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Der Neustart

Von Bastian Berbner

In Honduras gehören Armut, Drogen und Schulden zum Alltag. Wäre das mittelamerikanische Land ein Mensch, würde man sagen: Fang noch mal von vorne an. Aber ein Land kann nicht von vorne anfangen. Oder doch? Chronik eines gewagten Experiments von Bastian Berbner

Manchmal ist ein Sarg ein gutes Wahlgeschenk. Zusammengenagelt aus billigem Holz, beige oder grau gestrichen, dazu Kerzen, ein paar Blumen, Kaffee und Gebäck für die Trauergäste. In Honduras kann man sich damit beliebt machen. Hier gleiten die Toten meist in löchrigen Plastikplanen ins Grab, weil ihre Angehörigen sich nichts anderes leisten können.

Am 24. November sind Parlamentswahlen in Honduras. Gut für alle, die einen geliebten Menschen beerdigen müssen. Im Wahlkampf verschenken manche Politiker neuerdings Bestattungen. Es gibt viele Tote in Honduras.

Alle 74 Minuten stirbt hier ein Mensch einen gewaltsamen Tod. Nirgendwo auf der Welt ist die Mordrate höher.

95 Prozent des Kokains, das die USA erreicht, wurde zuvor durch Honduras geschmuggelt.

Fast jeder zweite der acht Millionen Honduraner lebt von weniger als 1,25 Dollar am Tag.

Nur 250.000 Honduraner zahlen Steuern.

Tegucigalpa, die Hauptstadt, ist ein urban gewordener Albtraum. Am Rand wuchern Wellblechsiedlungen die Hügel hinauf, dort bekriegen sich die Drogenbanden. Im Stadtzentrum wachen private Sicherheitsleute vor Hotels und Restaurants. Wer es sich leisten kann, umstellt sein Haus mit einer Mauer, darauf doppelt gerollter Stacheldraht.

Octavio Sánchez glaubt zu wissen, wie sich der Albtraum beenden lässt. Er hat eine Idee, die den Durchbruch bringen soll im Kampf gegen Armut und Kriminalität. Nicht nur in Honduras, sondern auf der ganzen Welt.

Sánchez sitzt auf einem kleinen gelben Sofa in Tegucigalpa, im ersten Stock des von Palmen umgebenen Präsidentenpalastes. Hinter ihm wummert die Klimaanlage. Sánchez ist 37 Jahre alt, ein pausbäckiger Mann mit scharfem Seitenscheitel. Sein Vater war Psychiater, seine Mutter Sekretärin. Wäre Sánchez nach der Schule im Land geblieben, wäre er wahrscheinlich Anwalt geworden. Obere Mittelschicht in Honduras.

Sánchez aber ging in die USA, schaffte es an die Harvard-Universität, studierte Jura, dann kam er zurück in die Heimat. Heute ist er Stabschef des honduranischen Präsidenten, er ist Politiker.

Sánchez war 15 Jahre alt, als er sich mit Stift und Papier hinsetzte und eine Geschichte schrieb: das Gedankengebäude eines pubertären Idealisten, der erschüttert ist von der Armut, die er auf den Straßen sieht. Sánchez nannte seine Geschichte Estirpe Maya, Stamm der Maya, weil die Maya in Honduras einst ein blühendes Reich errichtet hatten. Doch Sánchez' Roman spielt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft, im Jahr 2050. Es geht darum, wie Honduras zu einem der reichsten Länder der Welt aufsteigt. Der junge Sánchez beschreibt Bildungsreformen, die Befreiung der Frau, eine florierende Wirtschaft. Im letzten Kapitel ist Honduras Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.

Als seine Mutter das Buch las, sagte sie: "Octavio, später kannst du in die Politik gehen und das Land verändern." Das war 1991.

Seit elf Jahren arbeitet Octavio Sánchez für die Regierung. An seinem ersten Arbeitstag, damals als Referent für Landreformen, trug er einen Zettel in der Tasche. Darauf hatte er zwanzig Vorschläge geschrieben, wie sich das Land reformieren ließe. Ein neues Gesetz für den Arbeitsmarkt, ein anderes Gesundheitssystem, Experimente in der Bildungspolitik.

Er trug seine Gedanken vor, versuchte, Staatssekretäre zu überzeugen, Minister, manchmal hatte er Erfolg, sie stimmten ihm zu, ein paar Gesetze wurden geändert, trotzdem blieb Honduras so arm, wie es war.

