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Nominierter Text

Von Marco Seng und Karsten Krogmann

Warum stoppte niemand Niels Högel?

Niels Högel aus Wilhelmshaven wird vermutlich als größter Serienmörder der Nachkriegszeit in die deutsche Geschichte eingehen. Der ehemalige Krankenpfleger steht im Verdacht, bis zu 200 Patienten zu Tode gespritzt zu haben; rund 30 Tötungen und 60 Tötungsversuche hat er bislang zugegeben. Doch hinter der Geschichte steckt mehr. Lesen Sie die Chronik eines unglaublichen Ermittlungsskandals.

Klinikum Delmenhorst, 22. Juni 2005, ein Mittwoch; auf der Intensivstation hat die Spätschicht begonnen. In Zimmer 6 liegt der ehemalige Justizvollzugsbeamte Dieter M. aus Bremen im künstlichen Koma. M., 63 Jahre alt, leidet an Lungenkrebs; er hat gerade zwei Operationen überstanden. Die Ärzte haben einen Luftröhrenschnitt vorgenommen, sein Zustand ist stabil.

Bis der Krankenpfleger Niels Högel, 28 Jahre alt, in sein Zimmer tritt.

Högel spritzt Dieter M. 40 Milliliter des Medikaments Gilurytmal in die Vene. Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) ist ein Herzmittel, eine Überdosis kann lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen und einen Blutdruckabfall verursachen.

Neben dem Krankenbett steht eine Infusionspumpe, Dieter M. erhält darüber pro Stunde sieben Milliliter des Blutdruckmedikaments Arterenol. Högel dreht die Pumpe auf null. Als der Überwachungsmonitor einen Alarm auslöst, schaltet H. den Ton ab.

Bei Dieter M. setzt ein lebensbedrohliches Herzkammerflattern ein, sein Blutdruck sackt ab. Eine Krankenschwester kommt zufällig ins Zimmer. Högel sagt zu ihr: „Dein Patient hat keinen Druck mehr.“ Die Schwester ruft einen Kollegen zur Hilfe, gemeinsam leiten die beiden Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Sie können Kreislauf und Blutdruck von Dieter M. wieder stabilisieren. Vorerst.

Nur 29 Stunden später ist Dieter M. tot.

Die Krankenschwester ist misstrauisch geworden, sie nimmt Dieter M. nach der Reanimation eine Blutprobe ab. In der Klinikapotheke stellt sie fest, dass fünf Ampullen Gilurytmal zu je 10 ml fehlen. Die Schwester weiht den Kollegen ein, der bei der Reanimation von Dieter M. dabei war. Der Kollege findet vier leere Ampullen des Medikaments im Mülleimer der Intensivstation.

Die Klinik schaltet die Polizei ein.

 

Zehn Jahre später sitzt Niels Högel im großen Saal des Landgerichts Oldenburg auf der Anklagebank: 38 Jahre alt, kräftige Statur, nackenlange Gel-Frisur, Henriquatre-Bart, Ohrringe. Er hat sich verändert im Gefängnis; alte Fotos zeigen einen schlanken Lockenkopf, der frech in die Kamera lächelt. Jetzt versteckt er sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Im Zuschauerbereich des Saals lauern die Fotografen.

Auch die Frau von Dieter M. sitzt im Saal. Sie ist nicht allein: Neben ihr, hinter ihr, vor ihr sitzen Menschen, die ebenfalls Angehörige im Klinikum Delmenhorst verloren haben - mögliche Opfer von Niels Högel.

Högel steht zum dritten Mal in Oldenburg vor Gericht. In den ersten beiden Prozessen ging es allein um den Tod von Dieter M. Im aktuellen Prozess geht es um dreifachen Mord und zweifachen Mordversuch. Aber niemand hier im Saal zweifelt daran, dass es auch noch einen vierten Prozess geben wird. Längst gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass Niels Högel bis zu 200 Patienten umgebracht haben könnte.

 

Wer ist dieser Niels Högel?

