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Die Heimsuchung

Von Veronica Frenzel

In der Nachbarschaft steht ein Gebäude leer, es war mal eine Schule. Dann erklärt Berlin es zum Asylbewerberheim - und in Hellersdorf machen Rechte wie Linke mobil. Ein halbes Jahr ist vergangen, die Lage erscheint ruhig. Doch alle wissen: Eine Winzigkeit genügt...

Es ist heiß für einen Spätsommernachmittag. Doch Fardin Faizi fröstelt. Als er vor die Tür seines neuen Zuhauses tritt, eines Hauses, in dem er gar nicht sein wollte, parkt der Mannschaftswagen der Polizei vor der Tür. Immer noch. Beamte in dunklen Schutzanzügen sitzen darin. Seit Faizi in das neue Heim gezogen ist, warten sie da. Darauf, dass etwas passiert. Darauf, dass nichts passiert.

 

 

Die Leiterin des neu geschaffenen Flüchtlingsheims, Faizi nennt sie "Chefin", hat ihm erklärt, dass die Polizisten auf ihn aufpassen. Er denkt: Wenn die Polizei auf mich aufpassen muss, bin ich in Gefahr.

 

 

Der 26-Jährige aus Afghanistan, klein, kräftig, schwarze Haare, blickt sich um, zündet sich eine Zigarette an, zieht hastig, hustet. Er hat viel geraucht die letzten Tage. Dabei hat er erst vor kurzem angefangen, am 19. August, am Tag seines Einzugs.

 

 

 

Vier Monate zuvor

 

 

Faizi flieht aus Herat, seiner Heimatstadt in Afghanistan, wo er ein Modegeschäft besaß und erst erpresst und dann entführt worden war. Lange war es in der afghanischen Provinz vergleichsweise ruhig, aber die Sicherheitslage hat sich über viele Wochen verschlechtert, immer häufiger entführen und töten die Taliban Geschäftsleute und ihre Angehörigen.

 

 

Eigentlich ist Hamburg Faizis Ziel, dort leben sein Onkel und einige seiner Cousins, dort will er das Asylverfahren abwarten und sich dann mit Hilfe seiner Verwandten Arbeit suchen, am liebsten ein eigenes Geschäft aufmachen. Aber die Behörden schicken ihn nach Berlin, zunächst in ein Asylbewerberheim in Spandau. Dort fühlt er sich ganz wohl, obwohl er weit weg von seiner Familie ist. Menschen, die er auf der Straße trifft, grüßen ihn freundlich, ein Polizeiwagen steht nicht vor der Tür.

 

 

 

 

1. Tag, 13 Uhr

 

 

Fardin Faizi wartet mit einem Koffer vor dem Spandauer Asylbewerberheim, zwei Monate hat er darin gelebt. Jetzt soll er umziehen, in eine neue Unterkunft in Hellersdorf. Neben ihm stehen viele Journalisten. Seit Tagen schon belagern Medienleute das Heim. Von ihnen hat Faizi erfahren, dass in Hellersdorf viele Menschen leben, die ihn dort nicht wollen. Schließlich holt ihn ein Fahrer vom Roten Kreuz ab, der Verein ist mit dem Transport der Asylbewerber beauftragt worden. In Hellersdorf fangen zwei Polizeiwagen den Minibus ab und eskortieren Faizi und die anderen Insassen bis zum Heim, bis zum Hintereingang. Auf der Vorderseite stehen viele Menschen, die durcheinander schreien. Dass einige gegen das Heim protestieren und einige gegen die Gegner des Heims, erfährt er erst Tage später. Jetzt hört Fardin Faizi nur laute, rhythmische Rufe und Gegröle. Er denkt: "die Rassisten". Und hat Angst.

 

 

 

 

8. Tag, 16.05 Uhr

 

 

Obwohl es wunderschöne Sommertage sind, tritt Faizi immer nur ein einziges Mal vor die Tür, stets kurz, nie alleine. Jetzt begleitet ihn ein Freund. Faizi schmeißt die Kippe vor das Polizeiauto und die beiden ziehen los, in Richtung Supermarkt, Zigaretten kaufen.