Heute, als wichtigster Berater des Präsidenten, sagt Octavio Sánchez: "Wir haben die Kontrolle über unser Land verloren. Wir haben versucht, es zu reformieren, und sind gescheitert."

Seine Erklärung dafür lautet zusammengefasst so: Wir wollen den Drogenhandel bekämpfen. Dafür brauchen wir die Polizei. Aber viele Polizisten bessern ihren Sold auf, indem sie selbst Drogen schmuggeln. Das könnten wir verhindern, indem wir die Beamten besser bezahlen. Aber dafür haben wir kein Geld. Um mehr Geld in die Staatskassen zu bringen, müssen wir die Wirtschaft ankurbeln. Aber niemand investiert in einem Land, das vom Drogenhandel durchsetzt ist.

Wäre Honduras kein Staat, sondern ein Mensch, würde man sagen: Du musst noch mal neu anfangen, sonst wird das nichts. Bei einem Land geht das nicht.

Oder vielleicht doch?

Das ist die Idee, die Sánchez mit sich herumträgt. Eine Idee, wie sie nur ein Land umsetzen kann, das am Abgrund steht. Er sagt: Wir drehen alles zurück auf null, schaffen ab, was uns Probleme bereitet, Gesetze, Institutionen, die Polizei, die Regierung, die Gerichte, einfach alles. Und dann fangen wir noch mal ganz von vorn an, machen aber diesmal alles richtig. Ein nationaler Neustart. Könnte das gelingen?

Es ist ungefähr acht Jahre her, da sitzt Sánchez, damals noch Referent für Landreformen, in Tegucigalpa mit einem amerikanischen Freund zusammen, dem Politikberater Mark Klugman, der als Redenschreiber für die US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior gearbeitet hat.

Es wird spät an diesem Abend in Tegucigalpa, und die beiden Männer lassen ihre Gedanken fliegen. Ein Neustart - aber wie? Kann man ein Land abschaffen und neu gründen? Klugman nimmt eine Serviette und beginnt, die Umrisse von Honduras daraufzumalen. Ein schiefes Dreieck, unten die Pazifik-, oben die Karibikküste. In die Mitte setzt er einen Punkt. So werden Sánchez und Klugman es Jahre später übereinstimmend erzählen.

"Was, wenn ihr so anfangt?", fragt Klugman. "Statt wie bisher wenige Reformen nacheinander im ganzen Land macht ihr alle Reformen auf einmal an einem kleinen Ort." Er stelle sich das vor wie die Geburt eines Kindes, sagt Klugman. Ein Kind werde perfekt geboren, alles sei von Anfang an am richtigen Platz, zwar winzig klein, aber es funktioniere. Das Kind, der Ort: Beide müssten dann nur noch wachsen.

Sánchez ist begeistert. Eine völlig neue Stadt, erbaut nach einem Masterplan. Eine Stadt, in der man Dinge nachahmen kann, die sich anderswo bewährt haben. Das britische Justizsystem zum Beispiel, das er als Jurist so schätzt. Oder das skandinavische Sozialsystem. Wieso eigentlich nicht?

Sánchez malt sich eine perfekte Stadt aus, mit einer boomenden Wirtschaft, mit Sicherheit und Wohlstand für die Bürger, vielleicht gelegen an der Karibikküste.

Sánchez ist Mitglied der Nationalpartei. Sie ist konservativ, christlich, wirtschaftsliberal. Das ist interessant, weil der Kampf gegen die Armut meist eher mit linken Konzepten verbunden wird. Sánchez ist ein Idealist von rechts. Er hält den Kapitalismus nicht für böse. Das Problem in Honduras, glaubt er, sind nicht die Unternehmen, sondern die Politiker, die es nicht schaffen, die Gesellschaft so zu ordnen, dass die Menschen es zu Wohlstand bringen können.

2010 kommt seine Nationalpartei an die Regierung. Präsident wird Porfirio Lobo, ein bodenständiger Mann vom Land, den alle Pepe nennen. Einen seiner Mitarbeiter schätzt der neue Regierungschef besonders: Octavio Sánchez, seinen Wahlkampfmanager.

Lobo macht Sánchez zu seinem Stabschef im Präsidentenpalast. Sánchez ist jetzt derjenige, der entscheidet, welche politischen Konzepte auf Lobos Schreibtisch landen. Er könnte zu ihm gehen und sagen: Das Problem, das Honduras hat, sind auch wir - die Regierung, der Staat, die Gesetze. Wenn wir das Land wirklich reformieren wollen, sollten wir all das abschaffen und von vorne anfangen. Und zwar als Erstes in einer neu zu gründenden Stadt.

