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Rede von BDZV-Präsident Helmut Heinen zur Verabschiedung von Ernst Elitz, Intendant des Deutschlandradios, am 12. März 2009 in Köln

Den einen oder die andere unter Ihnen mag es vielleicht etwas verwundern, warum ausgerechnet ein Zeitungsverleger die Lobrede auf einen scheidenden Hörfunkintendanten hält – zumal es in den vergangenen Jahren zwischen Verlegern und Vertretern des öffentlich rechtlichen Rundfunks ja immer wieder einmal vernehmlich krachte. Ich jedenfalls habe mich über die Einladung sehr gefreut und sofort und sehr gerne zugesagt; denn ich habe Ernst Elitz in den vergangenen 15 Jahren, leider nicht schon früher, kennen und schätzen gelernt, ihn persönlich genauso wie den Intendanten Prof. Elitz von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Mit ihm verbunden bin ich - natürlich - als Intensivtäter in der Nutzung der von ihm verantworteten Programme. Und - Ernst Elitz ist ja nicht nur Frontmann des nationalen Hörfunks geworden, sondern immer auch Zeitungsmann geblieben.

 

Aber der Reihe nach!

 

Wie viele erfolgreiche Rundfunkintendanten hat Elitz seine Karriere bei der gedruckten Presse begonnen. Während seines Studiums arbeitete er unter anderem frei für „Die Zeit“ und den „Vorwärts“, auch für die Zeitschrift „Publik“ und außerdem für die Hauptabteilung „Kulturelles Wort“ von RIAS Berlin. Nach beendetem Studium gehörte er fünf Jahre lang der Deutschland-Redaktion des „Spiegels“ in Hamburg an - und ging Mitte der 70er Jahre dem gedruckten Wort hauptberuflich dann leider doch verlustig. Es folgten wichtige Stationen bei ZDF und ARD. Ernst Elitz wurde als Berichterstatter und Moderator das Gesicht von „Kennzeichen D“ und „heute-journal“, später von „Pro & Contra“ und „Weltspiegel“ beim Süddeutschen Rundfunk.

 

Es war somit im Jahr 1994 eine wohl begründete und vorausschauende Entscheidung der verantwortlichen Gremien, Ernst Elitz zum Gründungsintendanten des werdenden nationalen Hörfunksenders mit dem fast beängstigend anspruchsvollen Namen „Deutschlandradio“ zu wählen. Der Mann war zweifelsfrei bekannt, auch war er durch seine bisherige Karriere und durch manchen Preis als Könner ausgewiesen. Sich selbst brauchte er also nicht mehr groß zu erklären, sondern konnte - und musste - alle Erklärung in den neuen Sender legen, der da der größer gewordenen Republik zugewachsen war. Aus der Rückschau von heute waren diese Entscheidung und vor allem auch die zweimalige Wiederwahl nicht nur wohl begründet, sondern geradezu weise und vor allem erfolgreich.

 

„Bundesweit und werbefrei“ – das war Anspruch und Versprechen des Deutschlandradios. Bundesweit und werbefrei, das war auch eine Sisyphus-Aufgabe für den ersten Intendanten und seine Mitarbeiter. Denn wer bundesweit senden möchte, der braucht Frequenzen, Frequenzen, die längst verteilt waren und von den Hörfunksendern der ARD mit Argusaugen bewacht und verteidigt wurden. Und wer werbefrei senden soll, der braucht Gebühren, um seinen Betrieb zu finanzieren. Geld also, das entweder den bestehenden Sendern und künftigen Konkurrenten abgezwackt oder aber auf die Rundfunkgebühr aufgeschlagen werden musste. Auch ist Rundfunkpolitik in Deutschland Ländersache, ein nationaler Hörfunksender folglich zunächst systemfremd. Und so dauerte es immerhin bis zur Verabschiedung des 5. Rundfunkänderungsstaatsvertrags im Jahr 2000, bis der nationale Hörfunk auch einen eigenen, unmittelbaren Anteil an den Rundfunkgebühren zugesprochen erhielt.

