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Nominierter Text

Von Anja Reich

Kopf hoch, Lenin!

Abgerissen, begraben, auferstanden: Die unglaubliche Geschichte des Berliner Denkmals

Es sieht so aus, als sei die Zauneidechse erst in die Seddiner Grube gekommen, nachdem Lenin dort abgeworfen wurde, schwerer ukrainischer Granit, 19 Meter lang, in 129 Teile zerlegt, am größten der Kopf. Zum Anfang lag er einfach so da, aber dann, als Souvenirjäger nach ihm suchten und an ihm herumhämmerten wie an der Berliner Mauer, schütteten Forstarbeiter Sand und Schutt auf das Denkmal. Ein Hügel entstand. Auf dem Hügel wuchsen Blumen, Büsche, kleine Bäume, und die Zauneidechse hatte alles, was sie zum Leben brauchte: einen Berg, auf dem sie sich im Sommer sonnen konnte, und Gesteinsritzen für den Winterschlaf. Außerdem: Holz, Sand, Gestrüpp, Pflanzen, alles durcheinander. Die Zauneidechse liebt die Unordnung, das Chaos.

Antje Stavorinus lächelt wie eine Mutter, die stolz ist auf ihr etwas verzogenes Kind. Sie ist Sprecherin der Bezirksgruppe des Naturschutzbundes Treptow-Köpenick und die Vorstellung, wie die Eidechse, dieses archaische Tier, den alten russischen Revolutionär in Beschlag genommen hat, gefällt ihr gut. So ein Denkmal sei der perfekte Lebensraum für die Zauneidechse, sagt sie. Günstig sei auch die Witterung, hier im Osten regne es weniger als im Westen. "Wir in Köpenick sind prädestiniert für die Zauneidechse", sagt Antje Stavorinus.

Sie trägt einen Strickpullover, kurze Haare, Jeans; eine 44-jährige Wirtschaftsingenieurin, die nicht weit von hier, in Erkner, aufgewachsen ist. Für das Gespräch hat sie die Dresdner Bäckerei in Friedrichshagen ausgesucht, in der unter anderem Anti-Flugrouten-Brötchen verkauft werden, deren Erlös der Anti-Flugrouten-Bürgerinitiative zugutekommt. Es gibt viele Fronten, an denen man in Köpenick kämpfen kann. Gerade hat ein Mann Klage gegen den Senat erhoben, weil für den Bau eines Flüchtlingsheimes Bäume gefällt wurden, in denen womöglich Fledermäuse nisteten. Flüchtlinge und Fledermäuse. Auch kein einfaches Thema.

Dass Lenin nun wieder ausgebuddelt werden soll, findet Antje Stavorinus gar nicht verkehrt, wie sie sagt. Sie hat nie verstanden, warum es ausgerechnet ihm an den Kragen ging. Nur muss die Bergung gut geplant sein. Für die Eidechse könne so was nämlich sehr stressig werden. Die Erschütterung, der Krach, wenn der Kran kommt oder ein Hubschrauber! Die erste Reaktion sei, den Schwanz abzuwerfen. Es könne aber auch Tote geben. Stresstote! Auf keinen Fall dürften die Tiere im Winterschlaf gestört werden. "Wenn ich mir vorstelle, ich schlafe tief und fest, und dann wird man ausgebuddelt." Antje Stavorinus kann den Satz gar nicht beenden.

Es ist ein Tag im März des Jahres 2015, fast genau 45 Jahre, nachdem in Berlin-Friedrichshain das Lenin-Denkmal des Moskauer Künstlers Nikolai Tomski enthüllt wurde. Vor 24 Jahren wurde es abgerissen und im Köpenicker Forst verscharrt, vor sechs Jahren beschlossen, es wieder auszugraben und in der Zitadelle Spandau zu zeigen - als Beispiel für Denkmäler, die unter die Räder der deutschen Geschichte gekommen sind. Neben den Standbildern und Büsten der Siegesallee, die von 1954 bis 1978 am Schloss Bellevue unter der Erde lagen. Vor einem Jahr sollte die Ausstellung "Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler" eröffnet werden. Sollte. Die Siegesallee-Büsten sind nicht das Problem.

