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Schlusspunkt

Von Stephan Lebert und Daniel Müller

Günter Stampf war der Wunderknabe des Boulevardjournalismus, ein Star der Branche. Aber irgendwas ist furchtbar schiefgelaufen. Vor einem Jahr brachte er sich um.

Es war der Tod eines Lieferanten. Günter Stampf hatte jahrzehntelang Geschichten geliefert, Geschichten für die Masse, aufregende Geschichten, die möglichst viele lesen, sehen sollten. Über einen deutschen Kannibalen und gewalttätige Kinder. Über Männer, die Frauen sein wollten, und den Amokschützen von Erfurt. Über Stars, die er auf der ganzen Welt traf, immer wieder über Stars. Über Herzschmerz und das Sperma von Tom Cruise. Er lieferte, wann immer, was immer.

Und Stampf war nicht irgendein Lieferant. Er galt einmal als der Wonderboy des deutschen Boulevardjournalismus, genauer: als einer von zwei Wonderboys. Der andere war Kai Diekmann, der Bild-Chefredakteur. Sie arbeiteten beide bei Bild, bei der Bunten, später wieder bei Bild, sie waren zwei, die sich um nicht viel scherten, außer um ihre Karriere. Sie waren immer auf der Suche nach der nächsten Story, immer besser als die vorige, schräger, brutaler, aufrüttelnder. Sie galten als lustig und hart, sie waren Lebemänner und Arbeitstiere. Und sie galten als unseriös, bis über alle Grenzen hinweg.

Bei Diekmann ging es immer weiter, bloß liefert er heute andere Dinge, sie nennen sich Konzepte zur Rettung des Journalismus, er hat sie kürzlich aus Kalifornien mitgebracht. Bei Stampf jedoch, der Mitte der neunziger Jahre auch fürs Fernsehen arbeitete und dort vor allem für Privatsender mehr als 3000 Stunden Programm verantwortete, stockte es irgendwann. Nicht weil er nicht mehr liefern konnte. Sondern weil plötzlich so viele Lieferanten im Spiel waren. Mehr Produzenten für immer weniger Sendeplätze, dazu die Konkurrenz auf den neuen Kanälen im Internet, Geschichten wurden jetzt überall erzählt. Das Rennen um die Aufmerksamkeit war härter geworden. Die Folge: Das journalistische Geschäftsmodell, auch das von Günter Stampf, fing an zu wackeln. Immer weniger wurde bezahlt, immer absurder wurden die Forderungen der Sender. Der Markt, hieß es. Die Medienkrise. Die Produktionsbedingungen.

Kurz vor seinem Ende lieferte Stampf eine Produktion über Tiere in Not. Es war der Auftrag eines Privatsenders, die Verantwortlichen hatten sich explizit ein Format mit Tieren gewünscht. Als Stampf die Filme präsentierte, sagte der Redakteur: "Alles schön und gut, aber was sollen die Tiere?" Stampf war fassungslos. "Ich verstehe nicht, es war doch eure Idee!"

Die Branche, der er sein Leben gewidmet hatte, wandte sich gegen ihn. In dieser Welt, in der alles überhöht ist, verlor er irgendwann das Gefühl für Proportionen, für die Realität. Welches Gefühl ist noch echt, was ist noch Normalnull? Sein Leben verschmolz mit den Dingen, über die er berichtete, irgendwann waren Freunde nur noch Geschichten. Sie mussten nicht nett sein, sondern schillern. Seinen 40. Geburtstag feierte er vor drei Jahren groß auf Ibiza, es kamen Patrick Nuo, Axel Schulz, Ex-Pornostar Michaela Schaffrath und die Band Right Said Fred, auch Michael Spreng und Topmodel-Kandidatin Sarah Knappik. Die Gästeliste liest sich wie das Exposé für eine traurige Fernsehshow: ein bisschen Dschungelcamp, ein bisschen Branche, der Rest Stars von gestern.

