Uhren und Schmuck, um das Zeug zu verkaufen, das Geld war schnell wieder weg, für Klamotten oder Pizza und Döner essen mit den Freunden. Je älter er wurde, desto schwerer wurden die Straftaten, irgendwann sind sie in Supermärkte eingebrochen. Und dann fing einer an, von Überfällen auf Spielotheken zu reden.

„Ich hab‘ am Anfang gesagt: Nein. Und dann bin ich sogar derjenige, der sich verleiten ließ, der es gemacht hat. Reingegangen, geschrien, Geld her und so. Die Person war in Panik, natürlich, wusste nicht, was sie machen sollte, hat angefangen, bisschen zu schreien. Und dann hektisch Geld rausgegeben, und dann war ich schon weg. Es geht ganz schnell. Weil die Leute kriegen Angst. Die wissen nicht, echte oder nicht echte Waffe. Die wollen nicht ihr Leben riskieren für ein paar hundert Euro.“

Drei Frauen und einen Mann hat er überfallen. „In dem Moment, wo Menschen überfallen werden, wo eine Waffe auf sie gerichtet wird, haben sie Todesängste. Für sie ist das eine echte Waffe“, sagt Magaret Hoffmann. Die Rechtsanwältin berät bei der Organisation Weißer Ring Opfer von Gewalttaten, und sie weiß: „Diese Ängste gehen so schnell nicht mehr weg. Die seelischen Wunden heilen schlecht.“ Wenn jemand zu ihr kommt, der bedroht oder überfallen wurde, dann hört sie vor allem zu. Die meisten wollen reden, erzählen, was die Tat mit ihnen gemacht hat, auch wenn sie vielleicht nur Sekunden dauerte.

In einer Nacht im Sommer 2015 klingelt ein Freund von Samir an der Tür einer Spielothek. Eine Mitarbeiterin öffnet, Samir stellt seinen Fuß in die Tür, er trägt eine Maske über dem Gesicht, in der Hand hält er eine Waffe. Er fordert Geld, die Mitarbeiterin gibt ihm rund 2000 Euro, packt es in die Plastiktüte, die er dabei hat. Dann rennt Samir weg.

„Da war so Adrenalin. Ein komisches Gefühl, wenn man das noch nie gemacht hat. Wie ein Kick. Man hat nicht genug bekommen davon, wie eine Sucht. Man hat es einmal gemacht, und dann fragt man sich: Macht man das noch mal?“

Fast einen Monat später, wieder nachts, zieht Samir seine Maske über, läuft mit gezogener Waffe in einen Bus, hält der Fahrerin die Waffe an den Kopf und fordert Geld. Der Überfall dauert vier Sekunden, dann rennt Samir aus dem Bus. Mit 150 Euro.

Fünf Tage später überfällt Samir wieder einen Bus. Wieder hält er der Busfahrerin die Waffe an den Kopf, wieder fordert er Geld. In der Geldtasche, die sie ihm gibt, sind nur fünf Euro. Den Rest hat sie vorher rausgenommen.

Fünf Euro Beute – Samir ist wütend und enttäuscht. Und überfällt einen Tag später noch einmal eine Spielothek. Es ist sein vierter Überfall. Samir klingelt an der Tür. Als ihn der Mitarbeiter hineinlässt, zieht er seine Maske über, zieht die Waffe und ruft: „Gib mir Geld, du Wichser!“ Der Mitarbeiter flieht, Samir nimmt sich 500 Euro aus der Kasse und ein Handy. Dann rennt er davon.

Die Waffe, die er seinen Opfern an den Kopf hielt, war eine Schreckschusswaffe. Ein Laie erkennt den Unterschied nicht. Eine echte Waffe, sagt Samir, hätte er nie genommen.

In Samirs Urteil steht, dass die Mitarbeiterin der Spielothek nach dem Überfall nicht mehr schlafen konnte. Zwei Wochen war sie krankgeschrieben, danach war sie nicht mehr in der Lage, Spätdienste zu übernehmen, ihr wurde gekündigt. Eine Busfahrerin war nach dem Überfall in therapeutischer Behandlung, sie konnte nicht mehr arbeiten, litt an Angstzuständen, auch sie konnte nicht mehr schlafen. Einige Wochen lang traute sie sich nicht aus dem Haus. Die zweite Busfahrerin war sechs Wochen krankgeschrieben und wurde therapeutisch betreut. Sie arbeitet wieder, übernimmt aber keine Nachtschichten mehr. Auch der Mitarbeiter der Spielothek, das Opfer des vierten Überfalls, litt an Schlafstörungen und vermied es, Spätschichten zu übernehmen.

Hat Samir Mitleid mit ihnen? Bereut er, was er getan hat? Wenn er von der Verhandlung spricht und erzählt, wie die Frauen ausgesagt haben, dann wird er wütend, seine Stimme laut. Er sagt, er wollte sich eigentlich entschuldigen, aber als sie dann ihre Aussage machten, da hätten sie so übertrieben, danach wollte er sich dann doch nicht mehr entschuldigen. „Ich bin seit sechs Monaten in Behandlung, kann nicht arbeiten“, macht er eine Frau nach und fragt: „Wollt ihr mich verarschen?“ Seine Stimme ist jetzt laut, er erzählt, was er damals im Gericht dachte: „Ihr redet und redet und redet, tut so, als ob ich die Leute misshandelt hätte. Dabei war ich nur Minuten drin. Ich hab‘ die nicht angefasst, ihnen wehgetan, gar nichts. Geld, und weg war ich.“

Als die Staatsanwaltschaft in der Gerichtsverhandlung im Januar 2016 drei Jahre und sechs Monate Haft fordert, erschrickt Samir. „Da bin ich erst mal gar nicht drauf klargekommen“, sagt er. Da hatte er schon fünf Monate in U-Haft gesessen, hatte sich bemüht, sich ruhig zu verhalten, hatte einen Job als Hausarbeiter angenommen, morgens, mittags und abends Essen an die anderen Häftlinge verteilt, Küche und Dusche geputzt, den Müll weggeräumt.

