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Ich habe deinen Papa Erschossen

Von Peter Burghardt

Ihre Eltern waren nicht ihre echten Eltern.Sondern die Mörder ihrer echten Eltern. Victoria kam 1976in Buenos Aires zur Welt, in der Diktatur.Und das ist ihre Geschichte

Früher hätte sie Leute wie sie selbst verachtet. Menschenrechtler. Linkspolitiker. Und, noch schlimmer: Kinder von Verschwundenen.

Subversive waren das für sie, so hatte man sie erzogen. "Ich war nicht ich", sagt die Argentinierin. Sie war María Sol Tetzlaff, Tochter eines argentinischen Offiziers. Jetzt ist sie Victoria Montenegro, Tochter ermordeter Rebellen und Symbol eines gigantischen Verbrechens.

Victoria Montenegro sitzt müde in einem leeren Parteilokal in Buenos Aires, eine 37 Jahre alte Frau mit langen schwarzen Haaren, braunen Augen und zwei grundverschiedenen Leben. Das eine war ihre Vergangenheit im Hause des Hauptmanns Herman Tetzlaff, der im Auftrag von Argentiniens Generälen Andersdenkende vernichtete. Das andere ist ihre Gegenwart als Aktivistin und Waisenkind der toten Guerilleros Hilda Torres und Roque Montenegro. "24 Jahre lang Lügen, jeden Tag", sagt sie. "Ich habe nichts mehr zu tun mit dem, was ich war."

Bevor sie ihre Geschichte erzählt, folgendes Gedankenspiel. Man stelle sich vor, man erfährt eines Tages als erwachsener Mensch, dass man ein anderer ist. Ein Bluttest macht den Verdacht zur Gewissheit, obwohl man sich dagegen sträubt. Plötzlich sind die Eltern nicht mehr die Eltern, und der Name ist nicht mehr der Name. Plötzlich war das bisherige Leben eine Täuschung, geraubt von Verbrechern. Plötzlich ist man das, was man nie hatte sein wollen. Und plötzlich ist der Vater nicht mehr der Vater. Sondern der Mörder des Vaters.

Victoria Montenegro hustet und gähnt. Es ist spät, und sie ist erkältet. In ihrem neuen Leben schildert Victoria Montenegro ihr Drama aus dem altem Leben, kämpft in einer Regierungsorganisation gegen die Mörder und unterstützt die Regierungspartei Frente para la Victoria, Front für den Sieg. An diesem kühlen Abend kommt sie von einem Wahlkampftermin, am 27. Oktober bewirbt sie sich um einen Sitz im Parlament. Politik gehört nun zu ihrer Verwandlung, zu ihrer Therapie. Zu ihrem neuen, alten Ich.

An der Wand hängen Fotos von Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und ihrem verstorbenen Mann und Vorgänger Néstor Kirchner, seit zehn Jahren regieren die Kirchners. Auf die Holztische sind Porträts von Eva Perón gedruckt, der unsterblichen Evita. Unten an der Klingel pappt ein Aufkleber: "La victoria está a la esquina de la casa", steht darauf. Der Sieg wartet um die Ecke.

Der Satz war das Motto von Aufständischen wie ihren Eltern. Hilda Torres und Roque "Toti" Montenegro kamen Mitte der Siebzigerjahre aus Salta in Argentiniens Nordwesten nach Buenos Aires, sie waren radikale Träumer in einem aussichtslosen Kampf. Es ging ihnen um soziale Gerechtigkeit, um den Sturz des Systems, um ein Kuba im Süden. Erst waren sie Mitglieder der peronistischen Jugend im Namen des früheren Caudillo Juan Domingo Perón und seiner Evita. Dann schlossen sie sich der Guerilla an, dem Revolutionären Volksheer.

Hilda Torres war 18 und Roque Montenegro 20, als am 31. Januar 1976 im israelitischen Krankenhaus ihre Tochter zur Welt kam. Sie nannten sie Victoria, Sieg. Doch die Revolution näherte sich schon dem Desaster. Peróns Witwe Isabel hetzte Todesschwadronen auf den linken Flügel der Peronisten, es waren Monate der Attentate, Entführungen, Streiks. Am 13.Februar 1976 wurden die Montenegros am Rande von Buenos Aires von Soldaten gekidnappt, zu dem Kommando gehörte Herman Tetzlaff. Victoria Montenegro war 13 Tage alt.