 

 

Auf ihrem Weg passieren die beiden fünf deutsche Männer, die unter einem Sonnenschirm sitzen, sich unterhalten, lachen. Auch Dirk Meiser ist dabei, ein großer, breitschultriger Mann mit dunklen, kurzen Locken, in einem niedrigen Campingstuhl. Seit fast sechs Stunden sitzt er schon an der Straßenecke. Er lächelt Faizi und dessen Begleiter zu, doch die beiden Männer schauen zu Boden, gehen schnell vorüber, blicklos. Sie sehen auch nicht die Schilder neben den Männern, auf denen in verschiedenen Sprachen steht "Flüchtlinge willkommen".

 

 

Meiser und die anderen sind wegen Fardin Faizi da. An der Kreuzung, an der die Carola-Neher-Straße auf die Maxie-Wander-Straße stößt, gleich neben dem Asylbewerberheim. Mit den Bewohnern des Heims ist auch Meiser gekommen. Seit sieben Tagen ist er freundlich, zu allen Menschen, zu den Flüchtlingen ganz besonders, versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Bisher hat das nur selten geklappt. Sie wollen den Flüchtlingen zeigen, dass es Menschen gibt, die sie hier haben wollen, und sie wollen die Asylbewerber schützen vor Übergriffen.

 

 

Der 42-Jährige, ein selbstständiger IT-Experte, lebt seit zwei Jahren in Hellersdorf, nur ein paar Straßen von dieser Straßenecke entfernt. Fast 20 Jahre zog er davor durch die Welt, von Frankreich nach Griechenland nach Russland nach Spanien. Als er mit Ende 30 beschloss, nach Deutschland zurückzukehren, wollte er nicht in sein saarländisches Heimatdorf, sondern nach Berlin. Er fand eine große, günstige Wohnung in Hellersdorf, sah das Grün, die Ruhe und blieb.

 

 

Als er im Juli das erste Mal von den Protesten gegen das Asylbewerberheim las, war er schockiert. Meiser konnte sich nicht vorstellen, dass seine Nachbarn sich so offen gegen Hilfsbedürftige stellen würden, gegen Schutzsuchende. Er erfuhr, dass die Gegner des Heims am Tag des Einzugs der Flüchtlinge eine Demo angemeldet hatten, und beschloss, sich den Gegendemonstranten anzuschließen. Er dachte, "ich will die Flüchtlinge willkommen heißen". Daran, dass die Flüchtlinge das falsch verstehen könnten, dachte er nicht.

 

 

Meiser blickt Fardin Faizi und seinem Freund hinterher, ein wenig frustriert. Da sieht er, wie ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit akkurat gescheitelten, dunkelblonden Haaren und mit hellbraunem Labrador an den zwei Flüchtlingen vorübergeht. Meiser strafft die Schultern. Es ist André Kiebis, zu der Zeit aktiv in der Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf, die zu den Protesten gegen das Heim aufgerufen hat. In den Tagen vor dem Einzug der ersten Flüchtlinge hat er mit Kreide "Nein zum Heim" auf die Gehwege im Viertel gemalt.

 

 

Kiebis, 41, ist in Marzahn-Hellersdorf groß geworden, er hat den Bezirk nie verlassen.

 

 

 

 

So nah wie an diesem Tagen sollen sich die drei Männer nicht mehr kommen. Trotzdem werden sich ihre Leben in den nächsten Monaten miteinander verweben.

 

 

Jeder von ihnen, ob der Flüchtling Faizi, der Unterstützer Meiser oder der Gegner Kiebis, haben die Situation nicht gewollt. Niemand von ihnen wurde gefragt. Sie sind vor vollendete Tatsachen gestellt worden, von der Politik und den Behörden. Dies ist die Geschichte von drei Menschen, die sich einzurichten versuchen, wenn die Fernsehkameras wieder abgezogen sind.

 

 

 

 

15. Tag, 17.30 Uhr

 

 

Es nieselt, graue Regenwolken hängen tief über den Plattenbauten. Der Mannschaftswagen ist verschwunden. Vor dem Supermarkt, gleich um die Ecke vom Heim, stehen zwei Vietnamesen in dunklen Ponchos. Sie verkaufen geschmuggelte Zigaretten.