Er bekam dann ein Jahr weniger, als die Staatsanwaltschaft forderte: zwei Jahre und sechs Monate. Doch auch das war viel mehr, als er erwartet hatte. Eine hohe Strafe, und sie wird nicht zur Bewährung ausgesetzt. Das ist selten: Im Jahr 2015 setzten die Jugendrichter 48 von 59 Freiheitsstrafen für Jugendliche und Heranwachsende zur Bewährung aus. Das heißt, die Täter mussten erst einmal nicht ins Gefängnis.

Samir sagt, als er gehört habe, was für eine hohe Strafe er bekommt, da habe es Klick gemacht, da habe er verstanden, was er gemacht habe.

Vor allem aber hat er wohl verstanden, dass er noch Monate im Gefängnis verbringen wird.

Rein - DRINNEN - Raus

Wenn einer auf der Station Mist baut, zahlen alle dafür. Dann gehen die Zellentüren später auf und früher wieder zu. Die Gefangenen müssen mehr Zeit alleine verbringen, alleine auf ihren acht Quadratmetern. Samir sagt, wenn einer Mist gebaut hat, dann sind die Beamten schlecht drauf, die Stimmung ist schlecht. Eigentlich hat hier also keiner Lust auf Stress. Und trotzdem gibt es den oft.

Samir hatte sich vorgenommen, sich gut zu benehmen, alles richtig zu machen, klarzukommen. Klarkommen. Dieses Wort benutzt er oft. In seinem Leben geht es im Moment nur darum: klarkommen mit dem Knast, mit den anderen Gefangenen, mit den Beamten. Klarkommen, nicht wieder Mist bauen, rauskommen. Zumindest für ein paar Stunden, für die Ausgänge. Das ist das große Ziel, schon im März 2016 spricht er davon, was er draußen machen will. Dass er Pizza essen, mit der Familie zusammensitzen und mit seinen Geschwistern spazieren gehen will.

„Ich will hier drin mit niemandem streiten, ich will meine Strafe absitzen, ich will hier raus, will meine Familie und Freunde sehen“, sagt Samir. Aber der eine Typ, der hat ihn so lange genervt, wollte Tabak von ihm, hat ihn beleidigt. „Da bin ich ausgerastet.“ Es ist nicht das einzige Mal.

Wenn einer regelmäßig ausrastet, dann erfährt Gesa Lürßen das. Seit 2012 leitet sie den Jugendvollzug. Sie hat blonde Locken, meist steckt eine Brille in den Haaren. Sie liebt ihren Beruf, sie mag Gefängnisse. Sie arbeitet hier gerne, weil es ihr wichtig ist, dass auch im Gefängnis die Menschenwürde gewahrt wird. Dass die Gefangenen ordentlich behandelt werden. „Die Menschen, die hier arbeiten, erfüllen einen extrem wichtigen gesellschaftlichen Auftrag. Wer will sich denn sonst mit diesen Menschen beschäftigen?“, fragt sie.

Die wichtigste Aufgabe im Jugendvollzug, sagt sie, sei es, den jungen Männern eine Tagesstruktur zu geben. „Viele lebten vorher in den Tag hinein, die sind morgens nicht aufgestanden, um in die Schule zu gehen.“ Wenn sie aufstanden, dann um sich auf Spielplätzen mit Freunden zu treffen, in Spielotheken zu zocken, bei Bekannten in den Wohnungen abzuhängen. Hier gehen sie zur Schule oder arbeiten. In einem Betrieb sollen die jungen Männer lernen, regelmäßig zu arbeiten. Sie bauen einfache Dinge aus Holz oder malen.

Gesa Lürßen arbeitet seit 18 Jahren im Gefängnis, sie kennt die Geschichten, sie weiß, wie kriminelle Lebensläufe beginnen. „Die Jugendlichen haben häufig einen viel zu hohen Lebensstandard, sie konsumieren alle sehr gern. Gerne Markenartikel, viele Technikgeräte, Partys bis in die Nacht, das kostet Geld. Und wer nicht arbeitet, hat kein Geld. Wenn sie dann auch noch Drogen konsumieren, was viele von ihnen tun, in der Regel Cannabis, dann reicht das nicht. Und dann geht’s los mit den entsprechenden Raubüberfällen und Wohnungseinbrüchen.“

Im Gefängnis will sie den jungen Männern beibringen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Sie sollen die Schuld für das, was sie getan haben, nicht abschieben auf andere. Und nebenbei bringen die Beamten den jungen Männern noch bei, wie man eine Klobürste benutzt, wie sie ihre Zelle saubermachen und dass man Bettdecken und Kopfkissen mit Bettwäsche bezieht. „Die jungen Männer haben häufig nicht mal die einfachsten Dinge drauf. Alles, was wir darüber hinaus schaffen, ist gut“, sagt Gesa Lürßen.

Handys, Drogen und Alkohol sind im Gefängnis verboten. Doch auch wenn jeder Besucher durchsucht wird: Im Gefängnis gibt es alles. „Es gibt eine Subkultur hier, wir können gar nicht so viel überwachen, dass wir immer wissen, was sie aushecken“, sagt Gesa Lürßen.

Einer der Höhepunkte im Gefängnisalltag ist der Einkauf: Für 100 Euro darf Samir jeden Monat einkaufen. Die jungen Männer verdienen Geld, wenn sie arbeiten oder zur Schule gehen. Sie kreuzen das, was sie wollen, auf einer Liste an, der Supermarkt liefert es ins Gefängnis. Samir kauft tief gekühlte Hähnchen, Süßigkeiten, Deo und Haargel. Später, als er einen Kühlschrank in seiner Zelle hat, kauft er auch Margarine, Erdbeermarmelade und Zaziki.

