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Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger
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Rubrikanzeigen – Wachstumsmarkt im WandelRubrikanzeigen sind medienübergreifend und weltweit betrachtet ein Wachstumsmarkt. Nach Schätzungen des World Advertising Research Center (WARC) in Oxfordshire, Großbritannien, beläuft sich ihr Gesamtvolumen weltweit derzeit auf rund 100 Milliarden US-Dollar, Tendenz weiter steigend. Der Marktanteil der gedruckten Zeitungen geht jedoch zurück. Speziell in Deutschland ist von Aufschwung nichts zu spüren: Rund 40 Prozent der Stellen- und Kfz-Anzeigen sowie 20 Prozent der Immobilienanzeigen gingen den Zeitungen in den vergangenen zehn Jahren verloren. Die Verluste haben sich mit der wachsenden Verbreitung des Internets verstärkt.
Der Rückgang des Marktanteils schlägt aber nicht überall so alarmierend durch wie in Deutschland. Aufgrund von Preiserhöhungen sind die Umsätze vielerorts nicht vergleichbar stark gesunken. Spürbar ist fast überall jedoch zumindest ein verlangsamtes Wachstum. Sehr viele Faktoren deuten darauf hin, dass auch bei einer Erholung der Konjunktur die Rubrikenmärkte nicht mehr im gleichen Umfang in die Zeitungen zurückkehren werden wie vor dem Aufkommen des Internets. Dieser Befund wird durch mehrere Studien gestützt, die im Lauf der Jahre 2003 und 2004 erschienen sind.
Der Rubrikenmarkt ist für Zeitungen also gefährdet, wird aber nicht verloren gegeben. Diese Einschätzung der deutschen Verlage deckt sich in weiten Teilen mit einer aktuellen Studie des Weltverbands der Zeitungen (WAN) zur Zukunft der Rubrikenmärkte, die Ende Mai 2004 auf dem Weltkongress in Istanbul als Teil des „Shaping the Future of the Newspaper“-Projekts (SFNP) vorgestellt wurde. Fazit aus der Befragung von weltweit rund 100 Zeitungsverlegern: DieMigration der Rubrikanzeigen ins Internet ist unvermeidlich. Tröstlich dabei: Die Verlagerung vollzieht sich um einiges langsamer, als ursprünglich angenommen wurde. „Es ist eine Generationenfrage, keine technologische“, erläuterte dazu Jim Chisholm, Direktor des SFNP der WAN bei der Vorstellung erster Ergebnisse. Aber er betonte auch: „Defensive Strategien funktionieren nicht“ und „Konservatismus ist das größte Hindernis auf dem Weg zum Erfolg“.
Internet – eine „disruptive technology“ für Zeitungen
Auch langsam fortschreitende Entwicklungen erfordern Veränderungen und können ganze Branchen umkrempeln. Nach Einschätzung des Harvard Business School-Professors Clark Gilbert könnte sich das Internet für Zeitungsverlage als eine „disruptive technology“ erweisen, wenn nicht wirklich rasch tief greifende Änderungen in die Wege geleitet würden. „
Disruptive technologies“ sind nach einer ursprünglich von Clayton Christensen entwickelten Theorie technische Innovationen, die klein starten und sich zunächst mit Billigpreisen an Kunden wenden, die nicht zur Kernzielgruppe einer Branche gehören. In einer zweiten Phase, in der die Verbreitung der neuen Technologie wächst und auch immer stärker das Interesse der Kernzielgruppe weckt, sinken die Zuwachsraten der betroffenen Branche, ohne dass wirklich Alarmglocken schrillen. Erst in der dritten Phase, wenn sich die neue Technologie mit ihren billigeren Preisen und der höheren Effizienz auf einmal auf allen Ebenen durchzusetzen beginnt, gerät die alte Branche in eine Krise, von der sie sich dann allerdings in der Regel nicht mehr erholt.
