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28. Juni 2002 | Allgemeines

Zwischen Qualität und Quote

Konjunkturtief, Strukturwandel, Sinnkrise? – Ein Streitgespräch

„Wir haben keine konjunkturelle Krise, sondern eine strukturelle Krise der Tageszeitung“, meinte Franz Sommerfeld, Chefredakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“, beim zweiten Streitgespräch des Zeitungstags während des Medienforums Nordrhein-Westfalen in Köln. Sommerfeld warnte vor schnellen Antworten. „Da wird jeder fehllaufen!“ Aus seiner Sicht wird der Digitalisierungsprozess dazu führen, dass in acht bis zehn Jahren Zeitungen über den heimischen Fernseher/Computer distribuiert werden. Derzeit herrsche ein Übergangsprozess. Deshalb verknüpfe sein Haus bereits intensiv das Online-Angebot mit der Druckausgabe der Zeitung.

Tissy Bruns, Leiterin der Parlamentsredaktion der „Welt“ und Vorsitzende der Bundespressekonferenz, drehte die Schraube noch eins weiter und befand, es handle sich nicht um eine Strukturkrise, sondern vielmehr um eine Sinnkrise. Angesichts der allgemeinen Beschleunigung der Nachrichtenwelt müssten die Tageszeitungen neu sortieren. Der Rundfunk habe Zeitungen und Zeitschriften in der politischen Kommunikation überflügelt, Erstmedium sei das Fernsehen. Gleichzeitig gebe es eine wachsende Kluft zwischen dem Nachrichtenhunger der Medienwelt und der Politik, die diesen Nachrichtenhunger befriedigen solle. Denn „im Prinzip ist eine Rentenreform heute nicht schneller durchführbar als vor 15 Jahren“. Nachrichten ließen sich nicht beliebig vermehren.

 

Der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Uwe Vorkötter, machte darauf aufmerksam, dass sich Qualität und Quote – so der Titel der von Annette Milz, Chefredakteurin des „MediumMagazins“, geleiteten Debatte – nicht ausschließen müssten. „Das ist doch Unsinn. Wenn es im Maschinenbau so eine Diskussion gäbe, könnten wir alle einpacken.“

 

Hatten die Verlagsgeschäftführer am Vormittag auch ausführlich über die Glaubwürdigkeit ihrer redaktionellen Angebote und wie diese zu halten sei, diskutiert, so machten sich am Nachmittag nun die Chefredakteure Gedanken über die Finanzierung und die dahinter liegenden verlegerischen Strategien. Michael Maier, Chefredakteur der „Netzeitung“, sah durchaus noch Sparpotenzial in den Verlagen und wies darauf hin, dass zwei Drittel der Mitarbeiter für Herstellung und Vertrieb von Zeitungen eingesetzt würden, nicht fürs Redaktionelle. Hier müssten unter Einbeziehung der neuen technologischen Möglichkeiten die Proportionen verschoben werden. Vor unbedachten Schnitten warnte da jedoch sofort der Chefredakteur der Münchner „Abendzeitung“, Kurt Röttgen. Redakteure müssten heute vielfach technische Aufgaben bewältigen, die sie daran hinderten, ihrer eigentlichen Profession nachzukommen. Vorkötter dagegen warnte, den Verlag als „natürlichen Feind der Redaktion“ zu begreifen. Und auch Tissy Bruns konstatierte, dass es bei Journalisten gelegentlich einen „etwas pubertären Standpunkt gegenüber der Erwirtschaftung des Geldes“ gebe.

 

Intensiv setzte sich die Runde auch damit auseinander, was denn die Tageszeitungen wohl tun könnten, um bei Qualität und Quote im Nutzerranking ganz weit vorne zu stehen. „Spaß muss nicht unser Programm werden“, versicherte Vorkötter. Aber das „Negative als Haltung“, das stark von den Medien ausgehe, gefalle ihr ebenfalls nicht, befand Tissy Bruns und appellierte an Medienforscher Schulz, seine empirische Forschung zur Entwicklung des Positiven in der Zeitung zu verstärken. Sommerfeld und Röttgen stellten einen großen „Wunsch nach Dialog“ bei den Lesern fest. Die Beachtung von Leserbriefen habe sich sehr verstärkt. Dies konnte auch Elke Schneiderbanger, Geschäftsführerin von Radio NRW, nur bestätigen. Am 11. September etwa oder nach der Bluttat in Erfurt hätten zahlreiche Hörer einfach nur angerufen, „um zu sagen, wie sie sich fühlen“. „Netzeitungs“-Chef Maier wies auf das Internet als hervorragendes Mittel zur Leser-Blatt-Bindung hin. Die Zeitungen sollten die Kommunikation mit der Lesern „ernsthafter und aktiver“ nutzen. Ähnlich sah dies auch Sommerfeld. Die schnelle Rückmeldung durch das Internet habe in vielen Häusern zu einer „Rückbesinnung auf die Leser“ geführt.

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