Eine Jugendstrafe dient der Erziehung, das sieht das Gesetz so vor. Wenn die jungen Männer sich nicht benehmen, dann bestrafen die Beamten sie ähnlich, wie manche Eltern ihre Kinder. Sie bekommen Stubenarrest, dürfen nicht fernsehen, statt Taschengeldentzug gibt es eine Einkaufssperre. Und das steht dann auch im Vollzugsplan, einer Vereinbarung zwischen JVA und Insassen. Darin steht, wie Samir sich in der Haft verhält, welche Ziele er hat, ob er arbeitet oder zur Schule geht und unter welchen Bedingungen er Ausgang bekommt.

Abends stehen die Gefangenen am Fenster ihrer Zelle, reden und rauchen. Wenn Samir den Stuhl vor das Fenster zieht und sich drauf stellt, dann sieht er ein Stück Himmel, die Möwen, die vorbeifliegen, die Mauer aus Beton und Stacheldraht. Oft ist es laut, sie rufen von Fenster zu Fenster, viele sprechen Arabisch, nur ein Drittel der jungen Männer im Jugendvollzug sind Deutsche.

Was ist schlimmer, die Tage oder die Nächte? „Die Tage. Die Nächte, da sitzt du am Fenster, wenn du müde bist, schläfst du ein. Die Tage vergehen langsam. Die Nacht ist eigentlich besser. Außer im Sommer, da sind beide Zeiten schlimm. Abends kann man nicht schlafen, wegen der Hitze. Und nachmittags: Man ist eingeschlossen. In Freiheit könnte man schön raus, bei schönem Wetter will man länger als 'ne Stunde draußen bleiben, die ganze Nacht, man könnte sogar draußen schlafen.“

Das Wichtigste, sagt Samir, sind der Fernseher, der DVD-Player und das Radio. Das alles können die Gefangenen ausleihen: 7,50 Euro kostet ein Fernseher im Monat, drei Euro der DVD-Player, zwei Euro das Radio. Wer Mist baut, muss die Geräte abgeben. Je nachdem, was er getan hat, für Tage oder Wochen. Neulich haben sie ihm das Radio weggenommen, der Fernseher war schon weg. Das Radio, weil er zu spät zur Schule kam. Den Fernseher, weil sie bei ihm zwei Handys gefunden haben. Davor war er auch schon mal weg, wegen einer Schlägerei. Warum er zwei Handys hatte? „Man hat ja hier Freunde. Wenn ich essen gehe, hol‘ ich ja auch nicht nur für mich einen Döner. Dann hol‘ ich für ihn auch einen, ist ja wohl klar.“

Aus der Zeit ohne Fernseher stammt das Bild, das Samir mit Kugelschreiber auf seine Zellenwand gemalt hat. Ein Haus, ein Baum, Strichmännchen: eine Frau und ein Mann, die Händchen halten, vier Kinder, eine Katze. Drunter hat einer geschrieben: „Wenn ich rauskomme, ficke ich Deutschland.“ „Von mir ist nur das Haus“, sagt er. Über sein Bett hat Samir noch ein Bild gehängt: zwei Pferde, in der linken Ecke eine gelbe Sonne mit Strahlen, so wie Kinder sie oft malen. Das Bild ist von ihm.

Samir trägt beide Seiten in sich, die freundliche, verbindliche – und die aggressive, unkontrollierte. Er malt eine glückliche Familie, wenige Monate vorher hat er Menschen eine Waffe an den Kopf gehalten.

An einem Abend gibt es Ärger: Samir sagt, ein anderer Gefangener beleidigte erst ihn, dann seine Familie. Da flippte er aus, er warf seinen Stuhl gegen die Tür, warf das Bett um, schrie, bis ein Beamter kam und ihn beruhigte. „Hätt‘ ich den in die Finger gekriegt, ich hätte den ehrlich kaputtgeschlagen. Ich will das zwar nicht, aber in dem Moment war ich so sauer.“ In seinem Vollzugsplan steht, dass Samir „über ungenügende Konfliktlösungsstrategien verfügt“.

Daniel Magel will den jungen Männern helfen, ihre Konflikte anders zu lösen. Ihre Aggressionen anders abzubauen, ihre Wut in etwas Positives umzuwandeln – Powerliegestütze statt Stühle zerschmettern. „Der Starke bleibt ruhig“, sagt er ihnen wieder und wieder. Der 34-Jährige ist Sportpädagoge, vor ein paar Jahren hat er die Initiative Hoodtraining gegründet, mehrmals die Woche trainiert er ehrenamtlich mit Jungs aus Problemvierteln. Und vier Mal die Woche trainiert er mit den Jungs im Gefängnis.

Es ist zehn Uhr morgens, Daniel Magel klopft an Samirs Zellentür, ruft: „Komm raus!“ Dann lacht er und schließt die Tür auf, Samir lacht auch, die beiden begrüßen sich mit Handschlag, wie es Jugendliche auf der Straße tun. Daniel Magel läuft den langen Gang entlang, sperrt mehrere Türen auf. Viele sind in der Schule oder in der Arbeit. Die Gefangenen, die nichts zu tun haben, die fragt er, ob sie Lust auf Sport haben. Manche sagen Ja, manche Nein.

Zusammen laufen sie zum Sportraum, der sieht mit seinen hohen Fenstern aus wie eine Kirche, an einer Wand hängt eine Jesusfigur am Kreuz, abgedeckt von einem weißen Leintuch. Die Hälfte des Raums ist mit blauen Matten ausgelegt, mehrere Gerüste mit Reckstangen und Barren sind aufgebaut. Alle ziehen ihre Turnschuhe aus, Daniel Magel dreht den Ghettoblaster auf, Hip-Hop dröhnt durch den Raum. Er brüllt Kommandos und macht es vor: im Kreis laufen, Kniebeugen, Sit-ups. Die jungen Männer sind ruhig, wenn er redet; sie tun, was er sagt. Er erklärt ihnen, wie sie einen Hampelmann machen: die Arme nach unten, wenn die Beine zusammen sind. Was die meisten Kinder schon können, ist für einige hier neu.

