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Tierschau

Von Petra Ahne

Sieht man plötzlich in Augen, die genauso aufmerksam herschauen wie man selbst hin, weiß man wieder, was Zoos im besten Fall können: uns erinnern, dass wir nur eine von vielen ziemlich unglaublichen Arten sind, die sich die Erde teilen. Porträt eines Gorillas.

Sieht man plötzlich in Augen, die genauso aufmerksam herschauen wie man selbst hin, weiß man wieder, was Zoos im besten Fall können: uns erinnern, dass wir nur eine von vielen ziemlich unglaublichen Arten sind, die sich die Erde teilen. Porträt eines Gorillas.

Was macht der Elefant in der Stadt? Was macht der Mensch im Zoo? Über das schwierige Verhältnis zwischen den Arten.

Zwei Wochen, bevor klar wurde, dass der Zoodirektor bald kein Zoodirektor mehr sein würde, konnte man Bernhard Blaszkiewitz dabei zusehen, wie er sehr schlechte Laune bekam. Es war ein warmer Abend im Zoologischen Garten in Charlottenburg, Blaszkiewitz, Chef über diesen und den zweiten Berliner Zoo, den Tierpark in Friedrichsfelde, saß auf einer Bühne zwischen dem Zebra- und dem Tigergehege. Er hatte die Arme verschränkt und sah unbewegt vor sich hin, seine schräg stehenden Augenbrauen, die ihn immer etwas grimmig aussehen lassen, ragten noch steiler als sonst nach oben. Für einen Moment glich er einem übelgelaunten Uhu. Dann brummte er: "So einen Blödsinn muss ich mir nicht anhören."

Seine Zoos seien doch aus dem vergangenen Jahrhundert, hatte Ines Krüger gesagt. Krüger, Fernsehmoderatorin und Vorsitzende des Berliner Tierschutzvereins, wirkte neben Blaszkiewitz wie ein munterer Wellensittich. Gut gelaunt schoss sie einen Vorwurf nach dem anderen ab. Das Einzige, was man in den Berliner Zoos mit ihren kleinen Gehegen lerne, sei doch, Mitleid mit den Tieren zu haben. Man sehe überhaupt keine Bemühungen, aufzuschließen zu dem, was inzwischen als Standard der Wildtierhaltung gelte. "Ich brauch keine Belehrungen von Ihnen", blaffte Blaszkiewitz und dass eine Veranstaltung, in der nur Lügen verbreitet würden, keinen Sinn habe. Zu der Veranstaltung hatte er selbst eingeladen, sie hieß "Tierschutz und Tiergärten", Teil einer Reihe mit dem freundlichen Titel "Zoogeschichten".

Kurz ging es um das Freigehege der Tiger gleich nebenan. Bäume, Felsen, davor ein Wassergraben, alles von überschaubarer Größe. Eine wunderbare Anlage sei das, sagte Blaszkiewitz. Das sehen andere anders, unterbrach Ines Krüger angriffslustig. Sie habe vierzig Jahre lang gute Dienste getan, murrte Blaszkiewitz zurück. Es war ein aufschlussreicher Satz. Einer der Tiger saß währenddessen ein Stück entfernt am Rand des Wassergrabens, der sein Terrain von den Zoobesuchern trennt. Er hatte die Vordertatzen ordentlich nebeneinander gelegt, so wie es auch Hauskatzen machen. Der mächtige Kopf war leicht nach unten geneigt, ab und zu zuckte ein Ohr in Richtung der Stimmen, ungewohnte Geräusche zu einer Tageszeit, zu der es sonst still ist im Zoo und höchstens Verkehrslärm von der Budapester Straße gedämpft herüberkommt. Je länger man ihn ansah, desto mehr schien er eine Frage herauszufordern: Was macht der Tiger in der Stadt? Gehört er da hin? Und wenn ja, wie soll er dort leben?

Liebe, Furcht, Futter, Ekel

Wahrscheinlich bräuchte Berlin keinen neuen Zoodirektor, hätte der alte solche Fragen zugelassen. Ein Zoodirektor, der in die Zeit passt, muss akzeptieren, dass es kompliziert wird, wenn Menschen über Zoos reden. Weil das Verhältnis von Menschen und Tieren nun mal eine komplizierte, widersprüchliche Sache ist. Manche lieben wir, manche fürchten wir, manche essen wir, vor manchen ekeln wir uns. Wir lassen die Katze im Bett schlafen, aber die Frage, was das Schwein für ein Leben hatte, das jetzt als Kotelett im Kühlschrank liegt, stellen wir lieber nicht. Zoos sind vielleicht der eigentümlichste Ausdruck der Beziehung von Mensch und Tier. Das Wilde wird in die Städte, zu den Menschen geholt und bleibt doch streng von ihnen getrennt, in Gehegen und Anlagen, um deren angemessene Größe und Beschaffenheit gestritten wird, seit es Zoos gibt.

