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Die Rumänen sind längst da

Von Lea Thies

Report Wanderarbeiter aus Osteuropa erledigen bei uns die Knochenjobs - zum Beispiel in der Fleischindustrie. Einblicke in eine Schattenwelt

Im "gelobten Land" macht sich jemand Sorgen um seine Wasserleitungen im Flur, vielleicht auch um die Nebenkosten und die Umwelt. "Die Eingangstür sollte in den Wintermonaten stets zugesperrt sein, damit die Kälte nicht ins Haus eindringen kann", steht auf Rumänisch und in Großbuchstaben auf einem Blatt Papier an der Eingangstür zu einem alten Gebäude. Im Hof parken Autos mit einem "Ro" im blauen Länderfeld des EU-Kennzeichens, dahinter steht ein kleiner, klapprig aussehender Wohnwagen, in dem Langos verkauft wird, ungarische Teigfladen. Am Briefkasten hängt eine Liste mit 13 osteuropäisch klingenden Namen. Die Tür steht trotz Hinweisschild offen. Auch das Treppenhaus dahinter sieht nicht so aus, als würde sich hier irgendjemand kümmern. Das Geländer fehlt, die Stufen sind abgetreten, im ersten Stock ein Schuhregal vor einer Wohnungstür, nur Männerschuhe darin, daneben Töpfe mit Gekochtem, die zum Kühlen in den Flur gestellt wurden. Eduard Häring von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) klopft an und öffnet langsam die Tür. Warme, stickige Luft, die nach deftigem Essen riecht, schlägt ihm entgegen. "Hallo, ist da jemand?", fragt er. Aus der Küche klingen Stimmen. Häring ruft von der Türschwelle aus noch einmal. Die Küchentür öffnet sich und gibt sofort Einblicke in eine andere Welt, mitten im oberbayerischen Waldkraiburg. Drei Männer, schätzungsweise zwischen 30 und 40 Jahren, sitzen da nachmittags in Jogginganzügen, Flaschen und Gläser auf dem Tisch. Von jetzt an hat Häring noch ungefähr zehn Minuten …

Die drei Männer sind rumänische Wanderarbeiter, die nach dem europäischen Entsendegesetz in Deutschland arbeiten. Sie und ihre anderen Mitbewohner auf der Liste am Eingang haben einen Job am Südfleisch-Schlachthof in Waldkraiburg, der zum niederländischen Vion-Konzern gehört (Umsatz 2012: 9,7 Milliarden Euro). Angestellt sind sie bei einem Subunternehmer, mit dem Südfleisch einen Vertrag abgeschlossen hat, der Leistungen am Schlachthof regelt.

1 Euro pro Sau für die Kolonne

Von diesen osteuropäischen Wanderarbeitern gibt es Tausende in Deutschland. Sie übernehmen hierzulande schlecht bezahlte Knochenjobs in der Fleischindustrie, der Pflege-, Logistik-, Reinigungs- und Baubranche, die kaum ein Deutscher mehr machen möchte. Arbeiten im Akkord und zu ungewöhnlichen Zeiten. Arbeiten mit Blut oder Fäkalien. Arbeiten bei extremen Temperaturen oder großem Körpereinsatz. Für diese Arbeit bekommen sie häufig weniger Geld als fest angestellte, deutsche Kollegen. Wie viele Wanderarbeiter in Deutschland schuften, darüber gibt es keine genauen Zahlen. Nach Schätzungen der Gewerkschaft NGG sind es 30 000 bis 40 000 allein an deutschen Schlachthöfen. Unternehmen und Konzerne begründen die Werkverträge mit "Flexibilität bei den Kosten und beim Personal" und jammern über Fachkräftemangel sowie Kostendruck. Gewerkschaften kritisieren, dass dadurch Lohndumping möglich sei und der Kündigungsschutz umgangen werde.