Zweiter Teil des Trainings. Sieben junge Männer stehen vor den Reckstangen, auf Daniel Magels Kommando springen sie hoch und machen Klimmzüge, er zählt laut mit. Neulich haben sie einen Wettkampf gemacht, wer die meisten Klimmzüge schafft. Samir hat zwölf Stück geschafft. Ein anderer 13, deshalb gewann der den Kapuzenpulli mit dem Hoodtraining-Logo. Als Samir zum ersten Mal mit Daniel Magel trainiert hat, schaffte er keinen einzigen.

„Wenn sie trainieren und irgendwann fünf schaffen, zehn, zwanzig, dann sehen sie: Ich habe Erfolg, ich kann was schaffen“, sagt Daniel Magel. „Da wird Dopamin in der Birne ausgeschüttet, das bedeutet Glück. Ich bring den Jungs Glück in den Knast.“ Daniel Magel will den jungen Männern Erfolgserlebnisse schenken. Ihnen zeigen, dass sie etwas erreichen können, wenn sie dafür kämpfen. Und zwar nicht nur im Sport. „Wenn einer von denen nicht wieder hier landet, dann hast du‘s geschafft“, sagt er.

Für Samir ist Daniel Magel ein Vertrauter geworden. „Seitdem er täglich zu mir kommt, ist der Alltag leichter. Ich habe Ablenkung, wir machen Sport, wir quatschen, hören Musik. Ich sitz‘ nicht den ganzen Tag nur auf Zelle.“ Sie reden viel, Samir sagt, wenn er wieder draußen ist, dann will er bei Daniel Magels Projekt mitmachen, weiter trainieren. Es ist einer dieser Vorsätze, die er im Gefängnis fasst, die er in dem Moment vielleicht wirklich so meint. Die aber ihre Kraft verlieren, als er dann draußen ist.

Daniel Magel hilft ihm, erzählt Samir. Und wenn er erzählt, dass jemand ihm hilft, dann erzählt er immer, dass er ihm auch hilft. Er hat immer den Sozialarbeitern von Vaja geholfen, wenn die Projekte machten, er kennt sie seit vielen Jahren; er hilft seiner Mutter. Und Daniel hilft er zum Beispiel beim Tragen. Wenn Samir von der Zeit draußen spricht, davon, was er machen will, wenn er wieder frei ist, dann sagt er, dass er allen helfen will, die ihm während seiner Gefängniszeit geholfen haben. Als er dann draußen ist, spricht er davon, dass er erst mal chillen will, relaxen.

Samir ist 19 Jahre alt, er war auf vielen Schulen, einen Schulabschluss aber hat er nicht. Er hat ihn nicht geschafft, kam immer wieder zu spät, mal fünf Minuten, mal zwei Stunden, wechselte oft die Schule. Früh aufstehen konnte er nie, auch wenn ihn seine Mutter jeden Morgen weckte. Wenn er auf dem Weg Freunde getroffen hat, dann haben sie getrödelt, sind was essen gegangen oder in die Spielothek, zum Zocken. „Ich bin zwar jeden Tag hingegangen, hab‘ aber nicht aufgepasst. Ich hab‘ meinen Abschluss nicht geschafft, weil ich nie zugehört und nie gelernt hab‘. Die haben gesagt, du bist nicht bereit für den Abschluss, weil du kannst ja nichts. Das war das Problem. Hätte ich das von Anfang an durchgezogen, hätte ich den auf jeden Fall.“

Hier drinnen will er es durchziehen, hier drinnen hat er nichts Besseres zu tun. Da kann er auch zur Schule gehen. Am 1. April geht es los, drei Monate Elementarkurs, der soll auf den Hauptschulabschluss vorbereiten. Schwarzfahrer, Dealer und Mörder – in den Gefängnisklassen sitzen die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Was sie verbindet: Von ihrer Schulzeit haben die meisten wenig mitbekommen. Etwa die Hälfte hat keinen Schulabschluss.

Mitte April 2016, erste Stunde, Deutsch. Sieben junge Männer sitzen im Klassenraum, einer ist Samir. Hausaufgabe war es, neun Sätze zu schreiben. Ein Schüler soll einen Satz an die Tafel schreiben, er geht vor und schreibt: „Wir verbringen Zeit in der Schule“

Die Lehrerin fragt: „Was fehlt?“ Keiner hat eine Idee. Das Satzzeichen, sagt sie, und fragt den Schüler, der vorne steht, was das ist. „Weiß ich nicht.“ „Ein Punkt.“ Samir ruft: „Komma, Fragezeichen.“ Danach diskutiert die Klasse, wo in diesem Satz das Tuwort steht, und darüber, welche Wörter groß und welche kleingeschrieben werden. Am Ende erklärt sie: „Was ich anfassen kann, schreibe ich groß.“ Samir liest einen Satz vor: „Ich liebe es zu puzzeln.“ Dann fragt er: „Bei puzzeln, das p klein oder groß?“ „Klein.“ „Dankeschön.“

Die meisten, die in diesem Raum sitzen, sind nie regelmäßig zur Schule gegangen. Schon einfache Sätze zu bilden, überfordert manche von ihnen; sie richtig zu schreiben, überfordert fast alle. Auch wenn sie mit der deutschen Sprache groß geworden sind. Bildung, heißt es immer, ist der Schlüssel für Erfolg, für ein gutes Leben. Wer als Jugendlicher im Gefängnis landet, der hat davon meist wenig abbekommen.

