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Herz auf Bestellung

Von Martina Keller

In China werden Hingerichteten Organe entnommen - und gegen Bezahlung offenbar auch Patienten aus dem Westen implantiert.

Als der Rechtsanwalt Han Bing aus Peking am 6. Dezember 2012 seinen neuesten Blog-Beitrag veröffentlicht, muss er wissen, dass er sich in große Gefahr begibt. Seine Nachricht verbreitet sich in Windeseile über den chinesischen Kurznachrichtendienst Sina Weibo: "An diesem Morgen", berichtet Han, "hat es eine schreckliche Hinrichtung gegeben." Ein zum Tode verurteilter Gefangener sei exekutiert worden, obwohl das oberste chinesische Gericht wenige Tage zuvor angeordnet hatte, den Fall neu zu prüfen. So lange aber mochten die Verantwortlichen offenbar nicht warten. Die Organe des Gefangenen wurden gebraucht, und zwar in möglichst gutem Zustand. Nur so ist zu erklären, warum die Hinrichtung in einer Klinik stattfand, wie der Anwalt berichtet. "Diese gewissenlosen Richter und Ärzte verwandeln ein Krankenhaus in eine Hinrichtungsstätte, in einen Marktplatz für Organhandel", schreibt Han.

Dem Anwalt zufolge hat man den Todeskandidaten gezwungen, ein Papier zu unterschreiben, mit dem er der Organentnahme "freiwillig" zugestimmt habe. Die Familie habe sich nicht von ihm verabschieden können, obwohl ihr dieses Recht zustand. "Wir werden dagegen vorgehen", kündigt der Anwalt im Auftrag der Hinterbliebenen an.

Hans Bericht wird innerhalb eines Tages mehr als 18.000 Mal weitergeleitet, über 5.600 Menschen kommentieren ihn. Dann ist der Eintrag gelöscht.

Das Beispiel des namenlosen Hingerichteten ist kein Einzelfall. China liegt in der Transplantationsstatistik weltweit an zweiter Stelle, hinter den USA. Eine Tatsache, die die Regierung mit Stolz erfüllt. Mehr als 10.000 Nieren, Lebern, Herzen und Lungen würden jährlich in China verpflanzt, schreibt der Vize-Gesundheitsminister Huang Jiefu - selbst Transplantationsmediziner - im vergangenen Jahr in der Wissenschaftszeitschrift The Lancet. Aus seinen Statistiken geht hervor, dass knapp 60 Prozent dieser Organe von hingerichteten Gefangenen stammen. Eine Offenheit, die erstaunt. Bis vor wenigen Jahren hat die Regierung alle Berichte aus dem Ausland über die fragwürdige chinesische Transplantationspraxis als Propaganda abgetan.

Ein Mensch stirbt, just in time, damit ein anderer weiterleben kann. Im chinesischen Transplantationssystem ist das möglich. Im Namen des Fortschritts, im Namen des Geldes - auch westlichen Geldes, wie sich noch zeigen wird.

Die Zahl der Hinrichtungen in China ist ein Staatsgeheimnis. Auf 4.000 pro Jahr wird sie geschätzt. Die Verurteilten werden per Kopfschuss oder per Injektion getötet. Insider berichten, dass Transplantationskliniken mit Gefängnissen zusammenarbeiten und eigene Teams für die Organentnahme losschicken. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Ärzte an Hinrichtungen beteiligen.

Intensiv wird in China erforscht, wie man mittels Injektionen töten kann, ohne Organe zu schädigen. Wang Lijun, ehemals Polizeichef in Jinzhou und im vergangenen Jahr im Zuge eines Politskandals zu einer langen Haftstrafe verurteilt, leitete mehrere Jahre ein psychologisch-forensisches Forschungsinstitut. Seine Studien zu Hinrichtungsmethoden brachten Wang 2006 den in China renommierten Guanghua Innovation Special Contribution Award ein. Preisgeld: umgerechnet rund 200.000 Euro. In der Laudatio hieß es, er habe eine "brandneue Schutzflüssigkeit" für Organe entwickelt, die eine Transplantation trotz der tödlichen Injektion ermögliche. In seiner Dankesrede sagte Wang, er habe seine Hinrichtungsexperimente "an mehreren Tausend Personen" durchgeführt. Es sei "herzergreifend" gewesen.

