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König Jochen

Von Stefan Willeke

Das Volk liebt ihn. Sogar seine Gegner geben zu, dass er Menschen für sich einnehmen kann. Joachim Gauck hat etwas vor mit seinem Land: Er will die Deutschen nicht nur repräsentieren - er will ihr Erzieher sein.

Darf man den Bundespräsidenten ein Arschloch nennen? Johann Legner wollte es tun. Er hatte sich einen Satz zurechtgelegt für den Moment, in dem Joachim Gauck ihm noch einmal begegnet. "Herr Gauck, Sie sind ein Riesenarschloch." Das sollte Johann Legners Begrüßung sein, ein einziges Mal wollte er Gauck etwas entgegenschleudern.

Dann stand Gauck plötzlich vor ihm, unangemeldet tauchte der Bundespräsident vor dem Haus des Journalisten Legner in Berlin-Dahlem auf. Etwa ein Jahr ist das her. Gauck war von seiner Dienstvilla herübergelaufen, die nur ein paar Straßen entfernt ist. Die beiden Kleinkinder seiner Tochter Katharina waren mitgekommen, die Leibwächter auch, und Gauck ging durch die Allee mit den hohen Pappeln, blieb vor dem Haus mit dem hölzernen Erker stehen und klingelte. Gauck, so erinnert sich Legner, habe ihn mit einem versöhnlichen Lächeln gefragt: "Wollen wir spazieren gehen?" Legners Vorsatz, ihn zu beschimpfen, löste sich in diesem Moment restlos auf. "Ja", antwortete Legner brav, gehen wir spazieren.

Was hatte Legner für diesen Mann nicht alles getan? Er kennt Gauck seit fast einem Vierteljahrhundert, war sein Pressesprecher in der Stasi-Unterlagen-Behörde, die man Gauck-Behörde nannte. Danach trafen sie einander hin und wieder auf privaten Feiern, bis Gauck ihn im Jahr 2010 in sein Wahlkampfteam holte. Damals lief Gaucks erste und erfolglose Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten an. Noch heute stößt Legner in seinem Arbeitszimmer auf alte Aktenmappen, die ihn daran erinnern, dass Gauck keine Lust hatte, sich mit Details zu befassen. "Wie besprochen", steht darauf, daneben ein großes grünes G.

Wie oft hatte Legner ihn im Auto zu Terminen gefahren, ihm eine Fahrkarte für den Zug besorgt, das Ticket bezahlt, weil Gauck seine Kreditkarte wieder nicht finden konnte? Wie oft hatte Legner nach dem Schlüsselbund gesucht, den Gauck verlegt hatte? Manchmal bestand Gauck darauf, noch schnell seine Hemden selber zu bügeln, stellte sich dabei aber so umständlich an, dass ein anderer ihm prompt die Arbeit abnahm. "Er ist ein Meister der zelebrierten Hilflosigkeit", sagt Legner. Man spürt sofort die unerledigte Geschichte, sobald Legner über Gauck spricht. Sie handelt von sehr viel mehr als von gebügelten Hemden.

Als Gauck zum zweiten Mal Bundespräsident werden wollte, berief er Legner nicht mehr ins Wahlkampfteam. Gauck brauchte jetzt neue Leute. Daran war nichts Verwerfliches, kein Anlass für eine Beschimpfung, aber Legner fühlte sich ungerecht behandelt. Gauck bekam von Monat zu Monat mehr Aufmerksamkeit, Legner immer weniger. Gauck wird inzwischen ein Höchstmaß an öffentlicher Aufmerksamkeit geschenkt, Legner muss sich einen Rest von Aufmerksamkeit erkämpfen. Er schreibt an einer Biografie über Gauck, die in wenigen Monaten erscheinen soll. Das ist Legners Versuch, wieder zu Gauck aufzuschließen und Macht über ihn zu erlangen, zumindest Deutungsmacht, aber dieser Versuch kann natürlich nicht gelingen. So arbeitet noch heute die Wut in Legner.

Viel von der gemeinsamen Vergangenheit wurde aufgewirbelt, als Gauck bei Legner unerwartet vor der Haustür stand. Aber die Gefühle des Gekränkten erreichten Gauck nicht, weil Legner sich wieder von Gaucks Charme überwältigen ließ. Unvermittelt erzählte Gauck ihm interessante Vorgänge aus dem Präsidialamt, weihte ihn in persönliche Überlegungen ein, fragte ihn um Rat. Gauck nahm ihn so stark gefangen, wie er es immer getan hatte. Er verwandelte Legner binnen Minuten zurück in einen Wegbegleiter. Legner kapitulierte und fügte sich in seine Rolle. "Er hatte mich überrumpelt", sagt Legner.

Aus zwei Männern, die selbstständig sind und voneinander unabhängig, der eine 74, der andere 59 Jahre alt, wurden ein Redner und ein Zuhörer, ein Staatsoberhaupt und ein Untertan, die Hierarchie war wiederhergestellt. Legner wusste, dass die Vertrautheit schnell verfliegen würde, aber es nützte ihm nichts, das Muster erkannt zu haben. Er fand kein Mittel, sich Gauck zu entziehen.

