|
Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger
Markgrafenstraße 15 10969 Berlin Tel.: 030 726 298 / 0 Fax : 030 726 298 / 299 |
|
Entwicklungen im Online-Markt der ZeitungenVon Hans-Joachim Fuhrmann und Holger Kansky
Das Internet erreicht in Deutschland ein Massenpublikum. Laut der Studie „internet facts 2007-I“ der Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung (AGOF) sind fast 40 Millionen Deutsche ab 14 Jahren im Internet anzutreffen, das heißt, mehr als 60 Prozent der deutschen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren gehen regelmäßig online. Auch die Online-Angebote der Verlage werden immer intensiver genutzt: Zeitungswebsites erreichen mittlerweile 35 Prozent der Internetgemeinde in Deutschland, wie aus den Analysen der AGOF hervorgeht. Das sind 13,7 Millionen sogenannte Unique User (einzelne Nutzer) monatlich. Damit bieten die Zeitungen das mit Abstand größte Nachrichtenangebot im Internet. Die im Vermarkternetzwerk der OMS Online Marketing Service GmbH zusammengeschlossenen Regionalzeitungen allein erreichen 19 Prozent der Netzcommunity (7,5 Millionen Unique User).
Das Thema „Internet“ bewegt die Zeitungsbranche wie kein zweites. Anders als Radio und Fernsehen, wo viele Zeitungsverlage schon viel länger engagiert sind, reicht das Internet direkt an das Kernprodukt „gedruckte Zeitung“ heran und hat auch die Unternehmenskultur in den Zeitungshäusern verändert. Die Nutzer erwarten ein attraktives, mediengerecht aufbereitetes Online-Angebot. Dabei muss sich der Webauftritt der kleinen Zeitung im grenzenlosen Netz direkt dem Vergleich mit dem großen Wettbewerber stellen, der nur einen Mausklick entfernt ist.
Wie kann die grundsätzlich gute Ausgangslage für eine optimale Positionierung der Print- und Online-Produkte genutzt werden? Wie lässt sich die Stärke der Printmarken ins Netz übertragen? Wie können Print- und Online-Produkte intelligent miteinander vernetzt werden – redaktionell, als Werberträger und im Marketing? Qualitätsjournalismus im Internet: Welchen Stellenwert haben Professionalität und Glaubwürdigkeit? Welche Chancen bieten Wikis, Blogs und Citizen Journalism für die Zeitungen? Wo liegen die Möglichkeiten der Verlage beim E-Commerce – national und regional? Wie erfolgversprechend sind Kooperationen und strategische Allianzen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Zeitungsmanager in aller Welt.
Als alles begann ...
Als das Thema „online“ Mitte der 90er Jahre von den USA aus über Großbritannien und Skandinavien auch in der deutschen Zeitungsbranche virulent wurde, drehte sich alles um die Kernfrage: „Ist es tatsächlich für einen Zeitungsverlag sinnvoll, in Online-Projekte zu investieren, oder ist das Internet doch nur ein Dollargrab?“ Der damalige Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Wilhelm Sandmann, vertrat dazu eine klare Position beim Zeitungskongress 1994 in Bonn: Die Verlage seien aus ökonomischen und publizistischen Gründen geradezu verpflichtet, die Entwicklung der digitalen Informationskultur mitzusteuern und mitzugestalten. Andernfalls würden branchenfremde Wettbewerber dies übernehmen. Positionen besetzen, Know-how entwickeln und die Investitionen wegen der geringen geschäftlichen Anreize auf Sparflamme halten! - So etwa lauteten die ersten strategischen Grundsätze in den Verlagen.