Samir sitzt in Jogginghose und Turnschuhen am Platz, in der Hand dreht er den Schlüssel zu seiner Zelle hin und her. Die Beamten bestimmen, wann die Tür auf ist. Wann sie zu ist, können die Gefangenen mitbestimmen. Am Nachmittag sperren die Beamten die Zellentüren auf, die jungen Männer können sich auf dem Flur unterhalten, andere in ihren Zellen besuchen. Mit dem Schlüssel kann Samir seine Tür absperren, damit kein anderer hineinkommt. Nur die Beamten können immer hinein. Vielleicht trägt Samir deshalb ständig seinen Schlüssel bei sich, dreht ihn zwischen den Fingern, klappert mit ihm. Weil dieser Schlüssel ein wenig Selbstbestimmung ermöglicht.

Mitte Juni, ein anderer Schultag, ein anderer Lehrer: Die Schüler besprechen einen Text und beantworten Fragen dazu. Es geht um einen Bodybuilder, der jahrelang Medikamente genommen hat, um seine Muskeln aufzubauen und jetzt gesundheitliche Probleme hat. Die Schüler sollen ihre Meinung dazu formulieren. Einer liest vor: „Lieber schwach sein als krank sein.“ Als er fertig ist, steht er auf und ruft: „Yeah.“ „Ja, das war gut“, sagt der Lehrer. „Aber setzen Sie sich noch mal hin, bis die anderen vorgelesen haben.“

Die Gefängnis-Schule soll die jungen Männer auf die Schule draußen vorbereiten. Ein Schulabschluss kann ihnen helfen, ein anderes Leben zu führen, – eines, in dem sie keine Straftaten begehen. Im Juni erfährt Samir, dass die Erwachsenenschule seine Bewerbung angenommen hat. Es ist der erste Schritt in die Freiheit: Ab dem nächsten Schuljahr darf er die Schule draußen besuchen, er darf jeden Tag raus, muss nach dem Unterricht aber wieder zurück in die JVA. An der Erwachsenenschule soll er den Hauptschulabschluss machen.

Doch noch hat er ein paar Wochen Schule im Gefängnis vor sich. Um halb zwölf ist Mittagspause. Samir holt seinen Teller aus dem Schrank in seiner Zelle, geht eine Treppe nach unten, dort geben Gefangene das Essen aus. An diesem Tag gibt es Kartoffeln, Gemüse und Frikadellen. Mit dem vollen Teller geht er zurück in seine Zelle, ein Beamter sperrt die Tür zu. Gegessen wird alleine. Noch. Ende Juni 2016 zieht der Jugendvollzug um, in Haus 4, das mehrere Jahre renoviert wurde. Dort sind die Zellen größer, die Toilette ist in einem Nebenraum, und auf jeder der drei Stationen gibt es einen Gemeinschaftsraum. Dort sollen die Gefangenen gemeinsam essen. Sie haben dort auch jeder einen kleinen Kühlschrank im Zimmer, und sie können selbst kochen.

Samir freut sich darauf. Das JVA-Essen ist bei den jungen Männern dauernd Thema: Ihrer Meinung nach gibt es zu wenig, der Eintopf schmeckt nicht. Wursteinlage, was soll das überhaupt sein? Als es dann wenige Wochen später soweit ist und sie eine Küche haben, kochen sie meistens Nudeln. Mal mit Thunfisch, mal mit Sahne und Paprika. Das ist billig, man muss nicht viel einkaufen, und es geht schnell.

Mit dem Brot, das in einer großen grauen Kiste neben der Essensausgabe steht, füttern die jungen Männer die Möwen, die über den Backsteingebäuden kreisen und auf der Gefängnismauer sitzen. „Und morgen heißt es wieder, es gibt zu wenig zu essen“, sagt Gesa Lürßen. Sie lächelt nachsichtig, als sie das sagt. So lächelt sie oft.

Viele der Gefangenen sieht sie wieder. Manche sind dann nicht mehr bei ihr im Jugendvollzug, sondern bei den Erwachsenen. Wenn die zierliche Frau mit den blonden Locken über das Gelände läuft, dann winken sie ihr manchmal aus den Fenstern zu und rufen: „Frau Lürßen, ich bin wieder da!“ Sie lächelt, als sie das erzählt, und zuckt mit den Schultern. Hat sie in solchen Fällen das Gefühl, versagt zu haben? Nein, sagt sie. „Wenn ich das hätte, dann müsste ich ja verzweifeln.“ Und verzweifelt ist sie nicht.

Den jungen Männern gehe es nach ihrer Zeit im Gefängnis besser als vorher, sagt Gesa Lürßen. Sie sind gesünder, sind zumindest eine Zeit lang zur Schule gegangen, haben einen normalen Tagesablauf kennengelernt. Macht das Gefängnis bessere Menschen aus ihnen? „Die Jungs können nur selber aus sich bessere Menschen machen. Wir können sie nur unterstützen“, sagt sie. „Und wenn alles nichts bringt, dann haben wir in der Zeit wenigstens die Bürger vor ihnen beschützt.“ Zum Glück zwingen können sie auch im Gefängnis niemanden.

Samir hat große Vorsätze. Er sagt, er sei nicht mehr der gleiche wie damals, als er die Spielotheken und die Busfahrerinnen überfallen hat. „Ich hab‘ mir vorgenommen, wenn ich noch mal die Chance bekommen sollte, dann gehe ich auf jeden Fall zur Schule, regelmäßig, pünktlich. Das, was ich vorher falsch gemacht habe, mache ich richtig. Mit Familie und Freunden besser verstehen. Und nicht mehr mit denen loszuziehen, um Scheiße zu bauen, sondern um mit denen was Sinnvolles zu machen. Nicht: Komm, lass uns Scheiße bauen! Sondern: Komm, lass uns Arbeit suchen!“ Wer will er sein? „Das Gegenteil von dem, was ich war.“

Rein - Drinnen - RAUS

Das Jahr 2017 beginnt für Samir in Freiheit. Silvester feierte er mit zwei Freunden in einem Club an der niederländischen Grenze. Seinen 20. Geburtstag verbrachte er mit all seinen Freunden, draußen. Ein halbes Jahr vorher war das noch nicht klar. Denn Samir hatte einen Fehler begangen, der ihm beinahe alle Pläne, alle Hoffnungen auf Ausgänge und eine frühere Entlassung zunichtegemacht hätte.