Ihre Eltern landeten im Folterlager Campo de Mayo und irgendwann als entstellte Leichen im braunen Wasser des Río de la Plata. Am 24.März 1976 putschte die Armee auch offiziell, die Militärdiktatur ließ scharenweise betäubte Gefangene aus Flugzeugen in Flüsse und ins Meer werfen. Der Säugling Victoria wurde zum Polizeiquartier im Vorort San Martín gebracht und nach drei Monaten dem Ehepaar Herman Tetzlaff und María del Carmen Eduartes übergeben. Die verlegten ihre Geburt auf der gefälschten Urkunde in eine andere Klinik sowie auf den 28. Mai 1976 und nannten sie María Sol. Sol wie die Sonne in Argentiniens himmelblauweißer Flagge.

Details erfuhr sie erst ein Vierteljahrhundert später, ihre Kindheit war militärisch, katholisch und streng. "Prozess der Nationalen Erneuerung" nannte sich das Programm der Junta, gestützt von Unternehmern, Medien, Kirche, Richtern und den USA. Die Panik vor Kommunisten kannte keine Grenzen. Widerständler oder Verdächtige wurden gefoltert und umgebracht, im Zweifel reichten für die Festnahme schon lange Haare. Zwischen 1976 und 1983 ließ die Diktatur bis zu 30000 Andersdenkende verschwinden. Mindestens 500 Babys ermordeter Feinde des Regimes wuchsen bei Freunden des Regimes auf, manche ihrer Mütter waren vor ihrer Ermordung in Folterkammern niedergekommen. Viele dieser Kinder wissen nicht mal, wann sie geboren wurden. Und die meisten von ihnen haben bis heute keine Ahnung, wer sie sind. Die Diktatoren wollten Rivalen nicht nur ausrotten. Sie wollte deren Nachwuchs auch ihren Willen einpflanzen.

Der Offizier Tetzlaff gehörte zu einer sogenannten Arbeitsgruppe der Streitkräfte, die entführte, verhörte, quälte, massakrierte. El Vesubio hieß sein Kerker, der Vesuv, einer von vielen Orten des staatlich gelenkten Horrors. Nach Dienstschluss prahlte er zu Hause: Man befreie Argentinien von den Terroristen, rette die Familien und das Vaterland. "Er hat gefoltert und umgebracht, und dann hat er mit uns zu Abend gegessen. Und am Sonntag gingen wir gemeinsam in die Messe. Ich werde nie solche Grausamkeit verstehen." Sagt nun Victoria Montenegro. Als kleine María Sol Tetzlaff verehrte sie ihren vermeintlichen Vater, "ich war verliebt in ihn". Sie hielt ihn für einen Sieger und Guten in diesem Krieg. Die anderen waren die Verlierer. Die Bösen.

Tetzlaff war an die zwei Meter groß, blond und blauäugig. Sohn eines deutschen Immigranten, eingewandert nach dem Krieg. "Mein Opa war Nazi und musste fliehen", glaubt Victoria Montenegro, um Details hat sie sich nie gekümmert. Tetzlaff fuhr ein großes weißes Auto und hatte Waffen in einem Koffer. Zur Selbstverteidigung, wie es hieß, wegen der Subversiven. Auch das beeindruckte die junge María Sol. Zweifel wuchsen zwar mit ihrem Körper und Verstand, denn sie sah so anders aus als Papa und Mama. Doch bei Fragen nach ihrem Spiegelbild ließ sie sich von ihrer Mutter mit Ausreden abspeisen. Sie sehe aus wie einst ein Urgroßvater oder ein Onkel, von dem es keine Fotos gebe.

Dann kam 1983 die Demokratie zurück. Befehlshaber der Junta wurden verurteilt - und schnell wieder freigesprochen. Gesetze namens "Schlusspunkt" und "Gehorsamspflicht" sollten die Debatte um Schuld und Sühne abwürgen. Nur Babydiebstahl wurde nicht von der Amnestie gedeckt. Um das Grauen kümmerten sich Überlebende, angeführt von den Müttern und Großmüttern der Plaza de Mayo. Diese Frauen drehen seit 1977 jeden Donnerstag vor dem Präsidentschaftspalast Casa Rosada in Buenos Aires ihre Runden, mit weißen Kopftüchern und Porträts ihrer vermissten Kinder und Enkel.