Sie sind schon da, draußen hinter den Burgmauern in Spandau: Grafen, Kurfürsten, Bürgermeister, Könige. In Stein gehauene Helden der preußischen Geschichte, mit abgebrochenen Nasen und Einschusslöchern. Von Otto IV. gibt es nur noch den Kopf, von Hieronymus von Schlick nur den Rumpf. Konrad von Burgsdorff wurde 50 Jahre lang auf einer Friedhofskapelle versteckt. Kurfürst Distelmeier verbrachte sein Exil in einer verrauchten Schänke. "Der musste erstmal gut saubergemacht werden", sagt Andrea Theissen.

Sie ist die Leiterin der Zitadelle, 63, blond, auf den Wangen Rouge, auf dem Schreibtisch Familienfotos, eine Historikerin, die über sich selbst sagt, lange die Mittelaltertante der Nation gewesen zu sein. 1990 hat sie die Leitung der mittelalterlichen Burg übernommen, die im 19. Jahrhundert von Napoleons Truppen besetzt war und im 20. den Nazis als Nervengaslabor diente. Andrea Theissen suchte nach einer Idee, einem Profil für ein Museum, aber was sie auch vorschlug, wurde abgelehnt. Archäologische Sammlungen? Kommen auf die Museumsinsel. Eine Spandauer Dependance des Deutschen Historischen Museums? Ein Standort reicht. Es war zum Verzweifeln. Erst im Jahr 2 000, als ein neuer Chef der Denkmalschutzbehörde aus Stralsund nach Berlin kam, ging es endlich voran. Manfred Kühne, sagt Andrea Theissen, habe den Begriff der Geschichtsinsel geprägt. "Damals dachte ich: Ist das nicht ein wenig hochgegriffen? Heute ist das unser Kampfbegriff."

Die freundliche Mittelaltertante klingt auf einmal ziemlich angriffslustig. Eigentlich, sagt sie, stehe ja seit 2009 fest, dass das Lenin-Denkmal Teil der Ausstellung werde. Die Hindernisse tauchten erst auf, als es um die technischen Details der Ausgrabung ging. Da hieß es auf einmal aus dem Senat, das Denkmal sei zu groß, das Ausbuddeln zu teuer. Nur den Kopf zu nehmen und damit Geld zu sparen, wurde auch nicht für gut befunden. So ein Denkmal könne man doch nicht auseinander reißen. Ein weiteres Problem war die Lage. Im März 2014 bat die Zitadelle die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung um Unterlagen, aus denen hervorgeht, wo die einzelnen Teile vergraben wurden. Erst meldete sich der Senat fünf Monate lang gar nicht, dann ließ Senator Michael Müller, heute Regierender Bürgermeister, mitteilen, es gebe keine Unterlagen, wo sich der Kopf "innerhalb des rund zehn Meter langen Hügels" befinde. Geophysikalische Voruntersuchungen erschienen auch "wenig erfolgversprechend". Das habe mit dem Schutt zu tun, "der kurze Zeit nach Ankunft der Teile der Statue aus Gründen deren Schutzes über sie gebracht wurde”. Das Schreiben ist vom August letzten Jahres. Kurz darauf folgte das offizielle Nein des Senats.

Andrea Theissen sagt, das sei eine schreckliche Zeit gewesen. "Jahrelang hatten wir alles geplant, und jetzt durften wir mit keiner Firma verhandeln und keine Ausschreibung machen. Und darüber sprechen sollten wir auch nicht. Der Senat wollte, dass wir die Sache diskret behandeln."