Diese Arbeiter sind das schwächste Glied in den globalen Produktionsketten, die mitunter bis zum deutschen Supermarktkunden reichen. Der möchte zum Beispiel in der Regel nicht nur einmal pro Woche Fleisch essen und auch nicht viel für das Stück getötetes Tier bezahlen. Inzwischen geben die Deutschen nur noch 16 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Die Folge: Massentierhaltung, riesige Schlachthöfe, Niedriglöhne, industrialisierte Nahrungsproduktion. Vier große Schlachtkonzerne bestimmen 85 Prozent des Marktes: Vion, Danish Crown, Tönnies und Westfleisch. Deutschland gehört zu den größten Fleischexporteuren der Welt. Beim bloßen Lesen der Anzahl der in der Bundesrepublik getöteten Tiere mag manch einer schon zum Vegetarier werden: 60 Millionen Schweine, vier Millionen Rinder, 700 Millionen Vögel im Jahr, mancherorts 25 000 Schweine am Tag, 150 Rinder pro Stunde. Und irgendwo dazwischen arbeiten Menschen.

Bernd Maiweg von der NGG-Hauptverwaltung hat in Norddeutschland "die Geschichte vom Schwein" recherchiert, und die geht in Kurzform so: Eine rund 120 Kilogramm schwere Sau kostet rund 170 Euro. Dann wird sie geschlachtet, ausgeweidet und ausgebeint - bleiben rund 100 Kilogramm übrig. Eine Kolonne rumänischer Wanderarbeiter bekommt fürs Schlachten des Tieres ungefähr 1 Euro. Rund 30 Leute sind in einer Kolonne, jeder erledigt einen Arbeitsschritt. Damit faire Löhne möglich wären, müssten da insgesamt fünf Euro mehr pro Schwein bezahlt werden, meint Maiweg und rechnet weiter: Das würde für den Supermarktkunden rund fünf Cent mehr pro Kilo Fleisch bedeuten und für die Fleischindustrie Kosten von 300 Millionen Euro.

Der "kleine Chef" geht mit zur Bank

Zurück in die Wohnung der Rumänen. Häring stellt sich im Flur vor. Dass er von der Gewerkschaft NGG komme, dass er sich erkundigen wolle, ob alles in Ordnung sei. Er spricht langsam, in einfachen Sätzen und mit Infinitiven. Die Männer verstehen wenig Deutsch. "Gute Arbeit, keine Probleme", sagen sie sofort. Ja, sie bekommen Geld in Rumänien, rund 800 Leu im Monat, fast 200 Euro, nein, sie bezahlen nichts für die Sechser-WG, ja, sie bekommen auch Geld in Deutschland, "2000 Euro, wenn sehr viel arbeiten", kein Geld, wenn krank oder nicht arbeiten, ja, das Geld ist für die Familien in Rumänien. Entgeltabrechnung? Große Augen. Nix verstehen. Der Mann im Puma-T-Shirt zückt sein Handy, wählt eine Nummer und sagt etwas auf Rumänisch ins Telefon. Sein Mitbewohner erzählt währenddessen, dass er seit sechs Jahren als Metzger an deutschen Schlachthöfen arbeitet, erst Düsseldorf, dann Husum, jetzt Waldkraiburg, manchmal sei die Arbeit anstrengend, manchmal nicht. Einer der Männer zeigt die Schlafräume, je zwei Betten pro Zimmer, minimalistische Einrichtung, sauber. Plötzlich kommt ein jüngerer Mann in die Wohnung, er kann Deutsch, nein, keine Auskünfte, bitte an die Südfleisch wenden, sagt er und verweist Häring keine zehn Minuten nach dem Öffnen der Küchentür höflich, aber bestimmt der Wohnung. Die anderen Männer verziehen sich sofort in die Küche und sagen nichts mehr.

Als Nicolai noch am selben Abend von dieser Szene hört, schüttelt er den Kopf. "Von wegen keine Probleme", sagt der Mann um die 30. Er heißt nicht wirklich Nicolai, doch nachdem Kollegen schon bedroht worden seien, will er aus Angst um seine Angehörigen anonym bleiben. Deshalb auch keine Angaben zu seinem Heimatort in Rumänien, seiner Ausbildung und der Aufenthaltsdauer in Deutschland. Er arbeitet als Metzger im Schlachthof in Waldkraiburg und ist angestellt bei der Firma Salamandra Plus GmbH mit Sitz im rumänischen Baia Mare, nahe der ukrainischen Grenze. Die Firma stellt nur Rumänen ein. Nicolais Deutsch ist nicht sonderlich gut. Bisher kam er in Bayern auch mit Rumänisch gut zurecht. Es gibt ja den "kleinen Chef", wie er den Mann nennt, der ihm im Auftrag von Salamandra die Unterkunft besorgt hat und der auch bei der Kontoeröffnung dabei war. In der Freizeit treffen sich die Rumänen untereinander, am Wochenende gehen sie auf ein Bier oder bleiben daheim und trinken dort Alkohol, den sie sich um die Ecke beim Kaufland besorgt haben.