Gilbert hat diese Möglichkeit speziell für Zeitungsverlage in enger Kooperation mit dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband „Newspaper Association of America“ (NAA) gezielt erforscht. 2001 stellte er erste Ergebnisse vor, die sich allerdings vorrangig mit redaktionellen Inhalten beschäftigten. Sein Denkansatz blieb in den USA nicht ohne Echo. Die NAA beispielsweise richtete eine strategische Arbeitsgruppe ein, die unter dem Obertitel „Horizon Watching“ mehrere Strategiepapiere zur Zukunft der Zeitung erarbeitete. Im April 2003 legte das „Board Committee of Industry Development“ der NAA dann einen Bericht zum Rubrikanzeigenmarkt vor, in dem nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution gefordert wird – die Abkehr von print-zentriertem Denken: „Die Zeitungsindustrie muss ihr Rubrikanzeigenmodell zugunsten einer internet-zentrierten Strategie ändern. Die Positionierung des Internets als Kernplattform, um Anzeigen anzunehmen, zu speichern, zu manipulieren und zu verbreiten, führt zu mehr Erlösen pro Auftrag, neuen Einkommensströmen, bedeutenden Kosteneinsparungen und ermöglicht es uns, bessere Produkte zu entwickeln, mit neuen Marktteilnehmern zu konkurrieren und die Zufriedenheit der Anzeigenkunden zu erhöhen.“
Chris Hendricks, Vizepräsident der McClatchy-Zeitungsgruppe, formulierte dies in einem Interview mit der Zeitschrift „Editor Publisher“ nochmals aus anderer Perspektive: „Zurzeit scheint der Produktionszyklus rückwärts organisiert zu sein. Wir erstellen ein genuin schmalbandiges Produkt (die Zeitung). Wir erfassen und speichern nur, was wir für das gedruckte Produkt benötigen. Wir nehmen dann die Druckdaten und schicken sie in Breitbandmedien, die Unmittelbarkeit, Quantität und Qualität der Informationen verlangen (z.B. das Netz, E-Mail, Mobilfunk). Ich glaube, dass wir in zehn Jahren weit auf dem Weg fortgeschritten sein werden, den Produktionszyklus umzukehren und zuerst Breitbandprodukte und erst dann schmalbandige Produkte zu erzeugen.“
NAA: „Internet ist natürlicher Marktplatz für Rubrikanzeigen“
Es geht den US-Zeitungsverlagen aber nicht nur um Produktionsweisen. Das ganze Rubrikenmodell steht zur Disposition. Die Autoren des NAA-Papiers geben sich nicht damit zufrieden, mit Hilfe des Internets ein verbessertes Printprodukt zu erzeugen oder mit Hilfe des Internets das Printprodukt zu stützen. Sie fordern von Zeitungsverlagen, ihre Rubrikenmärkte umzustrukturieren und das Internet endlich aktiv als Geschäftsfeld zu entdecken und zu gestalten. Nach ihrer Darstellung waren die Rubrikenmärkte schon seit einiger Zeit reif für Veränderungen. Das Internet beschleunige diesen Prozess nur. „Mit überlegener Datenbankfunktionalität, Multimediafähigkeiten, niedrigen Kosten für den Anzeigenverkauf, besserer Zielgruppenansprache, niedrigeren Vertriebskosten und jetzt Massenreichweite ist das Internet ein natürlicher Marktplatz für das Rubrikengeschäft geworden. Verkäufer können spezifische Kundengruppen (in einigen Fällen sogar Einzelpersonen) mit ausführlichen Produktinformationen (einschließlich Fotos, Video und Audio) zu verhältnismäßig geringen Kosten ansprechen. Kunden können schnell und einfach umfangreiche Produktlisten sichten, um das Produkt zu finden, das ihren Bedürfnissen am meisten entspricht, und immer öfter die Transaktion gleich online abschließen. Dies sind Eigenschaften, die wir, egal wie sehr wir uns bemühen, mit dem Printmedium NICHT erreichen können.“
Das Internet als ein „natürlicher Marktplatz für das Rubrikengeschäft“. Starke Worte aus dem Mund von Zeitungsmachern. Bevor sich das Internet zu einem signifikanten Massenmedium entwickelt hatte, war der Markt für Stellen, Immobilien und Autos und andere, vor allem lokal vor Ort interessierende Waren allein schon durch die Tatsache begrenzt, dass potenzielle Interessenten einfach nicht mit vertretbarem Aufwand über die Existenz des Angebots informiert werden konnten. Heute sind Regionalzeitungen immer noch wichtige Anzeigenmedien, aber längst nicht mehr das einzige und in einigen Bereichen nicht einmal mehr das effizienteste Medium. Eine ganze Reihe von nationalen wie lokalen Mitbewerbern, die aggressiv die Vorteile des Internets ausnutzen, zielen auf Teile des Rubrikenmarktes.
