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Nominierter Text

Von Verena Lueken

Den Tod im Blick

Von den gefilmten Exzessen der IS-Terroristen, auf die Navid Kermani in seiner Friedenspreisrede zu sprechen kam, führt eine Spur direkt in unsere Bilderwelten. Hier sind die höchsten Stufen des Horrors längst gezündet.

Eine gefesselte Frau, mit ihrer Strumpfhose geknebelt, nackt, die Beine geöffnet, die Arme an Pfosten gebunden. Die Striemen über ihrem Bauch erzählen von den Schlägen, die sie hinter sich hat, die Blutergüsse im Gesicht von ihrer Gegenwehr. Jetzt wird sie vergewaltigt, von vielen Männern, dann mit Messern und Stöcken gequält, schließlich gewürgt, dann erstochen: Dies ist ein Video, das mit dem Verdacht spielt, es zeige ein tatsächliches Ereignis.

Eine Gruppe von Mädchen wird entführt und einem Pornoproduzenten ausgehändigt, der sie vor laufender Kamera schlachten lassen will: Dies ist offizielle Inhaltsangabe eines Films, der mit dem Verdacht spielt, das sei tatsächlich geschehen, damit es gefilmt werden könne.

Einer Frau wird vor laufender Kamera die Kehle durchgeschnitten und der Film ihrem Liebhaber zugespielt, der gegen die Regeln eines mexikanischen Drogenkartells verstoßen hat: Dies ist eine Szene aus einem Kinofilm mit Michael Fassbender und Penélope Cruz.

Theater des Grauens

Allesamt Phantasien aus unseren entfesselten Bilderwelten. Sämtlich Beispiele unseres entmenschlichten Sehens und der kompletten Unterwerfung all unserer Sinne unter den kommerziellen Verwertungszwang als Triebfeder unseres Handelns und Wünschens. Es sind harmlosere Beispiele, muss man sagen, es gibt vieles, das sich spielend im Netz finden lässt, was den hier nur angedeuteten Schrecken bei weitem übersteigt.

Navid Kermani hat in seiner Dankesrede für den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche am vergangenen Sonntag als Muslim gesprochen, der die vermeintliche Hilflosigkeit des Westens gegenüber den Kriegen in Syrien und im Irak zwar kritisierte, der aber im Wesentlichen über den Islam und dessen innere Zerstörung sprach und zu einem erschütternden Ergebnis kam. „Es gibt keine islamische Kultur mehr“, sagte er.

Zwangsläufig dachte man: Wie sieht es mit unserer aus? Kermani fragte das nicht. Aber eine innere Zerstörung, die den Westen zersetzt, schien in zwei Chiffren auf, die nur auf den ersten Blick beiläufig erscheinen: die Shoppingmall, die neben der Kaaba in Mekka steht, und die Snuff-Videos des „Islamischen Staats“, der „mit seinen Bildern eine immer höhere Stufe des Horrors zündet“. Wir werden gezwungen, an diesem Theater des Grauens, das in den Theatern der Antike in der syrischen Wüste gegeben wird, als Zuschauer teilzunehmen. Unser Entsetzen ist grenzenlos. Aber was folgt daraus?

Snuff, das sind wir

In unseren Bilderwelten haben wir die höchsten Stufen des Horrors längst gezündet, und darauf verweist Kermani mit der Verwendung des Wortes „Snuff“, das möglicherweise nicht allen seiner Zuhörer geläufig gewesen sein wird und das doch die Gedanken in Gang setzte - nicht nur über den IS und seine Propagandafilme, sondern vor allem darüber, was sie plagiieren.

Zum ersten Mal kam das Gerücht über sadistische Morde vor laufender Kamera bei der Bande um Charles Manson auf, Manson selbst soll sich damit gebrüstet haben. Aber die Filme tauchten niemals auf. Der später in den Siebzigern virulente Verdacht, in der amerikanischen Pornoindustrie seien Darstellerinnen tatsächlich während der Dreharbeiten getötet worden, um den Horror vollkommen wirklichkeitsgetreu abbilden zu können, ließ sich nicht bestätigen. Aber der Begriff „Snuff“ wurde seitdem immer wieder benutzt, der Verdacht immer wieder geäußert, wenn über Gewaltpornographie debattiert wurde. Und wie das zwangsläufig so geht - die Strategien der Reizsteigerung, die von Snuff ausgingen, haben sich längst im Mainstream festgesetzt. Der Frauenmord vor laufender Kamera als Strafe für ihren Liebhaber, den wir mit ihm dann beobachten müssen, der stammt aus „The Counselor“, einem Hollywood-Film von Ridley Scott.

Die Glorifizierung von Sadismus zum Tode ist ein Marketingmerkmal der westlichen Kulturindustrie. Die Verwendung von „Snuff“ in Kermanis todtrauriger Rede verweist auf uns. Es sind unsere Erzählungen, die da kopiert werden, unsere Bildstrategien, mit denen die größte Rekrutierungskampagne von Kämpfern seit dem Spanischen Bürgerkrieg arbeitet, und das zu wissen heißt vor allem zu fragen: Sind das wirklich die besten Geschichten, die wir zu erzählen haben? die und die von den Ruinen Palmyras, deren endgültige Zerstörung wir beweinen, weil wir ausgerechnet dort und nur dort die Quelle unserer Kultur behaupten? Nein. Snuff, das sind wir.

Seit dem 11. September 2001 wissen wir, dass es unsere Bilder sind, die Szenarien vorstellen, mit deren Plagiaten wir angegriffen werden. Aber wer hat ernsthaft danach gefragt, ob das vielleicht an diesen Bildern liegt? An der Welt- und Menschwahrnehmung, die in ihnen zum Ausdruck kommt? Seit Kermani in der Paulskirche „Snuff“ sagte, steht die Frage nach einer anderen Erzählung, anderen Bildern im Raum. Kermani hat als Muslim über den Islam, die islamische Welt und die Verluste der islamischen Kultur gesprochen. Snuff und Shoppingmall, die sind unsere Sache.

Kurzbiographie

Verena Lueken

Geboren 1955 in Frankfurt am Main.

Verena Lueken kam auf Umwegen zum Journalismus und schnell zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort arbeitet sie seit fast 25 Jahren als Redakteurin des Feuilletons, davon sieben als Kulturkorrespondentin in New York. Unter dem Eindruck des 11. Septembers schrieb sie das Buch »New York. Reportage aus einer alten Stadt« (2002). Es folgte 2005 »Gebrauchsanweisung für New York«, eine erweiterten Neuausgabe kam 2010 heraus. 2015 veröffentlichte sie ihren ersten Roman: »Alles zählt«. Sie hat Lehraufträge an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt sowie der Leuphana Universität Lüneburg.