 

 

"Wo ward ihr die letzten Tage?"

 

 

Eine ältere, rüstige Frau begrüßt die beiden wie alte Bekannte, freudig.

 

 

"Zu viel Polizei", antwortet einer, zieht unter seinem Poncho eine Stange Zigaretten hervor und reicht sie der Frau.

 

 

Über den holprigen Gehweg vor dem Heim schiebt eine alte Dame mit weißen Haaren ihre Gehhilfe. Die Weißhaarige erzählt, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien nach Berlin geflüchtet sei. "Kein Bauer hat uns damals die Tür geöffnet, so eine Erfahrung wünsche ich niemandem", sagt sie.

 

 

 

 

Mehr als ein Drittel aller Deutschen, gleichgültig ob sie im Osten oder im Westen leben, haben "große oder sehr große Probleme" mit einem Asylbewerberheim in ihrer Nachbarschaft, so das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap. Als Grund nennen 44 Prozent derjenigen, die größere Probleme hätten, "erhöhte Kriminalität" oder "Unsicherheit", 31 Prozent "Krach" und "Unruhe". Zehn Prozent sorgten sich, ihre Immobilie könnte an Wert verlieren.

 

 

 

 

25. Tag, 19 Uhr

 

 

Die Mahnwache ist beendet. Dirk Meiser genehmigt sich ein Weißbier in einer Kneipe am Kastanienboulevard, einer verwahrlosten Fußgängerzone mit vielen leeren Läden und ein paar Spelunken, nur zwei Straßen vom Asylbewerberheim entfernt. Hinter ihm streitet lautstark ein betrunkenes Paar. Vor ihm liegt ein Zeitungsausschnitt, "Gesicht zeigen - Dirk M. engagiert sich für das Recht von Flüchtlingen auf Asyl" steht da. Der Artikel ist vor einer Woche erschienen, im Anzeigenblatt "Berliner Woche", das kostenlos in Berlin verteilt wird. Meiser sagt, einige seiner Nachbarn hätten am Erscheinungstag aufgehört, ihn zu grüßen. Er nimmt einen Schluck.

 

 

"Früher habe ich immer wieder mal überlegt, aus Hellersdorf wegzuziehen." Er spricht sehr leise. "Aber jetzt kommt das für mich nicht mehr in Frage. Würde ich gehen, wäre das für mich wie Aufgeben, ein Rückzug vor den Nazis." Meiser will die Stellung halten.

 

 

Die Mahnwache mussten er und die anderen aufgeben, weil Anwohner sich beschwert hatten, und die Bezirkspolitiker erklärten Meiser, sie sollten nicht länger das friedliche Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Anwohnern erschweren. Man sei es nicht gewohnt, dass nachts Menschen auf den Straßen unterwegs seien.

 

 

Im bayerischen Tattenhausen haben die Bewohner im Sommer beschlossen, dass das Asylbewerberheim im Ort mit den 37 Flüchtlingen aus Nigeria, Afghanistan und Pakistan verschwinden soll. Um die 80 aufgebrachten Tattenhausener zu beschwichtigen, hatte das Landratsamt ihnen versprochen, dass sie ein Jahr nach Eröffnung des Asylbewerberheims selbst entscheiden dürften, ob die Flüchtlinge bleiben oder gehen sollten. Mehr als zwei Drittel wollten, dass die Flüchtlinge verschwinden. Die Wahlbeteiligung lag bei über 80 Prozent. Einige der Flüchtlinge weinten, als sie von dem Ergebnis der Abstimmung erfuhren.

 

 

 

 

35. Tag

 

 

Bei der Bundestagswahl erzielt die NPD im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 3,9 Prozent der Stimmen, ihr bestes Ergebnis in ganz Berlin und fast eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. In allen anderen Berliner Wahlkreisen verliert die Partei an diesem 22. September Stimmen. Im Wahlbezirk 617, in dem auch das Asylbewerberheim liegt, erhält die NPD sogar 11,9 Prozent der Erststimmen und 10,4 Prozent der Zweitstimmen. Noch am Tag vor der Wahl hat die Partei keine 500 Meter vom Heim entfernt eine Informationsveranstaltung abgehalten, Thema: "Asylflut stoppen".

