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20. Juni 2002 | Pressemitteilungen

Es gilt das gesprochene Wort!

Rede von BDZV-Präsident Helmut Heinen anlässlich des Zeitungstags beim Medienforum NRW am 20. Juni 2002

Berlin, 20. Juni 2002

Wir freuen uns sehr, wieder mit einem Zeitungstag beim Medienforum NRW präsent zu sein, und können damit heute einmal mehr die Leistungsfähigkeit und die Innovationskraft unseres Mediums Zeitung unter Beweis stellen.

 

Sie können es derzeit fast täglich hören oder lesen: Nicht nur die Zeitungen, sondern die Medienbranche insgesamt befindet sich wirtschaftlich in einer schwierigen Situation. Der Werbemarkt liegt am Boden; gerade für mittelständische Unternehmen, wie es die Zeitungshäuser in ihrer Mehrzahl sind, wird die finanzielle Decke dünner.

 

Wichtigste Ursachen dieser unerfreulichen Entwicklung sind die anhaltend schlechte Konjunktur und wohl auch die Kaufzurückhaltung der deutschen Bevölkerung nach der Einführung des Euro. Ständige Hiobsbotschaften vom Aktienmarkt, der den Medien im mittlerweile fast schon legendären Boomjahr 2000 noch reichlich Anzeigenkunden bescherte, tun ein Übriges. Kurz: Schien es zum letzten Jahreswechsel möglich, dass zum dritten oder vierten Quartal 2002 für die Kommunikationswirtschaft und damit für die Zeitungen die Talsohle bereits durchschritten wäre, so erwarten wir heute eine spürbare Besserung erst für das Jahr 2003.

 

Andererseits bewegen sich die Auflagen der Zeitungen in Deutschland mit erscheinungstäglich fast 30 Millionen verkauften Exemplaren allen Unkenrufen zum Trotz auf einem erfreulich stabilen Niveau. Das Erlösmodell unserer Branche basiert jedoch, und deshalb belastet uns die aktuelle Situation so, vor allen Dingen auf einem florierenden Anzeigenmarkt. Rund ein Drittel unserer Umsätze wird durch den Zeitungsverkauf erzielt, zwei Drittel kommen aus Anzeigen- und Werbeinnahmen.

 

Für die Unternehmen der Zeitungsbranche bedeutet dies in der Konsequenz: Sparen, dort wo es geht. Jede Entscheidung muss auf den Prüfstand gestellt werden. Synergien im eigenen Verlag müssen gesucht, Prozesse optimiert, mögliche Kooperationen und Koalitionen mit Dritten auf ihre wirtschaftliche Sinnhaftigkeit untersucht werden. Dabei darf jedoch auf keinen Fall die Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen, vor allem die redaktionelle Qualität, leiden, mit der wir jeden Tag um unsere Leser und um deren Aufmerksamkeit werben. Es muss bei aller Sparsamkeit unser Ziel sein, die Qualität unseres Angebots noch weiter zu verbessern, um auch weiterhin im Wettbewerb der Medien erfolgreich zu bestehen und täglich vieles und dabei jedem zumindest etwas zu bieten.

 

Ich bin unter diesen Vorzeichen gespannt auf unsere vormittägliche Debatte über "Neue Strategien für ein klassisches Medium", bei der uns Experten, darunter die Spitzen mehrerer großer Verlagshäuser hoffentlich einiges darüber verraten, wie sie ihre Häuser für die Zukunft rüsten.

 

Ich begrüße also Clemens Bauer von der "Rheinischen Post", Jochen Becker von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Günter Kamissek von der Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg, ferner unseren Gast aus England, Allan Marshall von Associated Newspaper, der uns einen Blick über den Tellerrand auf den zweiten großen Zeitungsmarkt in Europa erlauben wird. Und ich begrüße Professor Klaus Schönbach, Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam, der uns aus wissenschaftlicher Perspektive Faktoren des Erfolgs von Zeitungen erläutern wird. Ich freue mich sehr, dass wir obendrein als Leiter unserer Expertenrunde Helmut Markwort gewinnen konnten, der nicht nur ein hervorragender Moderator ist, sondern als Erfinder und Chefredakteur des Magazins "Focus" ja auch selbst weiß, wie man auf schwierigen Märkten mit guten Ideen zur rechten Zeit reüssieren kann.

 

Der Vormittag heute wird ganz unternehmerisch-strategischen Aspekten gewidmet sein. Der Nachmittag unseres Zeitungstags gehört dagegen eher den publizistischen Erwägungen und der Frage nach dem Verhältnis von "Qualität und Quote".

 

Wir erwarten viel von unseren Redaktionen. So wollen beispielsweise an einem Tag diffuse Warnungen vor terroristischen Anschlägen und die damit einhergehende Beunruhigung der Bevölkerung eingeordnet, der Nitrofen-Skandal erklärt und die neuesten Attacken der Parteien rund um den Wahlkampf beschrieben sein. Alles nebeneinander, verständlich für die Leser und möglichst mit der richtigen Gewichtung.