Gauck kann Dinge, die Legner nicht kann. "Er kann aus Schwächen Stärken machen", sagt Legner, "er kann faul sein, unvorbereitet und überhaupt nicht neugierig. Aber das merkt kein Mensch, wenn er anfängt zu reden. Ich kenne niemanden, der eine Situation spontan so drehen kann wie er." Joachim Gauck ist ein Gedankenverflüssiger. Er kann eine politische Idee in ein tiefes Gefühl verwandeln und sich in dieses Gefühl so hemmungslos fallen lassen, dass es ihn am Ende selbst überwältigt. "Deswegen ist er in der Lage, in Tränen auszubrechen, wenn er nur die amerikanische Hymne hört", sagt Legner.

Das alles ist neu für die Bundesrepublik. Ein Land wundert sich. Man hat den Repräsentanten Deutschlands öffentlich weinen sehen, immer wieder, und man hat sich gefragt, wovon er mehr gerührt ist, von den Ereignissen oder von sich selbst. Man hat den Wutausbruch des türkischen Ministerpräsidenten Erdo?an gehört, nachdem Gauck ihm während eines Staatsbesuchs die Leviten gelesen hatte. Man war erstaunt über Gaucks Geradlinigkeit, als er NPD-Anhänger "Spinner" nannte. Man war erstaunt über das Bundesverfassungsgericht, das die Wahl des Bundespräsidenten als "demokratisch veredelten Rückgriff auf das Erbe der konstitutionellen Monarchie" würdigte. Man war auch erstaunt über Gaucks Mahnung zu mehr Menschlichkeit im europäischen Flüchtlingsdrama, sein Bekenntnis zur deutschen Einwanderungsgesellschaft - und darüber, dass er sich zunächst weigerte, das Gesetz über höhere Diäten für Bundestagsabgeordnete zu unterschreiben.

Wo er auftritt, entsteht etwas, manchmal Streit, manchmal Bewunderung. Er kann mahnen, provozieren, belehren und begeistern. Bleibt die große Frage: Worauf will er hinaus? Will er die Politik vor sich hertreiben?

Vom früheren Bundespräsidenten Roman Herzog ist der Satz geblieben, durch Deutschland müsse ein Ruck gehen. Von Christian Wulff stammt der Satz, der Islam gehöre zu Deutschland. Müsste man sich heute, kurz vor der Mitte seiner Amtszeit, auf Gaucks wichtigsten Satz festlegen, dann wäre es seine Forderung nach stärkerer deutscher Verantwortung in der Welt. Damit sind auch militärische Interventionen gemeint, das macht es so brisant. Denkbar ist, dass er eine Kraftprobe wagen wird: Wer ist stärker, Gauck oder sein Amt?

Es lag in Trümmern, als Gaucks Vorgänger Wulff verschwunden war. Gaucks Aufgabe bestand darin, die Würde der Institution wiederherzustellen. Zur Würde benötigte er nicht viel mehr als sich selbst. Danach folgten die Inhalte. Sein zentrales Thema ist die Besinnung der Deutschen auf ihre Stärken - ihre gefestigte Demokratie, ihre Wirtschaftskraft und die daraus folgende Fähigkeit, sich mehr in die Probleme der Welt einzumischen. Das Land soll lernen, sich zu mögen. Es soll so selbstverliebt werden wie Gauck, das ist die unfreundliche Zusammenfassung. Die wohlwollende lautet: Der Bundespräsident verschenkt sein Zutrauen an sein Land.

Das alles lief so lange reibungslos, wie sich Gaucks Blick für die Realität nicht eingetrübt hatte. In seiner Rede auf dem Bankentag im April dieses Jahres prangerte er dann aber nicht den offenkundigen Missstand an, die Gier der Finanzindustrie, sondern zielte auf die Unwissenheit der Verbraucher, die sich angeblich zu wenig mit Ökonomie beschäftigt hätten. Da wurde sichtbar, dass Deutschland nicht ständig den Erkenntnisfortschritten seines Präsidenten hinterherläuft, sondern dass es auch umgekehrt sein könnte: Das Land ist vielleicht schon weiter, als sein Präsident glaubt. Das Land hat bereits begriffen, dass der ungebremste Kapitalismus ein großes Risiko für die Freiheit ist, Gaucks Schlüsselbegriff.

Als Bundespräsident ist er ohne operative Kraft, aber in der Lage, Themen zu setzen, die womöglich Machtfragen nach sich ziehen. Es ist eine codierte und verklausulierte Macht, um die es geht, die Wirkungsmacht des politisch Einflusslosen. Weder Johannes Rau noch Horst Köhler oder Christian Wulff brachten es fertig, Themen zu formulieren, die Spitzenpolitiker dauerhaft beschäftigt haben. Bei Rau kam sofort die Frage auf, ob seine Partei das Amt des Bundespräsidenten als SPD-Ehrenloge missbrauche, bei Köhler reichte zum Schluss ein Luftzug, um ihn umzuwehen, bei Wulff: geschenkt. Im Grunde ging es meist darum, gelegentlich ein Reformthema zu benennen, vor allem aber gravitätisch stehen, sitzen und schreiten zu können.