Sie machte trotzdem weiter, jetzt erst recht. "Widerstand", sagt sie, "spornt mich an." Sie begann, nach Zeitzeugen zu suchen, die wussten, wo der Lenin-Kopf lag. Einige hatten in den Medien von der Suche gehört und meldeten sich von alleine: Leute aus der Bürgerinitiative, die 1991 den Abriss verhindern wollte, ein Dokumentarfilmer aus Kalifornien, der 1994 gemeinsam mit ein paar Freunden den Kopf freigelegt hatte, sowie der ehemalige Bauleiter des Abriss-Projektes, inzwischen Rentner. Mittlerweile waren auch ausländische Journalisten auf den Streit aufmerksam geworden. Andrea Theissen gab englischen, spanischen und russischen Medien Interviews. Ihr Telefon stand nicht mehr still. "Das waren Tage, die ich nicht vergessen werde", sagt sie. Ende August zog der Senat, überrascht von den heftigen Reaktionen, sein Veto zurück, und Andrea Theissen wollte gerade beginnen, das Konzept zur Bergung aufzustellen, da tauchte das nächste Problem auf: Zauneidechsen, die auf der Liste der zu schützenden Tierarten stehen. Ein Hindernis für viele Bauprojekte im Land, aber bei Lenin konnte man inzwischen denken, der Kalte Krieg sei wieder ausgebrochen.

Es war Herbst in Berlin, die Menschen feierten den 25. Jahrestag des Mauerfalls mit Feuerwerk und Leuchtballons, während am Stadtrand das Theater um Lenins Kopf in eine neue Runde ging - ein deutsches Kammerspiel, ein Lehrstück über den Umgang mit der wechselvollen Geschichte der Stadt. Gerade erst wird das Stadtschloss wieder aufgebaut, das am Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Schlacht um Berlin ausbrannte und 1950 abgerissen wurde. Der Mann, der das Kommando zur Sprengung gab, Walter Ulbricht, war derselbe, der 1970 anlässlich von Lenins 100. Geburtstag das Tomski-Denkmal am Volkspark Friedrichshain enthüllte. Es war vermutlich Zufall, dass der Schutt des Schlosses nach der Sprengung nicht nur im Volkspark verteilt wurde, sondern auch in der Seddiner Grube, wo das Lenin-Denkmal heute liegt. Aber irgendwann hört man auf, an Zufälle zu glauben.

Ein Denkmal für den Revolutionshelden

Der Beschluss, dem Helden der Oktoberrevolution in Berlin ein Denkmal zu setzen, fiel im Oktober 1961. Der im Krieg zerstörte Landsberger Platz südlich des Volksparks Friedrichshain sollte seinen Namen tragen, in der Mitte eine große Skulptur stehen.

Der Architekt Heinz Mehlan übernahm die Projektierung. Geplant waren drei Häuser mit 17, 21 und 25 Stockwerken und Elfgeschosser, dazu unter anderem ein Café, eine Schule und eine Kaufhalle. Bei der Grundsteinlegung 1968 wurde in das Fundament eine - damals höchst modern - von einem Computer geschriebene Urkunde eingemauert.

Die Skulptur, gestalterischer Höhepunkt in der Mitte des Platzes, kam aus Moskau, wo sie der Bildhauer Nikolai Tomski angefertigt hatte. Als Walter Ulbricht das Ensemble 1970 einweihte, sagte er, der Platz lege Zeugnis davon ab, dass die Werktätigen all ihre schöpferischen Kräfte für den Sieg des Sozialismus einsetzten.

Nach dem Mauerfall, als die Skulptur nur noch ein Symbol für den Personenkult in jenem Sozialismus war, wurde bald ihr Abriss gefordert. Im September 1991 beschlossen die Friedrichshainer Bezirksverordneten die Demontage, danach beauftragte der Senat eine Firma damit.

