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29. September 2000 | Allgemeines

Zeitungsverleger: Politik darf sich nicht den elektronischen Medien unterwerfen den elektronischen Medien unterwerfen

Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis für acht Journalisten / Roderich Reifenrath für sein Lebenswerk geehrt

Vor einer Verflachung der politischen Information und Kommunikation durch das Fernsehen haben die deutschen Zeitungsverleger gewarnt. Die Politik tue sich keinen Gefallen, wenn sie sich den Zwängen der elektronischen Medien unterwerfe und sich nur noch an den sogenannten "besten Sendezeiten" orientiere, erklärte der BDZV-Ehrenpräsident und Vorsitzende des Kuratoriums Theodor-Wolff-Preis, Rolf Terheyden, am 27. September in Düsseldorf bei der Verleihung des renommierten Journalistenpreises der deutschen Zeitungen.

Die Komplexität politischer Prozesse erschließe sich am besten durch das gedruckte Wort. Es sei nicht hinnehmbar, dass in der Arbeitswirklichkeit - beispielsweise am Regierungssitz Berlin - die Zeitungsjournalisten immer stärker hinter das Fernsehen zurücktreten müssten.

Terheyden hob hervor, dass die großen Affären und Skandale, die die deutsche Politik erschüttert haben, von der Presse aufgedeckt wurden. "Mit dem Öffentlichmachen von Gesetzesverstößen und von Missbrauch politischer und gesellschaftlicher Macht haben die Zeitungen einen wirkungsvollen Beitrag zur politischen Hygiene in unserem Land geleistet", so Terheyden. Den Tageszeitungen bescheinigte der frühere Präsident des BDZV den Aufbruch zu einer neuen Qualität. Gerade in den Ressorts Wirtschaft, Wissenschaft und Technik hätten viele Zeitungen einen Qualitätssprung gemacht.

Gottfried Arnold, Herausgeber der gastgebenden "Rheinischen Post", hob in seiner Begrüßung die Bedeutung einer freien Presse hervor. Dabei erinnerte er an das Schicksal des ins Exil vertriebenen jüdischen Chefredakteurs Theodor Wolff und das Verbot von Zeitungen unter dem Nazi-Regime. Die Erinnerung an diese schreckliche Zeit in der deutschen Geschichte sei umso wichtiger, als gerade heute wieder rechtsradikalen Schlägern und Neonazi-Parolen in aller Deutlichkeit Einhalt geboten werden müsse. Die Presse müsse hier klare Zeichen setzen, forderte Arnold.

Streitgespräch: Augstein, Kogel, Röbel, Reitz und Westerwelle

Die Rolle der Medien als Mittler und Wächter, ihre Verdienste, aber auch ihre Verfehlungen standen im Mittelpunkt einer Podiumsrunde unter dem Titel "Im öffentlichen Interesse?". Ulrich Reitz, "Chefredakteur der "Rheinischen Post" in Düsseldorf, definierte dieses "öffentliche Interesse" anglo-amerikanisch als "all the news that's fit to print" und betonte: "Wir bestimmen über die Inhalte, die gedruckt werden, nicht unsere Leser." Den Vorwurf, Themen überhaupt erst zu einem Nachrichtenwert hochzukochen, stritt dagegen der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Udo Röbel, rundwegs ab und sagte: "Wir machen nicht die Themen!", vielmehr lägen diese "draußen" in der Gesellschaft. Aufgabe seiner Zeitung sei es, sie möglichst frühzeitig zu erspüren und mit den Mitteln des Boulevard aufzubereiten. "Big Brother" zum Beispiel sei ein Phänomen gewesen, führte Röbel aus, das er selbst zunächst gar nicht ernst genommen und in den ersten beiden Wochen in der Zeitung kaum berücksichtigt habe. Doch dann habe "Bild" gar nicht umhin gekonnt, ausführlich darüber zu berichten, weil Big Brother zum Massenereignis wurde.

