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04. Februar 1998 | Pressemitteilungen

dpa-Interview mit BDZV-Präsident Wilhelm Sandmann

Bonn, 4. Februar 1998

Was brennt dem BDZV-Präsidenten zwei Tage vor seinem 65. Geburtstag am meisten unter den Nägeln?

Sandmann: Das ist die morgige Bundesratsdebatte, bei der es um den sogenannten "Großen Lauschangriff" geht. Ich hoffe, daß dort der im Bundestag verabschiedete Gesetzentwurf noch korrigiert wird zu Gunsten der Presse. Selbstverständlich sehe ich die dringende Notwendigkeit einer noch effektiveren Bekämpfung der organisierten Kriminalität, doch kann dies nicht auf Kosten der Pressefreiheit gehen. Und genau dies wäre der Fall, wenn künftig kein Informant mehr sicher sein könnte, mit einem Journalisten an dessen Arbeitsplatz oder in dessen Privatwohnung vertraulich reden zu können. Die Presse würde damit von wichtigen Informationen abgeschnitten und könnte ihre unverzichtbare Kontroll- und Wächterfunktion in der Gesellschaft nicht mehr in dem Maße wahrnehmen wie heute. Viele der Skandale, die unser Land in den zurückliegenden Jahren erschüttert haben, sind durch die Presse erst aufgedeckt worden. Und am Anfang stand meist ein vertrauliches Gespräch zwischen Informant und Journalist. Diese Möglichkeit muß auch in Zukunft gewährleistet sein.

Wird mit der Pressefreiheit in Deutschland achtlos umgegangen?

Sandmann: Nein, das wäre ein zu pauschale Behauptung. Wir sind doch eines der wenigen Länder auf der ganzen Welt, in denen die Pressefreiheit nicht nur in der Verfassung verankert ist, sondern auch Tag für Tag gelebt wird. Natürlich gibt es immer wieder Vorstöße vor allem von politischer Seite, die Presse stärker an die Zügel zu nehmen und damit letztlich ihre öffentliche Mittler- und Wächterfunktion zu beschneiden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die etlichen beteiligten Durchsuchungs- und Beschlagnahmungsaktionen in Redaktionen. Es ist gut, daß diese traurigen Vorfälle Einzelfälle bleiben. Wohl sehe ich die Notwendigkeit, daß wir - und damit meine ich Verleger wie Journalisten - gerade heute in der Öffentlichkeit bewußt machen sollten, was Presse- und Meinungsfreiheit wirklich wert sind. Was für uns hier in Deutschland und in anderen demokratischen Ländern so selbstverständlich ist, wird an den meisten Orten in der Welt mit Füßen getreten. Gerade bei der Jugend sollte für diese Dinge ein stärkeres Bewußtsein entwickelt werden. Pressefreiheit ist auch in unserem Land keine Selbstverständlichkeit, sondern sie mußte über Jahrhunderte hart erkämpft werden. Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, daß sich der BDZV mit einem bundesweiten Schülerwettbewerb an den Jubiläumsfeierlichkeiten anläßlich 150 Jahre Paulskirche beteiligt. In Aufsätzen und Fotoarbeiten sollen junge Menschen zum Ausdruck bringen, was sie heute mit "Freiheit" verbinden. Und welchen Stellenwert die Botschaften von 1848 heute haben. 1884 - das war auch die Geburtsstunde der Pressefreiheit in Deutschland.

Sie haben das Stichwort gegeben "Jugend und Zeitung" ; unter Ihrer Präsidentschaft wurden die Aktivitäten des BDZV zur Heranführung junger Menschen an die Zeitung enorm verstärkt. Welche Früchte tragen all diese Maßnahmen?

Sandmann: Längst bevor ich im Präsidium des BDZV war, konzentrierte sie die Aufmerksamkeit des BDZV bereits auf Maßnahmen zur Ansprache der Jugend. Längst sind diese in den vergangenen Jahren enorm gestärkt worden. Ich denke, es gibt heute kaum einen Zeitungsverlag, der sich auf diesem Feld nicht mit Projekten rund um "Zeitung und Schule" engagiert. Daß trotz der elektronischen Medienexpansion und vielfältige andere Freizeitangebote mehr als die Hälfte der 14- bis 19jährigen bereits zu den regelmäßigen Zeitungslesern zählen, ist letztlich wohl auch auf diese vielfältigen Maßnahmen zur Leseförderung zurückzuführen. Andererseits erfüllt es mich mit Sorge, wenn ich höre, daß laut jüngsten Untersuchungen mehr als 30 Prozent unserer Achtklässler weder richtig schreiben noch lesen können. Eine traurige Bilanz. Gerade in Zeiten wo wir vom Eintritt in die Informationsgesellschaft sprechen. Es stellt sich die Frage, ob wir in diesem Bereich nicht eine große konzertierte Aktion zur Leseförderung brauchen, in der alle beteiligt werden, die in diesem Land maßgebliches Interesse an informierten und gebildeten Bürgern haben. Dazu zählen nämlich gerade auch die Zeitungen.