Der letzte Bundespräsident, der politische Spannung aufrechterhielt, war Richard von Weizsäcker. Seine Kunst bestand darin, Interessenpolitik hinter fulminanten Auftritten zu verstecken. Weizsäcker konkurrierte mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl um öffentliche Aufmerksamkeit. Mit dieser Art von Dualität ist auch Gauck ins Amt gekommen. Die Kanzlerin sträubte sich dagegen, dass Gauck Bundespräsident wurde. Vielleicht fürchtete sie politische Übergriffe, vielleicht sein ungleich größeres Charisma. Vielleicht wollte sie sich ein Endlager für Konkurrenten aus der Partei sichern, vielleicht hielt sie Gauck für unfähig, eine große politische Krise auszuhalten, weil er zwar viel Erfahrung als Pastor, Demokratielehrer und Redner mitbrachte, aber keinerlei Erfahrung als Spitzenpolitiker.

Das alles ist unklar geblieben. Klar ist, dass Joachim Gauck einen Weg gefunden hat, Themen ins Rollen zu bringen. Ein Mann ist dabei, den Erzieher in sich zu entdecken und diese Figur politisch einzusetzen.

Als Gauck im vergangenen Oktober seine Rede zum Tag der Deutschen Einheit hielt, ahnte kaum jemand, dass es ein vorsichtiger Versuch war, die Agenda zu markieren. Er sagte: "Einer meiner Vorgänger, Richard von Weizsäcker, ermuntert Deutschland, sich stärker einzubringen für eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Es stellt sich tatsächlich die Frage: Entspricht unser Engagement der Bedeutung unseres Landes?"

Gauck interessiert sich vor allem für Deutschland, er hat sich nie viel im Ausland herumgetrieben, aber er spürt eine besondere Verbindung zu den USA, die im Zentrum all dessen stehen, was Gauck als "den Westen" definiert. Er war nur ein paarmal in den USA. Es ist weniger das Land, was ihn beeindruckt, als vielmehr die Idee, die er sich davon gemacht hat. Während einer dieser Reisen, auf der Johann Legner ihn begleitete, sprach ihn der Journalist auf die soziale Zerrissenheit der USA an, aber Gauck habe davon nicht viel wissen wollen. "Die USA sind einer seiner Haltegriffe", sagt Legner. Deswegen reagierte Gauck auf die NSA-Spionageaffäre emotionaler und früher als Merkel und ihre Minister. Der alte Freund Amerika hat eine erschreckend finstere Seite offenbart, das trifft Gauck, weil es seine Vorstellungswelt bedroht.

Im Präsidialamt fehlte Gauck zunächst ein Spezialist für den transatlantischen Blick. Seit dem vergangenen Sommer füllt Thomas Kleine-Brockhoff diese Rolle aus, ein ehemaliger Redakteur der ZEIT, danach Direktor der amerikanischen Stiftung German Marshall Fund in Washington, inzwischen Planungschef des Bundespräsidenten. Kleine-Brockhoff gehört zu Gaucks engstem Beraterkreis, ein eloquenter Stratege, gegenüber der ZEIT darf er sich allerdings nicht äußern. Sein Einfluss auf Gauck soll anfangs gewaltig gewesen sein.

Gauck gefiel von Beginn an Kleine-Brockhoffs Weltläufigkeit, die amerikanische Grammatik seines Denkens. Hielt Gauck eine seiner viel beachteten Reden, von denen die meisten durch Kleine-Brockhoffs Hände gegangen waren, lief der Planungschef durchs Haus und erzählte, dies sei eine der wichtigsten Reden gewesen, die ein Bundespräsident jemals gehalten habe. Der Bundespräsident. ER. Er hat gesagt. Er hat vor. So reden sie im Amt über Gauck.

Mitarbeiter, die mit Gaucks Planungschef zu tun haben, schildern ihn wie einen Außerirdischen, der auf der Erde gelandet ist. Was die Mehrheit der Deutschen denke, interessiere Kleine-Brockhoff kaum, heißt es. Er habe etwas gegen "linke Moralisten". Auch in diesem Punkt trifft er sich mit Gauck. Beide haben Verständnisschwierigkeiten mit der Bundesrepublik - Kleine-Brockhoff, weil er sich in Amerika so weit von ihr entfernt hatte, und Gauck, weil ihn seine DDR-Biografie geprägt hat, in die das Nachbarland oft nur in Form des Westfernsehens vordrang.

Gauck fühlt sich von Tschechen oder Polen beim Thema Freiheit ungleich besser verstanden als von Westdeutschen, die keine Diktatur überwinden mussten. Kleine-Brockhoff lebte jahrelang in den USA, für Gauck immer noch ein Sinnbild der Freiheit. So blickten zwei Seiteneinsteiger, der eine von Osten, der andere von Westen, auf die Bundesrepublik und näherten sich ihr mit vereintem Belehrungseifer.

Dann aber, Ende Januar dieses Jahres, hielt Gauck seine berühmte Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, und der mitgereiste Kleine-Brockhoff überspannte den Bogen. "Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen", sagte Gauck und meinte auch die Rolle der Bundeswehr. Kleine-Brockhoff ließ sich von Teilnehmern der Tagung dabei beobachten, wie er im kleinen Kreis Erklärungen nachschob und sich zum Interpreten des Präsidenten aufschwang, ganz so, als sei Gauck auf seinen Planungschef angewiesen wie auf eine ausgelagerte Festplatte. Seitdem ist es stiller geworden um Thomas Kleine-Brockhoff, Gaucks Thema aber ist geblieben.