Aber noch fehlt ihm der Mut. Noch erscheint ihm sein eigener Vorschlag als zu fantastisch.

Zu diesem Zeitpunkt hat Sánchez noch nie von einem Mann namens Paul Romer gehört. Er weiß nicht, dass Romer 3.200 Kilometer nördlich, an der University of New York mitten in Manhattan, ebenfalls an einem ungewöhnlichen politischen Konzept bastelt. Romer, 58, ist Professor für Volkswirtschaftslehre. Er gilt als Star seines Faches.

Romers Händedruck ist leicht, seine Stimme sanft. Im Washington Square Park gegenüber der Universität spielen Kinder an einem Brunnen. Es ist Sonntag, im siebten Stock der Stern Business School ist alles ruhig. Romer ist oft sonntags hier. Dann könne er ungestört arbeiten, sagt er. Er wohnt nur ein paar Häuserblocks entfernt.

In den späten achtziger Jahren beschäftigte sich Romer als junger Ökonomieprofessor mit einer der größten Fragen, die sein Fach bereithält: Woher kommt das Wirtschaftswachstum? Er entwickelte ein Modell, wonach es vor allem Ideen sind, Erfindungen, die den Kapitalismus antreiben. Seine Theorie revolutionierte die Volkswirtschaftslehre. Seit Jahren gilt Romer als Favorit für den Wirtschaftsnobelpreis.

2001 gründet er ein Software-Unternehmen, das gegen viele Widerstände Online-Learning an Universitäten einführt. Die Idee macht ihn reich.

Dann wendet sich Romer der Entwicklungspolitik und damit einer weiteren großen Frage zu: Wie lässt sich Armut bekämpfen? Romer wird angeboten, Chefökonom der Weltbank zu werden, doch er lehnt ab. Er will nicht Teil eines Apparates sein.

Romer hält alle bisherigen Konzepte der Entwicklungspolitik für gescheitert. Hilfszahlungen, ob verteilt mit der Gießkanne oder punktgenau an einzelne Projekte, Mikrokredite, Bildungsinitiativen - im Kleinen mag das einen Unterschied machen, aber nicht im Großen. Und darauf kommt es Romer an. Er will nicht Einzelne aus der Armut befreien, sondern ganze Länder, Gesellschaften, Volkswirtschaften.

Romer glaubt den Schlüssel gefunden zu haben, als er sich mit der Geschichte Hongkongs beschäftigt. Wie konnte es sein, fragt er sich, dass diese Stadt früh florierte, während die umliegenden Regionen Chinas bitterarm blieben? Romer fasst seine Antwort in einem Wort zusammen: Regeln.

Es waren die Normen und Institutionen der britischen Kolonialherren, die in Romers Augen das Wachstum erzeugten. Sie funktionierten so gut, dass am Ende sogar die chinesische Regierung unter Deng Xiaoping sich Hongkong zum Vorbild nahm für Reformen, die das Fundament für Chinas Aufstieg schufen. "In gewisser Weise hat Großbritannien durch seine Aktivitäten in Hongkong die Armut in der Welt stärker reduziert als alle Hilfsprogramme des letzten Jahrhunderts zusammen", sagt Romer.

Warum also die Erfolgsgeschichte Hongkongs nicht anderswo wiederholen?

Romer entwickelt ein Konzept. Ein abgewirtschaftetes Land, das seine Bürger aus der Armut führen will, solle einen Teil seines Territoriums an einen westlichen Staat verpachten, schlägt er vor. Vielleicht an die Schweiz, an Kanada oder Norwegen. An einen Staat mit bewährten, eingespielten Regeln. Dieser solle dort eine Stadt bauen, mit eigener Regierung, eigener Polizei, eigenen Gesetzen. Eine westliche Enklave in einem Entwicklungsland.

Diese Stadt, glaubt Romer, würde ein Quell des Wohlstands werden. Sie würde die armen Massen anziehen, die nicht mehr auf gefährlichen Wegen nach Europa oder Nordamerika fliehen müssten. Sie könnten in die neue Stadt ziehen, nach deren Gesetzen leben und am Aufschwung teilhaben, so wie die Menschen im Hongkong des 20. Jahrhunderts. Romer nennt sein Konzept "Charter City", Stadt mit eigener Verfassung, eigener Charta.