Die Konkurrenz im Konzert der Medien verschärft sich weiter; wie rüsten sich die Zeitungen für diesen Wettbewerb?

Sandmann: Wir alle wissen, daß die Medienexpansion noch längst nicht abgeschlossen ist. Die Zahl der Mitbewerber im Werbemarkt wächst ebenso wie die der Teilnehmer am Wettbewerb um Leser, Hörer und Zuschauer. Dem werden wir natürlich gegensteuern, in dem wir unsere Produkte noch besser machen und ihre Vermarktung sowohl in Richtung Leser beziehungsweise potentielle Leser als auch in Richtung werbungtreibende Wirtschaft weiter verbessern. Das muß natürlich jedes Haus selbst tun. Dies ist aber zugleich auch Aufgabe des BDZV, vor allem aber für die eigens hierfür von uns ins Leben gerufene Zeitungs Marketing Gesellschaft. Die Zeitung ist in jeglicher Hinsicht ein Qualitätsmedium; das ist unsere Botschaft und wir werden alles tun, daß dies auch so bleibt. Mehr denn je müssen wir die Menschen überzeugen, daß es unverzichtbar ist, eine Zeitung zu kaufen und zu lesen. Dabei entscheidet der Nutzwert über den Erfolg. Vor diesem Hintergrund bekommt das Wort "Dienstleistung" auch für unsere Zeitungsredaktionen eine ganz neue Bedeutung. Unsere Zeitungen werden künftig noch viel mehr Dienstleistungsunternehmen sein, das heißt sie werden sich noch stärker an den Informations- und Servicebedürfnissen der Leser orientieren. Denn unsere Leser sind unsere Kunden.

Problemfeld "620-Mark-Jobs" ungewisse Zukunft für den Postzeitungsdienst - fühlen sich die Verleger von der Politik im Stich gelassen?

Sandmann: Wir fühlen uns nicht im Stich gelassen, aber ich mache mir große Sorgen um einige wesentliche Rahmenbedingungen für die Presse. Sie haben das Thema Postzeitungsdienst angesprochen. Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, daß diese Dienstleistung als sogenannte Grundversorgung gesetzlich verankert wird. Wir wollen, daß auch in Zukunft der Bürger an jedem Ort zu einem akzeptablen Preis die Zeitung seiner Wahl erhalten kann und eben nicht aufgrund zu hoher Postgebühren die Zeitung abbestellen muß. An die Adresse der Politik gerichtet kann ich nur sagen: Wer sich gegen eine langfristige Garantie des Postzeitungsdienstes ausspricht, setzt die chancengleiche und vielfältige Informationsmöglichkeit der Bürger leichtfertig auf Spiel und tritt damit letztlich auch die politische Meinungs- und Willensbildung mit Füßen.

Stichwort 620-Mark-Jobs. Das Thema ist ja jetzt zunächst aus der politischen Diskussion, doch es wird wieder auf die Bonner Tagesordnung zurückkommen. Unser Haltung ist klar: Wir brauchen gerade im Bereich der Zeitungszustellung die geringfügig Beschäftigten. Würden diese Jobs der Sozialversicherung unterworfen, wäre kaum noch jemand bereit, die Aufgabe der Zeitungszustellung zu übernehmen. Müßten die Verlage diese Einkommensverluste dieser Mitarbeiter ausgleichen, käme auf die Häuser eine jährliche Mehrbelastung von etwa eine halbe Milliarden Mark zu, die wir berechnet haben. Für viele Verlage wäre das nicht verkraftbar.

Stichwort Europa: Innerhalb der EU-Kommission gibt es immer noch Befürworter einer Richtlinie zur Medienkonzentration, die sich geradezu pressefeindlich auswirken würde. Der dazu vorgelegte Richtlinienentwurf sieht unter anderem vor, daß den Zeitungsverlage in den einzelnen Mitgliedsstaaten ein Engagement im Rundfunkmarkt untersagt werden soll, wenn sie im nationalen / regionalen Pressemarkt eine starke Stellung haben. Im Klartext: Müßte eine solche Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden, wäre dies das "Aus" für viele deutsche Zeitungsverlage im privaten Rundfunk. Soweit darf es nicht kommen.

Eine wichtige Aufgabe des BDZV ist der Abschluß von Tarifverträgen. Welche Zukunft hat der Flächentarifvertrag in der Zeitungsbranche?

Sandmann: Ich will hier nicht auf die vielfältigen Qualitäten des Flächentarifvertrags eingehen. Ich bin jedenfalls ein Verfechter solcher Tarifwerke sofern sie in der Tat Mindeststandards verkörpern und dem einzelnen Unternehmen auch individuelle Spielräume zur Ausgestaltung lassen. Ein wichtiges Signal für die Zukunft des Flächentarifvertrags in unserer Branche war sicherlich der jüngste Tarifabschluß für die Redakteure. Am Schluß der langwierigen und schwierigen Verhandlungen haben die Tarifpartner letztlich doch noch ihre Regelungskompetenz unter Beweis gestellt. Dies war sicherlich neben der Fortschreibung der 36,5 Stundenwoche das wichtigste Ergebnis der Verhandlungen.

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