Das Schloss, der Schutt, Ulbricht, Lenin, der Volkspark, die Seddiner Grube. Alles scheint miteinander zusammenzuhängen. Wenn man heute aus der Stadt herausfährt bis nach Müggelheim und am Forsthaus vorbei über die Halbinsel zwischen Seddinsee und Großer Krampe läuft, hat man das Gefühl, auf einer geheimen Expedition zu sein. Nur ein paar Eingeweihte wissen, wo man jenen Hügel findet, in dem das Monument des Gründers der Sowjetunion vergraben liegt. Es gibt keine Skizze, keine Tafeln, nur einen verlassenen NVA-Schießplatz. Birken und junge Kiefern biegen sich im Wind, man hört das Zwitschern von Vögeln und das Summen der Flugzeuge, die über Köpenick nach Schönefeld fliegen. Oben auf dem Hügel sieht man zwischen Ziegelsteinen auch Stuckreste und Porzellanscherben, und die Vorstellung, das könnten Reste des alten Stadtschlosses sein, macht den Ort noch mystischer. Mit den Steinen hat jemand Lenins Namen geschrieben, wie auf einem Grab, und man merkt, wie man um die Steine herumläuft, aus Angst, auf sie zu treten. Wenn es einen Friedhof der deutschen Geschichte gibt, einen Ort, an dem man begreift, dass man Dinge verstecken, aber nicht loswerden kann, hier draußen könnte er sein.

Es gab Leute, die das erkannt haben, damals schon, als die Diskussion um Lenins Zukunft begann, wobei von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann. Es ging alles so schnell. Im März 1991 forderte die Junge Union den Abriss des Lenin-Denkmals auf dem Leninplatz. Kurze Zeit später sagte Friedrichshains SPD-Bürgermeister Helios Mendiburu, Lenin müsse weg. Mendiburu war 1956 bei Protesten vor der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin festgenommen worden und der Überzeugung, Lenin habe den Grundstein für den Stalinismus gelegt. Am 18. September 1991 beschloss die Friedrichshainer Bezirksverordnetenversammlung mit 40 zu 13 Stimmen den Abriss des Denkmals und bat den Senat um Unterstützung. Das ließ sich Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister der Stadt, nicht zweimal sagen. Am 1. Oktober forderte er, nicht nur Lenin abzureißen, sondern auch gleich noch den Palast der Republik. CDU-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer sagte, "die Abtragung sei eine Fortsetzung und somit Bestandteil der 1989 eingeleiteten friedlichen Revolution", weshalb das öffentliche Interesse gebiete, den Denkmalschutz aufzuheben. Hassemer, der Revolutionär.

Es war das Jahr 1991, die Demonstrationen waren vorbei, die Stasi-Zentralen gestürmt, Berlin war wiedervereinigt, CDU und SPD hatten die Wahl gewonnen und versuchten, Ordnung in die Stadt zu bringen. Ihre Ordnung. DDR-Politiker und Soldaten der Roten Armee wurden von der Ehrenbürger-Liste gestrichen, Straßen umbenannt, selbst die East Side Gallery und die Karl-Marx-Allee standen zur Debatte und natürlich die Denkmäler: Marx und Engels am Lustgarten, Thälmann an der Greifswalder Straße. Das größte Ärgernis aber war Lenin am Leninplatz, das mächtigste und altmodischste Denkmal von allen, ein Paradebeispiel für Personenkult, ein Symbol für die Macht des Sozialismus, selbst dann noch, als diese Macht längst verloren war.

Walter Momper, der damals die Berliner SPD leitete, warnte vor zu schnellen Entscheidungen und schlug vor, Lenin lieber vom Aktionskünstler Christo verhüllen zu lassen, der Künstler Manfred Butzmann wollte das Monument mit Efeu bewachsen und der damalige Berliner Landeskonservator Helmut Engel es mit Wasser unterspülen lassen, damit es leicht kippt und schief da steht. Engel gab auch zu bedenken, dass Lenin auf der Denkmalliste steht, aber Listen waren kein Hindernis. Damals nicht. Am 30. Oktober beauftragte der Senat die Baufirma Hartmann mit der "fachgerechten Demontage und dem Abtransport des Lenin-Denkmals". Unter dem Zusatz: "Es gilt als besonders vereinbart", hieß es: "Die Arbeiten sind unverzüglich zu beginnen."