Romer stellt seine Idee auf Konferenzen und Kongressen vor. Er richtet eine Website ein, gibt Interviews. Manchmal bekommt er zu hören, er sei nicht ganz bei Sinnen.

Romer könnte antworten, dass auch die Brüder Wright verspottet wurden, bevor sie zum ersten Mal flogen. Er könnte anführen, dass Thomas Edison, der Erfinder der Glühlampe, als Kind von der Schule flog, weil die Lehrer seine Genialität mit Verrücktheit verwechselten.

Romer erzählt lieber die Geschichte von den Ziegen. Wenn Bergziegen im Spätsommer vom Berg ins Tal wandern, sagt er, nehmen sie stets den gleichen Weg. Manchmal weicht die eine oder andere ein wenig ab, aber am Ende kommen alle Ziegen im selben Tal an wie im Jahr zuvor. Auch wenn dieses Tal längst abgegrast ist. Bis in einem Sommer eine Ziege auf den Gipfelgrat steigt und auf der anderen Seite ein anderes Tal erblickt, ein schöneres, grüneres. Die übrigen Ziegen wollen dort nicht hin. Aber die eine Ziege geht voran, und zögerlich folgen die anderen.

Die Lösung liegt nahe, man muss nur in die richtige Richtung schauen. Das ist es, was Romer mit dieser Geschichte sagen will.

Das Problem ist nur: Wie schafft es Romer, dass die anderen ihm zu den grünen Wiesen folgen, die er zu sehen glaubt?

Was ihm fehlt, ist ein Land, das die Theorie in Wirklichkeit verwandelt.

Romer fliegt von einem Entwicklungsland zum nächsten und trägt Ministern und Staatschefs sein Konzept vor. Am 23. Dezember 2008 trifft er in Madagaskar den Präsidenten Marc Ravalomanana. Der hat über Weihnachten frei und empfängt Romer hemdsärmelig im Arbeitszimmer seiner Privatwohnung. Romer stellt seine Idee vor. Ravalomanana ist begeistert. Er sagt, eine Stadt sei zu wenig, er wolle gleich zwei bauen. Für 99 Jahre werde er das Land verpachten, Romer solle zwei Staaten finden, die die Städte bauen wollen. Romer steht kurz vor dem Ziel.

Als der Plan in Madagaskar bekannt wird, ist die Öffentlichkeit empört. Ravalomanana, der sich aus armen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat, ist der größte Industrielle des Landes. Als Präsident betreibt er seit Jahren eine ultraliberale Wirtschaftspolitik. Jetzt, da er auch noch ausländische Städte auf heimischem Boden gründen will, beschuldigt ihn die sozialistische Opposition des Verrats am Vaterland. Bei Demonstrationen fliegen selbst gebastelte Handgranaten. Die Polizei erschießt 28 Menschen. Das Militär schreitet ein und stürzt den Präsidenten.

Paul Romer steht wieder am Anfang.

Im Sommer 2009 fliegt er nach England. Eine amerikanische Non-Profit-Organisation veranstaltet in Oxford eine TED-Konferenz. TED steht für Technologie, Entertainment, Design.

Es ist ein Treffen, das den Blick in die Zukunft richten soll. Wer immer eine Idee hat, die er für mächtig und inspirierend hält, kann sie auf den TED-Konferenzen vortragen, kurz, emotional, möglichst mitreißend. Der amerikanische Politiker Al Gore hat hier über den Klimawandel gesprochen, Apple-Gründer Steve Jobs über seinen Umgang mit dem Krebs. Romer will seine Idee von der Charter City vorstellen.

Romer ist kein Inspirator. Er ist ein Analytiker, ein Mann der Zahlen, aber der Rahmen ist perfekt. Im Publikum sitzen Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Journalisten. Die TED Talks werden als Videos ins Internet gestellt und hunderttausendfach angeklickt. Wobei Romer nur einen einzigen Zuhörer braucht. Es muss jemand sein, der das Potenzial seiner Idee erkennt. Und die Macht hat, sie umzusetzen.

An einem Nachmittag im Juni 2010 sitzt Octavio Sánchez an seinem Schreibtisch im Präsidentenpalast in Tegucigalpa, als eine E-Mail in seinem Postfach aufleuchtet. Ein Freund aus Guatemala hat sie geschickt. Ob Sánchez noch immer über diese Sache mit den Modellstädten nachdenke, fragt er. Darunter steht ein Link. Sánchez klickt ihn an. Ein Video öffnet sich, 18 Minuten und 29 Sekunden lang. Sánchez sieht, wie ein Mann eine Bühne betritt. Der Mann hat kurze graue Haare, trägt ein blaues Hemd, Brille, keine Krawatte. Eine Einblendung verrät Sánchez, dass der Mann Paul Romer heißt.