Högel wird am 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven geboren, auf einem Ohr taub. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf; „warmherzig und tragfähig“ nennt er es später im Gespräch mit seinem psychiatrischen Gutachter, Konstantin Karyofilis. Högels Vater ist Krankenpfleger aus Überzeugung, er arbeitet viel, ist gebildet, verschlossen, politisch organisiert in der SPD. Die Mutter kommt aus eher schwierigen Verhältnissen, gelernte Anwaltsgehilfin, sie muss putzen gehen. Högel hat eine ältere Schwester, die später Zahnarzthelferin wird. "Eine durch und durch helfende Familie", sagen Bekannte aus Wilhelmshaven.

Als Niels elf Jahre alt ist, trennen sich die Eltern für einige Zeit, er entwickelt Ängste. Die Schulleistungen sind durchschnittlich, der Junge spielt gerne Fußball. Niels besucht die Integrierte Gesamtschule, Mitschüler und Lehrer erinnern sich an ihn als nett, fröhlich, hilfsbereit. Kein Einzelgänger, immer mittendrin. Högel will Feuerwehrmann werden, doch er hat Höhenangst. Das Medizinstudium ist ihm zu aufwendig. Die Oberstufe der Schule besucht er nicht mehr, sein Berufswunsch steht nun fest: Er will Pfleger werden, wie der Vater.

Mit 17 beginnt er die Pflegerausbildung im St.-Willehad-Hospital. Mädchen, Alkohol und Drogen nehmen jetzt einen größeren Platz in seinem Leben ein. Das Examen ist mittelmäßig, aber Högel wird übernommen, er erlebt die „beste Phase seines Lebens“. Als kleinbürgerlichen Menschen beschreibt ihn Gutachter Karyofilis - ein Mensch, der Wilhelmshaven eigentlich nie verlassen wollte.

Irgendwann geht er trotzdem: 1999 fängt er auf der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg an. Das Klinikum ist hoch angesehen, die herzchirurgische Intensivstation erst recht. Högel fühlt sich geschmeichelt, ist aber der belastenden Arbeit offenbar nicht gewachsen. Schon die erste Herzoperation beschreibt er als „traumatisierendes Erlebnis“. Er wird immer müder, vereinsamt innerlich. Er beginnt zu trinken, entwickelt Depressionen und Angstzustände, die bis heute behandelt werden müssen.

In der Klinik gibt es Ärger. Högel wird 2001 versetzt, ein Jahr später muss er gehen. Man habe kein Vertrauen mehr in ihn, sagt ein Chefarzt. Högel versteht das nicht. „Völlig absurd“, so nennt er den Vorgang Jahre später gegenüber seinem Gutachter. Da steht er bereits wegen Mordverdacht vor Gericht.

Anfang 2003 wechselt er nach Delmenhorst, ausgestattet mit einem guten Zeugnis aus Oldenburg. Nach einem Autounfall entwickelt er Panikattacken, nimmt Medikamente.

Ein Jahr später heiratet Högel, seine Tochter kommt zur Welt. Die Geburt ist lebensbedrohlich für das Kind. Er steht daneben, kann nichts machen. Das sei furchtbar gewesen, sagt er dem Gutachter. Högel ist vom Familienleben überfordert, lässt seine Frau allein zu Hause, stürzt sich in die Arbeit. Wenn er frei hat, fährt er im Rettungswagen mit, DRK-Wache Ganderkesee-Bookhorn. Für Niels Högel gibt es nur noch Arbeit, Alkohol, Tabletten und noch mehr Arbeit - bis er zum ersten Mal etwas tut, das ihn kurz aus diesem Kreislauf zu befreien scheint.

 

März 2003, mitten in der Nacht.

Högel steht vor einem Medikamentenregal auf der Intensivstation. Er fühlt eine innere Leere. Als ob man lange nichts gegessen habe - so beschreibt er das Gefühl später dem Gutachter. Er sucht ein Mittel, das Patienten in Not bringt, aber nicht tödlich ist. Er will reanimieren, will sich besser fühlen. Er weiß doch, dass das funktioniert. Beim ersten Mal in Delmenhorst haben ihn die neuen Kollegen gelobt, haben ihm auf die Schulter geklopft. Damals konnte er für den Notfall nichts. Jetzt muss er nachhelfen, damit es zu einem Notfall kommt.