Neu an dieser Entwicklung ist, dass immer mehr der lokale Markt ins Visier der Internet-Unternehmen tritt. Er ist als Lebensmittelpunkt der Menschen erkannt, und für die Menschen in ihrer Region werden immer mehr Angebote entwickelt – man denke nur an die lokalen Such- und Werbemöglichkeiten, die die großen Suchmaschinen mittlerweile anbieten oder entwickeln. Durch diese Neuausrichtung ist nun jedoch die Position der Zeitungen als erste Informationsquelle für die Verbraucher vor Ort in Gefahr. Die Branche muss ihren Platz in der Wertschöpfungskette in jedem einzelnen Rubrikenmarkt verteidigen. Die NAA fordert in ihrem Papier, dass Zeitungen das Internet völlig als Verkaufs- und Vertriebsplattform akzeptieren und als Grundlage für künftige Rubrikengeschäfte ein System installieren, das die folgenden Mindestanforderungen erfüllt:
Nachteile ergeben sich durch den Umstieg auf ein solches System nach Einschätzung der NAA kaum. Wenn sich Nachfrage und Chancen nicht wie erwartet entwickeln sollten, dann habe man für die zusätzliche Funktionalität sicherlich nur überschaubare Investitionen getätigt. Wenn sich der jetzt absehbare Trend jedoch fortsetze, sei man für die Zukunft bestens gerüstet und müsse nicht branchenfremden Trendsettern hinterherlaufen.
Theoretisch ist die Situation also schon länger erkannt, und dies nicht nur in den USA. Auch bei Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), IFRA und WAN werden technologische Verbesserungen längst diskutiert. Deutsche Verlage sind in vieler Hinsicht geradezu Vorreiter in Bezug auf Prozessintegration. Aber es geht nicht nur um Technik. Es geht um neue, funktionierende Geschäftsmodelle, die eine Veränderung in den Köpfen erfordern.
Dachmarke versus regionale Marke
Zweifelsohne gibt es mittlerweile Zeitungsverlage, die vergleichsweise erfolgreich im Online-Rubrikengeschäft agieren. Doch wie erfolgreich sind sie wirklich? Haben sie das Rezept der Zukunft bereits gefunden? Oder lassen sie sich von neuen Marktteilnehmern allmählich die Butter vom Brot nehmen, ohne es zu merken? Können Zeitungen im regionalen Online-Markt überhaupt erfolgreich ihre Nische verteidigen oder werden sich langfristig doch nur nationale Marken durchsetzen? Speziell über die letzte Frage ist unter Zeitungshäusern weltweit nahezu ein Glaubenskrieg entbrannt. Sowohl in den USA als auch in Europa und auch innerhalb Deutschlands finden sich Verfechter beider Theorien. Es gibt auch gute Argumente für beide Positionen und Beispiele für Geschäftsmodelle.
An dieser Stelle kann festgehalten werden, dass der Kampf um die Rubrikenmärkte noch nicht entschieden ist. Die Konsolidierung allerdings ist in vollem Gange. In entwickelten Internetmärkten werden die Pfründe jetzt verteilt. In Deutschland kann man das an den vielen Firmenverkäufen sehen, die in letzter Zeit stattgefunden haben: T-Online kauft die Scout24-Gruppe, eBay übernimmt mobile.de, Monster Worldwide reißt sich die Jobpilot GmbH unter den Nagel – und damit wird das amerikanische Unternehmen auf einen Schlag zum größten privaten Online-Stellenmarkt in Deutschland.
Man kann den deutschen Zeitungen nicht vorwerfen, dass sie sich nicht frühzeitig mit dem Internet auseinandergesetzt hätten – die ergriffenen Maßnahmen zeitigten nur nicht die gewünschten Erfolge. Es gab schon 1996 die ersten Zeitungskooperationen, die sich die Schaffung von Online-Rubrikanzeigendatenbanken zur gemeinschaftlichen Nutzung für ihre Mitglieder zum Ziel gesetzt hatten (mbt Online KG, Pipeline). Der Ansatz war allerdings defensiv. Und die Umsetzung ließ technisch und vom Geschäftsmodell her zu wünschen übrig.
