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Rede von BDZV-Präsident Helmut Heinen anlässlich des Zeitungskongresses am 14. September 2009 in Fulda

Es gilt das gesprochene Wort!

Es hat symbolische Bedeutung, dass wir uns 20 Jahre nach dem Beginn der Wende ausgerechnet in Fulda treffen. „Fulda Gap“ als vermuteter wahrscheinlichster Angriffspunkt der Ostblock-Streitkräfte und „Point Alpha“ als vorgeschobener US-Beobachtungsposten waren Symbolbegriffe für die jahrzehntelange Teilung des Kontinents, sie markierten die Nahtstelle zwischen West und Ost. Mit dem Fall der Grenzen im Herbst 1989 nahm die ganze Welt Anteil an den guten Nachrichten aus Deutschland. 

Zunächst sage ich heute ein Wort des Dankes an den Verlag der „Fuldaer Zeitung“ und an den Landesverband Hessischer Zeitungsverleger, auf deren Einladung wir heute hier zusammenkommen: Liebe Familie Schmitt: Ihre Zeitung besteht seit 1874, sie ist also stolze 135 Jahre alt. Ihre Geschichte spiegelt den mühsamen Kampf für die Presse- und Informationsfreiheit in Deutschland: von den Kulturkampfzeiten des Bismarck-Reichs über die Weimarer Republik und den Terror des Nationalsozialismus bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Die Männer an der Spitze von Verlag und Redaktion waren Idealisten, die um des freien Wortes willen die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht nicht scheuten und auch Gefängnisstrafen auf sich nahmen. Der Publizistengeneration von heute sei die Geschichte der „Fuldaer Zeitung“ als Beispiel für meinungsfreudigen Journalismus ans Herz gelegt.

Wir feiern in diesem Jahr den 60. Geburtstag unseres Grundgesetzes. Es ist das bewährte und stabile Fundament unserer Demokratie. Die Freiheit der Presse ist in Artikel 5 Grundgesetz garantiert: als Grundrecht, das nicht veränderbar ist. Als selbstverständliches Menschenrecht. Seit 1990 gilt das auch für die neuen Bundesländer. Ein Zitat: „Den deutschen Zeitungsverlegern ist vor allem zu danken, dass die Zusammenarbeit bei den Medien zu den erfreulichen Kapiteln deutsch-deutscher Kooperation gehört. Sie haben ganz wesentlich zum Erfolg dieser demokratischen Revolution beigetragen“, erklärte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am Vorabend der deutschen Vereinigung 1990, als der BDZV seinen Zeitungskongress in Nürnberg abhielt.

Daran möchte ich heute erinnern. Denn in Deutschland wissen wir aus eigener Erfahrung: Wo die Presse behindert, wo die Informationskanäle monopolisiert, die Redaktionen gleichgeschaltet und die Zeitungskäufer und Zeitungsleser in ihren persönlichen Entscheidungen eingeengt sind, gibt es keine Freiheit. Politische Freiheit und Pressefreiheit sind unlösbar miteinander verbunden.

Wir stehen in der Verantwortung, jederzeit und an jedem Ort, wo dies möglich ist, für diese Freiheitsrechte einzutreten – und zwar nicht nur einmal im Jahr, am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit. Sonst verkommt dieser Tag zu einem bloßen Ritual.

Zu tun gibt es genug: auch im Dialog mit der Politik. Im Osten, etwa in Russland, erleben wir Rückschläge. Von islamischen Ländern wie dem Iran ganz zu schweigen. Kritik wird dort noch immer nicht als Teil eines kreativen Prozesses verstanden, die Presse bleibt in den Dienst der Politik gestellt. Es ist unsere Pflicht, hier immer wieder elementare Rechte einzufordern.

Auch in Deutschland erleben wir immer wieder Versuche, die Arbeitsmöglichkeiten einer freien Presse einzuschränken. Beispielhaft nenne ich hier mit Blick nur auf die vergangenen 18 Monate das BKA-Gesetz mit seinen Auswirkungen auf den Informantenschutz, das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung und die Bespitzelung von Journalisten durch den BND.