Anderswo in der Welt lösen solche Meldungen Entsetzen aus. Was aber kaum jemand weiß: Der Westen ist tief in das chinesische System verstrickt. Auch Patienten westlicher Länder verdanken chinesischen Hingerichteten ihre neuen Nieren, Lebern und Herzen. Pharmafirmen versorgen den Markt in China mit Medikamenten gegen Organabstoßung und forschen zu Transplantationen, bei denen höchstwahrscheinlich Organe von Hingerichteten verwendet wurden. Westliche Kliniken und Ärzte unterstützen chinesische Transplantationszentren, ohne Fragen zu stellen. Westliche Berater der chinesischen Regierung geben vor, den Wandel in der Transplantationspraxis zu befördern, und verfolgen gleichzeitig geschäftliche Interessen in China. Fahrzeuge aus dem Westen werden zu Hinrichtungsmobilen umgebaut. Ein chinesischer Autohändler etwa bietet im Internet einen Wagen einer europäischen Marke mit medizinischen Überwachungsmonitoren und Infusionsapparaten zum Verkauf an - ein schauriges Symbol für das Hand-in-Hand-Arbeiten von Henkern und Ärzten.

Ärzte, die gegen die ethischen Grundsätze ihres Berufsstands verstoßen; der schmale Grat zwischen Kooperation und Komplizenschaft; Verstrickungen, über die viele Beteiligte lieber schweigen - davon berichtet diese Geschichte. Die Frage ist: Wie schwer wiegt die Moral, wie schwer der Forscherehrgeiz, wie schwer das Geld? Und wo muss der Westen Grenzen ziehen, wenn er nicht mitschuldig werden will?

Der Anwalt Han und seine Mandanten können nicht wissen, wer die Organe des im Dezember hingerichteten Mannes erhalten hat, doch es gibt Patienten, die über ihre Transplantation in China sprechen. Mordechai Shtiglits lebt mit seiner Frau in Petach Tikwa bei Tel Aviv. Der 63-Jährige ist trotz seiner 120 Kilo ein vitaler Mann, der Steaks liebt und seine Zeit am liebsten mit seiner Familie verbringt. Während seine Frau im Wohnzimmer Kaffee serviert, zieht er ein Fotoalbum aus einer Schublade. Es dokumentiert seine Reise nach China, die für Shtiglits die letzte hätte sein können.

Als er im November 2005 im Rollstuhl zum Flugzeug geschoben wird, kann Shtiglits kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Seine Frau und die ältere Tochter begleiten ihn nach Shanghai. Am Tag nach der Ankunft wird Shtiglits ins Zhongshan Hospital gebracht, eines der größten Transplantationszentren Chinas. Er bekommt ein Zimmer im modernen Trakt, der Ausländern und reichen Chinesen vorbehalten ist. Shtiglits begegnet dort Patienten aus Kanada, Australien und Hongkong. Sie warten wie er auf eine lebensrettende Operation.

Shtiglits' Herz ist am Ende, es hat nur noch zehn Prozent seiner Leistungsfähigkeit. Das reicht gerade, um ihn am Leben zu halten, mit Glück. Mehrfach hat Shtiglits einen Herzstillstand erlitten, jedes Mal hat man ihn wiederbelebt. Manche Nacht verbringt er im Sitzen, um Luft zu bekommen.

Anderthalb Jahre hat er im Sheba Medical Center bei Tel Aviv gelegen und auf ein neues Herz gewartet. Doch in Israel werden Organe noch seltener gespendet als anderswo auf der Welt. Deshalb nimmt die Familie die Sache in die eigenen Hände. Shtiglits' Sohn sucht im Internet nach einem neuen Herz für seinen Vater. Überall heißt es: "Ja, Sie können kommen, aber für ein Herz müssen Sie mit mehreren Monaten Wartezeit rechnen."

Zeit, die Shtiglits nicht hat, glaubt die Familie. Deshalb fällt die Wahl auf China. Viele Kliniken dort bessern ihr Budget mit Organhandel auf, seit der Staat seine Zuschüsse an Krankenhäuser drastisch gekürzt hat. In China bekommt man ein neues Herz innerhalb von zwei, drei Wochen. Wenn man Glück hat, wie Mordechai Shtiglits, geht es noch schneller.

Eine Woche nach seiner Ankunft in Shanghai teilt der chinesische Chirurg ihm mit, am nächsten Tag werde er sein neues Herz bekommen. Shtiglits erfährt, dass der Spender 22 Jahre alt ist. Er fragt nicht, was dem Mann widerfahren sei. "Ich war krank, ich lag im Sterben", sagt er heute. "Sie deuteten an, er sei das Opfer eines Verkehrsunfalls."

Das ist äußerst unwahrscheinlich. Zwar sterben in China jährlich mehr als 60.000 Menschen im Straßenverkehr. Doch auch chinesische Ärzte wissen nicht im Voraus, wann jemand durch einen Unfall umkommt. Und es gibt im Land bis heute keine zentrale Logistik für eine schnelle Organverteilung.