Einmal sahen die Tetzlaffs daheim im Fernsehen Estela de Carlotto, die Präsidentin dieser Großmütter, der Abuelas de la Plaza de Mayo. Sie klagte, dass sie ihren Enkel Guido suche, ihre Tochter Laura war mit 23 verschleppt und ermordet worden. "Arme Frau", sagte die halbwüchsige María Sol Tetzlaff. "Keine Sorge, der Enkel ist bei einem Bekannten von mir", spottete Herman Tetzlaff. Victoria Montenegro hat Estela de Carlotto die Episode später erzählt. Ihren Guido fand Estela de Carlotto trotzdem nicht, aber andere Enkel der Toten. Die Abuelas sammelten Hinweise und legten eine Blutbank mit Proben von Angehörigen an. 1997 führte eine der Spuren zu ihr: zu dem verschwundenen Mädchen der verschwundenen Hilda Torres und Roque Montenegro, die damals María Sol Tetzlaff hieß. Enkel Nummer 74.

Estela de Carlotto lacht, wenn sie an das erste Treffen denkt. "Sie wollte mich nicht mal kennen lernen. Sie hatte für mich nur Hass übrig. Für sie war ich eine Hexe. Aber das hat sich später geändert. Victorias Geschichte ist faszinierend."

Argentiniens bekannteste Menschenrechtlerin führt in ihr Büro in Buenos Aires, eine elegante Dame von 83 Jahren mit silbernem Haar. An der Wand hängen Fotos ihrer ermordeten Tochter und Urkunden, Estela de Carlotto wurde mit ihrem Einsatz für die entführten Kinder Argentiniens berühmt. Man trifft die Vorsitzende selten an, sie ist oft unterwegs. Chile, Venezuela, USA, Europa. 109 Enkel haben die Großmütter bisher zurückerobert. Sie sind seit Langem Kandidaten für den Friedensnobelpreis, den peinlicherweise auch der frühere US-Außenminister Henry Kissinger trägt, ein Helfer der Putschisten.

Kein Schild an dem Altbau verweist auf diese Organisation, den Eingang bewachen unauffällige Aufpasser. Estela de Carlotto wurde einmal überfallen, manche Folterknechte von einst sind noch immer im Polizeidienst. María Sol Tetzlaff kam Ende der Neunzigerjahre nur deshalb zu ihr, weil sie ein Gericht zum Gen-Vergleich mit Verwandten des Paares Montenegro/Torres gezwungen hatte. Das Resultat war eindeutig. Ihr Mann begleitete sie zu dem Termin bei Estela de Carlotto, die beiden hatten während ihrer ersten Schwangerschaft schon mit 16 geheiratet und haben drei Kinder. Sie selbst wollte von den Großmüttern und deren Mission am Anfang nichts wissen. Für sie waren die Abuelas de la Plaza de Mayo eine Gefahr.

Ein Tropfen Blut und Spuren von Angehörigen der Montenegros und Torres gaben ihr am 5. Juni 2000 ihr geklautes Ich zurück. "Yo aparecí", so nennt sie das. "Ich bin erschienen." Man kann es kaum übersetzen. Es war wie eine Wiedergeburt wider Willen. Sie wollte dieses alte, neue Ich nicht. Sie wehrte sich gegen die Gewissheit, dass sie nicht die Tochter des von ihr verehrten Soldaten Herman Antonio Tetzlaff war - sondern Tochter der fremden und toten Rebellen Montenegro. Sie fühlte sich als Kind der Schande. "Meine Eltern existierten für mich ja gar nicht."

Sie erschrak, als sie das erste Foto ihres leiblichen Vaters Roque Montenegro zu Gesicht bekam. "Ich bin ihm so ähnlich." Alle waren für sie schuld an ihrem zerrissenen Schicksal. Die Montenegros. Die Großmütter. Die Linken. Die Geschichte. Nur nicht ihr Ziehvater Herman Tetzlaff, der sie verschleppt und belogen hatte.

Während der Ermittlungen machte er ihr eines Abends in einem Restaurant ein Geständnis: Er sei nicht ihr Vater, das stimme. Er habe ihre Eltern seinerzeit erschossen, "im Gefecht". Ihr zuliebe. Selbst da glaubte sie ihm noch. Sie versteckte ihm sogar seine Dienstwaffe, die angebliche Pistole des Vatermordes, als Tetzlaff wegen Mord und Kinderraub verhaftet wurde. Dabei war auch dieses Geständnis eine Lüge. In Wirklichkeit hatte man ihre Eltern wochenlang gequält und aus Maschinen der Luftwaffe in den Río de la Plata gestoßen.