Der Medikamentenschrank. Högel fallen die Ampullen mit Gilurytmal ins Auge. Das Herzmedikament kennt er vom Rettungsdienst. Schnell wirkend, unauffällig. Drei Ampullen zieht er auf, schleicht sich in ein Patientenzimmer, stellt den Alarm ab, spritzt einer Patientin zehn Milliliter. Die Kolleginnen nebenan merken nichts.

Der Blutdruck der Patientin sinkt dramatisch. Als Ärzte und Schwestern herbeieilen, hat Niels Högel schon mit der Herzdruckmassage begonnen. Die Frau stabilisiert sich. Högel fühlt sich gut. Er sorgt jetzt immer wieder für Notfälle. Zweieinhalb Jahre lang.

Bis zu jenem Mittwoch im Juni 2005 im Zimmer von Dieter M.

Högel wird festgenommen - ein Ende ist das aber nicht. Es beginnt einer der unglaublichsten Ermittlungsskandale der deutschen Geschichte.

Als Niels Högel wegen Mordversuchs an Dieter M. vor Gericht gestellt wird, erklärt die Staatsanwaltschaft Oldenburg: Es gebe keine Hinweise auf Zusammenhänge mit anderen Todesfällen im Klinikum.

 

Aber stimmt das auch? Gab es wirklich keine Hinweise?

Aus heutiger Sicht gibt es auf diese Fragen nur eine Antwort: nein.

Das Landgericht Oldenburg verurteilte Niels Högel 2006 wegen versuchten Totschlags an Dieter M. zu fünf Jahren Haft und einem fünfjährigen Berufsverbot. Der Bundesgerichtshof kippte das Urteil (auf Revision der Nebenklage von Frau M.). 2008 wurde Högel erneut verurteilt, diesmal zu siebeneinhalb Jahren Haft und einem lebenslangen Berufsverbot. Wer die Urteilsbegründungen dieser beiden Prozesse liest, wer die Zeugen hört im dritten Prozess gegen Niels Högel, der sieht und hört: Hinweise, Hinweise, Hinweise.

Da sind die Ex-Kollegen aus Oldenburg, die aussagen, dass Niels Högel bereits bei ihnen aufgefallen sei: zunächst als „engagiert“, „zupackend“ und „medizinisch sehr kompetent“, bald aber als unheimlich. Die Ex-Kollegen berichten, „dass im Arbeitsbereich des Angeklagten des Öfteren Reanimationen erforderlich waren“. Dass sie Niels Högel in Oldenburg „Unglücksrabe“ und „Pechbringer“ nannten. Dass der Angeklagte den „Ruf hatte, immer dort zu sein, wo eine Reanimation erforderlich war“. Dass er in mindestens einem Reanimationsfall zwei Lernschwestern hinzugeholt hatte, um sie „mit seinen medizinischen Fähigkeiten zu beeindrucken“. Der Chefarzt der herzchirurgischen Abteilung wertete das Verhalten zunehmend als "unangebrachten Aktionismus" und bemühte sich um eine Versetzung von Niels Högel auf eine andere Station.

Da ist der Chefarzt der anderen Station, der Anästhesie. Auch ihn beschlich bald ein „ungutes Gefühl“, weil Högel auffällig häufig in Krisensituationen zugegen war. Man habe kein Vertrauen mehr zu ihm: Die Vorgesetzten legten Högel nahe, zu kündigen. Er wurde freigestellt bei voller Bezahlung - in Zeiten des Pflegenotstands ein unüblicher Vorgang. Im Urteil gegen Niels Högel hält das Landgericht fest: Es bestehe kein Zweifel, dass Högels Vorgesetzte „den Verdacht hegten, der Angeklagte könnte etwas mit den Krisen der in seinem Umfeld befindlichen Patienten zu tun haben“.