Berlin hat jetzt die Chance, neu darüber nachzudenken, was es mit dem Wilden in seiner Mitte anfangen will. Bernhard Blaszkiewitz muss auch deswegen im nächsten Jahr gehen, weil er sich solchen Gedanken verschlossen hat. Aber wenn eine Stadt zwei Zoos hat, von denen einer Jahr für Jahr Besucher und damit Erlöse verliert, braucht man einen Plan. Nicht Blaszkiewitz' eigenwilliger Führungsstil war am Ende der Grund, warum der Aufsichtsrat der Zoo AG vor zehn Tagen beschloss, den Vertrag des langjährigen Direktors beider Zoos nicht zu erneuern.

Nicht die Inzucht etwa unter den Löwen, die der Senat kritisierte, und auch nicht die angeblichen Geschäfte mit dubiosen Tierhändlern, die Blaszkiewitz' Gegner ebenso hartnäckig wie erfolglos zu belegen versuchten. Der Aufsichtsrat hatte wohl einfach den Glauben daran verloren, dass der Tierpark mit Blaszkiewitz zu retten ist. Über ein paar bedruckte Blätter ist der "Masterplan Tierpark 2020+", das Konzept für einen veränderten Tierpark Friedrichsfelde, nicht hinausgekommen. An dem Abend im Zoo war von dem Masterplan kurz die Rede. Den habe der Hauptausschuss des Senats verlangt, also habe man einen gemacht, sagte Blaszkiewitz. Südostasienhaus, Galapagos-Erlebniswelt, steht alles drin - er habe aber gleich gesagt, dass das kosten wird. Begeisterung klingt anders.

Zuletzt schien sich nur noch der Förderverein um die Zukunft des Tierparks zu kümmern. Vor zwei Wochen gab es die erste einer Reihe von Veranstaltungen, in denen Vereinsmitglieder und Besucher Vorschläge machen können. In einem Saal des Schlosses

Erstarrt zu einer Erinnerung

Friedrichsfelde, dessen historischer Landschaftspark in den Fünfzigerjahren zu einem in seiner Weitläufigkeit ziemlich einmaligen Tierpark wurde, war jeder Platz besetzt, der Vereinsvorsitzende notierte die Wortmeldungen. Neben Hinweisschildern, einer Schwebebahn und mehr Spielplätzen wurden mit Nachdruck Gedenktafeln gefordert, um an jene zu erinnern, die den Tierpark aufgebaut haben, mit eigenen Händen. Vom Alter her hätten viele der Anwesenden dabei gewesen sein können. Die Versammlung ergrauter Tierpark-Fans machte deutlich, was dem Nachdenken über die Zoos der Stadt seit dem Mauerfall auch im Weg stand: Es geht um mehr als die Tiere.

Der Tierpark entstand, um den Ostteil Berlins zu einer kompletten Stadt werden zu lassen, und daran hat sich nicht viel geändert. Wer den Tierpark schlecht macht, macht die Menschen im Osten schlecht, so jedenfalls sehen das die Menschen im Osten der Stadt. Und wer ihn schließen möchte, hat kein Herz. Darum hat sich das laut auch nur einer zu sagen getraut, dem ohnehin Gefühlskälte unterstellt wird: Thilo Sarrazin, vor elf Jahren, als er noch Finanzsenator war.

Mag sein, dass, wie in der Veranstaltung vermutet wurde, die Besucherzahl auch deswegen stagniert, weil es keine Hinweisschilder auf Englisch gibt, keine Werbung in den U-Bahnhöfen und die Parkbahn nur einmal pro Stunde fährt. Um den wirklichen Grund zu finden, muss man nur ein paar Meter in den Tierpark hineingehen. Die ersten Tiere, denen man begegnet, sind drei Steinadler, kaum zu unterscheiden von dem grauen Steinblock, auf dem sie hocken und der den Großteil ihrer Voliere einnimmt. Ein Vogel mit einer Flügelspannweite so lang wie ein Mann, in einem Käfig, etwa acht mal fünf Meter groß. Niemand bleibt stehen, nur ein Paar hält inne. "Das ist aber klein", sagt die Frau.

