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Nominierter Text

Von Armin Käfer

Demokratie der Deppen

Witzbolde und Reporterclowns führen in der „heute-show“ allwöchentlich die Volksvertreter vor. Das ist oft lustig, bisweilen zum Brüllen, schürt aber unweigerlich die Politikverachtung – ein fataler Spaß.


Von Markus Söder lernen heißt siegen lernen. Das gilt zumindest für Politiker im Umgang mit Reportern der „heute-show“. Sie können solche Begegnungen in der Regel gar nicht unbeschadet überstehen. Dazu finden sich ungezählte Beispiele in der Mediathek des Zweiten Deutschen Fernsehens. Bayerns Finanzminister Söder hat unlängst jedoch vorgeführt, wie man dem Risiko entgeht, sich vorführen zu lassen. Wer an Horst Seehofers Thron sägt, dem darf auch nicht bange sein vor einem Witzbold mit Sturmfrisur, der bei der „heute-show“ nicht Donald Trump, sondern Lutz van der Horst heißt. Bevor der Reporterclown auch nur die erste dumme Frage stellen kann, eine Frage der Art, die an den Interviewten kleben bleibt, als seien sie in einen Hundehaufen getreten, greift Söder nach dem Mikrofon, entreißt es dem Komödianten und nimmt es mit. So entwaffnet man die Spaßguerilla.

Mangelt es Söder an Humor? Oder nur an dem Mindestmaß an Masochismus, der unfreiwilligen Gästen aus der Welt der Politik von der „heute-show“ abverlangt wird? Diese Sendung ist für viele inzwischen der einzige Kanal, auf dem sie Leute wie Söder überhaupt noch wahrnehmen. Freitags hat die „heute-show“ regelmäßig mehr Zuschauer als das „heute-journal“, das Politik weitgehend humorlos, wenn auch nicht durchweg sachlich präsentiert. Beim satirischen Pendant zur wichtigsten Nachrichtensendung des ZDF hingegen geht es durchweg unsachlich zu. Da werden Menschen der Gattung Homo politicus wahlweise als „geile Sau“ tituliert oder als „wirbellose Kriechtiere“, die an „endemischer Altersräude“ leiden – wie jüngst in einer Parodie über die Grünen. Volksvertreter erscheinen freitagabends nach 22.30 Uhr unausweichlich als Deppen der TV-Nation. Das hat System in der halben Stunde, die der Moderator Oliver Welke und seine komödiantischen Helfershelfer zu bespaßen haben. Es ist oft lustig, gelegentlich zum Brüllen, schürt aber konsequent die Politikverachtung.

„Alle Politiker sind doof, reden Unsinn und machen den Leuten ein X für ein U vor.“ So fasst Hugo Müller-Vogg, Kolumnist für das Boulevardblatt „Bild“, die „heute-show“ zusammen. „Viele Witze kommen nicht über Klotüren-Niveau hinaus, sie gefallen Menschen, die Humor nicht von Hohn unterscheiden können“, befindet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Nach ihrem Urteil betreiben Welke & Co eine „Infantilisierung der politischen Debatte“.

„Der konservativen Medienkritik waren und sind Satiresendungen schon immer ein Dorn im Auge“, sagt Jupp Legrand, Geschäftsführer der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. Kritik kommt aber nicht nur von rechts. In der „heute-show“ erscheine „die parlamentarische Demokratie als quälendes Kasperletheater, als lächerliches Ringelpiez unfähiger Marionetten“, bemängelt der Autor Reinhard Mohr, der für das linksalternative Stadtmagazin „Pflasterstrand“ und die ebenso verortete „taz“ geschrieben hat. Für ihn vermittelt Oliver Welke „das Bild einer peinlichen Pappnasen-Republik“. Der politisch ähnlich positionierte Publizist Albrecht von Lucke hält Welkes Show für eine „glänzend gemachte Ulksendung“, wertet die gegen Politiker gewandte Häme jedoch als „ziemlich anti-aufklärerisch“.