Aber natürlich ist unsere Situation in Deutschland in diesem Punkt ganz und gar nicht mit Ländern wie dem Iran oder Russland vergleichbar. Wir haben hierzulande das Glück, dass Meinungs- und Pressefreiheit nicht nur mit dem Artikel 5 im Grundgesetz verankert sind, sondern auch täglich gelebt werden. Aber von der Politik wie von den Ermittlungsbehörden erwarte ich Sensibilität und Augenmaß beim Abwägen zwischen Sicherheit und Pressefreiheit. Es hat leider Gründe, wenn Deutschland auf der von „Reporter ohne Grenzen“ geführten Rangliste der Pressefreiheit nur auf Platz 20 steht – einen Platz vor Jamaica und weit hinter Finnland oder Norwegen.

Wir haben in diesem Superwahljahr bewusst keine Vertreter der Parteipolitik auf Bundesebene zu unserem Zeitungskongress einzuladen. Dazu stehen die Bundestagswahlen zu kurz bevor. Was wir als Verleger in der neuen Legislaturperiode erwarten, das haben wir in vielen Einzelgesprächen und auf Fachveranstaltungen gesagt. Wir werden darauf achten, dass die neu gewählten Abgeordneten sich daran erinnern, wenn der nächste Deutsche Bundestag seine Arbeit aufnimmt.

Für die deutschen Zeitungsverlage ist 2009 das wirtschaftlich schwierigste Jahr seit Jahrzehnten. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch uns erreicht. Wir und die übrigen privaten Medien, die sich auf dem Markt behaupten müssen, bekommen dies in aller Härte zu spüren, ohne wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf dicke Gebührenpolster zurückgreifen zu können.

Die vor uns liegende 17. Legislaturperiode muss medienpolitisch im Zeichen einer rechtlichen und wirtschaftlichen Stärkung der freien Presse stehen! Das gilt auch im Hinblick auf Tendenzen in der Europäischen Kommission in Brüssel, unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes weiter wie bisher regulierend und im schlimmsten Fall mit Verboten in unsere Märkte einzugreifen. Wir bestehen unverrückbar auf unserer Position: Für legal hergestellte und verkaufte Produkte muss auch frei und ohne Restriktionen geworben werden können.

Wir haben in der Medienpolitik in den letzten Jahren durchaus feststellen können, dass das Verständnis für die Bedeutung der privatwirtschaftlich organisierten Zeitungen für eine lebendige Demokratie, für die Teilhabe möglichst aller an der gesellschaftlichen Diskussion spürbar gewachsen ist. Wir haben auch feststellen können, dass vielen Medienpolitikern klar geworden ist, dass Qualitätsjournalismus generell und eine flächendeckende aktuelle Berichterstattung gerade über regionale und lokale Ereignisse und Auseinandersetzungen ohne eine wirtschaftlich leistungsfähige Presse nicht möglich ist. Dafür steht in der Bundespolitik die Nationale Initiative Printmedien von Staatsminister Neumann, dafür stehen die Bestrebungen auf Länderebene, dass Zeitungsverlage verbesserte Beteiligungsmöglichkeiten am lokalen Rundfunk erhalten und so ihre Entwicklung zu Medienunternehmen weiter ausbauen können. Dazu zählt auch die Bereitschaft, sinnvolle Änderungen bei der Pressefusionskontrolle vorzunehmen und die Einführung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage anzugehen.

Soweit die Medienpolitiker.

Kommt es aber zu Zielkonflikten mit der Gesundheitspolitik, dem Verbraucherschutz, der Terrorismusabwehr oder der Finanzpolitik, dann werden die Belange der Zeitungen regelmäßig schnell hintangestellt. Eine zeitgemäße Medienpolitik muss zukünftig auch als Querschnittsaufgabe angesehen werden, die in allen Politikfeldern angemessene Rahmenbedingungen für eine leistungsfähige Presse sicherstellt! Und hierzu muss in der internen Diskussion in den Fraktionen seitens der bereits überzeugten Medienpolitiker bei allen einschlägigen Themen für die Belange der freien Presse eingetreten werden.

Stichwort Pressefusionskontrolle: Den Zeitungen muss es erlaubt sein, wenn dies aus ökonomischen Gründen geboten ist, auch in größeren Einheiten zu agieren. Voraussetzung dafür ist eine Reform des Wettbewerbsrechts. Der BDZV fordert, dass die Bestimmungen zu Kooperationen und auch Fusionen liberalisiert werden.