Die Organentnahme bei Hingerichteten ist weltweit geächtet. Transplantation beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, doch Gefangene können nicht frei entscheiden. So sehen das der Weltärztebund und auch die internationale Transplantation Society. Das ist aber noch nicht das ganze moralische Problem der chinesischen Methode. Wenn zahlungskräftige Patienten pünktlich mit einem Organ versorgt werden müssen, reicht es nicht, darauf zu warten, dass ein passender Spender zufällig zur rechten Zeit hingerichtet wird. "Die Gefängnisbehörden müssen potenzielle Spender gezielt suchen, auf Gesundheit, Blut- und Gewebetyp prüfen und sie hinrichten, solange der Tourist in China ist", schreibt der renommierte New Yorker Ethiker Arthur Caplan 2012 in dem Buch State Organs. Transplant Abuse in China: "Das ist schlicht Tötung auf Bestellung."

Die Geschichte dieser grausamen Praxis beginnt in den achtziger Jahren. Damals steckt das chinesische Transplantationssystem noch in den Anfängen. Doch dann setzt ein bemerkenswerter Aufschwung ein. Der Vize-Gesundheitsminister Huang dokumentiert ihn bei einer Präsentation in Madrid: Die Zahl der verpflanzten Nieren steigt zwischen 1997 und 2005 von 3.000 auf 8.500 pro Jahr, die der Lebern von zwei auf rund 3.000.

Eine Voraussetzung des Booms: neue und bessere Medikamente. Es sind Medikamente, die aus dem Westen kommen.

Das für Transplantationspatienten überlebenswichtige Cyclosporin A der Schweizer Firma Sandoz wird seit Mitte der 1980er Jahre nach China geliefert. Später verkaufen die Schweizer Konzerne Roche und Novartis, heute Eigentümer von Sandoz, sowie das japanische Unternehmen Astellas ihre Antiabstoßungsmittel in der Volksrepublik. Spätestens seit 1994 konnten die Konzerne von den Vorwürfen gegen China wissen: Damals veröffentlichte die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch einen detaillierten Bericht.

Ende 2005 beginnt Roche sein Mittel Cellcept sogar in China zu produzieren. Bei der Einweihungsfeier der Produktionsanlage in Shanghai begründet Roche-Chef Franz Humer laut einem Bericht im Handelsblatt, warum Cellcept ausgerechnet in China hergestellt werden solle: Im Gegensatz zu Japan gebe es dort keine ethischen oder kulturellen Hemmungen gegenüber der Transplantationsmedizin.

Die Regierung mag solche Hemmungen tatsächlich nicht haben. Die Bürger dagegen sind ängstlich. Ihre Bereitschaft, freiwillig Organe zu spenden, tendiert gegen null. Zwischen 2003 und 2009 wurden im ganzen Land nur 130 Organspender registriert. Viele Chinesen misstrauen dem Gesundheitssystem. Sie fürchten sich davor, zu früh für tot erklärt zu werden oder mit einer Körperspende den Organhandel zu unterstützen.

Die westliche Pharmaindustrie ist auch für wissenschaftliche Untersuchungen in China verantwortlich. In Forschungsregistern sind neun klinische Studien mit rund 1.200 Transplantierten verzeichnet, an denen die Firmen Wyeth und Pfizer aus den USA, Novartis und Roche aus der Schweiz und Astellas aus Japan ihre Transplantationsmedikamente getestet haben. Insgesamt haben die Unternehmen für diese Studien mit 20 Kliniken in China kooperiert.

Die ZEIT fragte bei den Pharmafirmen nach, wie sichergestellt wurde, dass für diese Studien keine Organe Hingerichteter einbezogen wurden. Einige Konzerne antworteten gar nicht, andere gingen auf die konkrete Frage nicht ein. Roche und Pfizer versicherten nur, die Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seien eingehalten worden.

Die WHO verlangt, dass Organisation und Ausführung von Transplantationen "transparent und einer Überprüfung zugänglich" sein müssen. Menschenrechtsorganisationen haben vielfach kritisiert, dass China diese Regel permanent verletze.

Sieben Jahre ist es her, dass Mordechai Shtiglits sein neues Herz bekommen hat. Sieben geschenkte Lebensjahre. Shtiglits muss täglich eine Menge Tabletten schlucken, nicht nur gegen die drohende Abstoßung. "Mein ganzer Körper macht Mucken, die Nieren, die Beine, der Kopf... Aber mein Herz ist gut, es arbeitet zu 100 Prozent." Er lacht. "Ich habe ein junges Herz und einen alten Körper."