Tetzlaff starb 2003 in einem Militärgefängnis an den Folgen von Diabetes. Victoria Montenegro besuchte ihn bis zuletzt und nannte ihn Papa. Jetzt nennt sie ihn Herman, wenn sie von ihm spricht. Oder "mi apropiador", was auf Deutsch so viel bedeutet wie der Mann, der mich gestohlen hat. Ihre Adoptivmutter starb 2007 in ihren Armen, beide Eltern ohne einen Hauch von Reue. Victoria Montenegro verschränkt die Arme, sie sagt: "Ich habe nie aufgehört, sie zu mögen." Aber sie nimmt ihnen ihre Liebe nicht mehr ab, "weil so eine Liebe pervers ist, wie die Liebe eines Vergewaltigers zu einer Vergewaltigten". Sie wollte zunächst sogar ihren gewohnten Vornamen María Sol behalten. Erst mit 28 bekam sie ihren ersten Ausweis mit dem Namen Hilda Victoria Montenegro.

Sie hatte nun vier tote Eltern, zwei Familien, zwei Geburtstage, zwei Namen und zwei Leben, von denen ihr eines fremd war. "Deine Identität ist nicht nur deine DNA", sagt sie. "Man ist voller Widersprüche. Du verarbeitest deine Geschichte nie. Du erlebst sie immer wieder neu, wenn du darüber redest. Ich musste alles neu konzipieren." Langsam streifte sie die María Sol Tetzlaff ab wie eine Hülle und schlüpfte in die Person der Victoria Montenegro.

Eine entscheidende Wende war 2011 das Gerichtsverfahren gegen den inzwischen verstorbenen Diktator Jorge Videla und seine Kumpanen. Unter der Kirchner-Regierung kamen die Prozesse wegen der systematischen Ermordung von Oppositionellen und Entführung ihrer Kinder wieder in Gang. Victoria Montenegro war eine Hauptzeugin und zeigte auch einen mit Tetzlaff verbandelten Richter an. "Es war wie Exorzismus für mich", sagt sie.

"Die Angst verschwand mit María Sol", behauptete sie nachher. "Ich bin Victoria."

Sie wandte sich von alten Freunden ab und neuen Freunden zu. Sie näherte sich der Kirchner-Partei, der Menschenrechtsorganisation Kolina der Kirchner-Schwester Alicia und den Großmüttern der Plaza de Mayo an, die sie so verabscheut hatte. "Sie hat das Blut und die Gene ihrer Eltern", sagt deren Präsidentin Estela de Carlotto. "Es steckt in mir drin, nicht nur wegen meiner Eltern", sagt Victoria Montenegro. Politik ist heute trotz argentinischer Turbulenzen bequemer als seinerzeit während der Diktatur, denn seit 30 Jahren herrschen demokratische Verhältnisse.

Eines Tages stand Victoria Montenegro vor den Knochen ihres Vaters. Von ihrer Mutter fehlt jede Spur, aber Roque Montenegros lebloser Körper war schon 1976 an der Küste Uruguays angeschwemmt worden. Seine Reste lagen dreieinhalb Jahrzehnte lang in einem anonymen Massengrab auf dem Friedhof des Ferienortes Colonia de Sacramento, eine Fährstunde von Buenos Aires entfernt. Gerichtsmediziner und Anthropologen gruben die Gebeine aus und ordneten sie Roque Montenegro zu, dem Vater der Enkelin Nummer 74, Victoria Montenegro. Es wurde ihre erste Begegnung mit dem, was von ihrem Erzeuger geblieben war. "Ein harter Moment", sagt sie. "Aber schlimmer war, als sie mich meinen Eltern weggenommen haben."

Im August 2012 trug Victoria Montenegro ihren leiblichen Vater in dessen Heimatdorf Metán bei Salta zu Grabe. "Ich bin nicht gekommen, meinen Papa zu beerdigen", sprach sie am Sarg, "ich bin gekommen, um zu säen."

Manchmal melden sich junge Männer oder Frauen bei ihr, die ebenfalls Kinder Verschwundener zu sein glauben. Meistens sind es Opfer von Menschenhandel ohne Verbindung zur Diktatur. Manchmal ruft ein Bekannter noch "Hallo Sol". Manchmal besucht sie mit ihren Kindern ihre Schwester von einst, die noch immer im Elternhaus Tetzlaff lebt.

Manchmal reist sie zur Gruft ihres richtigen Vaters Roque Montenegro nach Salta. Und manchmal geht Victoria Montenegro auf den Friedhof Chacarita von Buenos Aires, wo Herman Tetzlaff liegt, ihr falscher Vater. Sie bringt ihm dann gelegentlich eine Blume mit. "Ich weiß nicht, ob das gut ist oder schlecht", sagt sie. "Es ist seltsam, aber es ist so. Es hat keine Logik."