 

Und natürlich war die Zusammenführung von West- und Ost-Radio, von RIAS Berlin und DS Kultur zum neuen Sender Deutschlandradio Berlin (später umbenannt in das weniger ortsgebundene Deutschlandradio Kultur), zunächst sicher keine Ehe, die im Himmel geschlossen wurde. Mitarbeiter, aber auch Hörer wurden auf einen schwierigen Weg geschickt. Noch gut erinnere ich mich an eine typische Samstagvormittag-Sendung, in der der Intendant Ernst Elitz den Hörern zwei Stunden lang Rede und Antwort stand. Da brach eine Anruferin aus Westberlin am Telefon in Tränen aus, weil der Name RIAS und mit ihm ein Stück vertrautes, altes Nachkriegsberlin verschwunden waren. Das war übrigens eine der wenigen Situationen, in denen man Ernst Elitz on Air, nicht sprachlos, aber doch hörbar beeindruckt erleben konnte.

 

Nein, sprachlos war und ist er selten. Und sein Sender kann sich eines Intendanten rühmen, der Jahr für Jahr während der Internationalen Funkausstellung ohne Netz und doppelten Boden zwei Stunden lang zur besten Sendezeit mit seinen Hörern live telefoniert. Andererseits: So gefährlich für die Ruhe des Intendanten und das Image des Senders waren diese Telefonate meist auch wieder nicht. Sie begannen nämlich im Allgemeinen mit den Worten: „Ich höre jeden Tag Deutschlandradio. Sie machen ein wunderbares Programm!“. Und das lässt sich vielfältig nuancieren: Deutschlandradio-Programme haben Qualität, zeigen Profil und erzielen immer bessere Reichweiten.

 

In einem sehr amüsanten Zeitungs-(ZEIT)-Porträt über Ernst Elitz anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Deutschlandradios war zu lesen, der Mann leide an einer besonderen Störung seines psychovegetativen und kognitiven Systems, kurz: er sei abgrundtief neugierig. Auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger hat gerne und immer wieder von dieser Neugier an allen und an allem profitiert. Sei es, dass Ernst Elitz als Gastredner bei einem unserer Kongresse auftrat, sei es, dass er als Moderator die kampferprobtesten Politiker und Chefredakteure bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Presse aus der Reserve zu locken wusste. Und wenn es sich  irgendwie einrichten lässt, weiß Elitz dabei nicht nur sein nationales Hörfunkprogramm ins rechte Licht zu setzen, sondern auch die Zeitungen zu loben.

 

Ja - sind wir nicht denn nicht vor allem unversöhnliche Konkurrenten? Das sind wir nicht, jedenfalls solange wir auf Papier bzw. im Rundfunk bleiben. Wir sind vielmehr Vertreter von Qualitätsmedien, die einander fordern und ergänzen, und ohne die die deutsche Medienlandschaft wahrhaft arm wäre. Ernst Elitz selbst hat es einmal so ausgedrückt: „Der passionierte Hörer stößt im Radio auf viele Themen, die er in der Zeitung in Ruhe nachlesen möchte. Denn das ist der Unterschied: Die elektronischen zwingen dem Nutzer als lineare Medien ihr Tempo auf, bei der Zeitungslektüre aber kann der Begriffsstutzige ebenso wie der vorwärtsstürmende Intellekt die Geschwindigkeit der Informationsaufnahme und des Erkenntnisgewinns selber bestimmen.“  

 

Gerade am frühen Morgen sind Radio und Zeitung ein Herz und eine Seele und teilen sich die Aufmerksamkeit ihrer Benutzer. Tatsächlich arbeiteten Deutschlandradio und Zeitungen schon crossmedial, als es das Wort noch gar nicht gab. Auf die Presseschau und die Feuilletonnachrichten am frühen Morgen folgt wenig später das Mediengespräch mit einem Chefredakteur über die Schlagzeilen des Tages. Parallel sendet der Deutschlandfunk drei Mal eine ausführliche nationale Presseschau, außerdem kommen internationale Blätter und Wirtschaftstitel dran. Auch in den Nachrichtensendungen werden immer wieder Zeitungsberichte als Quelle zitiert.

