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Nominierter Text

Von Caterina Lobenstein

Warum verdient Frau Noe nicht mehr?

Die Altenpflegerin Heike Noe gehört zu den begehrtesten Fachkräften des Landes. Doch obwohl sie so gefragt ist, wird sie schlecht bezahlt. Wie kann das sein?

 

Würde sich der Wert einer Arbeitskraft an ihrem Fleiß bemessen, an der Erfahrung, die sie gesammelt hat, an den Unannehmlichkeiten, die sie erduldet, und an der Verantwortung, die sie trägt, dann wäre Heike Noe eine reiche Frau. Sie steht in einem gefliesten Badezimmer, vor ihr sinkt eine alte Dame unter lautem Stöhnen auf die Klobrille: Marion Zielke*, 79 Jahre alt, Pflegegrad drei, halbseitig gelähmt. Ihre Oberschenkel zittern. »Aaaaah«, seufzt sie. Heike Noe streift sich ein Paar Gummihandschuhe über und lässt die Windel, die Frau Zielke über Nacht getragen hat, in einem Plastikbeutel verschwinden.

Heike Noe ist 41 Jahre alt und seit mehr als 20 Jahren Pflegerin. An der Gürtellasche ihrer weißen Jeans baumelt eine Flasche Desinfektionsmittel, alle paar Minuten reibt sie sich damit die Hände ein. Bevor sie jemanden wäscht, bevor sie eine Insulinspritze setzt oder einen künstlichen Darmausgang reinigt. In der hinteren Tasche ihrer Hose steckt ein schnurloses Telefon, das ständig klingelt, meist dann, wenn es gerade nicht passt. So wie jetzt, da Heike Noe eigentlich Frau Zielke helfen muss.

»Jaaa?« Noe klemmt das Telefon zwischen Ohr und Schulter ein. Eine Bewohnerin, die im Sterben liegt, will nicht mehr essen. Füttert man sie, presst sie die Lippen aufeinander. Gibt man ihr Wasser, lässt sie es aus dem Mund herauslaufen. Wenn es so weitergeht, wird sie vertrocknen. »Wir brauchen heute noch einen Arzt«, sagt Noe. Mit ihm wird sie beraten, ob der Bewohnerin eine Infusion mit Kochsalzlösung gelegt wird, das würde ihr Leben verlängern. Oder ob es geboten ist, ihre Verweigerung als eine Art letzten Willen zu begreifen und auf die Infusion zu verzichten. Das würde heißen, dass sie bald stirbt.

Es ist ein Montagmorgen im Oktober, kurz vor sieben Uhr im Altenpflegeheim Haus Bachtal in Schwalbach im Saarland, Station Theresiengarten. Ein Flur mit lindgrünem Teppichboden und einem alten Bauernschrank, in dem Medikamente lagern. 14 alte Menschen leben hier, zwölf Frauen, zwei Männer. Heike Noe ist die einzige Pflegerin in der Frühschicht, nur eine Auszubildende ist noch an ihrer Seite und eine polnische Hauswirtschaftskraft, die das Essen kocht. Vor einer knappen Stunde hat die Schicht begonnen, das Telefon in Heike Noes Hosentasche hat schon neunmal geklingelt.

Frau Doege hat sich heißen Kaffee auf die Bluse geschüttet.

Frau Flohrmann braucht ihre Tropfen gegen die Schmerzen im Bein.

Frau Teves hat sich erbrochen.

Herr Seitz hat Kratzspuren am Körper und muss mit Wundsalbe versorgt werden.

Frau Wagner hat plötzlich Fieber.

Herr Spahn hat eine verhornte Wunde am Fuß, der Verband muss gewechselt werden.

Frau Göbel hat sich ein Taschentuch in die Vagina gesteckt, keiner weiß, warum, auch Frau Göbel nicht.