 

Hätte nicht schon das Klinikum Oldenburg Anzeige gegen Niels Högel erstatten müssen, zum Beispiel wegen Verdachts auf Körperverletzung?

Stattdessen schrieb es Niels Högel ein Zeugnis, in dem er als „verantwortungsbewusster und interessierter Mitarbeiter“ gelobt wird, der „umsichtig gewissenhaft und selbstständig“ arbeite.

Klinikum-Geschäftsführer Dr. Dirk Tenzer nennt das Zeugnis heute "ein normales Arbeitszeugnis" und verweist auf "sehr harte Regeln", die in Deutschland festschrieben, "was in Arbeitszeugnissen stehen darf".

Als im Zuge des dritten Prozesses der öffentliche Druck immer größer wurde, hat das Klinikum Oldenburg auf eigene Kosten ein Gutachten in Auftrag gegeben. Tenzer wollte wissen, ob es während der Dienstzeit von Niels Högel ungeklärte Todesfälle auch in Oldenburg gegeben hat. Das Ergebnis: zwölf Sterbefälle mit Hinweisen auf Fremdeinwirkung in den Jahren 2000 bis 2002, als Högel im Klinikum angestellt war. Die Patienten seien an einer Überdosis Kalium gestorben, teilte Tenzer auf einer Pressekonferenz mit.

Niels H. aber verließ Oldenburg Ende 2002 mit gutem Zeugnis. Er bewarb sich in Delmenhorst. Und nun waren es die Kollegen im dortigen Klinikum, die in der Nähe von Niels Högel ein „komisches Gefühl“ beschlich.

 

Weitere Zeugen sagen aus.

Da ist die Krankenschwester aus Delmenhorst, die diese Geschichte erzählt: Sie habe kurz das Zimmer einer älteren Patientin verlassen, die sie zuvor stabilisiert habe. Als sie zurückkehrte, stand Niels Högel am Bett der Frau, die plötzlich Herzkammerflattern hatte. Niels Högel habe „tatkräftig“ Reanimationsmaßnahmen eingeleitet, die erfolglos blieben. Die Krankenschwester sagte vor Gericht aus, dass sie sich das Kammerflattern bis heute nicht erklären könne.

„Erst haben wir noch herumgeflachst, dass so viele Patienten gestorben sind, irgendwann kriegte man ein komisches Gefühl“, sagt eine ehemalige Krankenschwester aus Delmenhorst. „Es gab Kollegen, die gesagt haben, mit dem möchte ich nachts nicht mehr arbeiten“, erinnert sich eine andere Kollegin. Eine frühere Ärztin des Klinikums war nach eigenen Aussagen immer gestresst, wenn sie mit Niels Högel arbeiten musste: „Oje, was passiert heute wieder? Wer muss heute reanimiert werden?“ Einige Kolleginnen hätten zu Högel gesagt: „Du betrittst meine Patientenzimmer nicht.“ Ein neuer Spitzname für Niels Högel: "Brutaler Rettungs-Rambo".

Zwei der Zeugen wollen anschließend die Stationsleitung über die Vorfälle informiert haben. Diese hätte das auch „komisch“ gefunden. Passiert sei nichts.

Es passierte auch nichts, als diese Aussagen Eingang in Polizei- und Gerichtsakten fanden. Es passierte erst etwas, als Kathrin Lohmann sich einmischte.

2008 las Kathrin Lohmann in der Zeitung vom zweiten Prozess gegen Niels Högel. Ihre Mutter Brigitte Arndt war 2003 im Klinikum Delmenhorst gestorben, als Högel Dienst hatte, ähnlich wie im Fall von Dieter M.

Ein flaues Gefühl, ob man lange nichts gegessen hätte? Der Medikamentenschrank?

 

Lohmann ging zur Polizei, jetzt nahm die Kripo neue Ermittlungen auf.

In mühsamer Kleinarbeit erstellte die Polizisten eine Statistik des Grauens: In einer Tabelle erfassten sie die Sterbefälle auf der Intensivstation in Delmenhorst, die Dienstzeiten von Niels Högel, den Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal.