Seine Nachmittage verbringt Shtiglits in einem kleinen Laden bei einer Tennisanlage, wo er und seine Frau Getränke und Sportartikel verkaufen. Während Shtiglits von seiner Krankheit erzählt, turnt der zweieinhalbjährige Enkel auf einem Spielzeugpferd herum.

Shtiglits sagt: "Seit der Transplantation haben meine Kinder geheiratet, ich habe die Geburt von mehreren Enkelkindern erlebt, noch mehr Enkelkinder sind auf dem Weg. Ich danke Gott - ich kann mich nicht beklagen." Dass in China Organe von Hingerichteten verpflanzt werden, findet er in Ordnung. "Die Chinesen töten die Gefangenen. Das heißt, dass ein Mensch stirbt, egal ob er ein Herz gibt oder nicht."

Mordechai Shtiglits' altes Herz wurde am 22. November 2005 entfernt, so steht es im dürren Entlassungsbrief, den die Ärzte des Zhongshan Hospital ihm mitgaben: Er enthält nur Shtiglits' klinischen Befund bei der Aufnahme, ein paar Laborwerte sowie Angaben über die verabreichte und die empfohlene Medikation. Kein Wort zum Spender oder zum transplantierten Organ, wie sonst üblich in solchen Briefen. Bis zum Jahr 2011 wurden am Zhongshan Hospital 300 Herzen transplantiert. Mit welchen Einrichtungen das Krankenhaus dafür zusammenarbeitet, beantwortet der Klinikleiter auf Anfrage der ZEIT nicht. "Transparent und einer Überprüfung zugänglich", wie es die WHO fordert, ist etwas anderes.

Den Tag der Transplantation hat die Familie auf einem Foto festgehalten: Shtiglits mit Kippa, im Gebet mit einem engen Freund, der in Shanghai lebt. Nachmittags gegen zwei wird Shtiglits in den Operationssaal geschoben. Shtiglits' Frau Ida und die Tochter Osnat warten im Vorraum. "Mitten in der Operation kam der Arzt heraus und gab mir einen Plastikhandschuh mit etwas Blutigem darin", erinnert sich Osnat. "Er sagte: Das ist der Herzschrittmacher Ihres Vaters."

Am nächsten Tag können Mutter und Tochter Mordechai Shtiglits schon durch eine Scheibe zuwinken.

Er erholt sich mit jedem Tag. "Man konnte sehen, wie die Farbe in sein Gesicht zurückkehrte", sagt Osnat. Ihr Vater hat eine persönliche Pflegerin, die ihn rund um die Uhr betreut. "Das Personal war immer verfügbar", sagt Osnat. "Wir hatten die bestmögliche Behandlung."

Tatsächlich erzielen einige große chinesische Transplantationszentren heute Ergebnisse, die mit denen westlicher Kliniken vergleichbar sind. Doch "der Erfolg kam nicht schnell und nicht einfach", wie Vize-Gesundheitsminister Huang in der Zeitschrift Liver Transplantation versichert. Huang, der sich in der Fachwelt gern und oft äußert, Fragen der ZEIT aber unbeantwortet lässt, ist als Transplanteur auf die komplizierte Leberverpflanzung spezialisiert. "Ganze Transplantationsteams aus der Volksrepublik" seien im Ausland trainiert worden, schreibt er. Er selbst hat seine Fähigkeiten in Australien perfektioniert.

Heute dürfte Huang in Australien bei einer Transplantation vermutlich nicht mitoperieren. Medizinische Zentren dort stellen mittlerweile Bedingungen, wenn sie chinesische Chirurgen ausbilden. Stephen Lynch, Chefarzt am Princess Alexandra Hospital in Brisbane, verlangt von Bewerbern eine schriftliche Versicherung ihres Klinikdirektors oder eines Verantwortlichen von der Provinzregierung, "dass die bei uns erlernten Fähigkeiten nicht in Transplantationsprogrammen angewandt werden, die hingerichtete Gefangene als Spender nutzen".

Deutsche Ärzte sind weniger skrupulös. Das Deutsche Herzzentrum Berlin, an dem seit der Gründung 1986 fast 2.300 Herzen verpflanzt wurden, arbeitet mit mehr als 30 Kliniken in der Volksrepublik zusammen, darunter auch Transplantationszentren. Schon 2005 berichtet der persönliche Assistent des Ärztlichen Direktors Roland Hetzer im Sender Radio China International stolz über "neun feste Kooperationen mit Kooperationsurkunde oder einem Schild an der Tür". Initiator der Zusammenarbeit ist der langjährige Vertreter Hetzers, Weng Yuguo, ein aus der Provinz Sichuan stammender Herzchirurg mit deutschem Pass. "Mehr als 500 Ärzte [...] aus China haben über die Jahre an unserer Arbeit in Berlin teilgenommen", verkündet Hetzer im Mai 2012 bei der Eröffnung einer herzchirurgischen Tagung in Shanghai. "Einige der Chirurgen haben ein komplettes Training über fünf Jahre absolviert. Sie alle haben nach der Rückkehr in ihr Heimatland gute Arbeit geleistet."