 

Haben unsere Journalisten die professionellen Voraussetzungen, um den beschriebenen oder anderen Wirklichkeiten gerecht zu werden? Haben wir in unseren Redaktionen ausreichend Fachleute, die kompetent facettenreiche Vorgänge analysieren, gewichten und beurteilen können, die in die Tiefe des Themas gehen und seinen Hintergrund ausleuchten können? Kompetenz ist jedenfalls Voraussetzung für Qualität.

 

Ich rede nicht von einem akademischen Spezialistentum. Wir brauchen für unsere Zeitungen Generalisten und Spezialisten gleichermaßen. Nur so werden wir den heutigen Leserbedürfnissen gerecht werden können. Das sehen wir im Wirtschafts- und Finanzjournalismus, dem heute ein großer Stellenwert gewidmet wird. Das sehen wir immer schon in den Kulturteilen. Das vermissen wir aber teilweise noch in der Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen, gerade wenn es um das Herunterbrechen auf die Auswirkungen für unsere Leser geht. Generalisten und Spezialisten braucht heute auch das Lokale, das nicht nur in den Großstädten alle gesellschaftlichen und kulturellen Auseinandersetzungen der heutigen Welt widerspiegelt. Das Schlagwort "All politics are local" kann gerade unter dem Aspekt der multikulturellen lokalen Gesellschaften neu definiert werden. Investitionen in die Aus- und Weiterbildung der Redakteure des Lokalressorts sind nicht weniger wichtig als die für politische Leitartikler oder Feuilletonisten.

 

Die journalistische Qualität einer Zeitung oder gar der gesamten Gattung lässt sich nicht am grünen Tisch festlegen oder gar herbeiführen. Jede Redaktion muss ihre Vorstellung von Qualität mit Blick auf die Interessen ihrer Leser nach Maßgabe ihrer Mittel und Möglichkeiten realisieren. Umfang und Qualität des publizistischen Angebots werden schließlich auch von den wirtschaftlichen Möglichkeiten bestimmt. Das ist - nicht nur angesichts der derzeitigen Marktprobleme - eine Feststellung, die man nicht ignorieren sollte, wenn wir über "Qualität und Quote" sprechen wollen.

 

Die Zukunftschancen und -risiken hängen aber, und das möchte ich hier noch einmal ganz deutlich sagen, nicht allein vom Markt und den Wettbewerbern ab, sondern auch von dem gesetzlichen Rahmen, den die Politik uns schafft. Die Bundesregierung macht es den Verlegern wie der gesamten Medienbranche da nicht gerade einfach, ich denke etwa an das geänderte Betriebsverfassungsgesetz, an die Neuregelung des Urheberrechts oder die für unsere Branche besonders unselige Novellierung des so genannten 630-Mark-Gesetzes. Gerade in diesem Thema muss dringend eine Wende zum Besseren erfolgen.

 

Obendrein droht auf europäischer Ebene die EU-Kommission neuerlich mit der Einführung eines Verbots für Tabakwerbung. Das ist ein geradezu unglaublicher Vorgang, meine Damen und Herren: Denn kaum hatten wir vor dem Europäischen Gerichtshof nachgewiesen, dass die EU-Kommission in dieser Angelegenheit keine Regelungskompetenz besitzt, da zieht der zuständige Kommissar das abgeschmetterte Vorhaben leicht abgewandelt erneut aus der Schublade und argumentiert nun mit angeblichen Behinderungen des Binnenmarktes, die offenbar nur er sieht, jedenfalls kein Verleger in Europa.

 

Es kann nicht angehen, dass legal hergestellte und vertriebene Produkte nicht auch legal beworben werden dürfen! Und wo wäre die Grenze? Heute geht es um Tabakwaren, morgen um alkoholische Getränke, übermorgen um Autos, Kinderspielzeug, Süßigkeiten oder frei verkäufliche Medikamente - die Pläne dazu gibt es bereits.

 

Werbeverbote sind Denkverbote. Unter den Händen einer überbehütenden EU-Kommission würde die Vision vom mündigen Bürger und Verbraucher zur Farce. Hinzu kommt, dass Anzeigen und Werbung ein wichtiges wirtschaftliches Standbein der Zeitungsverlage wie der übrigen Medien bilden. Käme es hier aufgrund von EU-Regelungen zu einer drastischen Reduzierung, so würden sich allein in Deutschland und Österreich die Medienausgaben um vier Milliarden Euro verringern; mehr als 100.000 Arbeitsplätze gerieten in Gefahr.

 

Bei der Ablehnung von EU-weiten Werbeverboten wissen wir die deutsche Bundesregierung auf unserer Seite. Allerdings gibt es auf nationaler Ebene doch immer wieder Querschläger aus den Fachministerien, die unversehens neue Ideen für Werbebeschränkungen wie Hasen aus dem Hut ziehen, jüngst etwa den Vorschlag, Tabakwerbung auch in Kinos schlicht zu verbieten.

 

Damit wir uns recht verstehen. Ich rede hier nicht einzelnen Produkten das Wort, mir geht es um die Verteidigung eines wichtigen Prinzips, das wir nicht leichtfertig opfern dürfen: Die Werbefreiheit ist Bestandteil der Kommunikationsfreiheit. Wer sie einschränkt, rührt an die in Artikel 5 unseres Grundgesetzes niedergelegten Garantien.

 

Daran zu erinnern, auch dazu ist unser Zeitungstag beim Medienforum NRW eine gute Adresse.

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