Gaucks Auftritt auf der Sicherheitskonferenz war lange vorbereitet worden - und koordiniert. Nicht nur die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schwenkte auf Gaucks Kurs ein, auch der Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Seine Wege zu Gauck sind kurz. Gaucks Büroleiter, früher im Wahlkampfteam des SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier, ist einer der wenigen Mitarbeiter, die ihren Schreibtisch in Gaucks Nähe haben, im Schloss Bellevue. Fast alle anderen sitzen außerhalb des Schlosses, in einem eigenen Bürogebäude.

Hatte sich Steinmeier mit Gauck besprochen, hieß es hinterher: "Der Frank war wieder da." So entwickelte sich eine Debatte über Militäreinsätze, die von Steinmeier befeuert wurde, bis schließlich von der Leyen ihre Absicht erklärte, bewaffnete Drohnen für die Bundeswehr anzuschaffen. Man kann darüber spekulieren, ob Gauck sich einspannen ließ oder ob er die anderen einspannte.

Seit vergangenem Jahr kursiert ein Strategiepapier zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik, das von 53 Experten erarbeitet wurde, darunter Kleine-Brockhoff und einige Journalisten großer Blätter (auch ein Redakteur der ZEIT) . Das Papier mit dem Titel Neue Macht, neue Verantwortung könnte als Blaupause für Gaucks Kurs herhalten, aber es wäre naiv, daraus abzuleiten, Gauck singe bloß nach, was andere vorgesungen haben. So einfach ist es nicht. Es ist ein gemischter Chor, der da singt, und Gauck hört zufrieden zu. Manchmal übernimmt er das Solo.

Im Juni, auf der Rückreise von einem Staatsbesuch in Norwegen, legte Gauck nach und erklärte auf die Frage eines Radioreporters, dass man im Kampf um Menschenrechte notfalls "zu den Waffen greifen" müsse. Im Amt lästerten daraufhin einige seiner Mitarbeiter, die sonst respektvoll über Gauck reden: "Opi will wieder schießen."

Gauck hat eine seltsam gedächtnislose Debatte losgetreten. Seit dem Kosovokrieg, an dem die Bundeswehr im Jahr 1999 teilnahm, sind Auslandseinsätze kein Tabu mehr. 15 Jahre ist es her, dass sich der grüne Außenminister Joschka Fischer wegen seiner Zustimmung zum Einsatz im Kosovo von Parteikollegen beschimpfen und mit einem Farbbeutel bewerfen ließ. Es folgte ein langer und mühseliger Kampf in Afghanistan, den schließlich auch ein deutscher Verteidigungsminister umstandslos Krieg nannte. Die politische Schlacht um den Sinn von Auslandseinsätzen wurde oft geschlagen.

Russland hat die Krim annektiert, soll die Nato sie zurückerobern? So hat Gauck es nicht gemeint. Soll die Nato in der Ostukraine eingreifen? Im Irak? Im Gazastreifen? Nein. Soll die Bundeswehr Dschungelkämpfer für einen Einsatz im Bürgerkriegsland Zentralafrikanische Republik ausbilden? Das hat Gauck nie gefordert. Die Lage in Syrien ist dramatisch. Ein Fall für die westliche Allianz, also auch für die Deutschen?

Die Debatte, die Gauck entfacht hat, krankt daran, dass sie mit der aktuellen Weltkarte der Krisen und Konflikte nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Das könnte daran liegen, dass Joachim Gauck ein Land vor sich sieht, das es nicht mehr gibt. Er möchte Menschen wachrütteln, die schon lange nicht mehr schlafen.

Gauck könnte auch ein Szenario vor Augen haben, das er nicht benennt, auf das er die Deutschen aber vorbereiten will. Dann wäre es eine Zukunftsdebatte, die einen Rückfall in die Ära der zaudernden Unschuld verhindern soll, aber sie wäre weiterhin ohne Anlass und ohne Publikum.

Die Mehrheit der Deutschen ist gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, das zeigen viele Umfragen. Doch das leise Grummeln der Bevölkerung hat noch keinen Parlamentarier davon abgehalten, das Mandat für den Afghanistan-Einsatz zu verlängern. Solange Gauck keinerlei Andeutung macht, welche Art von militärischer Operation er meint, bleibt die Debatte pseudorelevant.

Gauck hat sich auf eine Missionsreise durchs eigene Land begeben, das er von überkommenen Vorstellungen befreien will. Noch immer, sagen einige seiner Mitarbeiter im Amt, renne Gauck gegen sogenannte "Linksprotestanten" an, die sich schwärmerisch auf Ostermärschen sammeln und gelegentlich in Talkshows herumhängen, gegen unverbesserliche Altachtundsechziger im Westen, gegen verblendete DDR-Nostalgiker im Osten. Vor 20 Jahren waren diese Menschen eine Macht, aber was haben sie heute noch zu sagen?