Wer sich gut benimmt, von wem die JVA-Leitung und die Richter glauben, dass er auf einem guten Weg ist und den auch draußen weitergeht, der wird vorzeitig entlassen. Das Jugendstrafrecht sieht das explizit vor, sagt Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll, denn dahinter stehe der Erziehungsgedanke. „Wir wollen die jungen Männer nicht bis zum Ende in der Strafhaft behalten. Wenn das passiert, dann hat alles nichts genutzt.“ Die intensiven Gespräche nicht, das soziale Training nicht, die Struktur im Jugendvollzug nicht. Samirs Prognosen waren gut, im Gegensatz zu denen der meisten anderen. Es kommen nicht viele früher raus, sagt Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll. „Ein großer Teil steuert auf das Strafende zu.“ 

Alle sechs Wochen müssen die Gefangenen eine Urinprobe abgeben. Die werden auf Drogenrückstände untersucht. Weil Samir nicht kifft, hat er damit nie Probleme gehabt. Dieses Mal hat er sie doch bekommen. Im Juli 2016 hat er einem anderen Gefangenen seinen Urin gegeben, damit der eine reine Probe abgeben kann. Die Beamten haben ihn erwischt, er hat alles zugegeben, aber das hat nichts genützt. Seine Ausgänge, die er beantragt hatte und die bewilligt waren, wurden ihm gestrichen. Noch ein Fehler, dann kannst du den Schulbesuch draußen vergessen, das war die Ansage.

Er riss sich zusammen. Am ersten Tag nach den Sommerferien verlässt er um kurz nach acht zum ersten Mal alleine die JVA. Fast ein Jahr, nachdem sie ihn verhaftet haben.

Samir trägt Jeans, Kapuzenjacke und Turnschuhe. „Passen Sie auf sich auf, und kommen Sie pünktlich“, sagt ein Beamter an der Pforte. Samir nickt. Es ist sein erster Ausgang, und er muss beweisen, dass die Beamten ihm zu Recht vertrauen. Er darf draußen keinen Alkohol trinken und keine Drogen nehmen, nach der Schule muss er direkt zurück zur JVA. Samir läuft zur Bushaltestelle. Er wartet auf den Bus, spielt mit seinem Zellenschlüssel, fährt bis zum Straßenbahndepot. Dort steuert er den Kiosk an. Das erste, was Samir in Freiheit kauft, sind eine Packung Marlboro und eine Dose Red Bull.

Auf dem Weg zur Schule trifft er einen Freund, das war geplant. Und dann trifft er zufällig noch zwei Frauen, die er von früher kennt, die eine ist die Mutter seines besten Freundes. Sie umarmt ihn, fragt, wie es ihm geht, was er draußen macht, hakt sich bei ihm unter und macht ein Selfie mit ihm. „Das ist ein ganz Lieber“, sagt sie noch, dann müssen Samir und sein Freund weiter, zur Erwachsenenschule.

Die Tische im Klassenraum sind zu einem U gestellt, Samir sucht sich einen Platz an der Seite, direkt neben der Tür. Klassenlehrer Reinhard Kuknat liest die Namen seiner Schüler vor, Samir sagt leise ja, als der Lehrer seinen Namen nennt. 16 Schüler sitzen im Raum, 23 sollten es sein. Wenn alles klappt, kann Samir Mitte Mai seine Prüfungen für den Hauptschulabschluss schreiben. „Sie kommen immer pünktlich“, sagt Klassenlehrer Reinhard Kuknat und blickt in die Runde. Und wer nach Alkohol riecht oder bekifft ist, den werde er nach Hause schicken, kündigt er an.

Samir und die anderen Schüler müssen Unterschriften sammeln. Wenn sie im Unterricht waren, bekommen sie die, wenn sie nicht da waren, gibt es ein Kreuz. „Wenn er sich an die Regeln hält und pünktlich ist, dann bin ich bei solchen Leuten besonders engagiert“, sagt Reinhard Kuknat nach dem Unterricht über Samir. „Damit sie eine möglichst gute Chance für den Neustart haben.“

In der JVA sind sie zufrieden mit dem ersten Ausgang. Samir kommt pünktlich zurück, auch in den nächsten Wochen. Alles läuft nach Plan, keine Probleme.

Er macht das mehrere Monate lang. Im November entscheidet ein Richter, dass Samir vorzeitig entlassen wird, an einem Tag Mitte Dezember 2016. Ein Jahr und vier Monate hat er dann im Jugendvollzug verbracht, fünf Monate davon in Untersuchungshaft. Und dann erfährt er am Donnerstag vorher, dass er schon früher entlassen wird. Schon am nächsten Tag. Er hat zwei sogenannte Freistellungstage: Wer in der JVA zwei Monate arbeitet, bekommt einen Tag gutgeschrieben. Diese Tage werden abgezogen, wenn der Entlassungstermin feststeht und der Gefangene sie nicht vorher als Urlaub genommen hat.

Samir packt schon am Abend seine Sachen. Er hat eine große schwarze Sporttasche und eine weiße Umhängetasche. Eine Tüte voll Müll stellt er morgens um acht in den Abstellraum. Eine große gelbe Plastiktüte ist voll mit den Dingen, die der JVA gehören: Teller, Besteck, Bettwäsche, eine Jogginghose, Unterhosen. Das, was er noch im Kühlschrank hatte, hat er am Abend vorher an die anderen Gefangenen verteilt.