 

Werblich gesprochen ist es der Imagetransfer, inhaltlich gesehen ist es die gemeinsame publizistische Aufgabe, die den nationalen öffentlich-rechtlichen Hörfunk und die Zeitungsverlage immer wieder zusammenführt. Wo beide Seiten sich als politische und kulturelle Faktoren in der Gesellschaft begreifen, die ihren „Kunden“ Informationen zur Meinungsbildung bieten und Maßstäbe setzen wollen, ist die Grundlage für eine erfolgreiche Kooperation gegeben. Im Jahr 1929 schrieb die Zeitschrift „Weltbühne“ den Intendanten des gerade etablierten Radios ins Stammbuch, sie hätten es nun in der Hand, ob die ihnen „anvertrauten Geschöpfe mit rapider Geschwindigkeit verdummen oder nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten an geistigen Kräften zunehmen“. Die Aussage gilt natürlich gleichermaßen für Verleger, Herausgeber und Chefredakteure von Zeitungen: Qualitätsmedien haben eine gemeinsame Aufgabe und sie können diese gemeinsam erfüllen – nicht nur aufgrund ihrer werblichen oder wirtschaftlichen Vorzüge, sondern vor allem wegen ihres publizistischen und kulturellen Interesses.

 

Ein gemeinsamer Nenner von Zeitung und nationalem Hörfunk ist das Interesse an der Verbreitung seriöser Information, ein weiterer die hohe Glaubwürdigkeit. Bei Umfragen räumen Deutschlandradio und natürlich die Zeitungen erfreulicherweise gerade bei letzterem Punkt, also der Glaubwürdigkeit, immer wieder die ersten Plätze ab, weit vor dem Fernsehen oder Internet und Online. Die Hörer danken es mit stetig steigenden Nutzerzahlen, die Länder danken es mit dem Auftrag zur Verbreitung eines dritten, ausschließlich digitalen Programms unter dem Namen DRadio Wissen.

 

Dieses neue nationale Konkurrenzprogramm wird die Hörfunksender der ARD nicht besonders erfreuen. Und ich füge hinzu, dass auch die Zeitungsverleger die stete Vervielfältigung digitaler Programme im öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Fernsehen eher mit gemischten Gefühlen betrachten. Haben doch die Gebührenzahler kein Einspruchsrecht, ob das alles wirklich nötig und gewünscht ist, was da mit ihrem Geld gemacht wird. Und gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten möchte ich als Vertreter eines Mediums, das sich Tag für Tag am Markt bewähren und finanzieren muss, betonen, dass die Medienbudgets der Bürger nicht beliebig belastbar sind. Nicht einmal, wenn es um Qualitätsmedien wie Zeitungen oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht.

 

Nun ist heute wirklich nicht der Anlass, die Schlachten um den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag noch einmal zu schlagen. Sowohl uns Zeitungsverlegern als auch Ernst Elitz und seinen Intendantenkollegen ging und geht es immer nur darum, unsere Medien zukunftsfähig zu machen in einer Welt, in der die Grenzen zwischen den Übertragungswegen täglich stärker verschwimmen und in der die Wertschätzung für gute journalistische Arbeit zu schwinden scheint. Wobei der Bedarf an dieser guten, qualitätsvollen journalistischen Arbeit allerdings ganz sicher eher zu- als abnimmt.

 

Ernst Elitz, dem ich zu aller Professionalität auch ein gewisses Maß an dezenter Schlitzohrigkeit attestieren möchte, hat die für Außenstehende ohnehin nur schwer verständlichen Auseinandersetzungen zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Zeitungen auf seine Weise für beendet erklärt. Er hat, Glück des Intendanten, kurzerhand im werbefreien Deutschlandradio einen Werbespot in eigener Sache kreiert und gesprochen (der in kommenden Jahren noch Kultstatus genießen dürfte). 

 

Der Spot geht, für alle die, die ihn nicht kennen, etwa wie folgt:  „Nichts passt so gut zusammen wie Radiohören und Zeitunglesen. Ein Ereignis, viele Meinungen, Argumente dafür und dagegen. Was unsere Kollegen in den Zeitungen schreiben – das können Sie bei uns hören – in deutschen und internationalen Presseschauen, über Politik, Wirtschaft, Kultur. Wir bringen Radio und Zeitung zusammen. Dafür zahlen Sie uns Ihre Gebühr. Und dafür danke ich Ihnen. Wir revanchieren uns mit einem guten Programm.“

 

Lieber Herr Elitz, dem ist nichts hinzuzufügen.

Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und auch für die gute Zusammenarbeit.