Zu ganz anderen Schlüssen kommt der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler in einer von der Otto-Brenner-Stiftung finanzierten Studie über „Witz und Politik in heute-show und Co“. Das 107 Seiten umfassende Werk, über das Albrecht von Lucke sagt, er habe „selten was Dümmeres gelesen“, ist eine Art Persilschein für das ZDF. „Der gelegentlich geäußerte Verdacht, hier werde rundweg alle Politik für blöd und nutzlos erklärt, lässt sich nicht erhärten“, heißt es da. Gäbler urteilt: „Der ,heute-show‘ wohnt großes aufklärerisches Potenzial inne.“ Im Unterschied zur Sendung selbst ist das nicht ironisch gemeint. Welke selbst fühlt sich völlig überinterpretiert. Er sagt: „Wir sehen uns nicht als Aufklärer.“ Falls ein anderer Eindruck entstehe, dann allenfalls „aus Versehen“.

Der Vorwurf, es sei ein „großer Mangel deutscher Köpfe, dass sie für Ironie, Zynismus, Groteskes, Verachtung und Spott keinen Sinn haben“, ist schon hundert Jahre alt. Der Schriftsteller Otto Flake formulierte diese Klage noch vor dem Ersten Weltkrieg. Die politische Destruktionskraft der „heute-show“ zu hinterfragen heißt aber nicht, das cholerische Talent eines Gernot Hassknecht gering zu schätzen, das lächerliche Potenzial des quasselnden Pullunders Olaf Schubert oder den vernichtenden Wortwitz von Dietmar Wischmeyer. Wenn Birte Schneider als Oberlehrerin an der Schultafel die Scheinheiligkeit der im Bundestag beschlossenen Armenien-Resolution erklärt, ist eine aufklärerische Absicht unverkennbar. Auch solche Simplifizierungen sind jedoch apolitisch, wenn nicht gar antipolitisch. Sie gaukeln dem Publikum vor, Demokratie könne ein schlichtes und schnell zu erledigendes Geschäft sein, wären da nicht die Schnarchnasen in der Regierung, die Quatschköpfe im Parlament.

Demokratie ist aber ein langwieriges und schwieriges Unterfangen. Das wäre selbst dann nicht anders, wenn Oliver Welke persönlich ein Abgeordnetenmandat erhielte. Kleine Nebenbemerkung: Wenn das Honorar stimmt, würde er es vielleicht sogar übernehmen. Welke sei „ein Söldner, kein Kabarettist“, sagt dessen Freiburger Kollege Matthias Deutschmann. Und der Blogger Leonard Novy schreibt auf der Plattform „Carta“, der Politverulker erwecke „den Eindruck, genauso gut ,Upps, die Pannenshow‘ oder ein Event für den Bundesverband der Sparkassen moderieren zu können, solange die Gage stimmt“. Der Multimoderator liefert einen Beleg dafür ausgerechnet auf einer Veranstaltung der Otto-Brenner-Stiftung, welche die These untermauern sollte, hinter seiner Spöttervisage verberge sich ein Aufklärer. Wenn am gleichen Abend die Champions League gespielt hätte, die Oliver Welke für das ZDF kommentiert, wäre er nicht zur Verteidigung seiner Satirikerehre erschienen, wird dem Publikum mitgeteilt.

Die „heute-show“ betreibe „Aufklärung nur für die Armen im Geiste“, meint der Kabarettist Matthias Deutschmann, dem das ZDF 1993 den Stuhl vor die Tür gestellt hat. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wer von Politik keine Ahnung hat, der missversteht sie dank Welkes Nachhilfe erst recht. Wer ohnehin schon Bescheid weiß, kann über seine Scherze lachen, ohne gleich alle Politiker für Trottel halten zu müssen. So werden sie aber vorgeführt. Die grüne Urwahl eines Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl wird dann zum „blöden Casting“, die Bewerber werden unter der Rubrik „Drei taube Nüsse für Aschenbrödel“ veräppelt. Umweltministerin Barbara Hendricks lässt sich zu ihrem Klimaplan interviewen, muss sich von Welkes Nachwuchskraft Hazel Brugger aber fragen lassen: „Braucht es wirklich jedes Tier?“ Sie will ernsthaft erklären, warum das so sei – und wird prompt durch die nächste Frage unterbrochen: „Auch Wespen?“ Oder Vögel, „die dann wieder aufs Auto kacken“?