Man könnte es auch anders formulieren: In Deutschland bekommen chinesische Ärzte das Handwerkszeug, das es ihnen erlaubt, in China Organe von Hingerichteten zu verpflanzen. Das Handwerkszeug für Menschenrechtsverletzungen.

Der Chirurg Liu Zhongmin gehört zu den Ärzten, die mehrere Jahre in Berlin gearbeitet haben. Heute ist er Executive Director des Chinesisch-Deutschen Herzinstituts in Shanghai, das im Jahr 2000 vom Deutschen Herzzentrum und vom Shanghai East Hospital gegründet wurde. Die Klinik ist der engste Kooperationspartner der Deutschen in China. Lius Qualifikationen sind auf der Website des Herzinstituts nachzulesen: Er sei der klinischen Forschung zu "Herztransplantation, Kunstherz und kombinierter Herz-Lungen-Transplantation" verpflichtet. Wie viele Herzen wurden insgesamt am Chinesisch-Deutschen Herzinstitut verpflanzt? Woher stammten die Organe? Auf diese schriftlichen Fragen der ZEIT gibt Liu keine Antwort.

Weng, der langjährige Vertreter Hetzers und heutige Senior Oberarzt am Deutschen Herzzentrum, ist wie der Chirurg Liu Executive Director am Chinesisch-Deutschen Herzinstitut. Mehrmals im Jahr reist er nach China. Er hat die Operation geleitet, bei der 2001 das erste Kunstherz Chinas eingesetzt wurde.

Auch er schweigt gegenüber der ZEIT, ebenso wie Hetzer selbst.

Im Sommer 2012, am Rande eines Kongresses, sprechen wir Hetzer auf die Organentnahme bei Hingerichteten in China an. Er sagt: "Natürlich unterstütze ich das nicht, aber es ist nicht so, dass man primär sagen kann, das ist falsch. Der wird hingerichtet und nimmt seine Organe mit ins Grab. Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie wüssten, Sie würden morgen geköpft werden?"

Jacob Lavee, der Arzt von Mordechai Shtiglits, findet schon die Abwägung dieser Frage unethisch. Es ist, glaubt er, eine Frage, die sich ein Arzt nicht stellen darf. Aber dann öffnete er eines Tages im Herbst 2005 die Tür zu dem Krankenzimmer im Sheba Medical Center, in dem sein damals schwer kranker Patient lag.

Shtiglits war seit Jahren bei Lavee in Behandlung. Lavee, Direktor der Abteilung für Herztransplantation an der Klinik, konnte ihm schon lange kaum mehr Hoffnung machen. An jenem Tag aber war Shtiglits guten Mutes. Er verkündete, er werde nach China fliegen und in zwei Wochen eine Herztransplantation haben. "Ich lächelte ihn an und sagte, das sei nicht möglich", erinnert sich Lavee, "aber es war ihm todernst."

Lavee hatte schon von Patienten gehört, die für eine Niere nach China reisten, doch dies hatte eine neue Dimension. Eine Niere oder Leberteile kann man lebenden Spendern entnehmen. "Wenn jemand ein Herz bekommt, heißt das, dass jemand anderes sterben muss."

Shtiglits ist der erste, aber nicht der letzte von Lavees Patienten, die für ein Herz nach China reisten. Der Transplanteur weiß von einem Dutzend Fällen. Ein oder zwei Patienten starben, andere kehrten wie Shtiglits in guter Verfassung zurück. Als Arzt will Lavee das Beste für seine Kranken, doch er ist nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. "Auch wenn es mich selbst beträfe", sagt er, und man glaubt es ihm: "Ich ginge nicht nach China. Und wenn ich dann sterben müsste." Lavee sagt aber auch: "Ich klage die Patienten nicht an. Wenn das Leben bedroht ist, greift man nach jedem Strohhalm."

Nach Shtiglits' Rückkehr aus China behandelt Lavee seinen Patienten weiter. Der Herzspezialist freut sich über die Fortschritte, die Shtiglits macht. Zugleich beginnt er, politisch dagegen zu kämpfen, dass weitere Patienten ein chinesisches Herz bekommen.