Fragt man einige der Männer, die am Abriss beteiligt waren, heute, ob die Entscheidung richtig und die Eile nötig war, fallen Wörter wie “Abwägungsprozess” und “Entsorgungsentscheidung”. Landeskonservator Helmut Engel, der 1978 die Säulen der Siegesallee vor dem Schloss Bellevue ausbuddeln ließ, sagt, er habe Hassemer immerhin davon abhalten können, Lenin zu zertrümmern, mehr sei nicht drin gewesen. "Da bricht über Nacht ein Staat weg und mit ihm sein ganzes Grundgerüst. Das Ding stand in der Denkmalliste, und das war zu erhalten, aber gegen die Erhaltung stand der öffentliche Zorn, für den ich nicht zuständig bin."

Eberhard Diepgen, der Lenins Abriss damit begründet hatte, dass "Repräsentanten von Diktaturen, in denen Menschen verfolgt und ermordet wurden, nicht ins Stadtbild passen", sagt heute : "Wir müssen achtgeben, dass wir in der historischen Darstellung der Stadt nicht die Phase der DDR überbewerten." Auf die Frage, was an dem Gerücht dran sei, Lenins Abriss sei ein Geschenk zu seinem 50. Geburtstag gewesen, antwortet er, absoluter Unsinn sei das. "Wahrscheinlich eine dieser polemischen politischen Kampfparolen, die damals immer mal auftauchten." Helios Mendiburu, der ehemalige Bürgermeister von Friedrichshain, ist nicht zu erreichen. Er lebt heute in Vietnam. Jürgen Erichson, ehemaliger Leiter der Firma Hartmann, die sonst vor allem Brunnen baute, sagt, er habe nie über richtig oder falsch nachgedacht. "Ich fand, dass es eine interessante Aufgabe war, auch mal was abzureißen."

Erichson sitzt zwischen alten Fotos, Zeitungsartikeln und Aktenordnern auf dem Sofa seines Wohnzimmers in Reinickendorf, ein hagerer Mann mit hochgebürsteten Haaren, der alles aufgehoben hat, auch den Auftrag vom Senat, in dem es heißt, die Arbeiten sollten 78 110 D-Mark kosten und seien bis zum 8. 11. 1991 abzuschließen. Erichson lacht wie über einen guten Witz. Am Ende waren sie bei 172 660 D-Mark, und bis das letzte Granitteil nach Köpenick gebracht wurde, dauerte es vier Monate. Nein, die Tomski-Witwe, die noch in letzter Minute klagte, und die Bürgerinitiative, die Eier auf seine Leute warf und Bretter vom Gerüst, seien nicht das Hauptproblem gewesen. Es war Lenin an sich. Er ließ sich einfach nicht auseinander schneiden, der Granit war zu hart. Außerdem hatten Tomski und seine Leute Straßenbahn- und Eisenbahnschienen eingebaut, damit das Denkmal besser hält. "Sie glauben ja nicht, was wir da alles gefunden haben", sagt Erichson.

Er hat ein Video aufgenommen, damals im Winter 1991, auf dem man genau sieht, wie sie Lenin zerlegten. Stück für Stück. Oben, an der Fahne, haben sie angefangen, mit Sprengsätzen, Keilen und Presslufthämmern, und sich dann langsam nach unten gearbeitet. Das Video hat in einer Kiste im Keller gelegen, bis Jürgen Erichson im letzten Sommer von Andrea Theissens Schwierigkeiten mit der Ausstellung hörte. Er hat sie angerufen und gesagt, er sei der Bauleiter, er wisse noch so ungefähr, wo sie das Denkmal hingebracht haben, er habe auch noch Aufnahmen von damals.