Noe sortiert die Kosmetika, die auf Frau Zielkes Waschbecken stehen: Eine Tube Wundheilsalbe. Eine Zahnbürste, mit der sich Frau Zielke die verbliebenen Zähne putzt. Eine Dose Gesichtscreme, von der sie sich jeden Morgen einen Klacks auf die faltigen Wangen schmiert und die sie »Fugenfüller« nennt. Als Frau Zielke schließlich gewaschen und eingecremt vor dem Spiegel sitzt, fragt Heike Noe: »Lippenstift?«

»Unbedingt! Die Konkurrenz schläft nicht!«, antwortet Frau Zielke. Mit zittriger Hand zieht sie die Lippen nach, bordeauxrot, mit Schimmereffekt.

»Na, da müssen wir den Herrn Spahn aber festschnallen nachher«, sagt Heike Noe. Frau Zielke kichert. Herr Spahn wohnt auf demselben Flur. Er hat noch acht Finger und ein Bein – Diabetes.

Bis zum Ende ihrer Schicht wird Heike Noe mehr als ein Dutzend alte Menschen versorgt, wird Medikamente und Essen gereicht, wird Wäsche und Verbände gewechselt haben. Sie wird mehr als vierzigmal ans Telefon gegangen sein. Und sie wird versuchen, nie zu vergessen, wer vor ihr sitzt. Frau Zielke, die zwei Söhne großgezogen hat und bis zu ihrem Schlaganfall gerne verreiste. Herr Spahn, dessen Frau mehrere Fehlgeburten erlitt. Heike Noe nimmt sich Zeit, um ihnen zuzuhören, und sie weiß, dass die Zeit nie reicht. Sie muss die Uhr im Blick behalten.

Es gibt nicht viele Menschen, die das können. Und es gibt nicht viele, die das wollen. Zurzeit mangelt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt an mindestens 30 000 Pflegekräften. Im Jahr 2030 könnten laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers schon mehr als 300 000 Pfleger fehlen. Überall in Deutschland werden sie gebraucht, auch beim Heimbetreiber Benevit, dem Unternehmen, bei dem Heike Noe angestellt ist. Einige Mitarbeiter von Benevit tragen T-Shirts mit dem Firmenlogo, auf dem Rücken steht »Kollege gesucht«.

Eigentlich müssten Altenpfleger wie Heike Noe von einem einfachen ökonomischen Gesetz profitieren: dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Steigt die Nachfrage, steigt auch der Preis. Frau Noe, einer besonders gefragten Arbeitskraft, müssten die Heimbetreiber besonders viel bieten: gute Arbeitsbedingungen, ein hohes Gehalt. Sie tun es aber nicht.

Heike Noe, geschieden, drei Kinder, verdient rund 2500 Euro, netto bleiben ihr 1750. Sie arbeitet Teilzeit, zu 85 Prozent. Was ihr Einkommen betrifft, gehört sie zur unteren Hälfte der deutschen Bevölkerung – und zu den Spitzenverdienern in ihrer Branche. Weil sie in Westdeutschland arbeitet, wo mehr gezahlt wird als im Osten. Und weil ihr Arbeitgeber Benevit einer der wenigen Heimbetreiber ist, die sich am Tariflohn des öffentlichen Dienstes orientieren. Im Schnitt aber bekommen Altenpfleger weniger Geld; Hilfspfleger, die etwa die Hälfte des Personals in deutschen Altenheimen stellen, sogar deutlich weniger (siehe Infokasten). Das Gesetz von Angebot und Nachfrage, es scheint bei Altenpflegern nicht zu gelten. Sie sind ein marktwirtschaftliches Phänomen: überdurchschnittlich begehrt – und unterdurchschnittlich bezahlt. Wie kann das sein?

Fragt man den Chef von Benevit, spricht man mit Gewerkschaftern, Arbeitgebervertretern und Ökonomen, dann zählen sie eine ganze Reihe von Gründen auf. Sie erklären, dass die Pflege kein freier Markt ist, auf dem Angebot und Nachfrage nach einem Gleichgewicht streben, sondern eine streng regulierte Branche. Dass die Beiträge für die Pflegeversicherung nicht einfach erhöht werden können und die Löhne deshalb bescheiden sind. Oder dass die meisten Pfleger kein Studium, sondern eine Ausbildung absolviert haben und deshalb nicht so viel verlangen können. In einem Punkt aber sind sich fast alle einig. Sie nennen dann immer dieselben Namen, zum Beispiel:

Carlyle Group.