Der Disco-Nebel sprühte und sprühte, aber die Partys wurden sinnlos. Seine Firma meldete Insolvenz an, und irgendwann hat Stampf dann wohl beschlossen, dass seine Reise zu Ende geht.

Das Dorf, in dem die Reise begann, liegt versteckt in einem lang gestreckten Tal in Niederösterreich. Die Einheimischen nennen die Region Bucklige Welt, und das passt gut, denn wohin man schaut, gibt es bloß Hänge und Hügel. Grimmenstein ist kein Ort für Fremde. Wer sich umsieht, hat das Gefühl, zu stören. Selbst die hübschen lindgrünen und fliederfarbenen Häuschen wirken, als kehrten sie einem den Rücken zu. 1323 Menschen leben hier, 1200 von ihnen sind katholisch, drei Viertel wählen die konservative ÖVP: Man bleibt lieber unter sich.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Verachtung in den Gesichtern der Menschen vorzustellen, als Günter Stampf Mitte der achtziger Jahre anfing, sich zu schminken und die Haare zu färben, weil er aussehen wollte wie George Michael. Einen, der rote Hosen trug und sich die Augenbrauen zupfte, den hatten sie hier noch nie gesehen. Stampfs Eltern waren einfache Leute. Der Vater Anstreicher und nur selten da für seinen Sohn, die Mutter Schulwartin in der Grundschule. Sie liebte ihren Günter abgöttisch, sie hatte schon immer geahnt, dass er etwas Besonderes war. Deshalb hatte sie ihm auch einen zweiten Vornamen gegeben, der mehr nach Hollywood klang als nach Grimmenstein: Anthony.

Mit 16 fängt Günter Anthony Stampf an, für eine Lokalzeitung zu arbeiten. Er bekommt schnell seine eigene Rubrik, Anthonys Jugendcorner. Es geht um Musik, Partys, Glamour, Sex - oft schreibt er gegen die kirchennahe Verlagslinie. "Der Günter war sehr mutig, er hat sich nie was g'schissen." Bruno Bohuslav sitzt in einem alten Wiener Gasthaus und erinnert sich an seinen neun Jahre jüngeren Halbbruder. "Er war schon als Kind ein Star, es hat sich immer alles um ihn gedreht." Dass er irgendwann weggehen würde, sei allen klar gewesen. "Diese Welt war einfach zu kleinbürgerlich für ihn. Günter wollte höher hinaus." Stampf hat später gerne gesagt: "Hollywood ist überall." Nur eben nicht in Grimmenstein.

Mit 19 zieht er nach Wien, wird verantwortlicher Musikredakteur beim Rennbahn-Express, damals die Talentschmiede für Journalisten in Österreich, aus der auch Tempo-Gründer Markus Peichl oder die Gebrüder Fellner (News) hervorgegangen sind. Dann geht es steil bergauf: Mit 23 Ressortleiter Lifestyle bei der Bunten, ein Jahr später Chefreporter bei Bild, später zurück zur Bunten als stellvertretender Chefredakteur, 450.000 Mark Jahresgehalt, the sky is the limit. Er arbeitet für Gottschalk Late Night und macht als Chefredakteur die Talkshow Vera im ORF zur erfolgreichsten aller Zeiten in Österreich. Da ist er noch keine 30. Günter Stampf ist da, wo er immer hinwollte: ganz oben. Ein kleiner König des Boulevards.

Der Boulevardjournalismus suggeriert uns, teilhaben zu können an einer anderen, einer besonderen Welt. Mal besonders glamourös, mal besonders schauderhaft. Geschichten aus diesen Welten appellieren an das Es in unserem Ich, sie öffnen die Käfigtür des triebgesteuerten Tiers, das in uns allen haust. Schamlos und ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, können wir von der Couch aus unser Verlangen nach Sensation ausleben. Tatorte, Schlafzimmer, Kreißsäle: Der Boulevard bringt uns an Orte, die uns in der wahren Welt verborgen bleiben. Erst einmal dort, ist der Mensch "bereit, alle anerzogenen Hemmungen fahren zu lassen, alle Erziehung und Bildung zu verleugnen, alles über Bord zu werfen, was ihn eigentlich zum Menschen macht", wie der Historiker Jakob Streuli schrieb.