Mit einem Beamten geht er durch seine Zelle, der prüft, ob alles sauber und in Ordnung ist. Ist es. Samir ist aufgeregt, er sagt, auch zu sich selbst: „Bisschen ungewohnt jetzt raus. Man hat sich hier voll eingewöhnt.“  Pause. „Aber ich kann auch zuhause schlafen.“ „Glaub‘ ich auch“, sagt der Beamte. Mit einem anderen Gefangenen schleppt Samir seine Taschen, den gelben Sack und die Matratze nach unten vors Haus.

Dann kommt Samir noch einmal hoch. Er darf sich von zwei Gefangenen verabschieden. Der Beamte schließt eine Zellentür auf, orientalische Musik dröhnt heraus, der junge Mann und Samir umarmen sich, klopfen sich auf die Schulter, auf den Rücken. Dann die zweite Tür. Die beiden umarmen sich, sie kennen sich schon lange, schon aus einer Zeit, als sie noch Kinder waren. „Wir sehen uns draußen“, sagt Samir. Dann sperrt der Beamte die Türen wieder zu. Und Samir hüpft die Treppe runter, raus aus Haus 4.

Die, die bleiben müssen, stehen an ihren Fenstern, einer schüttet Wasser aus dem Fenster und ruft: „Bei uns kippt man Wasser hinterher, damit du nicht wiederkommst.“ Samir gibt seine Sachen ab, bekommt seinen Reisepass zurück und drei Handys, die sie ihm während der Haftzeit abgenommen haben, außerdem ein Päckchen Tabak, das er gleich einem Gefangenen zusteckt, der bei der Rückgabe arbeitet.

An diesem Morgen im Dezember verlässt Samir die JVA. Er wartet ein paar Minuten, ein Freund sollte ihn abholen. Doch er ist nicht da. Sein Auto wurde in der Nacht geklaut, das erzählt er, als Samir ihn anruft. Er versucht, einen Cousin zu erreichen, doch keiner hat Zeit. Nach ein paar Minuten ruft er ein Taxi. Er lädt seine Taschen in den Kofferraum, und als er im Wagen sitzt, da grinst er breit. Draußen, endlich.

Damit er draußen bleiben kann, darf er in seiner Bewährungszeit keine Scheiße bauen. Bis Ende 2018 dauert die, und zusätzlich muss er bestimmte Weisungen erfüllen: weiter zur Schule gehen bis zum Ende des Schuljahres, ein halbes Jahr lang einen sozialen Trainingskurs besuchen, mindestens einmal im Monat seine Bewährungshelferin treffen und bei seinen Eltern wohnen bleiben.

Januar 2017. Bei einem Spaziergang durch Kattenturm erzählt Samir, dass er an diesem Tag zu spät zur Schule kam. Er war nur eine halbe Stunde da, obwohl er zwei Stunden Unterricht gehabt hätte. „Die alten Gewohnheiten kommen zurück. Das sind halt Gewohnheiten“, sagt er. Kämpft er dagegen an? „Ne, das ist halt so.“ Wenig später sagt er Sätze wie: „Der Knast hat den Kopf sauber gemacht. Ich weiß jetzt, was ich will und was ich nicht will. Was ich nicht will, ist Scheiße bauen. Und was ich will, ist, den graden Weg gehen.“

Das, was er sagt, und das, was er tut, passt oft nicht zusammen.

Sein Vertrauter aus dem Gefängnis, Daniel Magel, sagt: „Schule ist wichtig, Strukturen sind wichtig. Ausbildung ist wichtig. Dann hat er acht Stunden weniger Zeit, um Mist zu bauen.“ Er mag Samir, er glaubt an ihn und daran, dass er es schafft. Dass er nicht zurück ins Gefängnis muss.

Als Daniel Magel und Samir sich Anfang Februar in einem Pizza-Imbiss in Kattenturm treffen, das erste Mal nach seiner Entlassung, ist genau das Thema. Samir sagt, zu 90 Prozent schafft er es, nicht wieder im Knast zu landen. Daniel Magel schüttelt den Kopf und sagt: „Digger, du schaffst das, Mann“, und haut ihm auf die Schulter. „Natürlich schaff‘ ich das, aber ich will nicht sagen zu 100 Prozent. Nachher hab‘ ich den Teufel im Nacken…“, sagt Samir und Daniel Magel fällt ihm ins Wort: „Du gibst einfach dein Bestes und fertig, weißt, wie ich meine?“ Dann essen sie: Samir eine Pizza mit Hühnchen, Daniel Magel Gemüsepfanne. Sportlernahrung.

Samir hat zu diesem Zeitpunkt schon große Probleme in der Schule. Sein Klassenlehrer Reinhard Kuknat glaubt nicht daran, dass er den Abschluss schafft. Samir fehlt oft oder kommt zu spät. „Ab dem Moment, als er aus dem Knast rausgekommen ist, ist die Disziplin schlechter geworden“, sagt Reinhard Kuknat. Vorher war er pünktlich und immer da. Jetzt, Anfang Februar, nicht einmal zwei Monate nach seiner vorzeitigen Entlassung, ist alles anders. Ehrgeiz, die Schule zu  schaffen, kann sein Klassenlehrer bei ihm nicht mehr erkennen.

Ob ein junger Mann es draußen schafft, das hängt von vielen Faktoren ab. Das wissen Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll, Jugendvollzugs-Chefin Gesa Lürßen und auch der Sozialpädagoge Hendrik Bahrs. Er kennt Samir und weiß, was er getan hat. 20 Wochen lang hat er jede Woche eine Stunde mit ihm gesprochen. Darüber, was er getan hat, wie das für die Opfer war, was Samir selbst erlebt hat, wie er seine Aggressionen in Zukunft beherrschen kann.