Notwendig ist unter anderem eine angemessene Heraufsetzung der so genannten Aufgreifschwelle. Während Unternehmen in anderen Branchen, die fusionieren wollen, dies beim Kartellamt ab einem Gesamtumsatz von 500 Millionen Euro melden müssen, liegt die Schwelle im Pressebereich bei 25 Millionen Euro. Außerdem gehören die Bedingungen für so genannte Nachbarschaftsfusionen auf den Prüfstand. Und angesichts einer seit der Einführung der Pressefusionskontrolle vor gut 30 Jahren explosionsartig gestiegenen Anzahl neuer Konkurrenten im Werbemarkt sollten auch die Möglichkeiten zu Kooperationen von Verlagen im Anzeigenbereich erweitert werden.

Die Bundeskanzlerin hat vor kurzem erklärt, dass sie in der Frage der Pressefusionskontrolle „grundsätzlich Handlungsbedarf“ sehe und die Tür dazu offen stehe. Nur: Man muss endlich durch die Tür gehen! Das sage ich an die Adresse aller Beteiligten, in der Politik, aber auch in unseren eigenen Reihen, in denen wir in den nächsten Monaten eine gemeinsame konstruktive Linie definieren und diese kraftvoll argumentieren wollen.

Ich wiederhole es auch heute: Die deutschen Zeitungsverlage fordern anders als viele andere keine Subventionen. Subventionen sind süßes Gift für die unabhängige Publizistik. Was unsere Häuser brauchen, sind gute Rahmenbedingungen in allen Politikfeldern. Verzicht auf Steuerbelastungen für den Vertrieb von Informationen, Verzicht auf Kommunikationsverbote in der Werbung, Respekt vor dem Informantenschutz, Heranführung von Schülern auch an die Nutzung von Zeitungen: das sind keine Subventionen, sondern eigentlich selbstverständliche Voraussetzungen für eine lebendige Presse.

Und dazu zähle ich auch den Abbau von Fehlentwicklungen im Internet. Da denke ich etwa an Wettbewerbsverzerrungen durch die mit Gebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Medien im Internet. Ich werde nicht noch einmal den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag und unsere Auseinandersetzungen mit ARD und ZDF Revue passieren lassen. Hier haben wir dem Wortlaut nach ja gar nicht so schlecht abgeschnitten. Allerdings werden wir aufmerksam beobachten, wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit den ihnen aufgegebenen Drei-Stufen-Tests umgehen, ob sie wirklich die wirtschaftlichen Auswirkungen ihrer Programme auf den Markt und die privatwirtschaftlich agierenden Medien ernsthaft prüfen oder ob sie Augenwischerei zu betreiben versuchen.

Zu den guten Rahmenbedingungen und zur Beseitigung von Fehlentwicklungen gehört weiter ein gesetzliches Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Wir brauchen dieses Recht, und zwar schnell. Es ist nicht länger hinzunehmen, dass aufwändig produzierte Qualitätsinhalte der Zeitungen von Dritten kommerziell genutzt werden, ohne dass auch nur ein Cent an die Verlage zurückfließt. Ein eigenes Leistungsschutzrecht der Presse muss daher die Rechteverfolgung im Internet vereinfachen.

Nur mit einem umfassenden Leistungsschutzrecht können wir dem „Con­tent-Klau“ von unseren Websites Einhalt gebieten. In einem weiteren Schritt wird es dann darum gehen, Bezahlmodelle für Internetinhalte zu entwickeln. Denn eines ist klar: Die Onlinewerbung allein wird nicht ausreichen, publizistische Qualität im Internet zu finanzieren. Darum müssen wir Wege finden, die von der Gratiskultur wegführen. Unser Ziel dabei ist der Erhalt der Qualitätspresse in einer digitalisierten Welt.