Kaum Deutsch heißt auch kaum Kontakt zu Einheimischen. "Manche schlafen am Wochenende auch einfach die ganze Zeit, weil sie sich von der schweren Arbeit ausruhen", erzählt Nicolai. Sein Leben in Deutschland ist vom Rhythmus im Schlachthof bestimmt, von den Tiermengen und den Schichten. Am frühen Abend bekomme er Bescheid, wann er am nächsten Tag arbeiten müsse. Er wisse nicht, was in einer Woche sei. Und dann spricht er die wirklichen Probleme an: "Viele Rumänen haben anfangs geschimpft, weil sie unzufrieden mit der Bezahlung und der Arbeitszeit sind, doch sie brauchen den Job und halten jetzt die Klappe", sagt er, immer wieder nach Worten suchend. Nicolai will nicht mehr schweigen. Er will arbeiten, auch hart, aber für einen fairen Lohn - deshalb sei er ja nach Deutschland gekommen, ins gelobte Land. Sein Monatsgehalt in Rumänien habe vorne und hinten nicht gereicht. Lebensmittel seien in seiner Heimat so teuer wie in Deutschland. Aber dort hatte er umgerechnet nur rund 300 Euro verdient. "Alle wollen weg aus Rumänien", sagt Nicolai. Als er in Waldkraiburg die versprochenen 1500 Euro monatlich nicht ausgezahlt bekam, sondern nur 1000 oder 1200, wandte er sich nach einigen Monaten an die NGG. Dass die deutsche Gewerkschaft auch ausländischen Wanderarbeitern hilft, davon hatte er auf Facebook gelesen.

Die Gewerkschaften schlagen seit Jahren Alarm und prangern Missstände im Umgang mit den osteuropäischen Wanderarbeitern an. Es fallen immer wieder die Worte "Ausbeutung", "Dumpinglöhne" oder sogar "mafiöse Strukturen" bei manchen Subunternehmen und "moderner Sklavenhandel". Seit 2011 gibt es das Projekt "Faire Mobilität" vom Deutschen Gewerkschaftsbund, das unter anderem von der Europäischen Union finanziert wird und Wanderarbeitern in Not helfen soll. Allein 2013 haben sich mehr als 3500 Osteuropäer bei den mehrsprachigen Beratungsstellen gemeldet und um Hilfe gebeten. Tendenz steigend, denn das Angebot spricht sich herum.

"50 Prozent der Leute, die sich an uns gewandt haben, haben entweder gar kein Geld bekommen oder zu wenig", erklärt Dominique John, Projektleiter "Faire Mobilität". Weitere Probleme von Wanderarbeitern: fehlende Arbeitsverträge, überteuerte Unterkünfte, keine Krankenversicherung, mangelnde Transparenz bei den Lohnabrechnungen und Abhängigkeiten durch schlechte Deutschkenntnisse. Es sei auch schon vorgekommen, dass sich Subunternehmen an den ausländischen Arbeitern bereichert haben, indem sie einfach das letzte Monatsgehalt nicht ausbezahlen. Viele Wanderarbeiter wüssten sich dagegen rechtlich nicht zu wehren und würden einfach in ihre Heimat zurückkehren.

Brutto ist in Deutschland netto

Häufig laufe die Anstellung der Osteuropäer so ab: Wanderarbeiter sind bei Subunternehmen in ihrer Heimat angestellt und bekommen als Fixum pro Monat den dortigen Mindestlohn bezahlt. Von diesem Betrag gehen dann auch die Krankenversicherung, die Rentenversicherung und die Steuer ab. In Deutschland bekommen die Angestellten dann noch eine "Aufwandsentschädigung", die je nach gearbeiteter Zeit variiert und häufig brutto wie netto ausgezahlt wird. "Es besteht der Verdacht, dass es einen Sozialversicherungsbetrug im großen Stil gibt", sagt Johannes Specht von der NGG in Rosenheim, der Kontakt zu Mitarbeitern verschiedener Werkvertragsfirmen hat. Zum einen entgingen dem deutschen Staat Einnahmen, zum anderen würden die Krankenkassen im Ausland durch die teuren Behandlungen in Deutschland leer gepumpt.

