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Nominierter Text

Von Dominik Bardow

Fußball, ich kann nicht mehr!

Jeden Tag ein Spiel, bald eine WM mit 48 Teams: Unser liebster Sport lässt uns keine Pausen. Über all dem ist ein Gefühl verloren gegangen. Zeit für ein Beziehungsgespräch.

Lieber Fußball,

Wir müssen reden. Es wird mir alles zu viel. Ich habe nachgedacht, ich hatte Zeit. Jetzt war Länderspielpause, wir haben uns einige Tage nicht gesehen. Aber die Sehnsucht, dich am Samstagabend wiederzutreffen, hielt sich in Grenzen. Ich konnte mich nicht mehr freuen auf Deutschland gegen Tschechien. Es war einfach zu viel zuletzt: Bundesliga, Champions League, EM, Olympia, wieder Bundesliga. Wir hatten keinen Sommerurlaub voneinander. Wir gönnen uns ja keine Pausen mehr.

Es gibt da einfach keine Distanz mehr, ständig bist du da. Wir sehen uns montags bis sonntags. Wenn kein Spiel ist, dann gibt es Fußball-Talk, Fußball-Nachrichten, Pressekonferenzen, die Wiederholung einer Wiederholung. Du bist Alltag geworden und nichts Besonderes mehr. Du biederst dich regelrecht an, ständig bist du empfangbar.

Dein Gesicht ist für mich Gianni Infantino geworden: der Fifa-Präsident, ein Kugelkopf, wie ein Ball, der einen ständig angrinst und fragt: Na, willst du mehr?

Und jetzt, Fußball, höre ich von seinen Plänen für unsere Zukunft: eine Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften, in mehreren Ländern am besten. Eine Klub-WM vielleicht mit 32 Mannschaften. Die Europäer wollen eine Nations League. Die Bundesliga spielt jetzt montags, sicher bald mittags. Und von einer Superliga höre ich immer öfter, dauernd Bayern gegen Barcelona. Es gibt des Guten zu viel. Kann man sich jeden Tag die Mona Lisa anschauen, ohne dabei abzustumpfen?

Über all das ist da etwas verloren gegangen. Ein Gefühl, ich kann es schwer in Worte fassen. Ich fühle nur, wie ich müde werde, irgendwie satt und kälter dir gegenüber. Oder ich werde sauer. Wie soll ich dich wollen, Fußball, wenn du dich mir ständig an den Hals schmeißt? Aber du kriegst nicht genug, du willst alles: Asien, die USA, die ganze Welt soll dich lieben.

Wirst du nie müde? Bei der Europameisterschaft in Frankreich, da sahst du zum ersten Mal so richtig erschöpft aus, irgendwie verbraucht, schon in der Vorrunde k.o. Rumänien - Albanien, Ukraine - Nordirland, das waren keine Mona Lisas mehr, das waren Karikaturen.

Aber du rauschst von Party zu Party, jedes Spiel ist ein Event, du willst, dass alle mitfeiern, dabei weißt du wohl selbst nicht mehr, welcher Wochentag gerade ist. Du liebst das Blitzlicht, den roten Teppich und die Kameras, ohne geht es wohl nicht mehr, überall Kameras. Aber bist du das noch, hinter all dem Hochglanz? Alles ist so dick aufgetragen. Die rasierten Beine, die blondierten Haarspitzen, die albernen Tattoos - für wen machst du das? Wenn du deine Triumphe feierst, wirkt die Freude wie einstudiert, vor dem Spiegel geübt. Mehr für die anderen als für dich. Ich erkenne dich kaum noch und mich nicht mehr, deinen Verehrer.

Ich habe mich einmal in dich verliebt, und keiner könnte das besser ausdrücken als der große Nick Hornby, ganz plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden. Doch wer hätte gedacht, dass der größte Schmerz und die schlimmste Zerrissenheit die Gleichgültigkeit sein würde, mit der ich dir heute gegenüberstehe. Dass du mir einmal egal werden wirst. Das hätte ich nie geglaubt, und es macht mich fertig.