 

 

 

 

38. Tag

 

 

Das erste Mal begibt sich Fardin Faizi alleine zum Supermarkt. Es ist schon spät, nach zehn. Keiner seiner Freunde will noch raus, ihm aber sind die  Zigaretten ausgegangen. Als er mit der Schachtel in der Hand aus dem Laden tritt, sprechen ihn ein paar Männer an, die vor dem Supermarkt Bier aus Dosen trinken. Er versteht nicht, zuckt mit den Schultern und will weitergehen. Da packt ihn einer, nimmt ihm die Zigaretten weg. Die anderen lachen laut, rufen durcheinander. Faizi hört den Satz: "Du nicht arbeiten, du nicht rauchen." Dann läuft er zurück zum Heim.

 

 

 

 

40. Tag, 16 Uhr

 

 

"Nicht schön", sagt Fardin Faizi über den Vorfall auf Englisch.

 

 

Diesmal bricht er gemeinsam mit zwei afghanischen Mitbewohnern zum Supermarkt auf. Immer wieder blicken sie sich ängstlich um. Zwischen den Regalen weichen sie sich nicht von der Seite, klemmen sich hastig Reis, Zucker, Tomaten, Öl unter die Arme, gehen dann, eng beieinander, zügig zurück zum Heim.

 

 

"Die Leute hier grüßen nicht. Wenn ich grüße, schauen sie weg."

 

 

Und was ist mit den vielen Menschen, die Spenden ins Heim gebracht haben?

 

 

Fardin Faizi schweigt eine Weile. "Draußen sehe ich andere Leute", sagt er schließlich.

 

 

"Musik?" fragt er dann und schließt sogleich das gekippte Fenster. "Die Nachbarn beschweren sich über Lärm, sagt die Chefin", erklärt er, leise Pop-Musik ertönt. Er sagt, ein bisschen sei das Heim wie ein Gefängnis, er könne zwar hinaus, tue es aber nicht. "Ich gehe nur raus, wenn ich einen Termin beim Arzt oder beim Sozialamt habe, oder wenn ich zum Deutschunterricht muss und zum Einkaufen."

 

 

 

 

52. Tag, 20 Uhr

 

 

"Hier ist jeder gegen das Heim", sagt die Kellnerin in der Kneipe am Kastanienboulevard. Ein paar Gäste schauen sie an, ein paar nicken. Am Tag von Fardin Faizis Einzug rief die Kellnerin "Nein zum Heim" in die Fernsehkameras, sie schaffte es sogar in die "Tagesschau". Mit lauter Stimme erklärt sie dann, dass sie ihren Sohn jetzt jeden Morgen zum Unterricht fahren muss, weil das Heim auf seinem Schulweg liegt. "Er hat Angst, so nah an den Flüchtlingen vorbeizulaufen."

 

 

 Dann sagt die Kellnerin erstmal nichts mehr,  der türkische Besitzer der Kneipe steht jetzt am Tresen,  und sie zapft ein Bier nach dem anderen. Es ist Monatsanfang, die Kneipe ist voll. Und sie bringt jedem, dessen Glas sich leert, ungefragt ein neues, egal ob der torkelt oder lallt.

 

 

Im sächsischen Schneeberg protestieren Mitte Oktober etwa 1500 Menschen mit Fackeln gegen ein Heim, das drei Kilometer vor der Stadt liegt.

 

 

 

59. Tag, 16.30 Uhr

 

 

"Ich bin kein Rassist und kein Nazi", sagt André Kiebis, er sitzt im mexikanischen Restaurant La Paz im Einkaufszentrum Helle Mitte, eine U-Bahn-Station vom Asylbewerberheim entfernt. "Aber wir wurden viel zu spät über das Heim informiert. Man hat uns einfach vor vollendete Tatsachen gestellt."