Andrea Theissen hat sich mit Erichson getroffen und sein Video digitalisieren lassen, um es in der Ausstellung abzuspielen. Die Enthauptung des Wladimir Iljitsch Lenin in Endlosschleife. Was für ein Zeitdokument! Fast besser als der Kopf selbst! Die Zitadellen-Chefin ist guter Dinge. Der Widerstand des Senats und des Bezirks Treptow-Köpenick hat sie zwar Zeit gekostet, aber irgendwann hat sie beschlossen, dass das alles mit zur Geschichte gehört. Der Senat, die Eidechsen, die Naturschützer. Und wenn das Denkmal nicht rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung nach Spandau kommt, steht eben erst mal nur Lenins Sockel da. Und darauf eine kleine Spielzeugeidechse.

Anfang Oktober ist der neue Eröffnungstermin, und viel hängt jetzt von Klaus-Detlef Kühnel ab. Kühnel ist Biologe und Herpetologe, der Mann, der gerufen wird, wenn in Berlin Bauprojekte durch Zauneidechsen gefährdet sind. Ein neues DHL-Zentrum in Kleinmachnow, das große Reichsbahn-Projekt in Oberschöneweide - dann rückt Kühnel an, inspiziert das Areal und legt Maßnahmen fest. Er ist 62, seine Haare sind weiß und stehen lustig vom Kopf ab, seine Brille ist rund, sein T-Shirt ein wenig bekleckert. Kühnel sitzt zwischen Kisten, Plastikeimern, Klemmmappen und Fototasche und holpert in seinem roten Dacia durch den Köpenicker Wald zu Lenin und den Zauneidechsen. Am NVA-Schießplatz hält er kurz an, schließt ein Tor auf, fährt ein paar Meter, hält wieder an, schließt zu, auf der anderen Seite des Schießplatzes noch einmal das Gleiche. Tor auf, Tor zu. Das Forstamt hat ihn darum gebeten. In der deutschen Geschichte mag es drunter und drüber gehen, im deutschen Wald muss alles seine Ordnung haben.

Kühnel, der aus Tempelhof kommt und in Brandenburg wohnt, kam im vergangenen September das erste Mal in die Seddiner Heide, um den Lenin-Hügel zu begutachten. "Ein adultes Exemplar und mindestens zehn Jungtiere" zählte er, und in seinem Bericht, einem Amtsschreiben, liest man zwischen den Zeilen auch ein wenig die Freude über die lebenslustigen Reptilien heraus, die nicht nur Lenin auf dem Kopf herumtanzen, sondern einer ganzen Stadt. Lenin, sagt er, sei ihm völlig egal. Das Denkmal kennt er nur von den rosafarbenen Briefmarken, die auf den Umschlägen klebten, die ihm ein Biologenkollege aus dem Ost-Berliner Naturkundemuseum zu Mauerzeiten schickte. Bis zum Denkmal nach Friedrichshain hat er es nie geschafft, was er nicht bedauert, und dass das nun wieder ausgegraben wird, sei nichts als "Affentheater". "Vielleicht", sagt Kühnel, "finden sie ja noch Hitler oder so."

Es ist ein sonniger Nachmittag Ende April. Vor wenigen Wochen hat die Stadtverordnetenversammlung Treptow-Köpenick ihre Bedenken gegen die Ausgrabung des Lenin-Kopfes aufgegeben, unter der Bedingung, dass "die dortige Zauneidechsenpopulation bewahrt und die Aktivitätsperiode der Tiere berücksichtigt wird”. Wichtig sei vor allem, dass die Bergungsmaßnahmen "behutsam durchgeführt werden". Mit anderen Worten: Kein Hubschrauber! Das hatte sich ohnehin erledigt. Der einzige Hubschrauber, der sich für die Bergung des Lenin-Kopfes eignet, steht in Bayern und hätte Andrea Theissens Budget gesprengt. Lenin wird also mit Bagger und Spaten ausgegraben und dann an einem Kranseil herausgehoben. Aber erst müssen die Zauneidechsen gefangen werden. 50 sind Klaus-Detlef Kühnels Ziel.