Es gibt, ganz am anderen Ende des Tierparks, Seeadler, die mehr als doppelt so viel Platz haben, gleich neben der großzügigen Anlage für Gebirgstiere, die 2002 um einen Hügel aus Kriegstrümmern herum entstanden ist. Nur liegt das so weit abseits der Hauptwege, dass kaum jemand hinfindet. Wo dagegen jeder landet, ist das Alfred-Brehm-Haus, in dem Panther und Leoparden in türkis- und orangefarben gekachelten Käfigen zusammen mit dem denkmalgeschützten Bau erstarrt sind zu einer Erinnerung daran, was Anfang der Sechzigerjahre als moderne Tierhaltung galt. Und dann gibt es dort noch eine hallenartige Felsenlandschaft mit Tigern, die aussehen, als ob sie in eine Opernkulisse geraten sind. Es ist recht leer im Brehm-Haus. Davor aber gibt es ein paar Sandhügel mit einer Mauer drum herum. Präriehunde laufen über die Hügel, schauen Männchen machend aus den Löchern, scharren im Boden, dass der Sand spritzt. An der Mauer, die die Präriehundeanlage umgibt, stehen die Menschen dicht nebeneinander.

Das neue Recht auf Freiheit

Am Ende geht der Mensch, wenn er Tieren begegnet, immer von sich selbst aus, er kann nicht anders. Die Präriehunde wirken emsig, geschäftig, Präriehund-mäßig zufrieden. Die Steinadler, der Panther, die Tiger in ihrer kalten kargen Felshöhle wirken fehl am Platz. Vielleicht ist die Achtung vor den Tieren gewachsen, seit den Menschen immer klarer wird, dass sie selbst mit ihrer Lebensweise die Erde, wie wir sie kennen, in Gefahr bringen. Vielleicht haben sie einfach mehr Tierfilme gesehen. Jedenfalls bereitet es ihnen inzwischen Unbehagen, wilde Tiere in einer Umgebung zu sehen, die mit deren natürlicher nicht viel zu tun hat. Man muss da gar nicht als Tierschützer argumentieren. Mitleid ist schlicht schlecht fürs Zoogeschäft.

Alles, was der Mensch dem Tier in Gefangenschaft bietet, ist ein Ersatz. Artgerecht soll die Haltung sein. Aber wie wird man einer Art gerecht, Tausende Kilometer von ihrem Lebensraum entfernt, auf einem anderen Kontinent, in einem anderen Klima, auf begrenztem Terrain? Im Fall der Baumwollratte mag die Antwort nicht so schwer sein. Bei Eisbären, die in Freiheit riesige Territorien bewohnen, Menschenaffen mit ihrem komplexen Sozialleben oder Elefanten mit ihren langen Wanderungen und festen Herdenstrukturen schon.

Die aktuelle Antwort auf die Frage kommt aus den USA: Gehege wie Landschaften, vom Menschen begehbar, keine Gitter, kaum Glasscheiben. Allerdings könnte es durchaus sein, dass diese Illusion von Natur zuallererst dem Menschen nützt. Der glaubt, dass sich doch wohlfühlen muss, wer es so gut hat. Ein Elefant in einer künstlichen Savanne ist aber immer noch ein Elefant in Gefangenschaft. Es sieht nur schöner aus.

Ein Zoo, der diesen Wandel zurzeit aufs Spektakulärste vollzieht, wirbt seit Juli mit geradezu provokanter Präsenz in Berlin. Der Leipziger Zoo war vor 16 Jahren in einer ähnlichen Situation wie der Berliner Tierpark. Zu DDR-Zeiten beliebt und in der Fachwelt, auch der westlichen, anerkannt, dann von der Zeit überholt. Im Jahr 1997 bewarb sich ein Brandenburger Tierarzt, der bei einer amerikanischen Tierfutter-Firma arbeitete, um den Job als Zoodirektor, er entwarf ein Konzept, das für neunzig Millionen Euro den "Zoo der Zukunft" versprach und überzeugte damit Bürgermeister und Stadtrat. Die Stadt bewilligte einen jährlichen Zuschuss, Kredite wurden aufgenommen. Das Marketing ging neue Wege, zum Beispiel mit der Zoo-Dokusoap "Elefant, Tiger & Co", die es seit 2003 gibt. Bis 2020 soll alles fertig sein, die Besucherzahlen haben sich jetzt schon verdreifacht. Geht doch, denkt man sich da in Berlin.