Dabei sollten wir im Übrigen nicht von einer „Kostenlos-Kultur“ sprechen. Dieser Begriff vernebelt den Sachverhalt. Es hat nichts mit „Kultur“ zu tun, wenn Inhalte von Fremden ausgebeutet werden! Content- beziehungsweise Inhalte-Diebstahl ist das richtige Wort. Oder Piraterie. Wir haben diese Forderungen erst vor wenigen Wochen sowohl der Bundeskanzlerin wie auch der Bundesjustizministerin Frau Brigitte Zypries in Berlin vorgetragen. Und wir freuen uns über die Aufgeschlossenheit aller großen Parteien, über entsprechende Regelungen konstruktiv nachzudenken.

Johann Wolfgang von Goethe wandte sich im Jahr 1827 erstmals in Deutschland an die Bundesversammlung, um ein Gesetz zum Schutz vor unerlaubtem Nachdruck zu erwirken. Es sollte noch 40 Jahre dauern, bis 1867 das Gesetz zum Urheberschutz verabschiedet wurde. So lange wollen wir diesmal nicht warten.

Wir begrüßen auch die Zusage der Bundeskanzlerin, dass an eine Erhöhung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für Zeitungen nicht gedacht ist. Dieses Versprechen macht aber nicht unsere Forderung nach einem Mehrwertsteuer-Nullsatz für Zeitungen obsolet, wie es ihn in einer ganzen Reihe von Ländern der Europäischen Union gibt. Die europaweit in vielen Bereichen angestrebte Harmonisierung sollte auch für den sensiblen Bereich der Zeitungen greifen. Es ist nicht zu verstehen, dass der Staat die tägliche Information via Zeitung mit einer Steuer belegt.

Unser diesjähriger Zeitungskongress in Fulda steht unter dem Motto „Zukunft gestalten - unter neuen Bedingungen“. Das ist ein positives, ein optimistisches Leitwort. Wir haben trotz aller Beschwernisse in Folge der gewaltigen Strukturveränderungen auf dem Medienmarkt und durch die Folgen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise, keinen Grund, Kassandra zur Leitfigur der deutschen Zeitungsbranche zu erklären.

Die Erosions-Tendenzen auf dem Lesermarkt lassen sich nicht wegdiskutieren. Ebenso wenig die Verschiebungen im Nutzerverhalten, besonders bei den jungen Menschen. Dennoch: Die Reichweiten der gedruckten Zeitungen sind weitgehend stabil geblieben. Mehr als sieben von zehn Deutschen lesen täglich Zeitung. Hinzu kommen 17,3 Millionen Internetnutzer, die regelmäßig auf die Websites unserer Zeitungen gehen. Das ist ein Erfolg unter schwieriger gewordenen Marktbedingungen. Wir sollten darauf in der aktuellen medienpolitischen Debatte offensiver verweisen! Und wir sollten das auch in der breiten Öffentlichkeit selbstbewusst vertreten.

Unser Kongress wird über die Herausforderungen diskutieren. Wir müssen darüber sprechen, wie wir unser Publikum davon überzeugen können, dass ernsthafter Journalismus einen Wert für die Gesellschaft schafft, dass er sozialen Nutzen stiftet. Ich möchte dazu wiederholen, was Werner D’Inka, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kürzlich gesagt hat: „Wir müssen endlich damit aufhören, uns einzureden oder einreden zu lassen, wir seien irgendwie von gestern und das Geschäftsmodell des seriösen Zeitungsjournalismus sei am Ende.“

Der Amerikaner Philip Meyer rechnet in seinem 2004 erschienenen Buch „The Vanishing Newspaper“ vor, dass im Jahr 2043 vermutlich zum letzten Mal ein Exemplar einer Zeitung im Briefkasten oder vor der Tür eines amerikanischen Bürgers liegen werde. Ich halte seine Berechnungen für aberwitzig, bin aber gerne bereit, mich nach Vorliegen der Ist-Zahlen für 2043 dazu nochmals zu äußern.

Natürlich müssen wir den stattfindenden Strukturwandel nüchtern analysieren. Wir erkennen dabei schnell, dass die veränderte Mediennutzung, die unsere Verlage auf der Erlössseite trifft, eine weit über unsere Nöte hinausgehende kulturelle Dimension hat.