Eine israelische Besonderheit erleichterte Shtiglits den Weg nach China: Die Kosten aller Auslandstransplantationen wurden seinerzeit von der Krankenversicherung erstattet, bis zum in Israel üblichen Satz. Shtiglits sagt, in seinem Fall habe das Gesamtpaket rund 170.000 Dollar gekostet - der Flug erster Klasse mit Ehefrau und Tochter, das Hotel in Shanghai, ein Übersetzer und ein persönlicher Betreuer für die Dauer des sechswöchigen Aufenthalts, die medizinische Behandlung und die Medikamente.

170.000 Dollar sind nicht viel in der Organhandelsbranche - China zählt auch auf diesem Gebiet zu den Billiganbietern. Shtiglits allein hätte das Geld aber wohl kaum aufgebracht. Auch die 65.000 Dollar für eine Niere wären für die meisten der 250 in China behandelten Israelis nicht bezahlbar gewesen. Lavee beschloss, dass der Kostenerstattung ein Ende gemacht werden müsse.

Er veröffentlichte Artikel in Fachzeitschriften, die von der israelischen Presse aufgegriffen wurden. Er diskutierte im Fernsehen mit Shtiglits, immer freundlich, aber in der Sache unversöhnlich. Er organisierte eine Konferenz unter der Schirmherrschaft der israelischen Transplantationsgesellschaft. Und er hatte Erfolg: Das israelische Transplantationsgesetz, das 2008 in Kraft trat, verbietet die Kostenerstattung für Auslandstransplantationen, wenn Organhandel im Spiel ist. Gleichzeitig soll das Gesetz die Chancen israelischer Bürger auf ein Organ im eigenen Land erhöhen: Wer einen Organspende-Ausweis besitzt, wird fortan bevorzugt behandelt, falls er selbst eine Transplantation braucht.

Seit das Gesetz in Kraft getreten ist, sei kein israelischer Patient mehr für eine Transplantation nach China gereist, sagt Lavee. In einem so kleinen Land kann ein Spezialist wie er das überblicken. In Internetforen wird Lavee nun als ein Arzt beschimpft, der den Weg der Patienten nach China blockierte.

"Auf diesen Vorwurf bin ich sehr stolz", sagt Lavee.

Doch er ist noch nicht am Ende seiner Mission. Denn der internationale Organtourismus geht weiter, auch wenn die chinesische Führung sich offiziell um Reformen bemüht.

Seit 2007 ist der Organhandel in China gesetzlich verboten. Das bedeutet nicht, dass Häftlingen keine Organe mehr entnommen werden dürften - dies ist weiterhin erlaubt. Die neuen Gesetze besagen: Organe, woher auch immer sie stammen, dürfen nicht mehr gegen Geld vermittelt werden, zum Beispiel an reiche Chinesen oder Europäer. Ab und zu gibt es jetzt publicityträchtige Aktionen: Im August 2012 zum Beispiel verhaftete die chinesische Polizei bei einer Razzia gegen mutmaßliche Organhändler 137 Personen, darunter 18 Ärzte. Doch zugleich werben Websites wie chinahealthtoday.com, placidway.com und novasans.com unverhohlen um Kunden weltweit: "Herztransplantation im Ausland - Klinikführer und Medizintourismus-Einrichtungen in China". Und der Staat? Lässt die Kliniken, die dahinterstehen, meist gewähren.

Organhandel, der von der Regierung geduldet wird. Hinrichtungen, die Material für Transplantationen liefern. Das ist erschreckend, aber es ist noch nicht alles. Es gibt noch einen weiteren, noch schlimmeren Verdacht. Man könnte ihn für die Spinnerei eines Thrillerautors halten, der ein Remake des Schockers Fleisch drehen will. Wenn da nicht der kanadische Anwalt David Matas und der ehemalige kanadische Staatssekretär David Kilgour wären, die 2010 für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. Akribisch haben sie seit 2006 Fakten gesammelt. Der amerikanische Kongress hat sich im vergangenen Herbst mit dem beschäftigt, was sie zusammengetragen haben.

Matas' und Kilgours Material legt nahe, dass in China auch Häftlinge aus Arbeits- oder aus Umerziehungslagern getötet werden. Es geht bei ihren Recherchen um Angehörige der Falun-Gong-Bewegung, die buddhistische Meditationstechniken praktiziert - Menschen, die gar nicht zum Tode verurteilt sind, die aber angeblich sterben müssen, weil ihre Organe zu einem Kranken passen.