Weitere nationale Ansätze scheiterten. Die Zeitungsinitiativen im Rubrikanzeigenbereich mit bundesweitem Anspruch, die es noch gibt – die ISA GmbH & Co. KG der Verlagsgruppen von Holtzbrinck, WAZ und Ippen mit den drei Portalen autoanzeigen.de, stellenanzeigen.de und immowelt.de sowie die gemeinschaftlich von der Axel Springer AG und dem Ring Deutscher Makler betriebene Immonet GmbH mit dem Immobilienportal immonet.de – konnten bislang noch keine Flächendeckung erreichen. Beide Unternehmen bauen ihre Netzwerke aber weiter aus und konnten in 2004 beachtliche Erfolge melden.
Neben diesen großen Zusammenschlüssen, die allesamt außer mit Zeitungen auch mit anderen Partnern wie Stadtwerken oder Sparkassen kooperieren, gibt es in Deutschland in fast allen Bundesländern regionale Zeitungsinitiativen, die durch die gemeinsame Datennutzung die Attraktivität ihrer Online-Rubrikenmärkte zu stärken suchen. Die Ansätze sind sehr unterschiedlich und reichen von Verteidigungsstrategien (Rubrikenmärkte zeitnah zur Printveröffentlichung nur für Abonnenten der gedruckten Zeitung zugänglich) bis zu offensivem Vorgehen (Integration von Komplettbeständen von Kfz-Händlern und/oder Maklern zu online-üblichen Gebühren). Die erfolgreichsten Rubrikenportale von wirklich nationaler Bedeutung sind in Deutschland bislang jedoch in zeitungsferner Hand.
USA: Kampf um lokale Märkte
In den USA hat sich der Schauplatz im Rubrikengeschäft mittlerweile von der nationalen auf die lokale Ebene verlagert. Im Online-Stellenmarkt liefert sich Monster, einst klarer Marktführer, in vielen Städten ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit careerbuilder.com, dem Online-Recruitment-Unternehmen der drei großen Zeitungshäuser Gannett, Knight-Ridder Inc. und Tribune Company. Im Januar 2004 zog das careerbuilder.com-Netzwerk nach eigenen Angaben erstmals an Monster vorbei, was die Zahl der Besucher auf rein stellenmarktbezogenen Internetseiten betraf (in der offiziellen Statistik von Comscore Media Metrix weist Monster auch die Zugriffe auf Fastweb – eine Studentenseite – und den Umzugsservice „Monster Moving“ aus). Hintergrund: Seit Januar 2004 ist careerbuilder.com anstelle von Monster Partner von msn.com und beliefert den Job-Channel des Microsoft-Portals mit Inhalten. Schon im Dezember 2003 hatte CareerBuilder den großen Konkurrenten als exklusiver Partner von AOL abgelöst. Trotz dieser Veränderungen ist Monster jedoch immer noch vorne, wenn man die Zahl der Besucher mit der Zahl der abgerufenen Seiten in Beziehung setzt oder nach Markenbekanntheit fragt. Es wird auch niemand erwarten, dass Monster seine Position als größter und bekanntester US-Stellenmarkt kampflos aufgibt. Das Unternehmen reagierte auch bereits auf die neue Situation im nationalen Markt mit einer Attacke auf den Vor-Ort-Vorteil, den CareerBuilder durch seine Zusammenarbeit mit Zeitungen und lokalen Fernsehstationen in rund 200 US-Märkten hat. Monster hat inzwischen Verkaufsrepräsentanten in mehr als 60 US-Städten eingestellt und geht die Kunden der Konkurrenz offensiv an.