Chequers Capital.

Oak Tree Capital Management.

Hinter den Namen verbergen sich mächtige Investoren aus dem Ausland. Sie stecken Milliardenbeträge in deutsche Altenheime und hoffen, dass sich die Milliarden vermehren. Lange Zeit war das in Deutschland nicht möglich; die Heime wurden von Kirchen und vom Staat betrieben. Anfang der neunziger Jahre öffnete die damalige Bundesregierung die Pflegebranche für Privatunternehmen. Heute ist von den mehr als 10 000 deutschen Altenheimen etwa die Hälfte in privater Hand, und ihr Anteil wird von Jahr zu Jahr größer.

Investoren suchen in Zeiten niedriger Zinsen nach verlässlichen Geldanlagen – und nach Alternativen zu jenen Firmen, deren Geschäftsmodelle vielleicht schon bald keine Zukunft mehr haben: Automobilhersteller, Kohlekraftwerke, Ölkonzerne. Der Pflegemarkt dagegen ist eine ziemlich sichere Sache. Alte Menschen wird es in Deutschland auch in zwanzig Jahren noch geben – mehr denn je. Dann ist die Generation der Babyboomer, die aus den geburtenstärksten Jahrgängen Deutschlands besteht, mindestens 70 Jahre alt. Bis zum Jahr 2030 soll die Pflegebranche laut der Unternehmensberatung Roland Berger auf 85 Milliarden Euro Umsatz wachsen, heute sind es 50 Milliarden. Der Wettlauf um die höchsten Renditen erreicht jetzt die Altenheime.

Im August 2017 wurde die Vitanas Holding, einer der größten deutschen Heimbetreiber, von einem kalifornischen Hedgefonds gekauft. Der Fonds heißt Oaktree Capital, seine Zentrale liegt in einem verspiegelten Turm im Zentrum von Los Angeles, in einer der teuersten Immobilien der Stadt. Von hier aus verwalten die Fondsmanager von Oaktree Capital rund 100 Milliarden Dollar. Einen großen Teil dieser Milliarden investieren sie in Unternehmen. In Reedereien, Immobilienfirmen, Kinoketten – und deutsche Altenheime.

Im September übernahm der französische Risikokapitalfonds Chequers Capital die insgesamt 46 Heime eines Hamburger Pflegekonzerns.

Bereits im Jahr 2013 erwarb der US-amerikanische Finanzinvestor Carlyle Group die Alloheim Senioren-Residenzen, Deutschlands drittgrößten Pflegekonzern. Jetzt will Carlyle das Unternehmen wieder verkaufen – zu einem deutlich höheren Preis.

Das Geschäftsmodell der Investoren ist, vereinfacht gesagt, meist dasselbe: Heime kaufen. Rendite steigern. Heime gewinnbringend weiterverkaufen. Gewinnausfälle wegen säumiger Mieter oder langem Leerstand müssen die Investoren kaum fürchten. Können ein alter Mensch und seine Angehörigen sich einen Heimplatz nicht mehr leisten, springt meist das Sozialamt ein. Stirbt ein Bewohner, steht oft schon der nächste Kandidat auf der Warteliste, der dringend einen Heimplatz benötigt.

Geld ist also da. Warum kommt es nicht bei denen an, die alte Menschen pflegen? Bei Heike Noe zum Beispiel?