Die grundlegende Kulturtechnik Lesen wird nicht mehr automatisch von Generation zu Generation weitergegeben. Es gibt eine Kette der Versäumnisse, angefangen mit den Familien, in denen kleinen Kindern heute zu selten erzählt und vorgelesen wird und in denen das Fernsehen zu oft die Rolle des Erstmediums übernimmt. Und noch lange nicht aufgehört mit Eltern, die, weil sie in ihrer Freizeit weder Buch noch Zeitung in die Hand nehmen, von ihren Kindern nicht als lesendes Vorbild wahrgenommen werden. Derartige Störungen der Leselern-Biographie, so möchte ich es ausdrücken, derartige Störungen führen in zu vielen Fällen zu nachhaltigen Defiziten n der Lesefähigkeit bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und in der zeitlichen Folge in unserer Gesellschaft insgesamt, mit schwerwiegenden Folgen: fehlende Schulabschlüsse, mangelnde Ausbildungsfähigkeit in der beruflichen Erstausbildung, stark erhöhtes Risiko der Arbeitslosigkeit.

Wir schauen aber auch auf diejenigen, die lesen können und tatsächlich lesen. Viele Kinder, Jugendliche vor allem, Erwachsene lesen sehr wohl, nur halt nichts Gedrucktes. Für sie scheint das Internet mit seiner fast unendlichen Vielfalt der Inhalte das Paradies für Leser zu sein. Ein Paradies allerdings nicht ohne Tücken; denn das Internet folgt anderen Gesetzen als die gedruckte Zeitung.

Das Internet ist schnell und überall. Obendrein ermöglicht es die Teilnahme der Nutzer, den direkten Rückkanal ins Medium. Und es hat unendlich viel Platz für jede nur denkbare Nachricht, wichtig oder unwichtig, richtig oder falsch.

Für die Zeitung und für den Zeitungsjournalismus – und damit meine ich im Übrigen sehr wohl auch die Angebote auf den Websites unserer Zeitungen – bedeutet das im Umkehrschluss, dass wir nicht versuchen sollten, immer noch mehr vom Gleichen zu produzieren, sondern vielmehr unsere Stärken zu betonen und weiter auszubauen. Was ist es, das unsere Zeitungen wertvoll und unverwechselbar macht? Was ist unser Markenkern?

Es geht um die Wiederentdeckung, oder besser, um die Vervollkommnung des intellektuellen, erzählenden, nachdenklichen und interpretierenden Journalismus. Es geht um die Position der Zeitung als Wegweiser durch die verwirrende Vielfalt der Informationen und Meinungen. Es geht um die Zeitung als Schlüssel zum Verstehen der globalisierten Welt. In diesen Bereichen kann das Internet nicht mithalten. Reflexion ist nicht seine Stärke. Oft habe ich den Eindruck, dass die „große Freiheit“ im Netz erkauft wird mit einer schleichenden publizistischen De-Professionalisierung. So bedeutet Veränderung durchaus Chance für das vermeintlich „alte“ Medium Zeitung. Qualität, Recherche und Lesernutze – das sind Leitbilder für den Zeitungsjournalismus der Zukunft, print wie online.

Und sozialer Nutzen, ich erwähnte ihn schon: Die Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Frau Professor Renate Köcher, hat bei unserem Zeitungskongress im vergangenen Jahr einen viel beachteten Vortrag gehalten. Darin hat Frau Köcher nachgewiesen, dass das Interesse der ans Internet gewöhnten Generation an politischen Entwicklungen kontinuierlich zurückgeht. Die Bereitschaft, sich umfassend zu informieren, wird schwächer.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Eine Gesellschaft, die teilweise auf kontinuierliche Information verzichtet, wird in der Urteilsbildung unbeständiger und damit auch anfälliger für Manipulation. Am Ende dieser Kette kann Politikverachtung stehen. Und mit Politikverachtung lässt sich eine Demokratie auf Dauer nicht bewahren. Im Gegensatz zum Internet, das subjektiv genutzt wird, wirken die Zeitungen integrierend. Unsere Art von Journalismus liefert auf professioneller Grundlage, durch kontinuierliche Information, durch Erklären und Gewichten von Fakten, der Öffentlichkeit das Rüstzeug für die politische Meinungsbildung. Zeitungen bilden sozialen Mehrwert.