Günter Stampf, der Lieferant, wusste das. So wie er wusste, dass diese Triebergebenheit eine reinigende Wirkung hat. Wenn wir uns an den Sorgen und Katastrophen anderer ergötzen, erleben wir phobos und eleos, Furcht und Mitleid. Furcht ist ein risikoloses Gefühl, wenn sie jemand stellvertretend für uns durchmacht. Mitleid mit denen, die es hart erwischt hat, ist leicht zu empfinden, wenn man keine Konsequenzen ziehen muss für sein eigenes Tun. Der Konsument wird durch die Not der anderen mit der Freude belohnt, selbst verschont worden zu sein. Der Boulevard macht es gefährlich leicht, sich überlegen zu fühlen. Und er übernimmt letztlich eine moderne Brot-und-Spiele-Funktion. Als Zirkus einer abgestumpften Gesellschaft, die sich vorgaukeln lässt, Bedürfnisse zu haben, die erst durch die Boulevardindustrie geschaffen wurden. Günter Stampf war ein Meister dieser Illusion, ein Großindustrieller, wenn man so will.

Die Grenze zwischen echten und nicht ganz so echten Geschichten war nie seine. Wie so viele, die in dieser Branche bestehen wollen, ging auch Stampf über Leichen. Ein Interview mit Tom Cruise peppte er mit dem Zitat auf: "Ich kann keine Kinder zeugen. Medizinisch ausgedrückt ist die Zahl meiner Spermien gleich null." Diesen Satz - wie angeblich weitere 18 der insgesamt 30 Antworten - hatte Cruise nie gesagt. Stampf musste die Bunte verlassen, der Wonderboy war quasi am Ende. Viele wären nach dieser Nummer erledigt gewesen, Stampf aber stand auf - und fuhr nur kurze Zeit später in Österreich mit Vera einen Megaerfolg ein. "Günter war großartig, im besten Sinne wahnsinnig, ein Macher", sagt seine ehemalige Chefin Vera Russwurm. "Was andere in 40 Stunden zusammengebracht haben, machte er in zwei. Wenn alle anderen frühmorgens losfuhren, war er schon da."

Als ihm die echten Geschichten nicht mehr reichten, dachte er sich welche aus. Er adaptierte das US-Konzept der "Scripted Reality" für den deutschen TV-Markt, schuf Formate wie Die Schulermittler, Liebe im Paradies, Junge Mütter - total überfordert. Laienschauspieler tun darin so, als wären sie echte Menschen mit echten Problemen, Millionen schauen sich das an. "Man kann alles scripten, außer Nachrichten", hat Stampf gesagt.

Wir treffen Susanne Stampf-Sedlitzky, die Witwe. Ein Hamburger Morgen, ein Café eines glänzenden Hotels. Susanne Stampf ist auf die Minute pünktlich, sie trägt eine große Tasche bei sich, deutlich größer als übliche Damenhandtaschen. 25 Jahre sind nun vergangen, seit sich die beiden kennengelernt haben. Sie bestellt einen Latte macchiato und erzählt vom Anfang. Vom sehr leichten Anfang.