Der Chef von Benevit, dem Arbeitgeber von Heike Noe, ist Kaspar Pfister, ein schwäbelnder Unternehmer, der früher mal Stadtkämmerer war und Geschäftsführer eines katholischen Pflegeheimbetreibers. Pfister ist keine Heuschrecke, er ist einer, der versucht, seinen Leuten einen einigermaßen fairen Lohn zu zahlen. Er sagt, die Macht der Investoren sei bedenklich. Sie sind bei Pfister noch nicht eingestiegen. Aber sie kreisen ihn ein, sie setzen ihn finanziell unter Druck. Benevit ist ein privates Unternehmen, es muss Gewinn erwirtschaften, wenn es überleben will. Und das auf einem Markt, der zunehmend von Großinvestoren beherrscht wird, denen es vor allem um eines geht: hohe Gewinne. »Ich lese oft, dass bis zu acht Prozent Umsatzrendite möglich sein sollen, und internationale Investoren scheinen das zu erwarten«, sagt Kaspar Pfister. »Ich hab da ein Riesenfragezeichen, wie das ohne Qualitätsverlust möglich sein soll.« Der Arbeitgeberverband Pflege, in dem sich Deutschlands Heimbetreiber zusammengeschlossen haben, spricht von Investoren, die sogar zweistellige Renditen fordern.

Man kann die Rendite steigern, indem man versucht, mehr Geld einzunehmen. Das ist für die Heimbetreiber aber schwierig, oft unmöglich. Denn Pflegesätze und Versicherungsbeiträge sind gedeckelt, sie werden in zähen Verhandlungen zwischen Heimen und Kommunen, Sozialkassen und Versicherungen ausgehandelt. Auch der Eigenanteil, jener Teil der Heimkosten, den Bewohner und ihre Angehörigen selbst tragen müssen, lässt sich nicht beliebig erhöhen. Schon jetzt geben viele Menschen ihre gebrechlichen Eltern nicht ins Heim, sondern lieber in die Hände einer ambulanten Pflegerin, die viel weniger kostet. Oft kommen diese Pflegerinnen aus Polen oder Rumänien. Oft arbeiten sie schwarz.

Einfacher, als die Einnahmen zu steigern, ist es, die Kosten zu drücken. Und hier kommt Heike Noe ins Spiel. Aus Sicht der Investoren ist sie ein gewaltiger Kostenfaktor. Die Löhne der Altenpfleger machen im Schnitt 70 Prozent der Gesamtkosten eines Heims aus. Wer in großem Stil sparen will, muss also schmalere Gehälter zahlen oder bei gleichbleibendem Gehalt das Arbeitspensum der Pfleger erhöhen. Oder aber der Anteil der Fachkräfte muss sinken – und der Anteil der billigen Hilfskräfte steigen. Wozu das führen kann, lässt sich schon heute in ganz Deutschland beobachten: Fast 40 Prozent der Altenheime haben keinen Tarifvertrag. Und in vielen Häusern sinkt der Anteil der gut ausgebildeten Fachkräfte. Zwar gibt es eine gesetzliche Quote, die vorschreibt, dass mindestens die Hälfte der Heimmitarbeiter voll ausgebildete Pfleger sein müssen. Doch die Gewerkschaft ver.di warnt seit Jahren vor einem »Trend zur Dequalifizierung«. Die Quote werde oft unterlaufen, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft.

»Ich sehe das mit großer Sorge«, sagt der Benevit-Chef Kaspar Pfister. »Man kann doch nicht so tun, als sei ein Pflegeheim ein Produktionsbetrieb, in dem Autos oder Schrauben hergestellt werden. Es geht doch hier um den Menschen. Der lässt sich nicht in betriebswirtschaftliche Tabellen hineintraktieren.« Das ist das Dilemma der privaten Heimbetreiber: Was gut für die Rendite ist, ist selten gut für die Bewohner. Gut für die Rendite wäre zum Beispiel, wenn Heike Noe es nicht ständig mit Menschen zu tun hätte, die vergessen haben, wo sie gerade sind.

Heike Noe ist auf dem Weg zum Medikamentenschrank, als ihr eine Frau mit zerzaustem weißen Haar in die Arme stolpert. »Huch, Frau Goedeker, wo wollen Sie denn hin?«

Frau Goedeker, 92 Jahre alt, Pflegegrad drei, vaskuläre Demenz im fortgeschrittenen Stadium, starrt Heike Noe mit offenem Mund an. Sie trägt eine Hose mit Bügelfalte und eine Bluse mit Strass-Steinchen, darüber eine Perlenkette. Frau Goedeker stapft nach links, dann nach rechts. Sie hat sich verirrt.