Romer beginnt zu sprechen. Ein Beamer wirft das Bild eines schwarzen Jungen in einem grünen T-Shirt an die Wand. Romer sagt: "Nennen wir ihn Nelson."

Nelson sitzt auf einem Stein in Conakry, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes Guinea. Er macht seine Hausaufgaben im Schein einer Straßenlaterne, weil er zu Hause kein elektrisches Licht hat. Romer fragt: "Wie kann es sein, dass Nelson keinen Zugang zu einer hundert Jahre alten Technologie hat?"

Er wirft ein neues Bild an die Wand: Ostasien bei Nacht. Eine große schwarze Fläche mit hellen Punkten und einem strahlenden Fleck - Hongkong. Romer erklärt, warum neue Städte, Dutzende, Hunderte, vielleicht Tausende überall in der Dritten Welt, die Armut besiegen könnten. Er sagt, in diesen Städten müsste Nelson seine Hausaufgaben nicht unter einer Straßenlaterne machen.

Sánchez kann es nicht fassen. Dieser Mann da auf dem Schirm beschreibt genau das, was ihn, Sánchez, seit Jahren umtreibt. Ein hoch geschätzter Wissenschaftler glaubt, dass das kein Hirngespinst ist, sondern tatsächlich funktionieren würde. Sánchez' Gedanken rasen. Erst der Beifall des Publikums am Ende des Videos holt ihn zurück.

Noch am selben Tag lässt sich Sánchez die Erlaubnis des Präsidenten geben, Romer zu kontaktieren.

Wenig später reist Sánchez mit dem honduranischen Präsidenten nach Miami. Im Konferenzraum eines Hotels treffen sie Paul Romer. Romer redet über Städte, umständlich, abstrakt, ganz der Wissenschaftler.

Er habe das Projekt so präzise wie möglich vorstellen wollen, wird sich Romer später erinnern. Romer habe sich so kompliziert ausgedrückt, dass es mühsam gewesen sei, ihn zu verstehen, wird Sánchez sagen.

Irgendwann während des Treffens fragt Sánchez, ob man sich nicht lieber den TED Talk anschauen wolle. Romer sieht sich fortan auf dem Laptop selbst reden. Präsident Lobo schaut konzentriert zu, er nickt. Er hat sich entschlossen, eine neue Stadt zu bauen.

Lobo sagt, Honduras müsse für dieses Projekt seine Verfassung ändern. Romer vermutet, es würden auch wissenschaftliche Studien nötig sein, Verhandlungen, Kompromisse. Als er am 4. Januar 2011 auf Einladung Präsident Lobos nach Honduras reist, glaubt er, dass es etwa zehn Jahre dauern werde bis zum Baubeginn. Mindestens.

Doch zu diesem Zeitpunkt hat Sánchez längst eine Arbeitsgruppe aus Juristen im Präsidentenpalast zusammengerufen, um die Verfassungsänderung zu entwerfen. Schon am 19. Januar stimmt das Parlament darüber ab. 124 Abgeordnete votieren mit Ja, nur einer stimmt mit Nein.

Am 19. Februar stimmen die Abgeordneten erneut ab, weil in Honduras jede Verfassungsänderung zwei Mal durchs Parlament muss. Wieder gibt es nur eine Gegenstimme. Die Regierung ist jetzt befugt, sogenannte "spezielle Entwicklungsregionen" - oder nach ihren spanischen Initialen "REDs" - einzurichten, wie die Modellstädte heißen sollen. Ein halbes Jahr nachdem Romer in Madagaskar gescheitert ist, steht er in Honduras vor dem Durchbruch.

Jetzt geht alles ganz schnell. Ende Februar 2011 reist eine honduranische Delegation, angeführt von Octavio Sánchez, nach Südkorea und Singapur, in die beiden Länder mit der größten Erfahrung im Städtebau. Honduras beginnt Gespräche mit China und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Romer hat ausgerechnet, dass der Grundstock einer funktionierenden Metropole 60 Milliarden Dollar kosten würde. Nur China und die Emirate erscheinen den Honduranern reich und wagemutig genug für so eine Investition.

