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29. September 1997 | Allgemeines

Zeitungsverleger warnen vor schärferen Pressegesetzen

Journalistenpreis der deutschen Zeitungen in Berlin verliehen

Vor neuen und schärferen Pressegesetzen hat der BDZVgewarnt. Man könne nur staunen, wie schnell einzelne Politiker einen traurigen Vorgang wie den Tod von Prinzessin Diana zum Anlaß nähmen, Gesetze zu verändern, erklärte der frühere Präsident des BDZV und Vorsitzende des Kuratoriums Theodor-Wolff-Preis, Rolf Terheyden, am 24. September 1997 in Berlin anläßlich der Verleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis.

Zugleich kritisierte Terheyden unlautere Recherchiermethoden und unzulässige Eingriffe in die Privatsphäre, die mit der Pressefreiheit nicht zu vereinbaren seien. Unabhängig von den Vorgängen um den Tod von Prinzessin Diana sei in Deutschland eine breite Diskussion über den Schutz der Intimsphäre im Gange, an der sich die Zeitungsverleger beteiligten.

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer Verlag AG, Professor Dr. Jürgen Richter, beklagte, daß der Mißbrauch der Freiheit des Wortes zunehme. "Gezielte Zeitungsartikel als neues Kampfmittel der Marktwirtschaft pervertieren den Sinn der freien Presse und machen Menschen zu Opfern", erklärte Richter anläßlich der Festveranstaltung zur Verleihung des Journalistenpreises. "Im Überfluß der Freizügigkeit in allen Lebenslagen, beim Kampf um Auflagen im Info-Mainstream eines Medientages bleiben gründliche Recherchen und kritisches Hinterfragen häufig auf der Strecke", so Richter. Auch Terheyden appellierte an die Journalisten, nicht unreflektiert im Hauptstrom der Meinungen zu schwimmen. "Anpassung ist der Tod jedes engagierten Journalismus'."

Anläßlich der Preisverleihung im Axel Springer Verlag, Berlin, gab es auch ein Streitgespräch zum Thema "Guter Journalismus - Was ist das eigentlich?" Auch hier waren die Umstände des Todes von Prinzessin Diana und die Berichterstattung in der Presse eines der zentralen Themen. "Wo sind die Grenzen der Intimität?", fragte Moderatorin Georgia Tornow ihre Gäste. Vor allen Dingen aber: Sind es die Prominenten, die Öffentlichkeit wollen, oder verfolgt die Presse prominente Persönlichkeiten gegen deren Willen? Wolfgang Kryszohn, Herausgeber der "B.Z." und der "Berliner Morgenpost", sah hier ein Gutteil Verantwortung auf beiden Seiten und verwahrte sich im übrigen dagegen, den Voyeurismus-Vorwurf allein auf den Boulevard zu begrenzen.

Der Autor Rolf Schneider merkte an, daß er die ganze Aufregung um den Tod Prinzessin Dianas überflüssig gefunden und sich maßlos gelangweilt habe. Aus seiner Sicht haben "eigentlich vor allen Dingen die Verleger profitiert". Dem hielt der Publizist und langjährige Leiter der Journalistenschule Gruner + Jahr, Wolf Schneider, entgegen, daß es keine Schande sei, Auflage zu machen und daran zu verdienen. Auch könne er die Paparazzi in keiner Weise verurteilen, denn die Basis ihrer Arbeit sei "Neugier, die Grundlage für jede journalistische Tätigkeit". Kryszohn stellte fest, daß in den Redaktionen - "offenbar aus einer Art Schuldbewußtsein" - wenig Neigung bestanden habe, das Verhalten der Presse in diesem speziellen Fall zu kritisieren. Den "Schweineverdacht gegen sich selbst" lehnte jedoch der Chefredakteur des "Südkuriers" in Konstanz, Werner Schwarzwälder, kategorisch ab. "Wir ziehen uns diesen Schuh nicht an, aber wir haben ähnliche Schuhe im Schrank stehen", betonte Schwarzwälder. Aus seiner Erfahrung bei einer regionalen Zeitung würden die ethischen Grenzen in der Regel beachtet, "auch weil wir näher an den Leuten dran sind, über die wir berichten".

Herbert Riehl-Heyse, leitender Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" in München, machte den schmalen Grat deutlich, den eine überregionale Qualitätszeitung bei solchen Sensationsthemen geht: Einerseits müsse man mitmachen, weil das Informationsbedürfnis der Leser ja da sei; andererseits seien die Ereignisse aber auch ein "Teil von Massenhysterie", die problematisiert werden müsse. Die "Süddeutsche Zeitung" habe das Dilemma mit einem "Artikel über die Yellows" zu lösen gesucht. Gleichwohl gab Riehl-Heyse unumwunden zu, daß "ein bißchen Scheinheiligkeit natürlich dabei ist". Im übrigen stehe die deutsche Presse gerade bei der Berichterstattung über Dianas Tod so schlecht gar nicht da.