Zwar war schon vom Boom im Online-Markt die Rede, aber doch auf äußerst niedrigem Niveau. In Deutschland teilten sich die Telekom mit 800.000 Kunden im Datex-J Dienst, der dann bald zu T-Online wurde, und CompuServe mit etwa 100.000 Nutzern den Markt. Viele Zeitungen in den USA und auch in Europa produzierten elektronische Ausgaben und vertrieben diese über kommerzielle Online-Dienste wie America Online, Prodigy, eWorld oder CompuServe. Die „Süddeutsche Zeitung“ (München), die „Neue Zürcher Zeitung“ und auch die dpa Deutsche Presse-Agentur mit dem Kurznachrichtenangebot waren frühe Partner von CompuServe. Gerade in den USA gab es damals schon Online-Offerten, die wegweisend waren. Zum Beispiel „Access Atlanta“, das zunächst noch über Prodigy vertriebene elektronische Angebot der großen Regionalzeitung „Atlanta Journal & Constitution“. Das Konzept: Lokales von A bis Z. Keine Wiederholung der gedruckten Ausgabe, sondern echter Mehrwert. Exklusive Inhalte und exklusiver Service. Dazu völlig neuartige Werbe- und Marketingideen, die auf den Möglichkeiten des Mediums aufbauten. Ein Beispiel aus den Kindertagen von „Accesss Atlanta“: Im Freizeitforum gab es eine Geschichte rund um den Angelsport, dem in und um Atlanta fast jeder nachgeht. Daran gekoppelt wurde ein moderierter Chat zum Thema - und mitten hinein in diese homogene Zielgruppe meldete sich plötzlich ein Händler mit Angelzubehör zum Schnäppchenpreis.
Die hinter „Access Atlanta“ stehende Zeitungsgruppe Cox gehörte in anderer Hinsicht ebenfalls zu den Vordenkern: Als offensive Schutzmaßnahme gegen neue Konkurrenten im Rubrikengeschäft tat man sich mit Immobilen- und Autofirmen zusammen. Andere Zeitungen – wie die im Silicon Valley erscheinende „San José Mercury News“ oder der „Virginian Pilot“ – hatten bereits 1995 den Rubrikenmarkt mit komfortablen Such- und Servicefunktionen in ihren Online-Ausgaben abgebildet.
Längst nicht alle Verlage entschlossen sich zur Kooperation mit einem der proprietären Dienste wie AOL oder Prodigy. Zwar lagen die Vorteile auf der Hand: niedrige Investitionskosten, funktionierende Infrastruktur, Kundendienst und Inkasso. Doch für viele Verlage überwogen die Nachteile: äußerst eingeschränkte Möglichkeiten der Mitsprache und –gestaltung, fehlende Kundenbeziehungen und zudem nur die Aussicht auf einen Bruchteil der Vertriebs- und Werbeumsätze. Der damalige Geschäftsführer des weltweit agierenden Beratungsunternehmens der Zeitungsbranche Ifra, Friedrich Burkhardt, sah die Gefahr, dass die Online-Angebote der Zeitungen auf den Plattformen der kommerziellen Online-Dienste neben Datenbanken, Computerspielen und E-Shopping zu einer „Würstchenbude im Einkaufszentrum zu werden“ drohten.
Demgegenüber bot das Internet den Verlagen die Möglichkeit, ihren Online-Auftritt völlig selbstständig zu gestalten. Etwa 200 Zeitungen weltweit waren 1995 mit einem Angebot im Netz, die meisten davon amerikanische Blätter. Zu den Pionieren hierzulande zählten „Die Welt“, der Berliner „Tagesspiegel“, die in Koblenz erscheinende „Rhein-Zeitung“, „taz – die tageszeitung“ (Berlin) und die „Schweriner Volkszeitung“ (mit ihrem Internet-Auftritt „hansenet“). Die Nutzerzahlen waren zwangsläufig noch gering: Lediglich etwa fünf bis sechs Prozent der Bundesbürger hatten Zugang zum Netz.
Mit der Marktdurchdringung des Internets wuchs auch der Druck auf die kommerziellen Online-Dienste. Sie waren gezwungen, ihre proprietäre Software durch den HTML-Standard zu ersetzen. In den USA verabschiedeten sich etliche Zeitungsverlage aus der Kooperation und setzten ausschließlich auf eigene Internetangebote. Effektiver als der Auftritt im Internet erschien damals vielen lokalen europäischen Zeitungsverlage ein Mailboxsystem, über das gegen Abo-Gebühren Informationen und Serviceangebote wie Veranstaltungskalender oder Rubrikanzeigen abgerufen werden konnten. Die schnelle Verbreitung des Internets mit seinem nutzerfreundlichen Geschäftsprinzip „content is free“ machte die lokalen Mailboxangebote der Verlage allerdings bald obsolet.