Gleichzeitig beginnt die Suche nach einem geeigneten Stück Land. Mindestens 1000 Quadratkilometer müsse es messen, sagt Romer, was ungefähr der Größe New Yorks entspräche, um bis zu zehn Millionen Menschen aufnehmen zu können. Wenn alles klappt, werden Menschen aus ganz Lateinamerika in die Stadt strömen. So stellt er sich das vor.

Romer findet einen einsamen Flecken im Nordosten von Honduras, direkt an der Karibikküste gelegen, in einem breiten Tal. Hier gibt es nur weißen Strand, dichten Dschungel und illegale Pisten, auf denen Drogenschmuggler ihre Flugzeuge landen. Für Romer der perfekte Ort, weit weg von den honduranischen Städten mit ihrer Kriminalität und Korruption. Seine Stadt soll auf natürliche Weise abgeriegelt sein. Ein perfektes Biotop. Romer, der Wissenschaftler, will Laborbedingungen.

In der Zwischenzeit beginnen Sánchez und sein Team ein großes Puzzlespiel. Stück für Stück setzen sie die perfekte Stadt zusammen: Als Rechtssystem wollen sie das Common Law, das die Briten in weite Teile der Welt getragen haben, nicht aber nach Honduras. Mauritius erklärt sich bereit, die Zuständigkeit seines Obersten Gerichtshofs auf die RED auszuweiten. Das Sozialsystem wollen die Honduraner aus Skandinavien importieren, ebenso das Arbeitsrecht, weil es Sicherheit für Arbeitnehmer und Flexibilität für Arbeitgeber vereint. Das Unternehmens- und Steuerrecht soll aus Hongkong übernommen werden. Das Polizeisystem aus Litauen. Vorbild für außergerichtliche Schlichtungen sind die USA.

Mit alldem sollen Experten ins Land kommen: britische Richter, litauische Polizisten, skandinavische Gewerkschafter. Sie sollen in der Stadt arbeiten, bis genügend Honduraner ausgebildet sind, um ihre Positionen einzunehmen.

Regieren soll die neue Stadt eine "Transparenzkommission" aus neun Experten. Romer soll einer von ihnen sein. Auch den Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof hat er überzeugen können mitzumachen. Außerdem Unternehmer und Entwicklungsfachleute. Die Experten sollten die Stadt so lange autokratisch führen, bis sie reif sei für die Demokratie, sagen Romer und Sánchez. Wachstum brauche politische Stabilität. Sie stellen sich die Stadt ein bisschen vor wie China, nur mit Menschenrechten.

Am 29. Juli 2011 verabschiedet das honduranische Parlament das Gesetz 123-2011. In 83 Artikeln legt es die Basis für die Modellstädte.

Artikel 4: Die REDs machen ihre eigenen Gesetze.

Artikel 8: Die REDs müssen ihre eigene Polizei aufbauen.

Artikel 40: Die Gerichte in den REDs arbeiten unabhängig von denen im Rest des Landes.

Artikel 55: Die Einkommensteuer für Privatpersonen darf 12 Prozent nicht übersteigen, jene für Unternehmen nicht 16 Prozent. Die Mehrwertsteuer beträgt maximal 5 Prozent.

Auf dieses Gesetz hat Michael Strong, 52, gewartet. Strong ist ein Unternehmer aus New York. Ein Aufsteiger, der es aus armen Verhältnissen an die Universitäten Harvard und Yale geschafft hat. Da er mit den Lehrmethoden während seiner eigenen Schulzeit nicht zufrieden war, baute er später selbst Schulen auf, am Staat vorbei, mit experimentellen Unterrichtsformen.

Strong hält das staatliche Bildungssystem für untauglich. Privat lasse es sich besser organisieren. Gleiches gelte für die Entwicklungshilfe, sagt er. Strong hat ein Buch geschrieben. Der Titel, ins Deutsche übersetzt: "Sei die Lösung. Wie Unternehmer und bewusste Kapitalisten alle Probleme der Welt lösen können".

Strong hat schon lange nach einer Möglichkeit gesucht, in Lateinamerika zu investieren, so wird er es später erzählen. Nach Honduras aber wagte er sich nicht. Zu viel Kriminalität, zu wenig Rechtssicherheit. Als er aber von dieser neuen Stadt hört, ist er begeistert. Er kontaktiert Octavio Sánchez und macht ihm ein Angebot. Strong will das Land kaufen, auf dem die Stadt gebaut werden soll. Er schlägt eine Gegend westlich der 80.000-Einwohner-Stadt Puerto Cortés vor. Dort liegt der modernste Hafen des Landes. Strong will ein Bürogebäude errichten, Wasser-, Strom- und Internetleitungen legen und eine Straße bauen lassen, die die neue Stadt mit Puerto Cortés verbinden soll.