Die Nachrichten über das „Zeitungssterben“ in den Vereinigten Staaten müssen uns natürlich beunruhigen. Doch lassen sich die amerikanischen Medienverhältnisse kaum mit den deutschen gleichsetzen. Der BDZV hat dazu vor Kurzem eine vergleichende Studie in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liegen erst in einigen Wochen vor. Aber soviel lässt sich jetzt schon sagen: Viel stärker noch als in Deutschland sind die amerikanischen Titel, und hier vor allen Dingen die großen Zeitungen, abhängig von den Einnahmen am Werbemarkt. Die zurückliegenden zwei Jahrzehnte waren für die USA viel mehr als bei uns Jahrzehnte kontinuierlichen Aufschwungs. Eine echte Krise gab es nicht. Wohl daher wurde in den Verlagen versäumt, rechtzeitig auf die Herausforderungen durch veränderte Marktbedingungen zu reagieren. Nun wirken sich nicht nur die Verschiebungen des Anzeigengeschäfts ins Internet, sondern auch die schwierige wirtschaftliche Situation doppelt negativ aus.

Unser bewährtes deutsches Vertriebssystem ist zudem geeignet, die traditionell starke Bindung der Zeitung zu ihrem Publikum, zumal im Lokalen und Regionalen, zu stärken und zu bewahren.

Aber vor allem auch unterscheiden wir uns in den Besitz- und Eigentumsverhältnissen. Finanzinteressen bestimmen in den USA viele Entscheidungen, viele große Zeitungshäuser sind an der Börse gelistet. Das führt zu kurzfristiger, hektischer Kapitalmarktorientierung. Ein von Eigentümern geführtes Presseunternehmen hingegen kann langfristige Strategien entwickeln und dabei den publizistischen Anspruch wahren. Das ist deutsche Verleger-Kultur; hier hat das so strapazierte Wort „Kultur“ tatsächlich seine Berechtigung. Gewiss, es wird sich auch auf unserem Markt der eine oder andere Finanzinvestor nicht ausschließen lassen. Aber wir haben darauf zu achten, dass diese Verleger-Kultur nicht verloren geht.

Gewiss, eine Zeitung ist ein Wertpapier. Sie ist aber kein Spekulationsobjekt.

In einem unterscheiden sich die amerikanischen nicht von den deutschen, sagen wir ruhig: von den europäischen Problemen. Es fehlt, wie schon erwähnt, noch immer die richtige Antwort auf die digitalen Veränderungen. Online wächst hier wie dort, ohne dass dies die wirtschaftliche Lage der Zeitungshäuser verbessert. Im Gegenteil, die Investitionen in Online verschlingen noch immer viel Geld.

Ich erwähnte es bereits: Dank des Internets haben die Zeitungen jetzt sehr viel mehr Leser und Nutzer unseres Qualitätsangebots als jemals zuvor. Aber ebenfalls dank des Internets haben die Zeitungen jetzt weniger Geld in der Kasse. Die Online-Werbung kommt viel weniger den Verlagen als den Betreibern von Suchmaschinen wie Google zugute, die keine eigene Informationsleistung erbringen. Das sind die Fakten! Der Frage, wie ein Bezahl-Modell für Online-Inhalte von Zeitungen aussehen könnte, können deshalb weder amerikanische noch deutsche Verlage ausweichen.

Quer durch die Branche, international wie national wird das Thema „Paid Content“ neu aufgeworfen und angegangen. Die Diskussion ist nicht neu, aber unter veränderten Bedingungen wieder neu eröffnet. Wir werden vermutlich nicht schnell zu einer definitiven Antwort kommen. Wir müssen jedoch neue Wege der Refinanzierung finden. Den Königsweg oder auch nur die Killerapplikation gibt es wohl nicht. Das heißt forschen, ausprobieren, verwerfen und wieder von vorne anfangen – und zwar immer mit der nachdrücklichen Botschaft: Qualitätsinhalte kosten!

Dass unsere Kunden dort bedient werden müssen, wo sie bedient werden möchten - darüber werden wir nicht mehr streiten müssen. Um einen Wandel herbeizuführen von kostenlosen zu Bezahlinhalten im Internet bedarf es spezialisierter und qualitätvoller Informationsangebote, die es anderswo nicht gibt. Es stellt sich die Mehrwert-Frage, in Online und in Print, Stoff für die Diskussionen auf diesem Zeitungskongress.