An einem warmen Sommertag steigt Heiko Lietz die Stufen zu seinem Büro in einem Pfarrhaus in Schwerin hoch. Irgendwas mit "Menschenrechten" steht auf dem Schild, das Büro ist nur ein einziges Zimmer, auf dem Dachboden. Man muss den Nebeneingang des Hauses nehmen, sonst findet man Heiko Lietz nicht. Es gibt kein Telefon im Büro, keinen Computer, die Luft ist stickig. Lietz schnauft leise, als er die Tür öffnet, er ist 70 Jahre alt. Über seinen langjährigen Weggefährten Gauck sagt Lietz: "Er ist im Paradies angekommen." Er meint damit beides: das Amt des Bundespräsidenten und den Kapitalismus. Lietz fühlt sich bis heute hingezogen zu Gemeinschaften wie der "Freien Republik Klitschendorf", an eine Alternative zur Konsumgesellschaft will er weiterhin glauben.

Lietz und Gauck besuchten dieselbe Schule in Rostock, sie spielten gemeinsam Handball, beide studierten Theologie und wurden Pfarrer in der DDR, beide wurden von der Staatsmacht drangsaliert, aber Lietz war rebellischer.

Er nennt Gauck "einen mir vertrauten Menschen". Das Wort "Freund" vermeidet er. Gauck residiert in einem Schloss, Lietz muss sich von seiner Dachkammer eine enge Treppe hinabtasten, wenn er zur Toilette will.

Lietz und Gauck wurden Teil der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR. Gauck hielt auf dem Kirchentag 1988 in Rostock eine bewegende Rede, das Westfernsehen brachte einen Ausschnitt, er rief den DDR-Herrschern zu: "Wir werden bleiben wollen, wenn wir gehen dürfen!" Dennoch sagt Lietz heute: "Gauck war in Wahrheit gar nicht präsent. Er war einfach nicht da, auch in Rostock nicht. Die Arbeit machten andere." Ganz zum Schluss, im Oktober 1989, sei Gauck aufgetaucht und habe eindrucksvolle Reden gehalten. Lietz sagt: "Das Etikett des großen Bürgerrechtlers ist falsch."

Gauck hat sich dieses Etikett nicht selber angeklebt, Herr Lietz.

"Aber er hat es auch nie dementiert. Er hat ein Missverständnis aufrechterhalten."

Lietz setzte damals seine Existenz aufs Spiel, so weit ist Gauck nie gegangen. Lietz warf seinen Job als Pfarrer hin. Die SED-Herrschaft musste zusammenbrechen, ein anderes Lebensziel kannte er nicht mehr. Gauck blieb Pfarrer und kümmerte sich um Gefangene. Er schmiss nicht hin, er hielt aus. Er leistete Widerstand, begrenzte aber sein persönliches Risiko. Deswegen stand er am Ende als Sieger zur Verfügung, als es etwas zu feiern gab.

Nach der Wende landete Gauck im besten Deutschland aller Zeiten, Lietz suchte weiterhin danach. "Ich bin nicht in sein Boot gesprungen", sagt er. "Gaucks Ansatz ist nicht biblisch, sondern politisch-rational, eingesenkt in einen theologischen Sound." Oft habe Gauck ihm vorgehalten: Wer mit der Bergpredigt Politik machen wolle, gehöre auf die Couch.

Wenige Tage bevor Gauck im März 2012 zum Bundespräsidenten gewählt wurde, lud er Heiko Lietz ein, im Reichstag dabei zu sein. Lietz war überrascht. Er hatte mit zehn anderen ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern im Tagesspiegel eine misstrauische Erklärung gegen den künftigen Bundespräsidenten abgegeben. Auch Friedrich Schorlemmer hatte unterzeichnet. "Gaucks Denken über Freiheit ist von dem Begriff individueller ›Selbstermächtigung‹ bestimmt", hieß es, "uns geht es um die Freiheit aller."

Aber Gauck war nicht nachtragend. Im Reichstag saß Lietz dann in der Loge neben Gaucks Familie. Anschließend nahm Lietz sich vor, sich "nicht mehr zu intensiv" mit diesem Menschen zu beschäftigen. Er muss die Gefahr geahnt haben, sich an Gauck ewig abzuarbeiten.

Am Ende des Gesprächs auf dem Schweriner Dachboden holt Lietz einen dicken Aktenordner hervor, in dem er all die Artikel und Notizen über Gauck gesammelt hat. "Wenn Sie ihn sehen, brauchen Sie ihm keine Grüße zu bestellen", sagt er noch und bleibt in seiner Kammer zurück.

Joachim Gauck empfängt zum Gespräch in seinem Amtszimmer im Schloss Bellevue. Ein prachtvoller Teppich, Gemälde an den Wänden. Stille. Draußen, auf dem Rasen vor dem Schloss, schleicht einer der zahmen Füchse herum, die sich vor Menschen nicht mehr fürchten, seit sie die deutschen Bundespräsidenten kennen.

Dann öffnet sich eine weiße Tür, die in eine weiße Wand eingelassen ist, so als habe man den Zugang tarnen wollen. Gauck tritt herein und setzt sich an den polierten Besprechungstisch. Am Tag zuvor hat ihn die Bild-Zeitung seitenfüllend zu einem "Bürger-Präsidenten" proklamiert. Macht ihn das stolz? Er schaut einen an, als habe man den König beleidigt. Während des Gesprächs, aus dem man nur wenige Sätze zitieren darf, sagt er: "Ich bin ein Bürgerpräsident, weil ich von unten komme. Das ist für mich auch heute noch ein höchst erstaunlicher Vorgang."

Inzwischen habe er ein "natürliches Gefühl für die Grenzen des Amtes gefunden. Mich treibt weniger als zu Beginn die Sorge um, ob ich diese Grenzen überschreite."