Vielleicht habe ich zu viel von dir gewollt. Es klingt absurd, aber du solltest alles für mich sein: Heilige, Hure, Mutter. Ich wollte dich bewundern, deine Eleganz, deine fairen Ideale, deine große Kunst, die mich aus dem Alltag erhebt. Und ich wollte Leidenschaft, mich bei dir vergessen, Ekstase, singen, schreien, weinen, mich verlieren in der Welle der Emotionen. Und ich wollte, dass du mir Halt gibst, ein Zuhause, einen Ort, an den ich immer wieder zurückkommen kann und wo ich mich aufgehoben fühle, geborgen.

Wenn du mir das nicht gegeben hast, war ich frustriert. Oder noch schlimmer, du hast es mir gegeben, viel zu viel davon, und ich habe die Schattenseiten deiner drei Gesichter gesehen. Statt heilig wirktest du abgehoben, entrückt, in höheren Sphären um dich selber kreisend. Dann wieder wirkst du billig, gierig, anbiedernd, wolltest mir Emotionen auf Knopfdruck verkaufen. Und manchmal fühlte ich mich von dir bevormundet, fremdbestimmt, bemuttert. Ich habe mir meinen Alltag von dir diktieren lassen, die Zeiten, wann ich abends und an Wochenenden zu Hause zu sein habe oder in der Kneipe. Ich war auch abhängig von dir.

Wann hat das angefangen, dass wir uns auseinandergelebt haben? 2006 vielleicht. Wir waren im Rausch, im Rausch begeht man Fehler. Du solltest plötzlich mehr für mich sein, für uns alle. Du solltest uns ein neues, unverkrampftes Nationalgefühl stiften. Beweisen, dass Integration funktioniert. Der Welt zeigen, dass wir Freunde sind. Wir haben eine Party aus dir gemacht und wollten, dass es immer so weitergeht. Es war eine Party auf Pump, nicht nur, weil wir diese WM vermutlich gekauft haben. Du solltest uns mehr geben, als du zu bieten hast. Manchmal bist du nur ein 0:0, in dieser Höhe angemessen. Das ist okay, eigentlich.

Doch wir haben immer mehr in dir gesehen. Politiker saßen auf den Tribünen und schwangen danach große Reden über deinen gesellschaftlichen Wert. Intellektuelle diskutierten deine Implikationen. Du wurdest besungen, verfilmt, vergöttert in immer größeren Kathedralen. Wie solltest du da nicht abheben?

Aber du hast das Spiel ja mitgemacht. Du saßest in den Talkshows und wolltest die Welt belehren. Du wolltest wichtiger sein, als du bist. Nicht mehr nur die schönste Nebensache. Und wurdest so eine hässliche Hauptsache. Du warst zu gierig. Konzerne, Mäzene, alte Männer mit Umschlägen, Aktionäre, Fernsehanstalten, du hast für alle getanzt und das Geld genommen, von jedem. Und dich nie gefragt, was du da eigentlich verkauft hast: deine Unschuld. Deine Werte.

Heute spulst du immer das gleiche Programm ab, ich weiß schon vorher, was passiert, es ist berechenbar. In der Bundesliga gewinnen immer die Bayern, im Europapokal die Spanier. Wir haben dir zu viel Geld gegeben, und du konntest damit nicht umgehen. Statt zu teilen, bist du auf Shoppingtour gegangen, hast dich mit Stars und Sternchen geschmückt, bis es einfach nur überladen wirkte.

Du hast keine Geheimnisse mehr, bist ausgeleuchtet, auserzählt, überverkauft: taktisch, statistisch, medial. Wir wissen, wer den Fehler gemacht hat, Experten arbeiten alles auf. Tor? Nicht-Tor? Torkamera. Wir schauen in die Kabinen, kennen den Alltag, die Frauen dahinter, die Autos, alles live auf allen sozialen Kanälen. Wir wollten alles von dir wissen, zu viel. Das Mysterium ist verloren gegangen, das Ungewisse, das Überraschende.