 

 

Deshalb hat er "Nein zum Heim" auf den Bürgersteig geschrieben, sagt er. "Dazu stehe ich." Gegen die Flüchtlinge habe er nie etwas gehabt, nur gegen das Heim. Jetzt, wo das Heim da ist, will er dafür kämpfen, "dass es nicht mehr Asylanten werden". Er fragt sich, "wieso bringt man sie eigentlich nicht in leerstehende Bundeswehrkasernen unter? Da ist viel Platz und sie stören niemanden." Pause. "Wir in Hellersdorf sind keine Ausländer gewohnt. Wir wissen nicht, wie man mit ihnen umgeht." Er lächelt der Kellnerin freundlich zu, die aus Kuba kommt. "Einen Kaffee, bitte."

 

 

 

 

Der Anteil der ausländischen Mitmenschen liegt in Hellersdorf bei 4,6 Prozent. In ganz Berlin sind es 14 Prozent, in Deutschland knapp zehn.

 

 

 

 

Auch André Kiebis fühlt sich falsch verstanden. Von der Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf, die den Protest gegen das Heim entfacht hatte und deren Mitglied er war, hat er sich distanziert. Sie wurde als Sprachrohr der NPD entlarvt und wird jetzt vom Verfassungsschutz beobachtet. Kiebis hat seinen eigenen Verein gegründet, den Verein "Bürgerinitiative für ein lebenswertes Marzahn-Hellerdsorf". In der Satzung heißt es, man wolle sich um die Belange der Bewohner von Marzahn-Hellersdorf kümmern. Vom Asylbewerberheim kein Wort. Im Vereinsregister sind 17 Mitglieder gemeldet. Wieso er seinen Verein ausgerechnet Bürgerinitiative genannt hat? Kiebis gibt keine Antwort.

 

 

Beim Metzger, ein paar Straßen vom Heim entfernt, hat Vereinsvorsitzender Kiebis einen Kummerkasten angebracht, "für die Sorgen der Anwohner". 60 Zettel habe er vor kurzem herausgefischt, sagt er. Zeigen will er keinen. Er sagt: "Die meisten Bürger haben sich über die Unsicherheit beklagt, die im Kiez herrscht, seit das Heim da ist, über die gestiegene Kriminalität, über Einbrüche in Kitas."

 

 

 

 

Die zuständige Polizeistelle erklärt, die Kriminalität in Hellersdorf sei nicht gestiegen. Allein die Zahl der angezeigten Beleidigungen und der Verstöße gegen das Versammlungsrecht habe zugenommen. Das sei normal, bei so vielen Demos, wie sie in den vergangenen Wochen im Bezirk stattgefunden haben.

 

 

 

 

Polizei und Politikern könne man nicht trauen, sagt Kiebis. "Die haben uns gesagt, alle Heimbewohner seien Kriegsflüchtlinge. Aber letztens hat ein Kind mit einer Spielzeugpistole auf mich gezielt!"

 

 

 Und das geht nicht?

 

 

Echte Kriegsflüchtlinge würden doch keine Waffe anfassen - und sei sie aus Plastik, sagt Kiebis.

 

 

Bevor das Heim in seinen Kiez kam, hat sich André Kiebis für Politik nicht interessiert. Wie die meisten im Bezirk. Die Beteiligung bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus lag bei 51 Prozent, bei der Bundestagswahl bei 65 Prozent. Ob er bei der Bundestagswahl seine Stimme abgegeben hat, will Kiebis nicht sagen.

 

 

 Vor kurzem hat er bei der Volkshochschule nach einem kostenlosen Englischkurs gefragt. "Gibt es nicht. Aber die Flüchtlinge kriegen kostenfreie Deutschkurse!" Er ist wirklich wütend. "Die bekommen alles und wir bekommen nichts."

 

 

Es dauert, bis er erzählt, dass er seinen Job als Informatiker im Arbeitsamt verloren hat. Kurz nachdem er im Fernsehen zu sehen war bei der Demo gegen das Heim.

 

 

 

 

84. Tag, 13 Uhr

 

 

"Schon wieder vorbei."  Fardin Faizi steht am Fenster seines Zimmers und schaut hinaus. Manchmal sieht er von hier eine Frau, die vom Balkon gegenüber zu ihm herüber schaut und sich wegdreht, wenn sie ihn hinter der Scheibe erkennt. Faizi zündet sich eine Zigarette an.