Die Übereinstimmungen waren frappierend. 2003 und 2004 war die Sterberate auf der Station etwa doppelt so hoch wie in den Jahren zuvor. Der Verbrauch des Medikaments Gilurytmal schnellte von 2002 bis 2004 auf mehr als das Siebenfache hoch. Im ersten Halbjahr 2005 passierten 73 Prozent der Todesfälle auf der Intensivstation während der Dienstzeit von Niels Högel oder unmittelbar danach.

Insgesamt gab es während der Beschäftigungszeit von Niels Högel 411 Sterbefälle, 321 davon während seiner Schicht oder unmittelbar im Anschluss. Von diesen 321 Menschen wurden 191 erdbestattet. Diese Leichen könnten für weitere Untersuchungen exhumiert werden.

 

Die Staatsanwaltschaft entschloss sich, acht Leichen exhumieren zu lassen.

"Warum acht?" Als Richter Sebastian Bührmann das im dritten Prozess einen der ermittelnden Kriminalbeamten aus Delmenhorst fragt, druckst der Polizist zunächst herum. "Das kam so von der Staatsanwaltschaft", heißt es dann.

In fünf Fällen fanden sich Rückstände des Wirkstoffs Ajmalin.

Fälle? Es sind Menschen. Zum Beispiel: Brigitte Arndt, 61 Jahre alt, Krankenschwester, sportlich, hatte sich gerade ihren Traumwagen gekauft, sollte damit aus dem Krankenhaus abgeholt werden.

Hans M. (78), glücklich verheiratet, reiste gerne mit seiner Frau, liebte den Garten, konnte die Urenkel nie kennenlernen.

Christoph K. (44), Elektriker, hatte gerade ein Haus gebaut, hinterlässt drei Kinder, wäre am Tag der Urteilsverkündung 55 geworden.

Oder eben Dieter M. (63), liebevoller Opa, genoss den Ruhestand, konnte die Hochzeit seiner Tochter nicht mehr feiern.

Gegen Niels Högel wurde erneut Anklage erhoben: Er steht jetzt wegen des Verdachts von Mord in drei Fällen und Mordversuch in zwei Fällen vor Gericht. Laut Staatsanwaltschaft droht ihm im Falle einer Verurteilung auch die Anordnung einer anschließenden Sicherungsverwahrung.

Das bedeutet: Die Staatsanwaltschaft hält Niels Högel für gefährlich. Erst jetzt?

 

Wer ist Niels Högel? Ein Mann, der sich im Krankenhaus „in den Vordergrund“ drängen wollte, wie das Gericht lange annimmt? Dem es um das „Zurschaustellen der eigenen Person“ ging? Der auch im Gefängnis gern im Mittelpunkt stand? Nach den Zeugenaussagen von Mithäftlingen war in der Zelle von Niels Högel den ganzen Tag lang Betrieb. Mithäftlinge seien zum Kaffeetrinken und spielen gekommen. Es sei dort viel geredet und gelacht worden. Zumindest eine Zeit lang zeigt sich im Gefängnis offenbar wieder das zweite Gesicht von Niels Högel: freundlich, hilfsbereit, intelligent.

Die Mithäftlinge sagen fast übereinstimmend aus, dass Niels Högel ihnen gegenüber die Morde an den Patienten zugegeben habe. „Ja, ich war es“, habe der Ex-Krankenpfleger gesagt, berichtet der erste. „Er hat mir die Tötung von fünf gestanden.“ Niels Högel habe erzählt, dass er acht Menschen getötet habe, sagt der nächste Zeuge. „Ich habe bei 50 aufgehört zu zählen“, zitiert Nummer drei den Angeklagten.

Die Gründe hat Niels Högel seinen Mithäftlingen angeblich auch genannt: Erst habe er Leute von ihren Leiden erlösen wollen, dann aus Langeweile Patienten der Intensivstation nachts totgespritzt. Er habe ihnen gezeigt, wie die Menschen vor ihrem Tod gezittert hätten, erzählen zwei der Ex-Mithäftlinge. „Dann bin ich ja der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte“, soll Niels Högel einem gesagt haben.