Gauck spricht auch über die Rolle der Bundeswehr, er sagt: "Es gibt Situationen, in denen militärische Einsätze als letztes Mittel gerechtfertigt sind - aber wir begrenzen sie strikt."

Ist der Westen in Afghanistan nicht gescheitert, Herr Gauck? "Nicht alles, was der Einsatz erreichen sollte, hat er auch erreicht. Aber das heißt noch nicht, dass er vergeblich war." Dann verschwindet er wieder hinter der weißen Tür.

Verlässt man das Schloss Bellevue, dann klingen seine Antworten eine Weile nach. Gauck nannte den Westen "eine Verabredung von Werten". Er gibt einem immer das Gefühl, auch er sei aus einer Verabredung hervorgegangen - dem Plan, den fundamentalen Gedanken des Landes durch einen einzigen Menschen Gehör zu verschaffen. Vieles, was sich in seinem Leben ereignet hat, verbindet er zu einer gedanklichen Linie, einer ziemlich geraden Linie, die im Kommunismus begonnen hat.

Als Joachim Gauck noch ein kleiner Junge war, der in dem Dorf Wustrow an der mecklenburgischen Küste aufwuchs, nahm ihm der Stalinismus den Vater. Jochen nannten Freunde den Vater, Jochen nannten Freunde auch den Sohn. Jochen, der Sohn, war elf Jahre alt, als sein Vater in einen sowjetischen Gulag verschleppt wurde, wegen angeblicher Spionage. Zwangsarbeit in Sibirien. Bäume fällen, Hunger, Magenkrankheiten, dann Arbeitserleichterung. Der Vater räumte Latrinen aus. Erst 1955 kam er frei.

Diese Geschichte hat Joachim Gauck seinen zwei Söhnen und zwei Töchtern oft erzählt, Christian Gauck kann sich gut daran erinnern. Er ist das älteste der Kinder, Arzt in einem Hamburger Krankenhaus. Er sitzt in einem Café und erzählt davon, dass die Familie zwar im Osten wohnte, sich aber im Geiste im Westen bewegte. Noch heute träume er davon, wie er damals darum kämpfte, endlich dorthin zu gelangen. "Schon verrückt", sagt er, "wie einen das noch immer beschäftigt."

Christian Gauck wurde wegen seines Pastorenvaters in der Schule von Lehrern schikaniert. Er durfte nicht studieren, nicht Arzt werden. Schließlich stellte er mit seinem jüngeren Bruder einen Ausreiseantrag, und Christian Gauck erlebte einen Vater, den er nicht kannte. Joachim Gauck unterstützte die Söhne nicht, er sagte: "Ihr seid nicht im Gefängnis. Ihr könnt für die Demokratie kämpfen." Er verlangte von ihnen, sich so zu verhalten, wie er selbst es tat.

Als der Ausreiseantrag schließlich genehmigt worden war, 1987, stand Joachim Gauck mit seiner Frau Hansi auf einem Bahnsteig in Rostock. Er wirkte ungerührt und kalt, seine Frau sagte zu ihm: "Andere Menschen haben ein Herz. Was hast du?" Joachim Gauck, so erinnert sich der Sohn, habe gesagt: "Die Kinder haben doch, was sie wollen. Warum bist du traurig?" Dass sie die Söhne jemals wiedersehen würden, war damals alles andere als sicher. Die Kinder, die Mutter, alle brachen in Tränen aus, nur Joachim Gauck nicht. Von dieser Szene hat er später selbst öffentlich berichtet.

Nach der Wende, als er nach Berlin gezogen und Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde geworden war, verließ er Hansi und die damals zwölfjährige Tochter Katharina. Die beiden blieben in Rostock-Evershagen zurück, einem trostlosen Plattenbauviertel, das die Ehefrau immer gehasst hatte. Sie war nur dort hingezogen, weil Joachim Gauck es so verlangt hatte. Er hatte dort unbedingt Pfarrer werden wollen.

Gauck war bald mit einer neuen Partnerin zusammen, der strahlend schönen Journalistin Helga Hirsch, damals noch Polen-Korrespondentin der ZEIT. Hansi Gauck litt furchtbar unter der Trennung, und Christian schrieb seinem Vater einen vorwurfsvollen Brief: "Warum hast Du das getan?"

Christian möge ihn bitte nicht verurteilen, antwortete Joachim Gauck und erklärte, was in ihm vorgegangen war. "Ich habe ihn danach besser verstanden", sagt Christian Gauck. Warmherzig sei sein Vater in den letzten Jahren geworden, "so haben wir ihn früher nicht gekannt".

Nach ein paar Jahren trennte sich Helga Hirsch von Joachim Gauck. Sie wollte seine Nähe nicht mehr ertragen, sie hält überhaupt die Nähe in einer engen Beziehung nicht gut aus, aber die Verbindung zu ihm blieb. Seit Langem ist Joachim Gauck inzwischen mit Daniela Schadt zusammen, wieder einer Journalistin, diesmal von der Nürnberger Zeitung. Manchmal treffen sie sich abends zu dritt in Gaucks Dienstvilla, essen gemeinsam und besprechen sich.