Umgang mit den Mächtigen

Nach Wolf Schneiders Ermessen gab es für die deutschen Journalisten eher Grund, auf die eigenen überzogenen Reaktionen mit Schuldgefühlen zu blikken. Er führte in diesem Zusammenhang auch das Beispiel an, wie die Umweltorganisation Greenpeace die deutsche Presse bei der Ölbohrinsel "Brent Spar am Nasenring vorgeführt" habe. Schwarzwälder wollte ebenfalls viel lieber auf anderen Gebieten selbstkritisch sein, prekärer sei für ihn "eigentlich die Nähe zur lokalen Größen". Die Journalisten müßten sich fragen, "wie gehen wir mit den Mächtigen um, die bei uns jeden Tag in der Tür stehen", und sich bei jeder Entscheidung immer wieder überlegen, ob sie Fehler machten. Daher erklärte Schwarzwälder nachdrücklich, daß die Unabhängigkeit einer Zeitung ganz klar ihrem Ansehen diene.

Gibt es denn Spielregeln, womöglich sogar eine Art niedergeschriebenen Redaktions-Comment, wie sich Journalisten zu verhalten haben, wollte Moderatorin Georgia Tornow wissen. Dazu führte Herausgeber Kryszohn "täglich 20 bis 30 Versuchungen, über die Stränge zu schlagen", ins Feld. Es gebe zwar in seinen Redaktionen "nichts Aufgeschriebenes", den Umgang lehre aber die Erfahrung. Hier spiele, wie Kryszohn weiter ausführte, der Wettbewerb mit den Boulevard-Fernsehsendungen eine "unheilvolle Rolle". Das Boulevard-TV reagiere sehr schnell, die Redakteure nähmen sich keine Zeit, noch einmal nachzudenken. Dagegen wollte Wolf Schneider den Anspruch an die Boulevard-Zeitungen ruhig eine Stufe tiefer hängen. Denn wenn die über die Strenge schlügen, "regt mich das nicht weiter auf, das wird erwartet". Viel interessanter sei, wenn dies eine "seriöse Zeitung" tue. Autor Rolf Schneider bekannte, das Interesse der Leser - gerade im Fall Diana - nicht zu verstehen. "Warum wurde von 1.000 Verkehrstoten eines Tages gerade diese eine Person herausgeholt?"

Exklusiver Aufmacher

Die während der Podiumsdiskussion viel apostrophierte Prinzessin Diana wurde auch im Meinungsstreit über die Zukunft der Tageszeitungen noch einmal thematisiert. So lobte beispielsweise Wolf Schneider die Boulevardzeitungen, die besonders an ihre Leser dächten. Dazu gehöre etwa, "daß man sich vom Fernsehen unterscheidet und nicht die großen Nachrichten vom Vorabend als Aufmacher am Montag bringt". Auch Werner Schwarzwälder wollte Schneiders Beweisführung nicht folgen. Aus seiner Sicht sei die Nachricht des Tages auch der klassische Aufmacher. Dies werde vom Leser gewünscht, "das wissen wir aus allen Umfragen, die wir haben". Auch bezweifle er, daß alle Leser am Vorabend gründlich Nachrichten hören oder sehen, "die wollen das am nächsten Morgen lesen". Einig war man sich auf dem Podium gleichwohl, daß die Zeitungen ihre Stärken noch weiter herausstellen und Analyse und Reportage pflegen müßten. Ziel sei es ferner, die Wünsche der Leser an das Medium vorauszuahnen.

Mit dem Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurden Guido Eckert ("Süddeutsche Zeitung", München), Friedrich Karl Fromme, ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Ralf Hoppe ("Kölner Stadt-Anzeiger"), Peter Intelmann ("Emder Zeitung"), Reiner Luyken ("Die Zeit", Hamburg), Hans-Uli Thierer ("Südwest Presse", Ulm) und Andreas Wenderoth ("Berliner Zeitung"). Die Preisverleihung übernahm das Mitglied des Kuratoriums Theodor-Wolff-Preis, Professor Dr. Beate Schneider, Kommunikationswissenschaftlerin aus Hannover.

Im Anschluß an die Preisverleihung hette der Axel Springer Verlag Preisträger, , Kuratoriumsmitglieder, Podiumsteilnehmer und die zahlreich erschienenen Gäste zum Abendessen in den Journalistenclub eingeladen. Hier gab es nicht nur Gelegenheit zum Gedankenaustausch in geselliger Runde, sondern auch einen unvergleichlichen Ausblick aus dem 18. Stock über die Skyline von Berlin.

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