Kann das sein? Tatsache ist: Mitglieder von Falun Gong werden in China verfolgt. Fakt ist aber auch: Jede Propaganda der chinesischen Regierung beantwortet die Falun-Gong-Bewegung mit geschickter Gegenpropaganda, vor allem im Ausland. Genau deshalb haben die beiden Kanadier Matas und Kilgour alles versucht, um sich in ihrer Recherche möglichst unabhängig zu machen von Aussagen der Falun-Gong-Anhänger. Sie sammelten nicht nur Material über Falun-Gong-Gefangene, die in der Haft medizinisch untersucht wurden, die spurlos aus Lagern verschwanden oder bei deren Leichen Körperteile fehlten. Sie interviewten auch ausländische Patienten, die in China eine Niere oder eine Leber verpflanzt bekamen. Es gelang ihnen sogar, ehemalige Mittäter über die Organentnahme bei Falun-Gong-Häftlingen zu befragen. Und sie dokumentierten Telefonate von Ermittlern, die sich als Patienten oder Angehörige ausgaben und bei chinesischen Transplantationszentren wegen Organen von Falun-Gong-Praktizierenden anfragten - Falun-Gong-Anhänger gelten als besonders geeignete Spender, während Strafgefangene häufig mit Hepatitis B infiziert sind.

Auch ein Telefonat mit dem Zhongshan Hospital wird im März 2006 aufgezeichnet - vier Monate nachdem Mordechai Shtiglits dort sein neues Herz bekam. Auf die Frage des Anrufers, ob auch Organe von Falun-Gong-Praktizierenden verpflanzt würden, antwortet ein Arzt: "Unsere sind alle von dem Typ."

Die Vorwürfe der beiden Kanadier seien "gut recherchiert und sehr schwerwiegend", sagt Manfred Nowak, Professor für Völkerrecht an der Universität Wien und bis zum Jahr 2010 UN-Sonderberichterstatter über Folter. Ein wichtiges Indiz sei, dass der starke Anstieg der Transplantationszahlen in China zeitlich mit der Verfolgung von Falun Gong zusammenfalle. Im Namen der Vereinten Nationen bat Nowak die chinesische Regierung in dringenden Aufforderungen - im UN-Jargon: urgent appeals - um genaue Angaben, woher all die transplantierten Organe stammen. Die Volksrepublik China habe alle Vorwürfe stets als Propaganda zurückgewiesen, sagt Nowak, aber nie entkräftet.

Nachdem sich der US-Kongress mit den Recherchen von Matas und Kilgour sowie weiteren Erkenntnissen befasst hatte, unterzeichnete etwa ein Viertel der Mitglieder des Repräsentantenhauses einen Brief an die damalige Außenministerin Hillary Clinton. Darin forderten sie das State Department auf, mögliche Informationen, die es über den "unglaublichen Missbrauch bei Organtransplantationen" besitzen könnte, öffentlich zu machen.

Michael Millis, Cheftransplanteur an der renommierten University of Chicago Medicine, möchte gar nicht so viel über das chinesische Transplantationssystem wissen. Er sagt, er sei "bewusst nicht in die Details des Gefangenenspender-Systems eingetaucht". Das ist bemerkenswert, denn Millis berät die chinesische Regierung seit mehr als einem Jahrzehnt in Transplantationsfragen. Mit Vize-Gesundheitsminister Huang ist er sogar befreundet. Millis wusste nach eigenen Worten von Anfang an, dass in China Organe von Hingerichteten entnommen werden, obwohl die Regierung dies in den ersten Jahren seiner Beratertätigkeit offiziell leugnete. Er selbst hat allerdings, wie er sagt, nie in China transplantiert. Er beschränke sich darauf, dort Reden und Vorlesungen zu halten, wie er betont. Millis will in China "ein international akzeptiertes und ethisch einwandfreies Transplantationsprogramm entwickeln". Er sagt, ihm schwebe ein "freiwilliges System" vor, "das die Anschuldigungen eliminiert".

In Millis' Vorzimmer künden Fotobände von der China-Begeisterung des Chefs: Sohn Andrew beim Tauchen in China, Vater und Sohn in einer chinesischen Klinik, die ganze Familie beim Gruppenfoto mit dem Vize-Gesundheitsminister. Millis, sein Sohn und Huang haben auch schon gemeinsam in der Fachzeitschrift The Lancet publiziert.

Auf die mutmaßliche Organentnahme bei inhaftierten Falun-Gong-Anhängern angesprochen, sagt Millis: "Das ist kein Einflussgebiet von mir, es gibt viele Dinge auf der Welt, die nicht mein Fokus oder Interesse sind."