Aber erst jetzt, nach umfangreicher Berichterstattung in der Nordwest-Zeitung, will die Staatsanwaltschaft die ganze Dimension des Falles Niels Högel erfassen. Mehr als 100 Leichen könnten ausgegraben werden. Die Polizei hat eigens eine Sonderkommission eingerichtet, sie trägt den Namen "Kardio". „Das ganze Ausmaß kann nur durch eine vollständige, akribische Aufarbeitung erfasst werden“, erklärt Polizeichef Johann Kühme.

Das bedeutet: Die Polizei wird sich auch mit der Dienstzeit von Niels Högel in Oldenburg und zuvor in Wilhelmshaven beschäftigen – und somit auch mit der Frage: Hätten möglicherweise Morde verhindert werden können, wenn die Verantwortlichen im Klinikum Oldenburg anders reagiert hätten? Die Leitung der Sonderkommission hat Arne Schmidt übernommen, Chef des Zentralen Kriminaldienstes der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland. 15 Polizisten arbeiten in der Soko mit, das Hauptquartier liegt an der Bloherfelder Straße in Oldenburg.

 

Ob die Ermittler in den Kliniken offene Türen einrennen, ist indes fraglich. Bereits im ersten Prozess gegen Niels Högel zeigten Zeugen aus dem Klinikum Oldenburg, dass ihnen das Thema offensichtlich unangenehm ist: Die Strafkammer stellte fest, dass die Zeugen „gemauert“ hätten und „ihre tatsächlichen Gedanken bezüglich des Angeklagten stark zurückhielten“.

Offene Fragen bleiben auch dann noch, wenn weitere Leichen exhumiert und untersucht werden: Der Wirkstoff Ajmalin ist nur nachweisbar, wenn ein Patient unmittelbar nach der Einnahme gestorben ist. Lebt er noch einen Tag weiter, baut der Körper die Substanz ab. Was bedeutet: Selbst wenn im Körper eines Toten kein Ajmalin nachgewiesen werden kann, bleibt ein Restzweifel. Noch 2014 wurden nach neuen Anzeigen bereits drei Leichen exhumiert, aber keine Spuren von Ajmalin gefunden.

Kathrin Lohmann, die Tochter der verstorbenen Brigitte Arndt, war die erste Nebenklägerin im aktuellen Mordprozess gegen Niels Högel Inzwischen haben sich weitere Angehörige von Opfern der Nebenklage angeschlossen. Sie werden vertreten von der Delmenhorster Anwältin Gaby Lübben, die auch Vorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Delmenhorst ist. Es geht auch um zivilrechtliche Ansprüche, um mögliche Schadensersatzfragen. Das ist einer der Gründe, warum sich die Kliniken bei dem Thema mit öffentlichen Aussagen zurückhalten. Das Klinikum Delmenhorst lässt ausschließlich einen Rechtsanwalt sprechen, Erich Joester aus Bremen.

Nebenklage-Anwältin Lübben und auch Nebenkläger Christian Marbach haben die Arbeit der Staatsanwaltschaft mehrfach scharf kritisiert. Lübben wirft der Staatsanwaltschaft unter anderem eine neunjährige Ermittlungsblockade vor. Marbach kündigt Zivilklagen gegen die Kliniken Delmenhorst und Oldenburg sowie Schadenersatzforderungen an. Er spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag.

 

Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen zwei ehemalige Dezernenten eingeleitet. Kollegen von der Nachbarbehörde aus Osnabrück sollen klären, ob es Versäumnisse bei den Ermittlungen gegeben hat. Der Vorwurf: Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung. Aber wie groß ist der Aufklärungswille wirklich? Oldenburgs Generalstaatsanwalt Andreas Heuer jedenfalls kündigte "schonungslose" Aufklärung an. Gegen einen ehemaligen Staatsanwalt, inzwischen Richter, wurde Anklage erhoben. Er soll es nach Übernahme des Falls 2011 versäumt haben, weitere Ermittlungen und Exhumierungen anzuordnen. Dies hätte sich jedoch laut Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen „anderer Erkenntnisse aufgedrängt“.