"Günter war eine Wette", sagt sie, "er war ein paar Wochen bei uns in der Redaktion, blond, jung, gut aussehend, etwas Besonderes. Die Sekretärin und ich haben gewettet, wer ihn als Erste ins Bett kriegt." Ja, sagt sie und lächelt, "und ich habe gewonnen". Susanne arbeitete als Filmredakteurin beim Rennbahn-Express, und Günter drehte als Musikredakteur das große Rad. "Er rief bei den Musikfirmen in London an und sagte, wenn ihr mich einfliegt, mache ich die Geschichte doppelt so groß. Ihr habt die Kohle, wir haben den Platz. Das hat funktioniert. Im Grunde war Günter der Erste, der Deals mit den Musikfirmen abschloss."

Und dann kam dieser Abend, es war der 28. August, sein Geburtstag, er war 19, sie 24, "wir gingen aus, gingen zu mir, ich habe ihn betrunken gemacht, er war wirklich jung, und dann passierte es. Ich habe ihn verführt, wie gesagt, eine Wette, ein Spiel. Für mich war es das, und ich dachte, für ihn war es das sicher auch." Doch da irrte sie, am nächsten Tag stand er mit einem riesigen Blumenstrauß vor ihr. Er sagte: Was soll das?, wenn sie nicht jeden Abend Zeit für ihn hatte. Er fragte: Was bin ich für dich? Er sagte: Ich will dich heiraten. An Weihnachten stellte er sie seiner Familie vor, im nächsten Jahr, wieder am 28. August, genau ein Jahr nach der ersten Liebesnacht, heirateten sie.

Susanne Stampf versucht in ihren Erzählungen immer wieder, seine Lebensgeschichte rund zu bekommen, um sie selbst zu verstehen. Da hilft der 28. August als Datum, als Zahl, erster Sex, Heirat, und dann die Totenfeier, am 28. August 2012, in seiner Heimat, auf einem kleinen österreichischen Dorffriedhof. Seinen 40. Geburtstag hatte er noch mit Hunderten Gästen gefeiert, drei Jahre später, am Ende, auf dem Friedhof, waren es elf Menschen, die am Familiengrab trauerten.

Wien, ein georgisches Café im 2. Bezirk unweit des Donaukanals. Günter Stampfs Sohn Jan-Luca wohnt hier ums Eck, er studiert im zweiten Semester Chemie. "Es war früh klar, dass ich was anderes machen will als meine Eltern, sie waren eigentlich immer gestresst", sagt er. Jan-Luca, "Nummer eins", wie Günter Stampf ihn nannte, sieht aus wie sein Vater. Freundliches Gesicht, weiche, schmeichelnde Augen. Vor ihm liegt ein Zettel mit Dingen, die er über seinen Vater sagen will, er will nichts vergessen. Lebenslustig wie kein Zweiter sei er gewesen, interessiert, wissbegierig. Ein Ruheloser, für den immer nur das Beste gut genug war. Ein Chef, der ganze Heere führte, streng, egozentrisch, mutig. Und am Ende? Die letzten Wochen vor seinem Tod? Traurig, antriebsarm, ängstlich, alles zu verlieren. Die Firma, die Auftraggeber, seine Frau und die Tochter, die gemeinsam in die USA gehen wollten, der Sohn auf dem Sprung nach Wien. "Er hat mir damals gesagt: ›Alles bricht auseinander, jeder verlässt mich. Ich habe das Gefühl, ich werde gerade lebendig begraben.‹ So sah er das", sagt Jan-Luca Stampf.

Als Günter Stampf starb, war sein Sohn wütend auf das System, an dem sein Vater zerschellte, wütend, dass die Sender die Summen immer weiter drückten, weil sie wussten: Wenn der überleben will, dann muss er es auch für so wenig machen. "Sie haben seine Notlage ausgenutzt." Eine kurze Pause, dann sagt er: "Diese Branche ist hart, sie ist kalt. Es tut weh, jemanden so leiden zu sehen - an etwas, das er ja auch angehimmelt hat."