»Frau Goedeker?« Heike Noe legt ihren Arm um Frau Goedekers Schulter.

Da wird die Bewohnerin plötzlich aggressiv und windet sich aus der Umarmung. »Ich muss bügeln!«, ruft sie. Sie geht zum Notausgang und rüttelt an der Tür. »Komm!«, schreit sie. Niemand antwortet.

Schließlich sackt sie erschöpft in einem Sessel zusammen.

»Frau Goedeker, was brauchen Sie?«, fragt Heike Noe.

Frau Goedeker zeigt mit ihrem knöchernen Finger auf Heike Noe.

»Mich brauchen Sie?«

Frau Goedeker nickt.

»Ich brauche Sie auch.« Heike Noe hockt sich neben Frau Goedeker und streicht ihr mit dem Handrücken über die Wange. Frau Goedeker zieht sie zu sich heran und umarmt sie. In diesem Moment klingelt das Telefon. Frau Zielke, erfährt die Pflegerin, hat Schmerzen und braucht ihre Medikamente.

Heike Noe kam vor fünf Jahren ins Haus Bachtal, nachdem sie bei ihrem alten Arbeitgeber gekündigt hatte. Das Heim, in dem sie damals angestellt war, nennt sie eine »Pflegefabrik«, sie war dort allein verantwortlich für 45 Bewohner. Nicht einmal für ein kurzes Gespräch auf dem Flur sei Zeit gewesen. »Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten.« Sie lernte Zustände kennen, die sie niemals für möglich gehalten hätte.

Während der Sondierungsgespräche stritten die Grünen, die Union und die FDP auch um das Thema Pflege. Es war einer der ersten Bereiche, in dem sich die Parteien einigen konnten. In der Politik wird schon länger darum gerungen, wie man die Pflege besser organisieren und die Fachkräfte besser entlohnen könnte. Aber dann scheiterten die Gespräche, und das Thema liegt wieder unerledigt herum.

Im Jahr 2016 ließ die grüne Bundestagsabgeordnete Elisabeth Scharfenberg gut 4000 Pflegekräfte befragen. Sie wollte herausfinden, was die Pfleger an ihrem Job gern verändern würden. Die allermeisten sagten, sie wünschten sich endlich ein »angemessenes Gehalt«. Einige gaben an, das Geld reiche nicht aus, um ihre Familie zu ernähren. Andere schrieben: »Es steht nicht mehr der Patient im Mittelpunkt, sondern nur noch der Gewinn!« Oder: »Das System macht Menschen zu Waren, die es als Patienten und als Angestellte gewinnbringend auszuschlachten gilt.«

Arme Altenpfleger gegen gewinnsüchtige Konzerne. Wenn es so einfach wäre.

Im Berliner Regierungsviertel, wenige Schritte vom Bundesministerium für Gesundheit entfernt, liegt das Büro von Thomas Greiner. Er ist Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege, ein Herr mit polierten Schuhen und gemustertem Einstecktuch. Greiner vertritt Firmen, die in Deutschland Altenheime betreiben, er vertritt auch Unternehmer wie den Benevit-Chef Kaspar Pfister. Anders als Pfister fürchtet Greiner die Investoren nicht. »Alle wollen, dass die Pfleger mehr Geld bekommen und dass die Heime hübsch aussehen, aber keiner ist bereit, mehr in die Pflegeversicherung einzuzahlen«, sagt er. Gäbe es die kleinen und großen privaten Investoren nicht, dann würden die Altenheime heute immer noch so aussehen wie vor zwanzig Jahren, davon ist Greiner überzeugt. Mehrbettzimmer, schäbige Waschräume, hässliche Flure. Massenabfertigung statt Einzelbetreuung. »Wir sollten dankbar sein, dass privates Geld in die Altenpflege investiert wird«, sagt er. Greiner ist Lobbyist. Er weiß, wie man sich bei denen, die Entscheidungen treffen, Gehör verschafft.