Binnen eines Jahres entschlossen sich rund 50 Zeitungsverlage in Deutschland für einen Auftritt im Internet. Viele davon setzten von Anfang an den Schwerpunkt auf regionale Inhalte, Service, Kommunikation und maßvolle Unterhaltung. Mit einem vergleichsweise großen Aufwand und auch einem eigenwilligen Konzept ging die „Rheinische Post“, Düsseldorf, mit RP-Online in den jungen Markt. Das von der gedruckten Zeitung völlig getrennte Angebot wurde von Anfang an mit einem eigenen Redaktionsteam produziert und enthielt – bis auf die Rubrikanzeigen – keine Zeitungsinhalte.
Neue Geschäftsfelder
Recht früh erkannten die Verlage, dass sie sich auf neue Geschäftsfelder begeben mussten, wenn sie die Wertschöpfungskette im jungen Online-Markt nicht nur teilweise ausnutzen wollten. Ein völlig neues Terrain war das „Access-Providing“: Pioniere waren hier die „Rhein-Zeitung“, Koblenz, und die „Mittelbayerische Zeitung“, Regensburg, die ihren Lesern den Internetzugang aus Marketinggründen sogar kostenlos anbot. Der rein kaufmännische Anreiz des Access-Providings verlor bald an Bedeutung, als sich abzeichnete, dass es angesichts der Konkurrenz durch die großen Telekommunikationsanbieter zu einem rapiden Preisverfall kommen würde. Unter Marketinggesichtspunkten gibt es allerdings bis zum heutigen Tag gute Argumente für ein Engagement als Access-Provider. So ist es dem Verlag beispielsweise möglich, intensive Kundenbeziehungen aufzubauen und Nutzerstrukturen zu entschlüsseln. Und das Verlagsangebot ist die Startseite für jeden Streifzug durchs Internet.
Als weiteres neues Geschäftsfeld entwickelten Verlage das „Service-Providing“. Gerade für lokale und regionale Verlage schien es attraktiv, den Unternehmen in der Region, Vereinen, Behörden und anderen Institutionen den Eintritt in die Internet-Welt zu ermöglichen. Viele der Verlage schufen für das Service-Providing nicht nur separate Abteilungen, sondern gründeten Tochterunternehmen, die auch für externe Kunden den kompletten Webauftritt gestalten und betreuen. Die neuen Kundenverbindungen wurden von den Verlagen von Anfang an konsequent genutzt, um die Stellung im regionalen Markt der Online-Medien zu festigen.
Content Is King – aber wer zahlt dafür?
Das bewährte Business-Modell für die gedruckte Zeitung, nämlich Vertriebserlöse plus Werbeerlöse, funktioniert nicht im Internet. Die Nutzer zeigen bis heute kaum Bereitschaft, für Informationen zu zahlen, und es deutet wenig darauf hin, dass sich an dieser Haltung künftig etwas ändern wird. Es hat etliche Versuche gegeben, eine Art Abonnementgebühr für sogenannte General Interest-Angebote einzuführen, die letztlich allesamt scheiterten. So ist auch das zuletzt kostenpflichtige Internet-Archiv der „New York Times“ seit September 2007 wieder frei zugänglich. Seit 2005 waren Artikel aus dem Archiv nur gegen Bezahlung zu lesen. Auch das „Wall Street Journal“, das bisher rund neun Dollar im Monat für die Nutzung seiner Website verlangte, wird nach der Übernahme durch Rupert Murdoch kostenlos erhältlich sein. Die Ware „Nachricht“ ist im Web nicht knapp genug, als dass Nutzer für sie zahlen würden. Zahlende Abonnenten sind bisher nur mit ganz speziellen und hochwertigen Fachinformationen und -services zu erreichen, die meist beruflich genutzt werden. Hierzu zählen beispielsweise besondere Wirtschaftsinformationen oder der kostenpflichtige Zugang zum Archiv. Mit Börsenkursen, Mietspiegeln oder einem Theaterführer ist da nicht viel Staat zu machen, solange es solche Serviceangebote gleich nebenan gratis gibt.