 

 

Die Frau von gegenüber ist ihm gerade egal. Drei Wochen war er mit einer Syrerin zusammen, die mit ihren beiden Kindern ein Stockwerk über seinem lebt. Sie haben Händchen gehalten, sich ein paar Mal geküsst. Jetzt hat er Schluss gemacht. "Zu kompliziert", sagt er. "Hier keine Zukunft."

 

 

Seine Zukunft, so stellt er es sich vor, liegt weit weg vom Asylbewerberheim und von Hellersdorf. In einem Stadtteil wie Kreuzberg oder Neukölln, jedenfalls dort, wo ihn keiner komisch anschaut, weil er kein Deutscher ist. In seinem Bild von  Zukunft arbeitet er, als Verkäufer oder im eigenen Laden, hat eine eigene Wohnung und am besten auch Frau und Kinder.

 

 

 

 

96. Tag, 17 Uhr

 

 

André Kiebis sitzt im mexikanischen Restaurant La Paz und zeigt Emails, die er Bezirkspolitikern schicken will oder schon geschickt hat. Ruft die Webseite seines Vereins auf, klickt auf einen Artikel über die vernachlässigte Fußgängerzone Kastanienboulevard, der mit "Schandfleck" überschrieben  ist. Er will ein Quartiersmanagement - "ich habe das lange vor den Politikern gefordert!" - er will nicht die Internationale Gartenschau in Hellersdorf, die im Jahr 2017 im Bezirk stattfinden wird - "so eine Geldverschwendung". Er dringt auf  Gespräche mit den Politikern - "im Namen der Bewohner".

 

 

Die Politiker allerdings zögern, schließlich ist sein Name noch immer mit der als NDP-Organ enttarnten Bürgerinitiative verbunden. Was will er ihnen sagen? Dass am Flüchtlingsheim immer noch kein Schild mit dem Namen des Betreibers hänge zum Beispiel, das sei ein Unding. "Die Anwohner wissen doch nicht mal, an wen sie sich wenden sollen, wenn etwas vorfällt."

 

 

Dann schweift er ab, berührt, wie er findet, aber doch den Kern, als er von der hohen Arbeitslosigkeit, von fehlenden Kita-Plätzen, fehlenden Spielplätzen, von der Vernachlässigung seines Bezirks spricht.

 

 

 

 

Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in der Umgebung des Flüchtlingsheims besonders hoch, ein Viertel der Anwohner bezieht Hartz-IV. Mehr als die Hälfte der Unter-15-Jährigen im Viertel wächst in Hartz-IV-Haushalten auf, Tendenz steigend. 98 Prozent aller Hellersdorfer Kinder im Kindergartenalter haben allerdings einen Kita-Platz, zeigt die Statistik des Bezirks. Die Eltern der fehlenden zwei Prozent hätten sich bewusst dagegen entschieden, ihre Kinder betreuen zu lassen, heißt es aus dem Rathaus.

 

 

 

 

Über das Heim und die Bewohner will André Kiebis an diesem Samstag nicht reden.

 

 

 

 

116. Tag, 17 Uhr

 

 

Eine Jazzband spielt "Stille Nacht" im Aufenthaltsraum des Heims. Die Heimleitung hat Anwohner und Bewohner zur Weihnachtsfeier geladen, fast hundert Menschen sind gekommen. Der Hellersdorfer Bürgermeister ist da, der evangelische Pfarrer, die weißhaarige Anwohnerin mit dem Rollator, die aus Schlesien geflohen war. Die Anwohner unterhalten sich, die Asylbewerber unterhalten sich. Miteinander reden sie nicht.

 

 

 

 

141. Tag, 18 Uhr

 

 

Dirk Meiser in der Kneipe am Kastanienboulevard, das neue Jahr ist eine Woche alt. "Ich verstehe nicht, wieso an Silvester keine Beamten vor dem Flüchtlingsheim waren,  war doch klar, dass was passiert", sagt er gegen den Lärm. Unbekannte haben in der Silvesternacht Böller aufs Heim geworfen, verletzt wurde niemand. Seitdem klebt an den Scheiben der Eingangstür Karton. "Aber hier will keiner sehen, hören oder sprechen." In Meisers Rücken grölt wieder das betrunkene Pärchen.