Die meisten Altenpfleger wissen nicht, wie das geht: sich Gehör verschaffen. Und manchmal scheint es, als hätten sie gar kein Interesse daran.

Es ist kurz nach zehn im Haus Bachtal in Schwalbach, Kaffeepause. Heike Noe holt sich einen Pott Filterkaffee aus dem Esszimmer. Im Radio dudelt I Will Survive. Draußen auf der Terrasse stehen Noes Kolleginnen von den Nachbarstationen und rauchen. Fragt man sie, was sie machen würden, wenn sie mehr Geld verdienten, erwidert eine von ihnen: »Schuhe kaufen!« und eine andere: »Ach, mal in den Urlaub fahren.« Heike Noe sagt: »Ich brauche nicht mehr Geld, ich bin glücklich.« Man muss ein bisschen länger mit ihr reden, bis dann doch Sätze fallen wie dieser: »Natürlich würde ich meinen Kindern gern mehr bieten.« Oder: »Ein bisschen mehr Anerkennung, auch finanziell, wäre schon schön.« Aber Noe beklagt sich nicht. »Das ist der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann«, sagt sie. »Es ist kein Beruf, es ist eine Berufung.« Für die alten Menschen ist diese Einstellung ein großes Glück.

Es gibt nicht viele Menschen, die sich in ihrem Job für andere engagieren, ohne dafür eine angemessene Entlohnung zu verlangen. Meist zählen Geld, Durchsetzungskraft und das Streben nach persönlichen Vorteilen. Bei Altenpflegerinnen ist das oft anders. Das führt zu einem Problem, das Johanna Knüppel in den Wahnsinn zu treiben droht.

Knüppel ist eine energische Frau mit Kurzhaarschnitt, sie war mal Krankenpflegerin auf einer Intensivstation, seit einigen Jahren sitzt sie in einem bescheidenen Büro in Berlin-Moabit, mit Zimmerpflanzen und einem grauen Aktenschrank. Knüppel ist die Sprecherin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe. Sie vertritt die Arbeitnehmer der Branche, sie ist der Gegenpart zu Thomas Greiner, dem Lobbyisten, der für die Heimbetreiber spricht. Johanna Knüppel ist Heike Noes Stimme in der Hauptstadtpolitik. Das Problem ist, dass Heike Noe noch nie etwas von Johanna Knüppel gehört hat. Johanna Knüppel könnte noch so laut sprechen, ihre Stimme geht irgendwie unter.

In kaum einem anderen Land in Europa sind Pflegekräfte so schlecht organisiert wie in Deutschland. Nur rund zehn Prozent von ihnen sind Mitglied in einer Gewerkschaft oder einem Berufsverband. »Damit wuppt man nichts«, sagt Johanna Knüppel. Dabei könnte es so einfach sein. »Im Grunde sind Pflegefachkräfte in einer exzellenten Verhandlungsposition. Die wissen es nur nicht oder machen es sich nicht bewusst. Wir sind immer wieder auf sie zugegangen und haben gesagt: Lasst euch die schlechten Arbeitsbedingungen nicht gefallen. Stellt euch auf die Hinterbeine, versucht mehr Geld auszuhandeln, beweist ein bisschen Rückgrat, und sagt Nein.«

In anderen Branchen, in der Metallindustrie zum Beispiel, sind mehr als 70 Prozent der Arbeiter in der Gewerkschaft organisiert. Ihre Betriebsräte sind mächtige Gremien, die mit den Vorständen der Konzerne oft auf Augenhöhe verhandeln. Sie haben Kämpfe ausgefochten, für die 37-Stunden-Woche und den Flächentarifvertrag, für mehr Freizeit und mehr Geld.

In der Pflegebranche gibt es keinen einheitlichen Tarif. Viele Heime haben gar keinen Tarifvertrag, die wenigsten haben einen Betriebsrat. Und der Berufsverband, für den Johanna Knüppel arbeitet, hat kaum Geld für große Kampagnen.