„Gewalt ist eine Lösung“, ist einer der ersten Sätze, die Hendrik Bahrs zu Samir gesagt hat. Mit diesem Satz sichert er sich schon mal die Aufmerksamkeit seines Gegenübers – jahrelang haben die meisten das Gegenteil gehört, von Lehrern, Sozialarbeitern, ihren Eltern. Hendrik Bahrs meint den Satz so, wie er ihn sagt, obwohl er Gewalt ablehnt. Denn zumindest für die jungen Männer löst Gewalt das Problem, selbst Opfer zu sein. Und das sind die meisten, sagt er. Wenn sie Opfer sind, weil sie zum Beispiel von ihren Eltern geschlagen werden oder in der Schule gehänselt werden, und wenn sie dann einmal zuschlagen und der andere dann ruhig ist, ihn nicht mehr ärgert – dann, sagt Hendrik Bahrs, fühlt es sich so an, als ob Gewalt eine Lösung sei. Und aus dem Opfer ist ein Täter geworden. Aber, auch das sagt er: Nicht alle Opfer werden zu Tätern, viele finden einen anderen Weg.

Samir hat keinen anderen Weg gefunden. Junge Männer wie er koppeln sich nach Ansicht von Hendrik Bahrs von ihrer Traurigkeit, ihrer Hilflosigkeit und ihrer Verletztheit, ihrem ganzen Gefühlsleben ab, um sich zu schützen. Und empfinden deshalb kein Mitgefühl mehr. Hendrik Bahrs sagt: „Der erste Schritt zu einem Mitgefühl mit den Opfern ist es, wieder Zugang zu den eigenen Gefühlen zu finden.“

Samir und Hendrik Bahrs gehen zusammen spazieren, spielen Playstation oder reden einfach. Hendrik Bahrs konfrontiert ihn mit seinen Taten, fragt, was seine mieseste Tat war, fragt, wofür er sich am meisten schämt. Die ersten Gespräche führen sie in der JVA, später kommt Samir in das Büro von Hendrik Bahrs. Freiwillig hat Samir all das nicht gemacht: über seine Taten nachgedacht, sich in seine Opfer hineinversetzt, nachempfunden, was ihm durch den Kopf ging, als er vor der Spielothek stand. Das Anti-Gewalt-Training war eine Auflage in seinem Vollzugsplan.

„Die großen Hürden kommen nach der Haftentlassung“, sagt Hendrik Bahrs. „Wenn sich die jungen Männer in einer Welt wiederfinden, in der sie die Anforderungen nicht erfüllen.“ Zur Schule gehen, einen Abschluss machen, einen Ausbildungsplatz finden – wenn sie das nicht schaffen, frustriert das. Und es ist für sie verlockend, in die alte Welt zurückzugehen, in die kriminelle Welt. Die, in der sie sich auskennen, deren Anforderungen sie erfüllen können. Denn am Ende, sagt Hendrik Bahrs, wollen alle das gleiche: Anerkennung, Wertschätzung, Macht und Geld.

Hendrik Bahrs will weiter mit Samir arbeiten, auch nach seiner Entlassung. Dafür müsste Samir einen Antrag stellen, dann würden voraussichtlich weitere Stunden bewilligt, sagt Hendrik Bahrs. „Er weiß, dass ich ihn noch nicht gehen lassen will. Es ist seine Entscheidung, aber ich bin optimistisch, dass er den Antrag stellt.“ Samir stellt ihn nicht.

Und Samir packt die Schule nicht. Anfang März, nicht einmal drei Monate nach seiner Entlassung, meldet er sich ab. Sein Klassenlehrer hat ihm dazu geraten. Wenn er sich nicht abgemeldet hätte, hätten sie ihn rausgeworfen. „Ich bin morgens einfach mit meinem Arsch nicht hochgekommen“, sagt Samir. Und dass er sich über sich selbst ärgert.

Seine Bewährungshelferin will, dass er es im nächsten Schuljahr noch mal versucht. Samir will jetzt erst mal arbeiten. Im Kühllager, Fleisch und Fisch einpacken. Und er wird einem Jugendrichter erklären müssen, warum er nicht weiter zur Schule geht. Weil er damit gegen eine Bewährungsauflage verstößt, muss er mit Sanktionen rechnen. Vielleicht ein paar Tage Jugendarrest, vielleicht Sozialstunden. Zurück ins Gefängnis muss er wohl nicht. Das müsste er erst, wenn er eine schwere Straftat begeht, sagt seine Bewährungshelferin.

Drei von vier jungen Männern, die als Jugendliche oder Heranwachsende im Gefängnis saßen, landen wieder dort. Ob Samir es durchzieht, ob er in Zukunft den geraden Weg geht oder ob er wieder im Gefängnis landet – das hängt nicht zuletzt davon ab, ob er es schafft, sich von falschen Freunden zu lösen. Ob er seinen Schulabschluss schafft, ob er eine Ausbildung findet, ob ihm die Spaß macht und ob er dort Menschen kennenlernt, die ihm ein Vorbild sind. Wenn er von der Zukunft spricht, dann sieht er sich mit einer Familie, mit einer Frau und Kindern. Mit einem guten Beruf, einem guten Leben.

Sorgen macht er sich um seinen kleinen Bruder. Der, sagt Samir, komme gerade in die Pubertät, und der habe auch einen Freund, mit dem er Mitschüler ärgere. „So hat das bei mir auch angefangen.“ Und dass er auf ihn aufpassen will, dass er ihn anschreit, wenn er mitbekommt, dass er Scheiße baut. Damit der Kleine nicht so wird wie er.

 

Kurzbiographie

Kathrin Aldenhoff,

Jahrgang 1984, wusste schon als Schülerin, dass sie Journalistin werden wollte. Sie studierte zunächst Kommunikationswissenschaft in München und anschließend an der Universität Freiburg und der Journalistenschule in Straßburg Deutsch-Französische Journalistik. Nach einem Jahr als Journalistin in Moskau und einem ersten, durch die Insolvenz der Nachrichtenagentur dapd unfreiwillig abgebrochenen Volontariat, landete sie 2013 beim Weser-Kurier in Bremen. Dort begann sie ein Volontariat, das sie auch beendete, und arbeitet seitdem als Redakteurin in der Lokalredaktion.