Werbung – hohes Wachstum auf niedrigem Niveau
Als wichtige Erlösquelle, an die große Zukunftserwartungen gerichtet werden, gilt die Werbung. In den USA sind 2006 laut Internet Advertising Bureau (IAB) die Einnahmen aus Online-Werbung gegenüber dem Vorjahr um 34 Prozent auf 12,56 Milliarden Euro gestiegen. Damit wurde laut IAB im dritten Jahr in Folge ein Rekord erzielt. Umsatzstärkste Werbeformen waren die Suchwortvermarktung (fünf Milliarden Euro, plus 40 Prozent) sowie das Display-Advertising (etwa Bannerwerbung, 3,9 Milliarden Euro, plus 22 Prozent). Mit Online-Rubrikanzeigen wurden 2,2 Milliarden Euro umgesetzt. Auch die lokale Online-Werbung gewinnt zunehmend an Bedeutung. 2007 werden Werbetreibende 2,9 Milliarden US-Dollar für lokale Online-Werbung locker machen, wie der US-Branchendienst Emarketer berichtet. Im Jahr 2011 soll dieser Wert bei 7,8 Milliarden US-Dollar liegen, was einen Anteil von 17,7 Prozent (2006: 12,1 Prozent) an allen Online-Werbespendings bedeuten würde.
In Europa ist man bei der Online-Werbung zwar noch weit vom absoluten Niveau der USA entfernt, die Wachstumsraten können jedoch mithalten. Das Internet bleibt weiterhin die Mediengattung mit der stärksten prozentualen Wachstumsrate bei den Werbeeinnahmen. Die Ausgaben für Online-Werbung in Europa werden sich innerhalb der nächsten fünf Jahre von rund 7,5 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf 16 Milliarden Euro im Jahr 2012 mehr als verdoppeln. Das prognostiziert das Marktforschungsinstitut Forrester Research in einer aktuellen Studie. Zwölf Milliarden Euro kommen davon aus den Ländern Großbritannien, Frankreich und Deutschland, für die die Forscher ein außerordentlich starkes Wachstum prognostizieren. In fünf Jahren, so schätzen die Marktexperten, soll Online-Marketing mit Suchmaschinen-, Display- und E-Mail-Werbung insgesamt rund 18 Prozent des gesamten Mediabudgets ausmachen. Führend bei Online-Werbung ist laut Analysten von ZenithOptiMedia Großbritannien, wo der Marktanteil des Mediums bereits dieses Jahr 16,6 Prozent beträgt und bis 2009 die 20-Prozent-Marke durchbrechen soll.
In Deutschland entfallen laut Online-Vermarkterkreis des BVDW mittlerweile fast zwölf Prozent der Werbeaufwendungen auf Online. Von den mehr als 2,7 Milliarden Euro werden 1,3 Milliarden für Display-Werbung, 1,1 Milliarden für Suchmaschinen-Marketing und 210 Millionen Euro für Affiliate-Netzwerke eingesetzt. Dabei legen Zeitungssites überproportional zu. Neben den überregionalen Titeln konnte auch der nationale Vermarkter von 45 regionalen Zeitungs-Websites, die Online Marketing Service GmbH (OMS), im Jahr 2006 die Werbeeinnahmen um 62 Prozent steigern. Und so wundert es nicht, dass immer mehr Zeitungssites – überregionale wie regionale – einen steigenden Umsatzanteil aus dem Online-Geschäft erwirtschaften. Der norwegische Zeitungskonzern Schibsted macht mittlerweile 20 Prozent seines Umsatzes im digitalen Markt. Der Verleger der „Vorarlberger Nachrichten“, Eugen Russ, bekannt als Vordenker einer digitalisierten Zeitungskultur, geht davon aus, dass er in drei Jahren die Hälfte seines Umsatzes mit Online-Angeboten machen wird.
Lokale Suche
Eine der großen Herausforderungen für die Verlage ist das Thema „Lokale Suche“. Dabei geht es um die Abbildung der gesamten Erlebnis- und Geschäftswelt im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen. Wer, wenn nicht die Zeitung, hat die besten Voraussetzungen, diesen rasch wachsenden, äußerst attraktiven Markt zu besetzen. Die Zeitungen kennen die Menschen in der Region, sie kennen die Geschäftskunden, sie genießen deren Vertrauen. Dies sind enorme Vorteile in einem Wettbewerb, der bereits stattfindet: Die großen Suchmaschinen, Telefon- und Adressbuchverlage und andere Unternehmen haben bereits begonnen, die Claims in den lokalen Märkten abzustecken. Die Zeit drängt. Vieles spricht dafür, das Geschäftsfeld „Suche“ flächendeckend in einer starken Allianz der Verlage zu betreiben. Dass Zeitungsunternehmen auch in digitalen Geschäftsfeldern in der Lage sind, ihre Interessen zu bündeln, dafür stehen Gemeinschaftsunternehmen wie beispielsweise der oben bereits erwähnte Vermarkter für bundesweite Werbeschaltungen OMS, die Internet-Holding ISA oder der gemeinsame Online-Marktplatz Kalaydo.