Europa im Übernahmekarussell
In vielen europäischen Ländern ist die Situation vergleichbar stark im Umbruch begriffen. In England hat der Konzern Daily Mail and General Trust plc (DMGT) im März 2004 die erfolgreiche Jobbörse jobsite.com übernommen und damit die Grundlage für Print-Online-Synergien zwischen seinen nationalen Titeln und dem in acht europäischen Ländern aktiven Online-Stellenportalgeschaffen. Indirekt macht DMGT damit auch dem bislang im Jobbereich führenden Rubrikanzeigenportal fish4 Konkurrenz, einem Gemeinschaftsunternehmen britischer Regionalzeitungen, an dem DMGT über seine Regionalzeitungsgruppe Northcliffe Newspapers beteiligt ist. Konzernintern wird eine Konkurrenz indes bestritten: fish4 bediene den regionalen Markt, Jobsite den nationalen.
Großbritannien ist aber auch aus einem anderen Grund ein interessanter Vergleichsmarkt: In vielleicht noch höherem Ausmaß als in Deutschland gibt es dort staatliche Regulierung und Konkurrenz durch die öffentliche Hand. Dies zeigt sich insbesondere im Online-Jobmarkt. Dort drohte im Sommer 2004 nicht nur ein neues Gesetz, Online-Jobbörsen professionellen Personalvermittlungsfirmen gleichzustellen und durch die damit verbundenen Auflagen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Der größte Arbeitgeber der Landes, der dem Gesundheitsministerium unterstellte National Health Service, hat im Juni 2004 für seine rund eine Million Angestellten und die 250.000 jährlich neu zu besetzenden Stellen eine eigene Stellenvermittlungs-Website in Betrieb genommen. Erklärtes Ziel: Werbeausgaben für Stellenanzeigen in anderen Medien in Höhe von 24 Millionen Pfund zu sparen.
Als turbulent kann man auch die Entwicklung in Spanien bezeichnen. Dort gab am 13. Mai 2004 das mit Abstand führende Jobportal des Landes, infojobs.net, seine mehrheitliche Übernahme durch Trader Classified Media N.V. (TCM) bekannt. Infojobs.net ist nach Daten von Nielsen Netrating das größte privat geführte Jobportal in Europa. Trader Classified Media wurde 1987 in Kanada gegründet und hat seine Firmenzentrale mittlerweile in Amsterdam. Auf einer Pressekonferenz Ende Juli 2004 zur Bekanntgabe der Geschäftsergebnisse des ersten Halbjahrs gab TCM die Verschmelzung seiner Geschäftsaktivitäten in Spanien und Lateinamerika mit seinem schärfsten Konkurrenten bekannt, namentlich Spaniens zweitgrößtem Verleger von Kleinanzeigen-Publikationen, Anuntis. In Spanien entsteht so ein Rubrikanzeigengigant, der eine wirkliche nationale Plattform für alle Rubrikanzeigenarten schaffen kann. Die einzig verbleibenden Mitbewerber, die regionalen Zeitungen, werden diesem internet-erfahrenen Koloss online wie offline vermutlich nur schwer etwas entgegenzusetzen haben.
Damit ist das Übernahmekarussell aber keineswegs zum Stillstand gekommen. In Skandinavien ist der Markt ganz unerwartet wieder in Bewegung. Die norwegische Schibsted ASA hat in Schweden das führende Rubrikenportal blocket.se (Marktführer bei Autos) gekauft und mit dessen Integration in die Websites seiner schwedischen Zeitungen begonnen. „Aftonbladet“, Schwedens große Boulevardzeitung, wurde durch diesen Coup auf einen Schlag zu einem wichtigen Mitspieler im Rubrikenmarkt. Umgekehrt bekam Schibsted in seinem Heimatmarkt Norwegen Konkurrenz, wo der Konzern mit seiner Zeitungskooperation finn.no seit Jahren den gesamten Rubrikenmarkt unangefochten beherrschte.
Norwegen: „Zett“ versus „Finn“
Die zwei großen norwegischen Verlage regionaler Zeitungen, Orkla-Media und A-Pressen, gingen im Herbst 2003 mit zett.no online, einem neuen Rubrikenportal, das die Anzeigen aus den rund 70 vorwiegend kleineren Regionalzeitungen mit einer Auflage von insgesamt mehr als einer Million Exemplaren zentral zugänglich macht. Die Rubrikendatenbank ist zusätzlich von allen Zeitungsauftritten aus zu erreichen. Teil des Kooperationsabkommens ist die Durchsetzung einer zentralen Dachmarkenstrategie: Alle Rubrikanzeigenteile der gedruckten Zeitungen heißen nun zett.no. Von der Anzahl der gelisteten Stellenanzeigen hat zett.no seinen großen Konkurrenten schon im Juni 2004 erreicht.