Gewerkschaften sollen die Stimmen ihrer Mitglieder verstärken. Den Altenpflegern aber müssen sie offenbar erst erklären, dass sie eine Stimme haben. Johanna Knüppel glaubt, dass sich viele Pfleger schämen, überhaupt etwas einzufordern. »In einem solchen Beruf darf man doch nicht für eigene Interessen kämpfen – so denken viele«, sagt sie.

Kaspar Pfister, der Benevit-Chef, sagt: »Die Menschen, die in dieser Branche arbeiten, das sind keine Betriebswirte und Banker, die sind von ihrer Haltung her anders strukturiert. Denen sind andere Werte mindestens genauso wichtig wie Geld.«

Dietmar Erdmeier, bei der Gewerkschaft ver.di zuständig für die Pflegepolitik, sagt: »Ich war früher mal Industriemechaniker und kann das überhaupt nicht verstehen. An meinem ersten Tag im Betrieb hat die IG Metall damals mit dem Eintrittsformular gewedelt. Bei Altenpflegern ist das anders. Die sind nicht politisiert.«

Während Metallarbeiter regelmäßig für höhere Löhne streiken, haben die Altenpflegerinnen bislang fast noch nie ihre Arbeit niedergelegt. Das liegt daran, dass man ein Fließband abstellen, einen alten Menschen aber nicht in seinen Ausscheidungen liegen lassen kann. Es liegt daran, dass ein großer Teil der Pflegeheime von den Kirchen betrieben wird, die kein weltliches Arbeitsrecht kennen – und damit auch nicht das Streikrecht. Es liegt aber auch daran, dass viele Pflegerinnen ihren Wert nicht erkennen. Und sich nicht trauen, ihn einzufordern. »Ich hab mir nie Gedanken darüber gemacht, in die Gewerkschaft einzutreten«, sagt Heike Noe. »Und ich kenne auch niemanden, der mal darüber geredet hätte.«

Die Metallarbeiter greifen an. Die Pflegerinnen fressen den Frust in sich hinein. Laut der Studie der Grünen-Abgeordneten Scharfenberg würde sich die Hälfte von ihnen nicht noch einmal für ihren Beruf entscheiden und ihn auch nicht weiterempfehlen. Von diesen sagen wiederum 82 Prozent, der Lohn, den sie erhalten, sei »nicht leistungsgerecht«. So wird aus dem Frust ein Teufelskreis: Weil die Arbeitsbelastung so hoch und das Gehalt so niedrig ist, wollen zu wenige Menschen Altenpfleger werden. Und weil es so wenige Pfleger gibt, aber immer mehr alte Leute, wird die Arbeitsbelastung noch höher.

Die Unternehmer, die die Altenheime leiten, und die Fondsmanager, die in Kalifornien und Paris in ihren Bürotürmen sitzen und in die Heime investieren, sind in der Regel Männer. Die Pflegekräfte, die in den Heimen arbeiten, sind in den meisten Fällen Frauen; in Deutschland liegt der Anteil der weiblichen Altenpfleger bei rund 85 Prozent. Würden sie sich zusammenschließen, würden sie aufbegehren und für höhere Löhne streiten, dann bekämen sie es mit einem Gegner zu tun, der noch mächtiger ist als die Arbeitgeber und Investoren. Er ist unsichtbar, man kann ihn nicht an den Verhandlungstisch zwingen, man kann ihn nicht bestreiken. Dieser Gegner ist die Tradition. Sie besagt, dass Frauen sich um den Haushalt und die Erziehung der Kinder kümmern. Und um die Pflege der Alten. Ehefrauen und Enkelinnen, Töchter und Schwiegertöchter – sie alle haben jahrhundertelang ihre Verwandten gepflegt und dafür jahrhundertelang nichts bekommen. Höchstens das, was man im 19. Jahrhundert einen Gotteslohn nannte.

Damals entstanden in Deutschland die ersten Diakonissenhäuser, Wohngemeinschaften von Nonnen, die sich um pflegebedürftige Menschen sorgten. Sie lobten Gott und pflegten die Alten, rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche. Sie verpflichteten sich lebenslang, sie gründeten keine Familie, sie bekamen kein Gehalt. Nur Kost und Logis gewährte man ihnen und manchmal ein Taschengeld.