Rubrikenmärkte im Wandel
Zu einem sehr frühen Zeitpunkt war bereits klar, dass es auf einem wichtigen Feld der gedruckten Zeitung zu schweren Einschnitten kommen könnte: Die Gefahren für den gedruckten Rubrikenmarkt, aus dem manche Zeitung bis zu zwei Drittel ihrer Werbeerlöse erzielt, waren nicht zu leugnen. Gegenüber den komfortablen Suchfunktionen im Netz - mit vielen nützlichen Zusatzinformationen zu Immobilien, Autos oder Jobs und der Möglichkeit, mit Makler, Autohändler oder künftigem Arbeitgeber per E-Mail zu kommunizieren – sind die gedruckten Anzeigen im Nachteil. Dennoch taten sich anfangs viele Verlage schwer, Rubrikanzeigen in die eigenen Internetauftritte zu integrieren. Zu groß war die Angst vor einer Selbstkannibalisierung. Doch lieber sich selbst kannibalisieren, als anderen kampflos das Feld überlassen, hieß dann die Abwehrstrategie vieler Häuser gegen die neuen, branchenfremden Wettbewerber. Um Marktanteile zurückzuerobern, kooperieren mittlerweile zahlreiche Verlage miteinander. Zum einen können dadurch die Kosten reduziert werden, zum anderen erreichen die Verlage eine kritische Masse an Inseraten. Beispiele für eine gemeinsame Dachmarkenstrategie von Zeitungsverlagen liefert die Rubrikanzeigenholding ISA (Akronym für Immobilien, Stellen- und Autoanzeigen). Die in München ansässige Gesellschaft wurde im Januar 2003 von den Verlagsgruppen Georg von Holtzbrinck (Stuttgart), Dr. Ippen (München) und der WAZ Mediengruppe (Essen) gegründet. Sie hält Mehrheitsanteile an den vertikalen Rubrikenmärkten immowelt.de, stellenanzeigen.de, autoanzeigen.de, der Partnerschaftsvermittlung dzf.de, dem Online-KfZ-Ersatzteilhandel motoso.de sowie dem Ende 2006 gegründeten Portal trauer.de. Die ISA verknüpft die Online-Anzeigenmärkte mit den etablierten Rubrikenangeboten regionaler Tageszeitungen zu einem deutschlandweiten Angebot. Alle Anzeigen werden dabei auch auf den Online-Portalen der beteiligten Zeitungen veröffentlicht. Dem ISA-Mediennetzwerk angeschlossen sind derzeit 43 Verlage, die über 100 Titel verfügen und zusammen 200 Millionen Seitenaufrufe pro Monat generieren.
Neben den „vertikal“ organisierten Online-Rubrikenmärkten, die national agieren und den Stellenmarkt, Autos oder Immobilien bedienen, werden „horizontal“ organisierte Portale wichtiger, die ein sehr breites Angebotsspektrum aufweisen. Diese Websites sind stärker regional ausgerichtet, überwiegend kostenlos, teilweise werbefinanziert und zielen auf Privatkunden. Die ISA startete im September 2005 den Online-Marktplatz markt.de. Weil sämtliche Kleinanzeigen der ISA-Verlage in das Angebot einflossen, konnten gleich zum Start 800.000 Offerten im Netz gelistet werden. Heute stehen über 1,7 Millionen aktive Annoncen online. Die Veröffentlichung von Kleinanzeigen ist auf markt.de bisher kostenlos. Eine Ausnahme bilden die Immobilien-Anzeigen, die in Kooperation mit immowelt für 14,90 Euro vier Wochen lang platziert werden können. Weitere Erlösquellen sind Pay-per-Click-Anzeigen und Online-Print-Verlängerungen wie beispielsweise Reprints. Seit dem Start des Anzeigenportals stellen Nutzer aus über 90 deutschen Städten und Regionen auf markt.de ihre Anzeigen online und diskutieren in den Foren. Um mehr Nutzer auf die Seite zu führen, kooperiert markt.de zudem mit reichweitenstarken Plattformen wie zum Beispiel stern.de, Zeit.de, Lycos.de und meinestadt.de.