Schön wäre es gewesen, mit Jörg Junhold durch seinen Zoo der Zukunft zu spazieren, aber er möchte nicht. Kein Interview jetzt, auch wenn es darin gar nicht um die Berliner Zoos gehen sollte, sondern um seinen. Wegen der aktuellen Situation könnte der Eindruck entstehen, es ginge doch um Berlin, so in etwa erklärt seine Sprecherin die Absage. Es gebe ein Agreement zwischen Zoodirektoren, dass man nicht über die Kollegen redet. Den Verband der deutschen Zoodirektoren muss man sich wahrscheinlich vorstellen wie ein Regierungskabinett. Auch dessen Mitglieder kritisieren sich nicht. Man schließt die Reihen, der Beschuss von außen ist groß genug. Von den Tierschützern, die immer "Tierquälerei!" rufen.

Von all jenen, die finden, dass es Zoos gar nicht geben dürfe. Das sind nicht nur Vereine wie "EndZoo", auch namhafte Zoologen sind der Meinung. Eine junge Generation von Biologen und Philosophen ist dabei, das Tier aus einer neuen Perspektive zu betrachten, zu der auch die Frage gehört, inwieweit man Tieren ein Recht auf Freiheit zugestehen muss. Das Selbstverständnis der Zoos wird herausgefordert und die seit Jahrzehnten unveränderte Beschreibung ihrer Aufgaben: Erholung, Bildung, Artenschutz, Forschung. Costa Ricas Umweltminister hat letzte Woche verkündet, dass es in seinem Land künftig keine Zoos mehr geben wird. Die zwei bestehenden werden geschlossen.

Wir hier, ihr da

Die Frage nach einer ethischen Verpflichtung des Menschen den Tieren gegenüber war noch eine theoretische Debatte unter ein paar Philosophen, als in Deutschland erste Zoos gegründet wurden, der in Berlin-Charlottenburg 1844, der in Leipzig 34 Jahre später. Damals lösten die ersten Zoologischen Gärten die Menagerien ab, Privatzoos von Fürsten, die es sich leisten konnten, lebende Tiere aus anderen Kontinenten herzuschaffen. Es ging um den Reiz des Außergewöhnlichen, wissenschaftliche Erkenntnisse fielen eher beiläufig ab. Forscher und Künstler reisten an, um Geschöpfe zu studieren, die sie sonst nicht zu Gesicht bekommen hätten. Das berühmte von Dürer gezeichnete Panzernashorn etwa war Anfang des 15. Jahrhunderts das einzige Exemplar dieser Nashornart in Europa. Es war in Indien für den König von Portugal gefangen worden. Als der es dann dem Papst zum Geschenk machen wollte, sanken allerdings Schiff und Nashorn.

In ihrem Buch "Zoo - von der Menagerie zum Tierpark" haben die Historiker Eric Baratay und Elisabeth Hardouin-Fugier anschaulich beschrieben, wie die Zoos im 19. Jahrhundert Attraktionen der Städte wurden, besucht von einem selbstbewussten Bürgertum. Es wurde zum mondänen Zeitvertreib, durch den Berliner Zoo zu spazieren, mit seinen monumentalen Bauten im Stil der Länder, aus denen die Tiere kamen. Da die Sterblichkeit unter Zootieren hoch war, wurde oft Nachschub nötig. Tierfänger konnten reich werden, einer der bekanntesten war der Hamburger Carl Hagenbeck. Als junger Mann belieferte er den Berliner Zoo, 1878 gründete er zusammen mit dem geschäftstüchtigen Gastwirt Ernst Pinkert den Zoo in Leipzig.

Als das Tierfang-Gewerbe nicht mehr so gut lief, brachte er von seinen Reisen auch Menschen mit. Hagenbecks "Völkerschauen" machten auch Station im Leipziger Zoo. Joachim Ringelnatz, der gleich gegenüber ins Gymnasium ging, hat aufgeschrieben, wie er wegen seiner Faszination für die Samoanerinnen, diese "bronzefarbenen, dunkelhaarigen Weiber", von der Schule flog. Erst schenkte er ihnen den Christbaumschmuck der Familie, dann ließ er sich in der Pause von einer der Frauen tätowieren und kam zu spät zum Unterricht. Die neben den Tieren ausgestellten Menschen machen deutlich, was Zoos auch lange waren: ein Weg, sich seiner selbst zu vergewissern, als überlegene Europäer, als Menschen. Wir hier, ihr da.