Susanne Stampf begriff früh, dass sie keinen leichten Fall an ihrer Seite hatte. Sie erinnert sich an ein Musikfestival mit vielen Stars, das Günter auf der Donauinsel in Wien organisierte, als gerade 20-Jähriger. Auch die Toten Hosen sollten auftreten, doch sie sagten kurzfristig ab. Die Fans drehten durch und zerstörten die Bühne, das Festival musste abgebrochen werden. Und Günter, der Organisator? War plötzlich verschwunden. Sie suchte ihn überall und fand ihn Stunden später weinend, wimmernd an der Donau sitzend, völlig verzweifelt. "Er schaute mich an und sagte: ›Wenn du mich nicht gefunden hättest, hätte ich mich umgebracht.‹ Ich wusste, er meinte es verdammt ernst." Als sie ihn später zu Therapien bewegen wollte, bekam sie immer nur die Antwort: "Ich brauche das nicht. Ich bin doch kein Psycho."

Der Lieferant Günter Stampf: kranker Mann oder kranke Branche? Wir treffen Matthias Onken, Jahrgang 1972. Onken hat eine Topkarriere als Boulevardjournalist hinter sich. Wurde früh Polizeireporter der Hamburger Morgenpost, rasch Lokalchef und dann noch schneller Chefredakteur. Und dann wurde er Chef der Hamburger Bild-Ausgabe. Alles wartete auf das nächste "und dann". Doch im Sommer 2011 kündigte er, überraschend, ohne ersichtlichen Grund. Er machte Schluss mit seinem Boulevardleben. "Ich kannte Stampf nur flüchtig", sagt Onken, "wir sind uns ein paarmal begegnet. Alles, was ich weiß über ihn: Da gab es womöglich Parallelen zwischen uns beiden. Unangenehme Parallelen."

Onken hat nun in seinem Buch Bis nichts mehr ging die wirklichen Gründe für seine Kündigung vorgelegt. Er beschreibt, was man heute so gerne ein "Burn-out" nennt. Er funktionierte bis zum letzten Arbeitstag, das war die eine Seite. Die andere Seite eines noch nicht 40-Jährigen sah so aus: kaputte Familie, kaputte Freundschaften, viel zu viel Alkohol, Drogen, gekaufter Sex, Rückenschmerzen, Herzprobleme. Wenn die Anrufe aus Berlin kamen, vom Chefredakteur Diekmann, meist Alltagsanrufe, schoss der Blutdruck nach oben, ihm begann zu schwindeln, aber er telefonierte, und er glaubt bis heute, dass seine zitternde Stimme nicht aufgefallen ist.

Das Bemerkenswerte an diesem Buch ist das völlige Fehlen von Aggressivität. Onken rechnet mit niemandem ab. Es wirkt, als wolle er sich den Weg zurück nicht verbauen. Er schildert, wie er in der Welt des Boulevards nach und nach versank. Erst der Größenwahn, gepaart mit Selbstzweifel, dann das wachsende Gefühl, immer neben sich zu stehen, immer wie das eigene Klischee sein zu wollen, brillant, hart. Was die tägliche Jagd nach der Schlagzeile mit einem macht. Wie er sich nicht mehr traute, ins Kino zu gehen, weil er ja dann für zwei Stunden nicht mehr erreichbar gewesen wäre. Wie er sich nur noch mit Arbeit beschäftigen konnte, weil er nichts anderes mehr ertragen konnte, obwohl es genau das war, was er eigentlich nicht mehr ertrug.

"Ich hatte keinen Filter mehr", sagt Onken, "ich nahm alles persönlich. Wenn ich den Chefs eine Serie vorschlug und die Idee verworfen wurde, war ich am Boden zerstört. Es traf mich ins Mark, wobei ich auch das natürlich niemals zugegeben hätte."