 

 

Die Kellnerin stellt sich zu ihm, sagt, "im Sommer werde ich heiraten", zieht ihr Smartphone aus der Tasche und zeigt Bilder von Hochzeitskleidern.

 

 

Meiser fragt, "wie geht es deinem Sohn? Irgendwas passiert mit den Flüchtlingen?"

 

 

Sie schüttelt fast unmerklich den Kopf. "Geht er wieder alleine in die Schule?"

 

 

Sie nickt und geht weg.

 

 

 

 

161. Tag

 

 

Ein rechtsradikaler Rapper dreht vor dem Heim einen Musikclip. Auf dem Video, das wenige Tage später auf Youtube zu sehen ist, ruft er, "ihm geht's nicht mehr um Religion oder Volk. Nein, er kommt über Nacht und will nur euer Gold." Ein Junge spielt Gitarre und singt den Refrain: "Das ist für unsere Kinder. Wir müssen ihre Zukunft retten, sonst ist es zu spät. Wenn wir dabei sterben, Deutschland darf dabei nicht untergehen." Zwei Mädchen schwenken im Hintergrund riesige Deutschlandfahnen. Und irgendwann kommen zwei Polizisten, die zaghaft versuchen, das Quartett zu vertreiben.

 

 

 

 

162. Tag, 16 Uhr

 

 

Fardin Faizi ist umgezogen, in das zweite, renovierte Schulgebäude. Fröhlich zeigt er die bunte Küchenzeile, das grau-weiß geflieste Bad, das 20 Quadratmeter große Zimmer mit dem neuen Laminatboden und den strahlend weißen Wänden. "Viel besser", sagt er lächelnd. Er teilt sich jetzt nur noch mit einem Mitbewohner das Bad und mit dreien die Küche anstatt wie vorher mit zehn. "Weniger Streit wegen Aufräumen und Putzen", sagt Fardin Faizi. Er lacht dabei. Überhaupt geht es ihm gerade gut. Seine Eltern sind auf dem Weg nach Deutschland. Und: "Es ist jetzt ruhig hier." Von den Anschlägen auf das Heim hat Faizi nichts mitbekommen, niemand hat ihm etwas gesagt. Er erklärt, er wolle jetzt die Menschen auf der Straße grüßen, so wie er es in Spandau auch gemacht hat.

 

 

"Die leben da drin im Luxus", erklärt ein älterer Herr draußen vor der Tür. Er führt gerade seinen Hund aus, einmal um die alte Schule herum. "Sehen Sie sich die Fenster an. Ganz neu." Im Heim war er noch nie.

 

 

 

 

170. Tag

 

 

Anfang Februar stellt Bezirksbürgermeister Stephan Komoß ein "Aktionsprogramm zur Demokratieentwicklung" vor. Das Ziel: intolerante, fremdenfeindliche und rassistische Haltungen bekämpfen. Unter anderem will der Bezirk ein Online-System einrichten, in dem antisemitische, rechtsextreme und rassistische Vorfälle schnell gemeldet werden können. Etwas ähnliches existiert schon seit vielen Jahren, das "Verzeichnis Marzahn-Hellersdorf" der Stiftung Polis. Das neue System soll ermöglichen, Vorfälle noch schneller zu melden. Außerdem sollen die Weiterbildungsangebote zu den Themen "Rassismus" und "Integration" ausgebaut werden. Es ist die erste politische Aktion nach dem Sommer.

 

 

Als das Heim eröffnet wurde, war Komoß krank, auch in den Wochen danach. Der rotblonde, jungenhafte Politiker, 49 Jahre alt,  kommt eigentlich aus Karlsruhe, seit 1990 ist er im Bezirk für die SPD aktiv.

 

 

Er sagt, "sicher bin ich nicht, ob das Programm was bringt, aber ich glaube dran." Noch wichtiger als das Aktionsprogramm sei jedenfalls, die Arbeitslosigkeit zu senken. Eine schwierige Sache. Überhaupt sei es in jedem Fall ein langwieriges Projekt, rechten Einstellungen gegenzusteuern. "Vielleicht hat sich das Klima im Bezirk in 20 Jahren verändert?"

 

 

Hellersdorf sei ja bekannt gewesen als Hochburg der Rechten, sagt er dann, "bis zum Jahr 2008, bis zu diesem furchtbaren Vorfall".