Die "Völkerwiese" zwischen dem Robbenbecken und dem Raubtierhaus, auf der die Samoanerinnen saßen, gibt es schon lange nicht mehr. Aber man kann in Leipzig dabei zusehen, wie die neue Idee vom Zoo die ältere aus DDR-Zeiten ablöst. Noch gibt es alte Backsteingebäude mit vorgesetzten Vogelvolieren, kleiner noch als die der Adler im Tierpark. Dahinter leuchtet weiß die Kuppel von "Gondwanaland", 2011 eröffnet. Eine mehr als zwei Fußballfelder große Halle, die an das Tropical Island bei Berlin erinnert. Aber hier wird kein Südseestrand nachgestellt, sondern ein Dschungel. Feuchte, warme Luft, ein Wald aus tropischen Pflanzen, Aussichtsplattformen, Hängebrücken, ein Fluss, den man auf einem Boot mit rostigem Wellblechdach befahren kann, das aussieht, als wäre es zuvor jahrelang auf dem Amazonas unterwegs gewesen. Das allein ist schon sehr beeindruckend, aber hier wohnen auch noch um die hundert Tierarten. Einige entdeckt man gleich, wie die grazilen Totenkopfäffchen, die auf einer begehbaren Insel zwischen den Zoobesuchern durchs Geäst turnen. Andere übersieht man fast, wie den einen Meter langen Leguan, der reglos auf einem Felsen ruht, so nah am Weg, dass mancher vorsichtig die Fingerspitze über die schuppige Haut gleiten lässt.

Starker Löwe, eklige Schlange

Der amerikanische Philosoph und Professor für Umweltstudien Dale Jamieson ist der Meinung, dass Zoos uns ein falsches Gefühl geben für unseren Platz in der natürlichen Ordnung der Dinge. Das Einsperren betone den Unterschied zwischen Tier und Mensch und erwecke den Eindruck, dass Tiere für unser Vergnügen, für unsere Zwecke da sind. Und dass es in Ordnung sei, sich über sie zu erheben. Diesen Vorwurf kann man Gondwanaland nicht machen. Es ist eher andersherum: In der ins Disneyland-hafte tendierenden Wohlfühlwelt ist die Illusion eines paradiesischen Zustands fast zu perfekt. Affe neben Alligator, Fischotter neben Schildkröte, und mittendrin der Mensch. Irgendwelche Probleme?

Auf diese hinzuweisen, gibt man sich in Leipzig durchaus Mühe. "Wie kann ich den Regenwald schützen?", steht auf einer Tafel, auf der zum Beispiel kindgerecht erklärt wird, was ein Handykauf in Deutschland mit einem Baum im Regenwald zu tun hat. Ein Plakat erklärt eine Artenschutzkampagne in Südostasien, für die man spenden kann. Eine Organisation wird vorgestellt, die sich um eine ökologische Bewirtschaftung von Wäldern bemüht. Es nimmt sich nur kaum jemand die Zeit, all das zu lesen. Es ist ohnehin eine ernüchternde Erkenntnis, dass Zoos offenbar viel weniger Wissen vermitteln, als sie von sich behaupten. Befragungen haben gezeigt, dass Zoobesucher weniger Ahnung von Tieren haben als Menschen, die regelmäßig in der echten Natur unterwegs sind, beim Wandern etwa. Und dass Klischees und Vorbehalte durch Zoobesuche nicht infrage gestellt, sondern eher bestärkt werden: der starke Löwe, das süße Affenbaby, die eklige Schlange.

Eine weitere Attraktion des Leipziger Zoos ist 30 000 Quadratmeter groß und beherbergt etwa sechzig Affen. Schimpansen, Gorillas, Bonobos, Orang Utans, alle vier Menschenaffenarten nebeneinander, das hat sonst niemand. Kurz bevor der neue Zoodirektor antrat, war eine Kooperation vereinbart worden zwischen dem Zoo und dem Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, das eine Forschungsstelle für Primaten gründen wollte. Jörg Junhold erkannte die Chance. Zusammen mit den Wissenschaftlern konnte man groß planen, so groß es ging. Heute kann Junhold sagen, in seinem Zoo die größte Menschenaffenanlage der Welt zu haben.