Du versuchst, mich nie zu enttäuschen, ja nichts Falsches in die Kamera zu sagen, alles zu normieren, ein perfektes Paket zu schnüren. Aber ich wollte mich ja reiben an dir, mich aufregen können, dann darüber lachen. Aber es ist so austauschbar geworden, was du mir servierst. An Wolfsburg, Hoffenheim, Ingolstadt stoße ich längst nicht mehr auf, eintöniger Einheitsbrei, der mich kalt lässt, irgendwann wird auch Leipzig Allerlei.

Ich hatte mal das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich dich nicht sehe. Etwas, das bleibt, an das wir noch lange zurückdenken werden. Aber nichts bleibt, nach dem Spiel ist ja gleich wieder vor dem Spiel. Da ist kein Raum zum Nachhallen, keine Zeit mehr für große Momente. Wenn ich dich ein halbes Jahr nicht sehen würde, hätte ich nicht das Gefühl, viel zu verpassen. Es passiert ja ständig etwas bei dir und damit im Grunde nichts.

Du wolltest immer besser sein, fitter, athletischer, hast deine Technik perfektioniert. Aber es waren deine kleinen Fehler, mit denen ich mich identifizieren konnte, denn ich habe sie ja auch. Jetzt sieht alles so mühelos aus. Ich habe dich bewundert, wenn du dich überwinden musstest, wenn du mehr aus dir herausgeholt hast, als möglich schien. Jetzt trinke ich noch Bier und du isotonische Getränke.

Das Schlimme ist: Wenn jemand käme und mir verraten würde, du wärest auf Pillen, dann wäre ich nicht einmal geschockt. Ich ahne bei deinem Pensum schon, dass du nachhelfen musst, damit es weitergeht, weiter, immer weiter. Dabei brauchen wir eher Entschleunigung.

Doch du glaubst, es wird besser, wenn du so weitermachst? Immer mehr Länder, immer mehr Spiele? Dass die Chinesen und Amerikaner dich feiern werden? Du faszinierst dort, wenn du hier faszinierst. Doch eine leere Hülle, ein entkerntes Produkt, eine abgerockte Diva auf Tour wird keine Arenen füllen.

Du musst erst einmal wieder zu dir finden, Fußball. Werde wieder du selbst. Das würde ich mir wünschen. Mach dich nicht größer, als du bist. Hör auf, so verdammt perfekt sein zu wollen. Sag auch mal Nein. Verzichte auf Geld, auf Auftritte. Versprich nichts. Sei streitbarer. Behalte deine Geheimnisse. Nimm dir deine Pausen. Lass uns warten auf dich. Vorfreude aufbauen. Und Distanz, dich zu bewundern. Lieber ein Date die Woche, als dich ständig zu sehen und doch nicht wiederzuerkennen.

Aber ich weiß nicht, ob du schon so weit bist. Ob erst der große Knall kommen muss, bevor du es kapierst. Das Geld fließt ja, aber Geld ist Liebe und wenn die ausbleibt, was fließt dann noch? Vielleicht liegt es auch an mir. Und du bist glücklicher mit deinem Chinesen. Ich wünsche euch dann eine schöne Party.

Aber ich weiß nicht, wie es mit uns weitergehen soll, Fußball. Ich hoffe immer noch, dass es wieder wird, wie es mal war. Vielleicht ist es jetzt besser, wenn wir uns erst mal eine Weile nicht sehen.

Kurzbiographie

Dominik Bardow

wurde 1982 in Dorsten geboren. Nach seinem Studium in Berlin, Modena und Hamburg, arbeitete Bardow in London, Barcelona und Buenos Aires und kam über die Deutsche Journalistenschule in München zum Tagesspiegel nach Berlin. Dort sieben Jahre im Sportressort tätig, unter anderem als Fußball-Reporter bei Hertha BSC und Experte für Fifa-Korruption. Nach dreimonatiger Asien-Reise wieder als freier Autor in Berlin unterwegs. 2015 bei den Sports Media Pearl Awards in Abu Dhabi ausgezeichnet.