Helga Hirsch ist offiziell Beraterin des Bundespräsidenten, sie hat einen Vertrag als freie Mitarbeiterin. Meist arbeitet sie zu Hause in Berlin-Wilmersdorf, ihr karges Büro in einem Nebengebäude des Amtes nutzt sie nicht. Es gibt dort nicht mal Internet. "Den Einfluss dieser Frau auf ihn kann man kaum überschätzen", sagt einer, der die beiden seit 20 Jahren kennt, "sie hat ihm den Westen erklärt."

Im Amt wird Helga Hirsch misstrauisch empfangen, weil ihr Sonderverhältnis zum Präsidenten einigen Mitarbeitern nicht geheuer ist. Sie bespricht sich mit Gaucks Planungschef draußen bei einer Tasse Tee, manchen Referenten im Amt ist sie fachlich überlegen. Auf Gaucks Dienstreisen sieht man sie nicht, sie bereitet aber Reden vor, die Gauck in Osteuropa hält. "Schau mal drauf", sagt er vorher. Gauck ist ein brillanter Redner, aber er kann nicht schreiben. Es reicht nur für Textbausteine, die seine Mitarbeiter verwerten müssen.

Wenn Helga Hirsch ihm mailt, antwortet er ihr direkt. Sie sind ein eingespieltes Team. Helga Hirsch erarbeitete für ihn auch die Autobiografie. Spätabends fuhren sie in seine Wohnung, um über das Buchmanuskript zu reden, nachts brachte Gauck sie heim. Seine Partnerin Daniela Schadt muss eine bemerkenswerte Frau sein. Sie hat volles Vertrauen in ihn. Das sagen alle, die die beiden seit Langem kennen.

Besucht man Daniela Schadt in ihrem Arbeitszimmer im Schloss Bellevue, dann trifft man auf eine Frau, die lauter Sätze sagt, die auch Joachim Gauck sagen könnte. "Was Jochen und ich sehr ähnlich sehen: Es ist entmutigend, wenn immer nur die Probleme benannt werden, ohne zu zeigen, wie viele Menschen sich für deren Lösung einsetzen." Sie sitzt vor einer cremefarbenen Wand auf einem cremefarbenen Sofa neben einer cremefarbenen Lampe, die vor cremefarbenen Vorhängen steht, und es würde einem schwindelig, wenn sich nicht Daniela Schadt in ihrem grün gemusterten Sommerkleid als Orientierungspunkt anböte. Sie kann sehr lebendig über Gaucks Vorzüge reden, und wenn man sie danach fragt, was sie nicht an ihm mag, dann antwortet sie: "Ich runzle die Stirn über seine zuweilen ungebremste Begeisterungsfähigkeit." Bremsen Sie ihn dann, Frau Schadt? "Nein, ich finde diese Fähigkeit ja auch gut." Gauck interessiere sich besonders für Psychologie, sagt sie, für die Frage "Wie definiere ich mich?".

Nach der Wende nahm Gauck an Therapiekursen teil, die ein Pfarrer in einem Seelsorge-Seminar gab. Danach war Gauck ausgiebig mit sich selbst beschäftigt, ein Zustand, der bis heute angehalten hat.

Fährt man zu dem Mann, der damals Gaucks Seminarleiter war, zu Klaus-Dieter Cyranka in Halle an der Saale, dann sagt er: "Jochen ist ein Beziehungshersteller." Gauck nennt Cyranka inzwischen seinen besten Freund, Cyranka sieht das genauso. Sie kennen einander seit 40 Jahren. Cyranka ist heute Rentner. Er sagt: "Wenn Jochen keine Beziehung zu einem Menschen herstellen kann, wird er hilflos." Mit seinem Bedürfnis nach ständiger Nähe habe er Helga Hirsch überfordert. Und dennoch lebe die Beziehung zu ihr fort, auf intellektueller Ebene.

Auf Gaucks Familienfeiern, bei denen Cyranka manchmal zu Gast ist, erlebt er etwas Erstaunliches: Gaucks Verhältnis zu seinen Söhnen scheint wieder intakt, auch das zu den Töchtern. Sogar die verlassene Ehefrau, die allein in Rostock lebt, feiert mit, genau wie Gaucks Lebenspartnerin Daniela Schadt. Cyranka sagt: "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so was gelingt." Gauck beendet Beziehungen nicht, er verwandelt sie. Aus jeder zerbrochenen Liebe rettet er etwas von der alten Verbundenheit. So ist zu erklären, dass eine Frau, die sich in ihn vor langer Zeit verliebte, heute in einem Café sitzt und sagt: "Wenn es mit ihm geklappt hätte, dann hätten wir bald Silberhochzeit."

Joachim Gauck, im Kriegsjahr 1940 geboren, hat das System der DDR verachtet, das System überwunden, war auf dem Weg zum Bundespräsidenten zunächst Kandidat und Verlierer, dann Kandidat und Sieger - er hat erreicht, was er erreichen wollte. Sein Wegbegleiter Hansjörg Geiger, der Gaucks wichtigster Mann in der Stasi-Unterlagen-Behörde war, sagt: "Ich glaube, er freut sich jeden Tag, dass er Bundespräsident ist." Gaucks Sohn Christian sagt: "Er ist einfach echt. Dafür mögen wir ihn."