Onken sagt, ihn interessiere die Frage, ob sein Zusammenbruch "nur an mir lag" oder ob es "was Systemisches gibt, das einen so fertigmacht". Er sagt, man verwandle sich in diesem Beruf in eine Beurteilungsmaschine, "man ordnet, man kommentiert alles, ununterbrochen". Wie die neue Frisur eines Stars aussieht, wie der Fernsehauftritt eines Politikers war, ob die neue Griechenlandhilfe zum Kotzen ist. "Man muss lustig sein, böse, zynisch und gefühlig, alles zur gleichen Zeit, das kann schon eine Belastung sein." Belastung, dieses Wort trifft den Eindruck ganz gut, den Matthias Onken im Gespräch hinterlässt, ein Belasteter.

Onken sagt auch, zum Journalistenleben gehöre der Erfolg. Das Großspurige. Ein Vorbild zu sein für die Jungen, die nachkommen wollen. Aber die Krise sei immer drückender geworden. Jede Spesenrechnung höher als 100 Euro musste er persönlich bei irgendwelchen Controllern begründen. Es ging um das Drücken von Etats, um das Erbetteln von Anzeigen.

Wir treffen Claus Larass. Er war lange Zeit Deutschlands wichtigster Boulevardmann, erst als Chefredakteur bei der BZ, dann sechs Jahre bei Bild, später rückte er in den Springer-Vorstand auf. "Larry" wurde er genannt, beliebt war er, ein Gentleman, ungewöhnlich für diese Branche, sein Vorgänger bei Bild war schließlich Hans-Hermann Tiedje, genannt Rambo. Larry, der sanfte Blattmacher und große Förderer von Günter Stampf. Er war es auch, der Stampf anrief, als der bei der Bunten rausgeflogen war, "komm wieder zu uns, wir lassen dich nicht hängen". Und Stampf kam. "Günter hat Larass geliebt", sagt Susanne Stampf, "er war sicher für ihn einer der wichtigsten Menschen der Welt."

Erster Eindruck, wie Claus Larass da so sitzt im Berliner Restaurant Einstein, in dunklem Anzug, weißem Hemd: Er wirkt unauffällig. Man könnte ihn sich in einem englischen Spionagefilm vorstellen, ein Agent, der aus dem Nichts kommt und dorthin wieder verschwindet. Das Gespräch dauert nicht lange.

Claus Larass sagt, er habe sich nicht drücken wollen. Er habe nachgedacht, die letzten Tage, was er über Günter Stampf wisse. Er sagt dann ein paar Floskeln, sagt selbst, dass es Floskeln seien: guter Mann, guter Schreiber, guter Blick für Themen. Was ihm in Erinnerung geblieben sei? Eine Szene, ein Moment, ein Abendessen? Schulterzucken. Was Stampf für ein Mensch gewesen sei? Kopfschütteln. "Ist mir selbst ein bisschen peinlich. Habe nachgedacht, nix. Man arbeitete zusammen, gerne, gut. Aber ob ich ihn kenne? Kennt man so jemanden?" Lange Pause. "Nein, ich muss zugeben, ich kannte ihn nicht. Gar nicht." Er fragt: "Sagt das über mich was aus, über die Branche, über Stampf?" Er lacht ein Lachen, das keine Regung hinterlässt. "Ich weiß es nicht."

Auch ein anderer ehemaliger Chef redet über Stampf wie über einen Fremden. "Stampf war eine Allzweckwaffe, er machte alles, und auf gewisse Weise machte er alles gut. Meine Beobachtung war, dass niemand richtig rankam an ihn", sagt Udo Röbel, der Larass als Chef bei Bild abgelöst hatte, 1998, genau zehn Jahre nachdem er als Reporter bei der Gladbecker Geiselaffäre zu den Tätern ins Auto gestiegen war. Röbel ist einer von denen, die den Boulevard trotz allem überlebt haben. Auch er war ein paarmal nahe am Abgrund, aber heute lebt er in Hamburg als Autor spannender Romane, macht Rockmusik, hat Familie.