 

Doch zum Prozess kommt es nicht, zum Ärger der Angehörigen von Opfern. Das Landgericht Oldenburg stellt das Verfahren ein, die Osnabrücker Staatsanwaltschaft legt Widerspruch ein, das Oberlandesgericht Oldenburg weist die Beschwerde zurück und bestätigt das Urteil der Vorgängerinstanz. Weil Högel zu der Zeit schon inhaftiert war, habe kein Verlust von Beweismitteln oder gar Verjährung der Taten gedroht, argumentiert das Oberlandesgericht. Außerdem habe der Angeschuldigte seinen Vorgesetzten über die „erhebliche Dezernatsbelastung“ informiert. Dieser habe ihm dann freigestellt, welche Verfahren er bis zum Ausscheiden aus dem Amt im November 2013 vorrangig bearbeiten würde.

Opfer-Vertreter Christian Marbach spricht von einem "justizpolitischen Skandal" und einem "Offenbarungseid der Oldenburger Justiz".

Längst weist der Fall Niels Högel weit über Oldenburg und Delmenhorst hinaus. Der Niedersächsische Landtag hat einen Sonderausschuss für mehr Patientensicherheit einberufen, der sich mit dem Thema Krankenhausmorde beschäftigen soll. Im April 2016 legt der Ausschuss seinen Abschlussbericht vor. Er hat ein ganzes Bündel von Empfehlungen erarbeitet, um Mordserien wie im Klinikum Delmenhorst zu verhindern oder schneller entdecken zu können. Dazu gehören genauere und häufigere Leichenschauen, zwingende Blutentnahmen nach Todesfällen, regelmäßige Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen, anonyme Meldesysteme für Mitarbeiter, die Einführung von

Stationsapothekern und Arzneimittelkommissionen in Kliniken und die Pflichtschulungen von Pflegkräften. Einige Vorschläge – wie die ehrenamtlichen Patientenfürsprecher in Kliniken oder der Patientenschutzbeauftragte auf Landesebene – sind bereits umgesetzt. Der Ausschuss-Bericht umfasst 45 Seiten mit rund 20 konkreten Vorschlägen.

Patientenschützer markern Systemfehler an und fordern ein "umfassendes Alarmsystem" für alle Kliniken.

Wissenschaftler forschen nach der Regel hinter der Ausnahme Niels Högel.

 

Unterdessen sorgt der Fall Niels Högel regelmäßig für neue Überraschungen.

Zum Beispiel, als die Soko "Kardio" bekannt gab, dass H. noch 2008, als er längst zu Gefängnis und Berufsverbot verurteilt war, als Altenpfleger im Pauline-Ahlsdorff-Haus in Wilhelmshaven arbeitete. Warum? Weil das Urteil nichts rechtskräftig war. Und weil Högel viel länger auf freiem Fuß war, als die Öffentlichkeit für möglich gehalten hatte. Nach Beschwerde der Verteidigung war Högels Haftbefehl bereits im September 2005 außer Vollzug gesetzt worden. Erst nachdem das zweite Urteil gegen ihn rechtskräftig geworden war, ging Högel im Mai 2009 als sogenannter Selbstantreter ins Gefängnis. Vorher, so das Landgericht auf Nachfrage, hätten keine Haftgründe vorgelegen.

Für eine andere Überraschung sorgte Högel selbst. Am 8. Januar 2015, Prozessbeobachter hatten eigentlich einen unspektakulären Sitzungstag erwartet, gestand Högel über seinen Gutachter Konstantin Karyofilis rund 30 Patiententötungen und 60 Tötungsversuche. Allesamt in Delmenhorst. An anderen Orten, so auch in Oldenburg, will er keine Taten begangen haben.

Was ändert das? Vorerst nichts. In Ermittlerkreisen ist von einem „taktischen Geständnis“ die Rede. „Da fehlen noch 200 Tote“, heißt es.