Er schaltet den Motor aus, zieht den Schlüssel ab, nimmt Klemmmappe, Stift und Fotoapparat aus dem Wagen und sagt: "Hier sind wir also bei Lenin." Vor ihm liegt eine große Lichtung, in der Mitte der Lichtung befindet sich ein Hügel, und um den Hügel herum ein Zaun aus weißer Plane, die mit Sand beschwert ist. An dem Zaun hängen Plastiktöpfe, 26 insgesamt. Es handelt sich um Puddingcontainer, die Kühnel zu Fangeimern umgebaut hat. Er ist ein praktischer Mensch. Kühnel geht zum ersten Eimer, beugt sich hinunter, legt den Kopf schief, sagt "nö" und läuft weiter zum nächsten Eimer: Wieder "nö". So geht das 26 Mal, um den Berg herum, auf den Berg hinauf und wieder hinunter. Keine Eidechse, nirgends. Die Puddingeimer sind leer.

Merkwürdig sei das schon, sagt Kühnel. Von all seinen Fangstellen sei das hier die, wo er die meisten Zauneidechsen gesehen habe, aber jetzt am wenigsten fange. Seit zwei Wochen kommt er schon hier raus, jeden zweiten Tag, auch am Wochenende. Gefangen hat er erst eine. Vorgestern war das, im Eimer Nummer 21. Ein Weibchen. Er hat es auf die andere Seite der Lichtung getragen, dorthin, wo er mithilfe von Holz, Steinen und abgeschlagenen jungen Kiefern ein neues Quartier für die Eidechsen geschaffen hat. Klaus-Detlef Kühnel schaut zu dem Haufen, wo sie nun irgendwo sitzt, die einsame Zauneidechse, und auf ihre Artgenossen wartet, die sich noch verstecken. Nur wo?

Als er im September hier draußen war, saß eine direkt auf Lenin, sagt Kühnel. Jemand hatte ein Loch gegraben, man sah den Granit vom Denkmal, und darauf hockte die Zauneidechse. Das sei das Komische, sagt er, manchmal sehe man ganz viele, und dann wieder suche man ewig nach ihnen. In Tibet hat er mal eine Agame fangen wollen, eine ganz besondere Eidechsenart, und dabei konnte er beobachten, wie klug die Tiere sind. Es handelte sich um eine große Fläche mit vielen Löchern, und die Eidechsen wussten genau, in welchen Löchern keine anderen Eidechsen sitzen. Dort sind sie verschwunden, bevor Klaus-Detlef Kühnel sie fangen konnte.

Es klingt ein bisschen so, als sei die kluge, eigenwillige Zauneidechse aus Furcht vor Frau Theissens Bergungskolonne noch einmal besonders tief in die Mantelschöße des Revolutionsführers abgetaucht. Es soll ja ein großes Ereignis werden, hier im Köpenicker Forst. Sogar der Senat hat beschlossen, diesmal mitzuspielen und einen Pressebus organisiert. Verschiedene Fernsehsender haben sich schon angemeldet. Die ganze Welt wird dabei zusehen, wie Lenin fliegt, und wie er dann auf einem Sattelschlepper durch die Stadt fährt, nach Spandau in die Mittelalterburg zu den Kurfürsten und Grafen.

Der Rest des Denkmals wird hier draußen in Köpenick unter dem Schutt des Stadtschlosses zurückbleiben. Lenin, kopflos. Mal sehen, wie lange.

BERLINER ZEITUNG
Nr. 118 HA vom 26. Mai 2015

Kurzbiographie

Anja Reich

Geboren 1967 in Ostberlin.


Anja Reich hat in Leipzig Journalismus studiert, war dann als Lokalredakteurin
bei Die Welt angestellt und hat bei der Berliner Zeitung als Seite-3-Reporterin,
New-York-Korrespondentin und Magazinchefin gearbeitet. Heute ist sie Leitende
Redakteurin bei der Berliner Zeitung.


2012 erhielt sie für ihre Reportage »Der goldene Stein« den Deutschen Reporterpreis.