Die Beispiele aus Skandinavien zeigen, dass es verschiedene Organisationsformen für erfolgreiche Rubrikanzeigenportale gibt. Es ist keineswegs entschieden, dass separate Portale für die verschiedenen Bereiche immer erfolgreicher sein müssen als die abfällig als „Gemischtwarenläden“ bezeichneten horizontalen. Letztere bieten bessere Möglichkeiten für Crosspromotion zwischen den verschiedenen Bereichen. In größeren Märkten wie z. B. den USA, Großbritannien oder Deutschland scheinen allerdings im Augenblick spezialisierte vertikale Portale besser positioniert zu sein. Grund zur Skepsis bietet der Blick auf den Erfolg von großen Internetmarken und die sich immer noch stark wandelnden Gewohnheiten der Internetnutzer: Amazon (zumindest in gewissem Umfang), eBay und zuletzt Google haben Erfolg mit einer laufenden Ausweitung ihres Angebots. In den USA nutzten beispielsweise 2003 rund 35 Prozent der Internetnutzer Google für die Suche nach lokalen Einkaufsinformationen – im Jahr zuvor hatte dies bei der gleichen Umfrage noch niemand getan.
Erfolgsfaktor strukturierte Datenerfassung
Mit Blick auf die Erlös- und Kostenseite ist eine möglichst enge technische Integration von Print- und Online-Rubrikenmärkten inzwischen generell unverzichtbar. Bei erfolgreichen Unternehmen kehrt sich dabei die Produktionskette um. Die Anzeigenannahme erfolgt nach Möglichkeit „breitbandig online“ (strukturierte Datenerfassung mit Bildern und allen denkbaren multimedialen Elementen), die Inhalte werden dann je nach Ausgabemedium unterschiedlich behandelt. Die Verantwortung für die Inhalte wird zunehmend an den Kunden übertragen: Wer selbst verantwortlich ist, kann sich nirgendwo beschweren. Hinzu kommen Einsparungen bei der Erfassung. Im Bereich gewerblicher Rubrikanzeigenkunden wird die technische Integration ganz besonders wichtig: Wer keine Schnittstellen zu den Systemen bereitstellen kann, mit denen die Händler ihre Bestände verwalten, wird künftig bei der Anzeigenschaltung immer öfter übergangen werden.
Der Online-Rubrikenmarkt ist weltweit in Bewegung, auch wenn die WAN das Tempo des Wandels als nicht dramatisch einschätzt. In diese Entwicklungen will dieser Report etwas mehr Klarheit bringen. Er wirft einen Blick auf die wichtigsten Online-Rubrikenmärkte – Stellen, Immobilien und Kfz – und ihre Entwicklung in Deutschland, den USA und ausgewählten europäischen Nachbarländern. Was gibt es für Unterschiede, was für Gemeinsamkeiten? Wo haben die Verlage den Kampf um die Rubrikenmärkte gewonnen, wo verloren, wo ist noch nichts entschieden? Was sind die ausschlaggebenden Faktoren für den Erfolg oder Misserfolg der Online-Initiativen? Welche Entwicklungen sollten Verlage im Auge behalten? Patentrezepte können und werden dabei nicht herauskommen. Aber vielleicht die eine oder andere Idee, wie man im eigenen Verlagshaus vermeiden kann, dass das Internet für die eigene Zeitung zu einer „disruptive technology“ wird, also das bestehende Geschäft nachhaltig zerstört.
Die Autorin Katja Riefler arbeitet als Journalistin und Unternehmensberaterin in München mit den Schwerpunkten Zeitungsverlage und Neue Medien. Der vorliegende Text stammt aus dem Buch "Rubrikanzeigen - Wachstumsmarkt im Wandel", das im September 2004 bei der ZV Zeitungs- Verlag Service GmbH erschienen ist und hier bestellt werden kann. Redaktionsschluss für den Beitrag war September 2004. 04. September 2004 |
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