Die Außenanlagen von "Pongoland" betritt man auf Holzstegen, die über Wasserläufe und Sümpfe führen, als ob Landschaft und Affen zuerst dagewesen wären und den Besuchern nun ein Weg gebahnt werden müsse. Dass das Wasser dazu dient, die Affenarten voneinander und von den Menschen zu trennen, merkt man gar nicht. Die Tiere können hinter Hügeln, Büschen und Bäumen verschwinden - oder sie können einem ganz nah kommen. Wer Gorillas bisher nur als träge Masse hinter Glasscheiben erlebt hat, sieht fasziniert zu, wie einer mit schaukelndem Gang über die Wiese spaziert, und ein anderer mit spitzen Fingern Blätter aus dem Schilf zupft. Und wenn man plötzlich in zwei Schimpansenaugen sieht, die genauso aufmerksam herschauen wie man selbst hin, weiß man wieder, was Zoos im besten Fall können: uns erinnern, dass wir nur eine von vielen ziemlich unglaublichen Arten sind, die sich die Erde teilen. Und, wer weiß, uns zu etwas demütigeren, achtsameren Menschen machen.

Es kann funktionieren

Leipzigs Zoo bemühe sich um die bestmögliche Umgebung von Primaten, hat sogar das Great Ape Project zugestanden. Mehr Anerkennung kann man nicht erwarten von einer Organisation, die gegen die Haltung von Menschenaffen in Zoos kämpft. Weil sie es für Unrecht hält, Geschöpfe einzusperren, die Empathie empfinden, leiden und ein Bewusstsein ihrer selbst entwickeln können. So wie der Mensch. Er habe genug davon, sich vorwerfen zu lassen, dass er Tiere zur Schau stelle, entfuhr es Bernhard Blaszkiewitz auf der Veranstaltung im Zoo, "Herrgott nochmal, wofür sind Zoos denn sonst da?" Er hatte recht. Zoos sind für Menschen da. Es gibt sie, weil Menschen hingehen und weil man mit ihnen Geld verdienen kann. Es wäre verlogen, etwas anderes zu behaupten. Der in der Schweiz lehrende Tierschutzprofessor Hanno Würbel hat einmal gesagt, wenn die Gesellschaft entscheide, ein gewisses Maß an Tierleiden in Kauf zu nehmen, um Millionen Familien am Wochenende zu unterhalten, könne die Gesellschaft damit leben. Das klingt wie ein ehrlicher Ansatz. Glaubwürdiger als Zoodirektoren, die nur beteuern, wie wohl sich die Tiere bei ihnen fühlen.

Wenn man in Leipzig war, fällt es schwer, sich die Menschenaffen im Berliner Zoo anzusehen. Das vergitterte Schimpansen-Gehege außen, die gefliesten Boxen mit der Glasfront innen. Der Zoo hat drei Millionen Besucher im Jahr, dreimal so viele wie der Tierpark, was aber auch mit seiner zentralen Lage zu tun hat. Anstatt damit zu prahlen, einen der artenreichsten Zoos der Welt zu haben, wäre es jetzt Zeit für die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, mitten in der Stadt so viele Tierarten wie möglich unterzubringen. Und dann zu beschließen, dass dieser Zoo zum Beispiel auf Menschenaffen verzichtet. Weil man leider nicht die Möglichkeit hat, sich dem anzunähern, was das Great Ape Project die "bestmögliche Unterbringung" nennt.

Es wäre ein selbstbewusster Schritt, auch für den Tierpark, in Zukunft auf Blockbuster-Tiere zu verzichten, wie der Tierschutzprofessor Würbel Menschenaffen, Großkatzen und Eisbären nennt. Tiere, die gut für Renommee und Besucherzahlen sind, sich aber auch am schwierigsten halten lassen. Andere Zoos haben diesen Schritt gemacht. In Leipzig gibt es keine Eisbären mehr. Auch in Köln nicht. Frankfurt hat seine Elefantenhaltung beendet. Der Tierpark in Friedrichsfelde könnte den Ehrgeiz entwickeln zu beweisen, dass sich auch ohne Löwen und Eisbären ein faszinierender Zoo gestalten lässt. Es kann funktionieren. Man muss nur mal zu den Präriehunden gehen.