Sánchez sagt Strong, er finde dessen Angebot interessant. Er sagt nicht, dass Paul Romer die Stadt anderswo bauen will, abgelegener.

Michael Strong ist gut vernetzt in der amerikanischen Geschäftswelt. Er kennt Unternehmer, die seit Längerem Teile ihrer Firmen in Billiglohnländer verlegen wollen, mal geht es um eine Fabrik, mal um die Buchhaltungsabteilung. China ist billig, aber weit weg. Viele Unternehmer bevorzugen einen Standort in der Nähe der USA. Es dauert nicht lange, bis Strong sie überzeugt, ihr Geld in diese neue, ungewöhnliche Stadt in Honduras zu investieren.

Ein Unternehmen will zum Beispiel ein Callcenter dorthin auslagern. Es wird Menschen aus der Region anstellen und ihnen doppelt so viel bezahlen wie den Arbeitern in den Fabriken von Puerto Cortés, was immer noch wenig ist, verglichen mit den Löhnen in den USA. Strong will Häuser bauen lassen, in denen die Callcenter-Angestellten wohnen können. Eine private Sicherheitsfirma soll sie beschützen, bis die Transparenzkommission eine funktionierende Polizei aufgebaut hat. Das ist Strongs Plan. Geld und Sicherheit werden immer mehr Honduraner anziehen, glaubt er.

Die Honduraner bekommen Arbeit. Die amerikanischen Firmen sparen Kosten. So wird die neue Stadt für beide Seiten ein Gewinn, das ist das Kalkül.

Strong will innerhalb von zehn Jahren eine Milliarde Dollar in die Stadt investieren. Er zweifelt nicht daran, dass das Projekt auch ihm viel Geld einbringen wird. Wenn die neue Stadt erst einmal floriert, werden sich die Grundstückspreise vertausendfachen. Und die Grundstücke gehören ihm.

Honduras ist zu diesem Zeitpunkt kurz davor, das radikalste Experiment im Kampf gegen Armut und Unterentwicklung zu wagen, das es je gab. Die Regierung hat die Verfassung geändert, ein Gesetz verabschiedet und einen ersten Investor gefunden. In wenigen Wochen sollen die Bauarbeiten beginnen.

Die internationale Presse wird aufmerksam. Die New York Times berichtet, der Economist, das Wall Street Journal. Die Journalisten schreiben über den Wissenschaftler Paul Romer und dessen nie da gewesenes Experiment. Romer ist der Held der Geschichte. Die Honduraner sehen das ein bisschen anders. Sie haben den Eindruck, Romer wolle mehr sich selbst vermarkten als das Projekt. Jetzt, da der Erfolg kurz bevorsteht, geht es plötzlich um Prestige und Egos.

Romer nennt das Projekt weiterhin "Charter City", Sánchez nennt es lieber "RED".

Romer beharrt auf dem isolierten Standort im Nordosten. Sánchez will die Stadt in der Nähe von Puerto Cortés bauen, wie Strong es vorgeschlagen hat.

Romer führt Gespräche mit der kanadischen Regierung, um sie als Mandatsmacht für die Stadt zu gewinnen. Der kanadische Premierminister soll einen Gouverneur für die Stadt ernennen. Sánchez will die Hoheit keinem fremden Land übertragen.

Die Zusammenarbeit zwischen Romer und der honduranischen Regierung ist ein halbes Jahr alt, da wird sie beherrscht vom Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik. Der Wissenschaftler Romer will, dass sich die Wirklichkeit nach seinem Konzept richtet. Der Politiker Sánchez will Romers Idee an die Realität anpassen: Er weiß jetzt, dass weder China noch die Vereinigten Arabischen Emirate viel Geld in die Stadt investieren wollen. Sánchez weiß auch, dass er die honduranische Öffentlichkeit befrieden muss.

Denn in der Zwischenzeit gibt es Kritik im Land. Die Linken wettern, die ganze Idee sei auf die Spitze getriebener Neoliberalismus und mache am Ende nur die Reichen reicher. Die indianischen Ureinwohner werfen der Regierung vor, eine moderne Form des Kolonialismus ins Land zu holen. Der Wissenschaftler Romer begreift solche Argumente nicht. Neoliberalismus? Kolonialismus? Hauptsache, das Modell funktioniere. Hauptsache, der Wohlstand wachse, darauf komme es doch an.