Nicolai weiß nicht, ob er überhaupt krankenversichert ist, und hat nach eigenen Angaben auch noch nie die A1-Bescheinigung gesehen, die er eigentlich von seinem Arbeitgeber als entsandter Wanderarbeiter bekommen müsste. "Der kleine Chef bringt uns zum Arzt, wenn jemand krank ist." Der Aufpasser in der Wohnung sei Vorarbeiter, also "Mini-Chef". Und es gebe auch einen "großen Chef" - der sei neulich da gewesen und hätte gedroht, dass alle ihren Job verlieren, wenn sie sich einer an die Gewerkschaft wendet. Daher wisse keiner seiner Kollegen, dass Nicolai eigentlich NGG-Mitglied ist.

Bei der Gewerkschaft hat er seine Kontoauszüge gezeigt. Eine aufgeschlüsselte Abrechnung bekomme er nicht. Aber er hat sich notiert: 160 bis 200 Stunden war er pro Monat im Schlachthof. Die NGG rechnete aus: Nicolais Stundenlohn liegt unter sieben Euro, in manchen Monaten sogar unter sechs. Freilich, immer noch deutlich mehr als die 300 Euro, die er pro Monat in Rumänien verdient hatte, aber fair sei das nicht, findet Nicolai. Wartezeiten, die bei Reparaturen der Schlachtbank anfallen oder weil die vorherige Schicht nicht rechtzeitig fertig wurde, bekomme er nicht bezahlt. Auch Unterkünfte seien überteuert. Bis zu 150 Euro würde ein Bett in einem Doppelzimmer einer Sechs- bis Achter-WG kosten, das Geld werde gleich vom deutschen Lohn abgezogen. Das sei normales Prozedere bei einigen Subunternehmern.

"Die zocken die doch ab"

Ein Nachbar, der mit der Fleischindustrie nichts zu tun hat, bestätigt diese Zahlen. Das hätten ihm andere Arbeiter ebenfalls gesagt. Er zahle 280 Euro, eine Wanderarbeiter-WG über ihm für die gleiche Wohnung über 1000 Euro. "Die zocken die doch ab, und das ist auch noch legal", sagt er empört. Einige Bewohner aus "normalen" Wohnungen würden sich schon beschweren, weil die Wasserkosten des Hauses pro Wohnung umgelegt werden. Und weil es so laut ist.

"Wenn's dir nicht passt, kannst du ja gehen" - das bekämen Mitarbeiter der Salamandra zu hören, wenn sie sich beschweren, sagt Nicolai. Es gebe genug andere Rumänen, die den Job auf der Stelle machen würden. Nicolai kann nicht hinwerfen, er braucht das Geld aus Deutschland für seine Familie in Rumänien. Das Tieretöten im Akkord mache ihm nichts aus. Auch gegen die Südfleisch habe er nichts. "Die produzieren gutes Fleisch." Nicolai fühlt sich von seinem Subunternehmen ausgenutzt. Er führt Buch über seine Arbeitszeiten und die Zahl der Tiere, die durch seine Hände gehen. Das würden inzwischen viele Kollegen tun. Und viele hätten sich auch über die Anzeigen gewundert, die Mitte Dezember in der Lokalzeitung erschienen. "Der Mitarbeiterkreis der Firma Salamandra Plus GmbH" und der "Firma CCF GmbH" bedankt sich darin für die "Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Zuvorkommenheit und (...) für die netten Weihnachtsgeschenke". Wurstpakete habe es 2013 gegeben, sagt Nicolai. 2012 nichts. Vielleicht eine Charmeoffensive nach all der negativen Berichterstattung über Werkvertragsfirmen am Schlachthof in Waldkraiburg? Die meisten CCF-Mitarbeiter hätten jedenfalls nichts von der Anzeige gewusst, geschweige denn Geld für dreimal gedrucktes "dank" ausgegeben.