Am 26. Februar 2015 wird im dritten Högel-Prozess das Urteil gesprochen: Högel muss lebenslänglich ins Gefängnis - wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und einem Fall von gefährlicher Körperverletzung. Das Gericht stellte außerdem die "besondere Schwere der Schuld" fest, was eine Entlassung nach 15 Jahren ausschließt.

Die Soko "Kardio" ermittelt weiter. Im Frühjahr 2015 haben die ersten Exhumierungen begonnen. Erst sickern Informationen nur tröpfchenweise durch, später informieren Staatsanwaltschaft und Polizei in regelmäßigen Abständen. Mittlerweile sind die Ermittler fast fertig, zumindest was das Klinikum Delmenhorst betrifft.

 

Die Polizei hat nach eigenen Angaben bisher 24 weitere mögliche Mordopfer von Högel ausgegraben. In allen Fällen konnten Rückstände des Herzmedikaments Gilurytmal nachgewiesen werden. 84 Gräber von ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst wurden bisher auf Friedhöfen in Niedersachsen geöffnet. Bei 77 Fällen liegen die Ergebnisse vor, bei sieben stehen sie noch aus, erklärt Soko-Sprecher Matthias Kutzner. "Wir haben bei den Verdachtsfällen im Klinikum Delmenhorst 181 Krankenakten begutachten lassen." Auch nach möglichen Högel-Opfern im Klinikum Delmenhorst und im Rettungsdienst wird weiter gesucht. Laut Polizeipräsident Johann Kühme hat die Soko "Kardio" mehr als 500 Notarzt-Einsatzprotokolle überprüft.

Die Beamten gehen davon aus, dass die Ermittlungen noch einige Zeit dauern werden. Anschließend könnte erneut Anklage gegen Niels Högel erhoben werden und ein vierter Prozess beginnen.

Ein vierter Prozess würde am Strafrahmen zwar nichts ändern.

Er könnte aber Antworten bringen. Antworten, die Frau M. und Kathrin Lohmann jetzt kennen. Antworten auf Fragen, die sich einige hundert andere Angehörige von ehemaligen Klinikpatienten womöglich noch jeden Tag stellen.

Niels Högel, der in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg einsitzt, soll mittlerweile auskunftsbereit sein. Nach NWZ-Informationen befindet er sich in intensiven Gesprächen mit den Ermittlungsbehörden.

NWZONLINE.DE
27. Februar 2015

 

 

Kurzbiographien

Karsten Krogmann

Geboren 1968 in Cloppenburg

Seit er in der 5. Klasse Sport-Berichte für die Schülerzeitung Moin, Moin schreiben durfte, stand der Berufswunsch von Karsten Krogmann unverrückbar fest: Er wollte Journalist werden. Nach dem Studium (Musik und Literatur) startete er als Redakteur im Feuilleton der Oldenburger Nordwest-Zeitung; später leitete er parallel das Jugendmagazin der Zeitung Inside. 2010 übernahm er die neu geschaffene Reportagen-Redaktion der Nordwest-Zeitung. 2014 verstärkte Marco Seng als zweiter Reporter die Redaktion.

Krogmann ist für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Medienpreis Medizin-Mensch-Technik 2015, Sonderpreis Lokaljournalismus.

 

Marco Seng

Geboren 1968 in Bad Homburg v.d.H.

Nach seinem Magister-Abschluss in Politologie, Neuere Geschichte und Literaturwissenschaft in Gießen, war Marco Seng als fester freier Mitarbeiter bei der Frankfurter Rundschau sowie der Westdeutschen Allgemeinen tätig. Bei der WAZ volontierte er 1999/2000 und wurde dann Bundespolitischer Korrespondent der Zeitung in Berlin sowie ab 2002 Politkkredakteur des Mediums in Essen.

2004 wechselte er zur Nordwest-Zeitung, erst als Landespolitischer Korrespondent in Hannover, seit 2014 als Reporter, bis heute zuständig für alle Reportage-Themen in der Region.