Selbstverständlich muss Satire respektlos sein. Sie darf die Mächtigen nicht schonen. Sie setzt da an, wo es wehtut. Tabus sind ihre Zielscheiben. Die Regeln des Anstands darf sie getrost auch mal als Fußabtreter benutzen. Der „Einsatz von Kreativität und Scherz stellt ein wichtiges Vehikel zur kritischen Auseinandersetzung mit ¬aktuellen politischen Problemen dar“, schreibt der Medienwissenschaftler Benedikt Porzelt. Neuerdings versuchten viele Politiker gar „vom Objekt zum Subjekt der Komik zu werden, um die Möglichkeit einer positiven Selbstpräsentation für ein öffentliches Imagebuilding zu nutzen“. Doch was hat es mit Imagebuilding zu tun, wenn ein kompletter Berufsstand notorisch für doof erklärt wird?

Dieser Frage geht der Politologe Andreas Dörner in einem Aufsatz über „Die humorvolle Rahmung politischer Kommunikation“ nach. Die Amerikaner haben dafür einen griffigeren Ausdruck gefunden. Sie nennen es „turn democracy into a joke“, was so viel bedeutet, wie die Demokratie zum schlichten Spaß verkommen zu lassen. Daran arbeitet die „heute-show“ mit Inbrunst. Was Beiträge wie das Interview der Umweltministerin Hendricks betrifft, so warnt der Experte Dörner: Wer sich zum Gespött des Publikums machen lasse, fördere die Politikverdrossenheit. Das untergräbt die Legitimation des demokratischen Personals. Die individuelle Blamage färbt auf die politische Klasse als Ganzes ab.

Satire darf alles, wissen wir von Kurt Tucholsky. Sie sei „ihrem tiefen Wesen nach ungerecht“. Für ihn waren Satiriker gekränkte Idealisten, die sich die Welt gut wünschen und deshalb gegen das Schlechte anrennen. Welche Ideale Welke und seine Kollegen antreiben, ist nicht erkennbar. Sie finden wohl eher Spaß daran, dass die Welt so schlecht ist. Sie blicken auf die Gesellschaft wie die Besucher eines Zoos, in dem sich Politiker statt Affen tummeln.

Einem wie dem Kabarettveteranen Dieter Hildebrandt war es noch ernst mit den Themen, über die er sich echauffierte. Sein Spott zielte mehr auf Wirkung, auf eine Art Lerneffekt. Mit schlichtem Gelächter wollte er sich nicht zufriedengeben. Hildebrandt verstand sich als intellektueller Wutbürger, aber eben auch als Bürger. Er war der Ansicht, es sei „nicht sehr ergiebig“, Politiker ununterbrochen zu beleidigen. „Ich habe Respekt vor Menschen“, sagte er in einem legendären Rundfunkinterview mit Günter Gaus. Er wolle hingegen „mit einer Pointe Menschen nicht in einen Zusammenhang reißen, in dem sie würdelos sind“. In der „heute-show“ erscheinen Politiker unablässig solcherart. Sie fabrizieren durchweg Nonsens – wie Clowns in einem endlosen Schmierenstück.

Hildebrandt befand mit Blick auf das eigene Metier im fortgeschrittenen Alter: Vieles sei besser geworden, „leider auch die Blödheit“. Die Blödheit kommt heutzutage zynisch daher. Wenn drei Millionen Fernsehzuschauer – nicht die dümmsten Köpfe unter all denen, die das Grundgesetz zum Souverän erklärt hat – freitagabends das Führungspersonal als komplett debiles Ensemble vorgeführt bekommen und sich darüber schlapp lachen, kommen Zweifel auf, ob es sich dabei wirklich nur um „Spannungsabbau durch Humor“ handelt. Vielleicht erleben wir auch live den Triumph einer zynischen Unvernunft.

Kurzbiographie

Armin Käfer,

geboren 1960, war schon mit 16 Journalist – als Mitarbeiter diverser Schülerzeitungen. Berufsziel wurde der Journalismus aber erst nach einem Umweg über die Physik. Das Kürzel „kä“ gibt es seit 1981. Damals stand es unter Artikeln einer studentischen Aushilfskraft in der Lahrer Zeitung. Dem Examen in den Fächern Politik und Geschichte an der Universität Freiburg schloss sich 1986 ein Volontariat bei der Mittelbadischen Presse an. 1989 erfolgte der Wechsel zur Stuttgarter Zeitung, zunächst in die Lokalredaktion, 1999 auf die Stelle als Nachrichtenchef. 2005 bis 2016 leitete „kä“ das Korrespondentenbüro in Berlin, jetzt schreibt er als Politischer Autor aus der Stuttgarter Zentrale. Seit 20 Jahren arbeitet er auch in der journalistischen Nachwuchsausbildung.