"Stampf hatte keinen Boden unter den Füßen, das merkte man schnell." Eine wacklige Identität habe da vor ihm gestanden, sagt Röbel, sehr lenkbar, "das ist in unserem Beruf sehr gefährlich". Man könne psychologisieren, da sei einer auf der Suche nach einer Vaterfigur gewesen und immer wieder habe er eine gefunden, in seinen Chefs. "Wenn es gut läuft, dann geht es gut, aber wehe, es läuft schlecht, dann bricht schnell alles zusammen." Angemerkt habe man Stampf das nie, er habe ihn wenige Tage vor seinem Tod getroffen, "da wirkte er angeschlagen durch die Insolvenz, aber wie ernst die Situation war, habe ich nicht gemerkt".

Ein letztes Treffen mit der Witwe in Berlin. Susanne Stampf sitzt in einem gesichtslosen Café am Alexanderplatz, sie sieht müde aus. Die ganze Nacht hat sie an einem Konzept gesessen, das sie jetzt möglichen Geldgebern vorstellen will. Sie arbeitet viel in diesen Tagen. Nicht nur, um nicht ständig an den Tod ihres Mannes zu denken, sondern auch, weil er ihr in der gemeinsamen Firma nichts als Schulden hinterlassen hat. Am Wochenende zuvor wurde hier ganz in der Nähe ein Teenager zu Tode geprügelt, die Geschichte wühlt sie auf. "Wie kann man einem Jungen so was nur antun? Der Günter hätte daraus sofort ein Format entwickelt, über Jugendgewalt in der Großstadt. Er hat seine Storys immer direkt aus dem Leben gegriffen." Alles eine Story, das war sein Leben - und das ist ihr Leben bis heute. Sie waren Geschäftspartner bis zum Schluss. Sie lebten noch im selben Haus, hatten sich aber schon vor Jahren getrennt. Es gab andere Frauen, sagt sie, nichts Bedeutendes. Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. Wenn sie von ihm spricht, merkt man nicht viel von der Trennung. Sie zitiert Gedichte von ihm. Sie sagt, wie liebevoll er sein konnte, wie wunderbar. Balzac hat mal geschrieben, man liebt immer zweimal, einmal in der Wirklichkeit und einmal in der Erinnerung.

Als Susanne Stampf vor einem Jahr mit ihrer Tochter für ein paar Wochen in die USA fliegen wollte, brachte ihr Mann sie zum Flughafen. Er stieg nicht aus, verabschiedete sich bloß mit wenigen Worten. Dann fuhr Günter Stampf nach Hause, ging in das Kinderzimmer seines Sohnes und erhängte sich mit einem Abschleppseil.

Es ist eine Geschichte, wie für den Boulevard gemacht. Ein bekannter TV-Produzent, auf Du und Du mit den großen Stars, erhängt sich mit gerade einmal 43 Jahren im Zimmer seines Sohnes in einem Hamburger Nobelviertel. War es die Insolvenz? Waren es Depressionen? Was hat ihn in den Tod getrieben? Doch als Günter Stampf 2012 starb, war das Bild nicht mal eine Nachricht wert. Auch die Bunte verlor kein Wort darüber. Keiner der Privatsender, für die er unzählige Formate realisiert hatte, gedachte seiner.

Günter Stampf war ein nicht vorhergesehener Betriebsunfall in einem Betrieb, der zur Selbstanamnese unfähig ist. Jedes Unglück, jedes Drama wird ausgeschlachtet, aber dieses Unglück passierte vor der eigenen Haustür. Wir hätten gerne mit anderen Weggefährten gesprochen. Mit Thomas Gottschalk, mit Kai Diekmann natürlich, mit der Chefredaktion der Bunten, mit Franz Josef Wagner, dem Bild-Kolumnisten, der mal Stampfs Chef war. Doch keiner wollte reden. Spüren sie vielleicht, dass das Unglück des Lieferanten Stampf zu viel mit ihrem Leben zu tun hat, zu nahe an sie heranrückt?