Salamandra weist die Vorwürfe über ihren deutschen Anwalt zurück. Der Mann vertritt noch eine Werkvertragsfirma, die Arbeiter in Waldkraiburg beschäftigt. Am Telefon lässt er schnell das Wort "Unterlassungserklärung" fallen. Freilich, nicht als Drohung oder Warnung, nur als Hinweis, was andere Journalisten oder Gewerkschaftsleute zugeschickt bekamen, die über unzufriedene Wanderarbeiter in Waldkraiburg berichtet hatten. In einer Mail lässt das Unternehmen dann mitteilen: Für die Mitarbeiter gebe es leistungsbezogene Vergütungen, Krankenversicherungsschutz, Lohnabrechnungen. Außerdem "werden die jeweils geltenden landesrechtlichen steuer- wie auch sozialversicherungsrechtlichen Vorschriften selbstverständlich berücksichtigt". Für die entsandten Mitarbeiter werde in Deutschland Lohnsteuer abgeführt. Und: Kein Stundenlohn habe 2013 im Jahresdurchschnitt unter 7,70 Euro brutto gelegen. Und "überwiegend werden Stundenlöhne von mehr als 10 Euro brutto bezahlt". Auf Fragen wie zur Wohnungssituation geht die Firma nicht ein.

Vion hat nach eigenen Angaben noch keine Beschwerden von Mitarbeitern der Salamandra gehört und sieht sich nicht in der Verantwortung für die Arbeiter seiner Subunternehmer. "In den Werkverträgen werden Leistungen geregelt. Auf das Personal und die Bezahlung der Mitarbeiter der Subunternehmer haben wir keinen Einfluss", erklärt der Personalchef für Süddeutschland, Roger Legath, am Telefon. Man habe vor der Auftragsvergabe kalkuliert, ob der Subunternehmer bei dem Angebot auch in der Lage sei, die Höhe des Mindestlohns zu bezahlen: "Nach unserem Kenntnisstand ist das der Fall. Durchschnittlich liegt der Stundenlohn über 8,50 Euro." Legath räumt aber ein, dass es in der Branche schwarze Schafe gebe. Der Konzern könne auch nicht überprüfen, ob in Rumänien wirklich Sozialabgaben bezahlt werden und wie viel Geld wirklich die Mitarbeiter erreicht. Auch für Vion sind manche Abläufe anscheinend intransparent.

Nicolai hat einen großen Plan

In einer Sache sind sich Gewerkschaft, Fleischkonzerne und Subunternehmer überraschenderweise doch einig: Alle befürworten die im Januar beschlossene Einführung eines Mindestlohnes in der Fleischbranche zum 1. Juli, der bei 7,75 Euro beginnt und bis 1. Dezember 2016 schrittweise auf 8,75 Euro pro Stunde steigen soll. "Wenn wir den Mindestlohn über das Arbeitnehmerentsendegesetz bekommen und für die Einhaltung haften, haben wir auch die Möglichkeit zu überprüfen, wie die Leute behandelt werden", betont Legath. Bisher sei das rechtlich nicht möglich gewesen, "weil wir uns sonst zu sehr in die Angelegenheiten des Werkvertragunternehmers eingemischt hätten und der Vertrag nicht mehr als Werkvertrag qualifiziert worden wäre." Darüber hinaus würden "die großen Vier" gerade an einem Verhaltenskodex für Subunternehmer arbeiten, der neben dem Mindestlohn auch adäquate Unterkünfte regele. "Das machen wir, weil es in der Branche auch Missstände gibt", sagt Legath. Das Unternehmen habe kein Interesse daran, dass der Wettbewerb auf Kosten des schwächsten Glieds in der Kette ausgetragen wird.

Die Gewerkschaft sieht den Mindestlohn und die Generalunternehmerhaftung als wichtigen Schritt. Allerdings glaubt Dominique John nicht, dass damit alle Probleme gelöst seien. Erst neulich wandten sich zum Beispiel rumänische Wanderarbeiter aus der Baubranche an die "Faire Mobilität" - dort gibt es bereits einen Mindestlohn, ausgezahlt wurde er von einem Subunternehmer aber trotzdem nicht.

Nicolai hofft jedenfalls auf eine bessere Bezahlung ab Juli und darauf, dass er endlich nachvollziehen kann, wie sich sein Lohn zusammensetzt. Aber sein großer Plan ist ein anderer. Erst einmal richtig Deutsch lernen und dann irgendwann den Absprung schaffen: raus aus den Werkverträgen, rein in einen sicheren Job.