Glaubt man Johanna Knüppel, der Sprecherin des Berufsverbands der Pfleger, leben die Nonnen von damals in den Heimen von heute fort. »Aus dieser Tradition kommt in Deutschland die Pflege, dieses Denken ist immer noch tief verwurzelt, auch in den Köpfen derer, die heute in den Beruf gehen«, sagt sie. In der Studie der Grünen-Abgeordneten wurden die Pflegekräfte gefragt, warum sie sich für ihren Beruf entschieden haben. 98 Prozent antworteten: »Ich will mit Menschen arbeiten.« Johanna Knüppel hat diesen Satz unzählige Male gehört. Sie sagt, es schwinge dabei stets noch ein zweiter Satz mit. Einer, der selten ausgesprochen, aber fast immer beherzigt wird: »Ich stelle meine eigenen Bedürfnisse zurück.« Die Rollen von damals, sie sind in der Altenpflege bis heute klar verteilt: Männer machen Geld. Frauen machen was mit Menschen.

So verschmelzen in den Altenheimen zwei Antagonismen, die den Investoren in die Hände spielen: Die selbstlose Pflege eines alten und kranken Menschen, ein zutiefst karitatives Motiv, trifft auf das Kernprinzip des Kapitalismus: die Maximierung des Profits. Weil das kapitalistische Prinzip stärker ist, solange sich niemand beschwert, bedient es sich der Nächstenliebe und nutzt sie für sich. Kaum jemand ist leichter auszunutzen als Pflegerinnen wie Heike Noe. Warum verdient sie nicht mehr Geld? Daran sind viele schuld, Investoren, Heimbetreiber, Politiker. Aber auch Heike Noe selbst.

Im Haus Bachtal haben sich die Bewohner beim Mittagessen versammelt, es gibt Frikadellen mit Buttermöhren. Heike Noe sitzt am Computer und schreibt Pflegeberichte: Sind alle Medikamente verabreicht? Hat jemand Beschwerden? Muss jemand zum Friseur? Um kurz nach 14 Uhr übergibt sie das schnurlose Telefon an den Spätdienst. Bevor sie nach Hause zu ihren Kindern fährt, sagt sie: »Die älteren Herrschaften haben Deutschland wieder aufgebaut. Das Leben, das wir heute führen, dafür haben die gearbeitet.« Es sei ihr ein Bedürfnis, diesen Menschen etwas zurückzugeben. Sie möchte, dass sie in Würde altern und in Würde sterben. Deshalb, sagt Heike Noe, mache sie diesen Job.

Drei Viertel der Pflegekräfte sagen, sie könnten sich nicht vorstellen, ihre Arbeit bis zur Rente durchzuhalten. Weil ihnen der Rücken schmerzt, weil ihnen die Anerkennung oder schlicht die Kraft zum Weitermachen fehlt. Heike Noe sagt: »Ich arbeite, bis ich hier wohne.« Ein Pflegeplatz im Haus Bachtal kostet bis zu zweieinhalbtausend Euro – und das ist nur der Betrag, den ein Bewohner aus eigener Tasche zahlen muss. Selbst wenn Heike Noe bis zu ihrem 67. Lebensjahr als Pflegerin arbeiten würde, stünde ihr am Ende nur eine gesetzliche Rente zu, die deutlich darunter liegt. Würde Heike Noe zum Pflegefall, müsste sie darauf hoffen, dass jemand sie unterstützt – ihre Familie oder der Staat. Sie selbst könnte den Platz im Heim nicht bezahlen. Dafür verdient sie zu wenig.

* Namen aller Heimbewohner geändert

Kurzbiographie

Caterina Lobenstein,

geboren 1983 in Jena, kam 2014 zur ZEIT. Schrieb als Redakteurin im Wirtschaftsressort vor allem über Migration und Verteilungsfragen. Seit 2018 berichtet sie als Korrespondentin aus dem politischen Berlin. Hat Politik- und Musikwissenschaft studiert und ihre journalistische Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg absolviert.