Joachim Gauck ist inzwischen so beliebt, dass der Grünen-Chef Cem Özdemir im Mai auf die absurde Idee kam, mehr als zwei Jahre vor dem Ende der Amtszeit Gaucks für eine weitere zu werben. Gauck wäre dann 77. Obwohl er stockkonservative Werte vertritt, gefällt er erstaunlich vielen Grünen. Gaucks Liebe zum Vaterland kommt ohne jeglichen Nationalismus aus, sie ist erfüllt von dem Stolz des Siegers auf das Ende der SED-Diktatur. So sehen Grüne in ihm einen Anwalt der Menschenrechte, die SPD erkennt seinen Bürgersinn, die CDU den christlichen Glauben, die FDP die Freude an der Marktwirtschaft. Sie alle halten Joachim Gauck für ihre ureigene Erfindung, während er sich in diesem staatstragenden Missverständnis sonnt.

Gauck hat es sogar geschafft, aus kritischen Medien einen Club von Anhängern zu machen. "Gauck hat recht", das ist inzwischen ein gängiger Satz in deutschen Leitartikeln. So schnell sein Vorgänger Wulff als der Falsche abgestempelt worden war, so bedenkenlos wurde Gauck zum Erlöser erkoren. Nach der Verkleinerung Wulffs drängte sich die Vergrößerung Gaucks auf.

Joachim Gauck hat sich, so muss man es sagen, auf ganzer Linie durchgesetzt. Er ist nie gefallen, nicht einmal gestolpert. Oder doch?

Vor 14 Jahren suchte Gauck eine neue Aufgabe, die Zeit der Gauck-Behörde lag hinter ihm. Da schlug Heribert Schwan vom WDR eine politische Talkshow vor, mit Gauck als Moderator. Um einen Seiteneinsteiger wie ihn an den mächtigen Chefredakteuren und Kulturchefs der ARD vorbei ins Programm zu schleusen, musste Heribert Schwan, der Erfinder der Sendung, seine enge Verbindung zum WDR-Intendanten Fritz Pleitgen ausreizen. "Schwan, Sie sind der Held der ARD, wenn Sie das schaffen", habe Pleitgen damals gesagt. Schwan strengte sich an.

Er besorgte Gauck ein weit überdurchschnittliches Honorar, ein imposantes Fernsehstudio, eine kleine Redaktion. Der Sender bezahlte auch die Anzüge, die der Talkmaster Gauck trug. Angela Merkel trat bei ihm auf, Joschka Fischer, trotzdem wurde die Show nach 20 Sendungen abgesetzt. Die Quoten waren schlecht, Gauck kam nicht an.

"Wir haben ihn damals gesteuert", sagt Schwan, "ihm Fragetechniken beigebracht." Ohne Menschen, die ihn bemuttern, sei er aufgeschmissen. "Die Gauck-Behörde hätte eigentlich Geiger-Behörde heißen müssen", sagt Schwan, "alle rechtlichen Konflikte hat sein Direktor Geiger gelöst." Schwan wunderte sich über Gauck. Wozu Willy Brandts Ostpolitik denn gut gewesen sei, habe Gauck ihn gefragt. "Über Gerhard Schröder und Helmut Schmidt hat er gelacht." Schwan sagt: "Es wäre an der Zeit, Joachim Gauck tiefer zu hängen."

An einem Abend in Prag ist der Bundespräsident mit Daniela Schadt im Palais Lobkowicz erschienen, dem Dienstsitz des deutschen Botschafters. Es ist der 6. Mai, Staatsbesuch Gauck. Seit Tagen ist er in Tschechien unterwegs, er hat getrauert, gelacht und geweint. Er ging als Staatsmann würdevoll neben einer merkwürdigen Gestalt her, dem tschechischen Präsidenten. Miloš Zeman ist vier Jahre jünger als Gauck, aber er stützt sich beim Gehen auf einen Stock. Er ist krank, hat in seinem Leben Unmengen von Alkohol in sich hineingekippt. Es fehlte nicht viel, dann wäre Zeman bei einem öffentlichen Auftritt im Mai 2013 in die böhmischen Kronjuwelen gefallen. Gehen die beiden nebeneinander her, muss Gauck sich bremsen, damit Zeman mithält und nicht stolpert.

Kurz vor dem Ende der Reise bittet Gauck zu einem seiner Hintergrundgespräche, über deren Inhalte man nicht berichten darf. Man darf aber sagen, dass Daniela Schadt souverän neben ihm sitzt wie eine kritische Moderatorin, während seine Pressesprecherin darauf drängt, zügig zum Ende zu finden. Gauck hat sich, wie so oft in seinem Leben, in der Mitte zwischen zwei Frauen platziert, die ihn glänzen lassen.

Als das Gespräch vorüber ist, bittet Gauck die Journalisten, ihm zu folgen. "Das muss ich Ihnen zeigen", sagt er und öffnet eine Tür. Sie führt zu den privaten Räumen des Botschafters. Dort steht dessen Frau, sie schaut Gauck unsicher an. Da schreitet der Bundespräsident an ihr vorbei und zeigt den Journalisten den atemberaubenden Blick auf die erleuchtete Prager Burg. Er wendet der Hausherrin den Rücken zu, steht mit einem Glas Rotwein in ihrem Wohnzimmer und deutet aus ihrem Fenster, aber er tut so, als gehöre das Wohnzimmer ihm.