Millis findet, wichtige Schritte seien schon gemacht. Seit der Organhandel in China verboten ist, benötigen Transplantationszentren eine Lizenz des Gesundheitsministeriums. Allerdings führen Militärkrankenhäuser ein Eigenleben und sind sogar für Partei und Regierung kaum kontrollierbar. Selbst Vize-Gesundheitsminister Huang bezeichnet die Organentnahme bei Hingerichteten mittlerweile als "ethisches Problem". Es ist nicht klar, ob er dabei aus Überzeugung spricht oder ob der internationale Druck zu groß geworden ist. Völlig abschaffen will Huang die Verwendung von Organen Hingerichteter jedenfalls nicht. Die chinesische Regierung will lediglich die Abhängigkeit von der Gefangenenspende verringern - schließlich gehen die Hinrichtungszahlen seit einigen Jahren zurück. Mit dem chinesischen Roten Kreuz wurde deshalb ein Pilotprojekt gestartet, um freiwillige Organspenden zu fördern.

Und Cheftransplanteur Millis? Hat geschäftliche Interessen in China. Mit der Firma Vital Therapies Inc. will er eine künstliche Leber auf den Markt bringen: Das sogenannte ELAD-System soll Menschen mit Leberversagen stabilisieren, bis ihr Organ sich erholt hat oder ein neues transplantiert werden kann. Millis ist Vorstandsmitglied von Vital Therapies. Vor sieben Jahren begann in China eine Pilotstudie zu ELAD mit 49 Patienten, im Jahr darauf beantragte Vital Therapies die Zulassung in China. Der potenzielle Markt dort ist riesig: 300.000 Patienten im Endstadium einer Lebererkrankung.

Im Juli 2012 ist Michael Millis zu Besuch in Berlin. Dort findet der 24. Internationale Transplantationskongress statt. Mehr als 5.000 Besucher aus aller Welt tauschen sich über neueste Entwicklungen in der Transplantationsmedizin aus. Roland Hetzer, der Ärztliche Direktor des Deutschen Herzzentrums, ist auch da. Vor dem Internationalen Congress Centrum haben Falun-Gong-Anhänger einen Stand aufgebaut. Eine zierliche Asiatin streckt den Besuchern Flugblätter entgegen. Sie heißt Liu Wei. Flugblätter, behauptet sie, seien es auch gewesen, die ihr im September 2001 zum Verhängnis wurden: Flyer ihrer Falun-Gong-Gruppe, die sie zu verstecken vergessen hatte. Die heute 40-Jährige arbeitete damals bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Peking. 16 Monate verbrachte sie nach ihrer Verhaftung in Gefangenschaft. Sie sei geschlagen und durch Schlafentzug gefoltert worden, erzählt Liu.

Eines Tages, sagt sie, sei ein Team von zehn Ärzten und zehn Polizisten ins Gefängnis gekommen, um sie und andere Gefangene zu untersuchen. Nur die Falun-Gong-Anhänger seien herausgerufen worden. Man habe ihr daraufhin Blut abgenommen, ihre inneren Organe seien per Ultraschall gescannt worden, die Ärzte hätten sie nach Vorerkrankungen in ihrer Familie gefragt. Fünf bis sechs Mal habe es solche Untersuchungen gegeben. Von den Ergebnissen hörte sie nie etwas.

Dem ständigen Druck im Lager war Liu nicht gewachsen. Zum Schein begann sie, sich von Falun Gong loszusagen. "Ich fühlte mich wie abgestorben", sagt sie. "Aber ich war noch jung, ich wollte leben."

Als Liu Ende Januar 2003 aus der Gefangenschaft entlassen wurde, stellte die GTZ sie wieder ein. Ein Jahr später reiste Liu nach Deutschland aus. Heute sagt sie: "Ich hatte großes Glück, dass zu jener Zeit offenbar keines meiner Organe von einem Patienten gebraucht wurde."

Während Liu draußen Flugblätter verteilt, eröffnet drinnen Kongresspräsident Peter Neuhaus von der Universitätsklinik Charité die Pressekonferenz.

Er freue sich besonders, dass 160 chinesische Kollegen den Weg nach Berlin gefunden hätten, sagt er. Von einem Journalisten nach der Organentnahme bei Hingerichteten in China gefragt, sagt Neuhaus: "Dass das so gewesen ist, ist unbestritten." Der chinesische Vize-Gesundheitsminister habe ihm aber vor zwei, drei Jahren versichert, dass der Staat nun darauf achte, dass so etwas nicht mehr passiere.

Die chinesische Regierung achtet auf vieles. Auch darauf, dass Berichte wie der des Pekinger Anwalts Han Bing aus dem Internet verschwinden.