In der öffentlichen Debatte aber geht es nicht mehr um ein Modellprojekt. Es geht jetzt um die nationale Souveränität.

Eine Gruppe von Anwälten legt Verfassungsbeschwerde beim Obersten Gerichtshof in Tegucigalpa ein. Die linke Opposition, die das Projekt bisher mitgetragen hat, schließt sich dem Protest an. Aus einem Zukunftskonzept ist gewöhnliche Politik geworden.

Im September 2012 ist Romer gerade auf einem wirtschaftswissenschaftlichen Kongress in Schweden, als er eine E-Mail bekommt. Ein Reporter des britischen Guardian will ein Statement zu dem Vertrag, den Honduras gerade mit einem amerikanischen Investor namens Michael Strong geschlossen habe. Welcher Vertrag, fragt Romer.

Romer und Strong kennen sich. Sie haben sich mal in New York getroffen. Aber Romer wusste nicht, dass Sánchez mit Strong verhandelt hat. Sofort ruft er Sánchez an. Die beiden reden zwei Stunden lang. Romer will, dass Sánchez ihn in die Details des Vertrags einweiht. Sánchez weigert sich. Das Gespräch wird laut. Am Ende sagt Romer, er ziehe sich aus der Transparenzkommission zurück. Sánchez antwortet, rein juristisch existiere sie noch gar nicht. Es gebe also nichts, woraus sich Romer zurückziehen könne. Es ist das letzte Mal, dass die beiden miteinander sprechen.

Einen Monat später, im Oktober, erklärt der Oberste Gerichtshof in Tegucigalpa das Projekt für verfassungswidrig.

Romer sitzt in seinem Büro in New York. In wenigen Tagen wird er nach Shanghai fliegen, wo er ein halbes Jahr lang an der Universität lehren wird. Er sucht neue Länder, die sein Projekt umsetzen wollen.

Nach dem Arabischen Frühling zeigte sich der neue tunesische Premierminister interessiert, aber der musste in diesem Februar zurücktreten. Mit zwei weiteren Ländern sei er im Gespräch, sagt Romer, welche das sind, wolle er noch nicht sagen. Er denkt darüber nach, sein Modell in Griechenland vorzustellen. Er glaubt, es könnte dort den Aufschwung bringen, der endlich die Euro-Krise beendet. Er sagt: "Ich muss suchen, bis ich jemanden finde, der politisch mächtig genug ist, den ganzen Weg zu gehen."

In Sánchez' Büro in Tegucigalpa ist die Klimaanlage ausgefallen. Durch das Fenster dringt Lärm herein. Vor dem Palast tobt eine Demonstration. Sánchez öffnet die zweite Dose Diätcola. Er sagt: "Es war ein Fehler, Romer an Bord zu holen. Wir hätten das Projekt von Anfang an alleine umsetzen sollen. So wie wir es jetzt tun."

Die honduranische Regierung hat erneut die Verfassung geändert und ein weiteres Gesetz verabschiedet, das die Bedingungen des Obersten Gerichts erfüllt. Es sieht mehr Kontrolle für den Staat vor und weniger Unabhängigkeit für die neue Stadt. Es soll eine neue Expertenkommission geben, mit 21 statt neun Mitgliedern. Sie soll einen Gouverneur bestimmen, der Honduraner sein muss. Und sie soll Investoren suchen. Michael Strong ist immer noch dabei. Er wartet darauf, dass es losgeht.

Noch ist Zeit bis 2050, dem Jahr, in dem der junge Octavio Sánchez seine Geschichte über das blühende Honduras angesiedelt hat. Noch glaubt er an sein Experiment. Ein bisschen wenigstens. Nur das Modellstadt-Projekt hält ihn noch in der Politik. Hat es Erfolg, wird er bleiben. Scheitert es, wird er in die Wirtschaft wechseln.

Nur noch vier Wochen sind es bis zur Parlamentswahl. Die größte Oppositionspartei Libre, neu gegründet als Sammelbecken für die Linke im Land, hat angekündigt, dass sie im Falle eines Wahlsieges das Projekt stoppen wird. In den Umfragen liegt sie Kopf an Kopf mit der Nationalpartei von Octavio Sánchez.