 

 

Im Sommer 2008 wurde ein vietnamesischer Zigarettenverkäufer mitten auf der Straße erstochen, etwa drei Kilometer vom heutigen Flüchtlingsheim entfernt. Danach seien rechtsextreme Vorfälle rapide zurückgegangen, sagt Komoß. "Wir hatten im Bezirk die niedrigsten Raten in ganz Berlin. Bis zum letzten Sommer." Die Politik hatte sich auf den guten Zahlen ausgeruht, sagt der Bürgermeister. "In Wahrheit aber war es nur an der Oberfläche ruhig."

 

 

 

 

171. Tag

 

 

Ein Brandstifter legt in einer Asylunterkunft in Hamburg-Altona ein Feuer, in dem eine 33-jährige Frau aus Pakistan und ihre beiden sechs- und siebenjährigen Kinder sterben.

 

 

Stunden später meldet die NPD in Berlin Demos vor vier Asylbewerberheimen an, auch in Hellersdorf.

 

 

 

 

173. Tag, 13.30 Uhr

 

 

Die NPD demonstriert.  Zehn kahl rasierte Männer halten weniger als 500 Meter vom Flüchtlingsheim entfernt Schilder in die Luft, auf denen steht "Heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigenen Land." Auch der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke ist da. Fünf Hellersdorfer stehen ganz nah bei den NPDlern.

 

 

Ein paar hundert Meter weiter strecken 40 Gegendemonstranten bunte Plakate in die Höhe, auch Dirk Meiser. "Refugees Welcome" steht darauf oder "Berlin gegen Nazis". Auch bei den Gegendemonstranten stehen ein paar Anwohner.

 

 

Nach einer halben Stunde sind die NPD-Männer verschwunden, sie müssen weiter zur vierten und letzten Demo an diesem Tag, zu einem Asylbewerberheim in Pankow.

 

 

 

 

In den Tagen darauf finden einige Anwohner Unterschriftenlisten in ihren Briefkästen, für eine "Petition zur Schließung der Asylbewerberheime Carola-Neher-Straße und Maxi-Wander-Straße in Berlin Hellersdorf", unterzeichnet vom NDP-Chef Schmidtke. Außerdem kursieren Flugblätter mit "10 Gründen für eine sofortige Schliessung" des Heims in Hellersdorf. Angeführt wird zum Beispiel die "steigende Kriminalitätsrate" und "die erhöhte Ansteckungsgefahr durch bei uns ausgestorbene Krankheiten".

 

 

Auf der Facebookseite der "Bürgerbewegung Marzahn-Hellersdorf", der Nachfolgerin der "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf", heißt es, "Ausländer fassen Grundschulmädchen an".

 

 

 

 

Ist es richtig, Asylant zu sagen? Ist Flüchtling das bessere Wort? Oder Asylbewerber? Muss man sich über die richtigen Begriffe überhaupt Gedanken machen? Sollen die Anwohner mitentscheiden können, ob eine Unterkunft für Asylbewerber in ihre Gegend kommt? Darf man sie vor vollendete Tatsachen stellen? Darf man vor einem Asylbewerberheim demonstrieren? Wie wollen wir mit Fremden umgehen? In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

 

 

 

 

180. Tag, 19 Uhr

 

 

"Ich hoffe bloß, dass kein Flüchtling etwas anstellt." Dirk Meiser sagt diesen Satz auf seine übliche leise Art in der Kneipe am Kastanienboulevard. "Sonst passiert etwas."

 

 

Dasselbe hat am Nachmittag der evangelische Pfarrer Hartmut Wittig gesagt, dessen Gemeinde ein paar hundert Meter vom Flüchtlingsheim entfernt liegt. Er hat hinzugefügt: "Viele hier denken in Schwarz-Weiß-Schemata. Mit schlichten Botschaften erreicht man sie gut."

 

 

Fardin Faizi hat aufgehört, die Menschen auf der Straße zu grüßen. "Grüßt ja niemand zurück", erklärt er. Und nach einer Pause sagt er: "Dieses Warten und Nichtstun hier im Heim, das macht einen verrückt."