Nach dem Vorbild der Schibsted-Tochter www.finn.no in Norwegen ging im März 2006 Kalaydo.de an den Start. Kalaydo ist ein gemeinsames Rubrikanzeigen-Angebot von fünf Zeitungsverlagen im Rheinland, die insgesamt elf Tageszeitungen herausgeben. Vor der Gründung von Kalaydo.de unterhielten die Verlage eine dezentrale Pool-Lösung ohne eigene Dachmarke, um die eigenen Print-Rubrikenmärkte zu schützen und Kannibalisierungseffekte zu vermeiden. Im ersten Monat zählte das neue Angebot 30.000 registrierte Kunden und 50.000 Anzeigen. Im Juni 2007 hatte das Portal 260.000 registrierte Nutzer und mehr als 100.000 Anzeigen im System. Der gemeinsame Online-Marktplatz ist ein gutes Beispiel dafür, dass Zeitungsverlage in der Lage sind, Marktanteile im Rubrikenbereich zurückzuerobern. Innerhalb von 14 Monaten hat sich das Portal zum regionalen Marktführer auf dem Stellenmarkt und bundesweit mit 31 Millionen monatlichen Seitenzugriffen zur Nummer fünf unter den E-Commerce-Portalen entwickelt. Bereits heute ist Kalaydo.de in zwei von vier Märkten regionaler Marktführer. Die Bekanntheit unter den Internetnutzern entwickelte sich innerhalb eines Jahres von 30 Prozent auf über 56 Prozent im Juni 2007. Heute nutzt jeder dritte User im Rheinland das Portal. Das sind rund 20 Prozent der Bevölkerung (= eine Million Menschen). Der Slogan „Das regionale Findernet“ und die Markenphilosophie „Freude am Entdecken“ werden konsequent in allen beteiligten Zeitungen crossmedial kommuniziert.
Weitere regionale Kooperationen gibt es beispielsweise in Baden-Württemberg mit dem Online-Kleinanzeigenmarkt wikibuy.de. Unter mvweb.de betreiben die drei führenden Regionalzeitungen in Mecklenburg-Vorpommern einen Online-Marktplatz für die Region. Unter nordclick.de haben zahlreiche Verlage aus Schleswig Holstein ihre Anzeigen gepoolt. Sieben Tageszeitungsverlage des Rhein-Main-Gebiets betreiben die Anzeigendatenbank rheinmain-Click.de.
... und wie geht es weiter?
„Don´t overthink it. Just try something!” Nicht zu lange zögern, einfach machen! Das war die Botschaft, die ein amerikanischer Zeitungsmanager seinen deutschen Kollegen bei dem Multimedia-Kongress „Zeitung online 2007“ in Potsdam hinterließ. Und genau das findet in vielen Verlagen derzeit statt. Es herrscht Aufbruchstimmung. Es wird experimentiert, denn Patentrezepte gibt es nicht. Weder für die Redaktionen noch für die Verkäufer neuer crossmedialer Produkte. Print- und Online-Redaktionen rücken eng zusammen, auf den lokalen Websites wird mit Bewegtbildern gearbeitet, Redaktionen werden mit Videokameras ausgestattet. Die Spielarten des Web 2.0 finden immer mehr Eingang auf die Zeitungsangebote. Nur wer Lernkurven als Chance begreift, um den Markt besser zu verstehen, wird sich im Internet dauerhaft behaupten können.
Zwar ist die Konkurrenz für die Zeitung im Netz stark. Neben zahlreichen Online-Diensten konkurrieren Zeitungen auch mit international tätigen Suchportalen wie Google und Yahoo. Doch Größe und globale Reichweite sind nicht alles in einem Geschäft, das sich vor allem durch Lokalität und Qualitätsinhalte auszeichnet. Der große Vorteil der Zeitungsverlage ist ihre Nähe zum Kunden. Sie kennen den lokalen Markt und können ihre lokale Geschäftsbeziehung in das Online-Geschäft verlängern. Professionalität, Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind Qualitäten, die auch im Internet immer wichtiger werden. Genau dies sind originäre Zeitungsqualitäten.
Stand: Oktober 2007
|
|
Aktuelle Seite: Home /Zeitungen online /Hintergrund |
|