Fred Kogel, Programmgeschäftsführer von SAT.1, machte für die privaten Rundfunksender geltend, dass diese sich allein aus Werbegeldern finanzieren und deshalb ihre klar definierten Zielgruppen bedienen müssten. Natürlich würden wichtige Nachrichten auch bei den privaten Sendern gebracht, aber anders, unterhaltsamer und kürzer verpackt. Überhaupt sah Kogel die Zukunft aller Medien in der immer stärkeren "Verspartung" und dem Angebot an immer klarer definierte Zielgruppen. Guido Westerwelle, Generalsekretär der FDP, merkte an, dass "im öffentlichen Interesse" eigentlich alles sei, was "der kleine Voyeur, der in jedem von uns steckt", immer schon mal wissen wollte. Das bedeute aber noch lange nicht, dass die Öffentlichkeit auch ein Anrecht darauf habe. Das Privatleben von Politikern zum Beispiel solle tabu sein; und darüber herrsche in den Medien auch ein weitgehendes Einverständnis. Wie es überhaupt in der deutschen Öffentlichkeit auch heute noch einen gesunden "common sense" gebe über das, was die Presse tun dürfe und was nicht.

Dagegen wandte Ulrich Reitz ein, dass mancher Politiker selbst doch mit seinen Ehe- und Familiengeschichten an die Presse gehe und damit die Medien für seine Zwecke zu benutzen suche. Offensichtlich wolle das Publikum, analysierte in diesem Zusammenhang Udo Röbel, lieber das "Menschliche" und den Klatsch, weil die komplexen Zusammenhänge der großen Politik über die Köpfe der meisten hinweg gingen. "Dann ist es, verdammt noch mal, auch die Aufgabe der 'Bild'-Zeitung, Politik so aufzubereiten, dass die Leser sie verstehen!", verlangte Franziska Augustein, Preisträgerin und Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Moderiert wurde die Runde von Bernd Sösemann, Historiker und Kommunikationswissenschaftler, Freie Universität Berlin. Gleichsam druckfrisch legte Bernd Sösemann eine Biografie über Theodor Wolff vor (Theodor Wolff: Ein Leben mit der Zeitung). Zu dem im Econ-Verlag erschienenen, knapp 400 Seiten starken Werk sagte BDZV-Ehrenpräsident Rolf Terheyden: "Eine herausragende Leistung."

Die Preisträger

Acht Journalisten wurden mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Der mit 11.000 Mark dotierte Preis in der Kategorie "Essayistischer Journalismus" ging an Franziska Augstein für ihren Beitrag "Kauere dich, dass du nicht treffbar bist" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). Augstein analysiert sprachlich brillant das politische Selbstverständnis des Schriftstellers Martin Walser.

Die mit je 9.000 Mark dotierten Preise in der Sparte "Allgemeines" gingen an: Evelyn Roll für ihre Reportage "Ganz neue Größen" ("Süddeutsche Zeitung", München), in der sie die Erfahrungen eines Bundestagsabgeordneten nach dem Berlin-Umzug schildert; Ullrich Fichtner für seinen Artikel "Die verlorene Ehre des Friedrich B.", der veranschaulicht, wie ein Beamter aus den alten Bundesländern in Brandenburg in eine Sackgasse getrieben wird ("Frankfurter Rundschau"); sowie Jutta Voigt für ihren Artikel "Großes, fettes Puddingland" ("Die Woche", Hamburg), eine Darstellung des "doppelten Deutschlands" zehn Jahre nach der Wende.

Hans Kratzer, Andreas Dörr und Mario Vigl erhalten den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie "Lokales". Kratzer wurde preisgekrönt für seinen Essay "Europa und Erding" ("Erdinger Neueste Nachrichten") über die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf die bayerische Identität. Dörr schildert unter dem Titel "Es geht halt oifach nemme so" ("Reutlinger General-Anzeiger") die Geschichte zweier hochbetagter Schwestern, die einen Gasthof in Degerschlacht bei Reutlingen bewirtschaften. In seiner Reportage "Das Loch im Weinberg" ("Badische Zeitung", Freiburg) beschreibt Vigl den Interessenkonflikt einer badischen Winzergemeinde, die sich zwischen Weinanbau und Schotterabbau entscheiden soll.

Der langjährige Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau", Roderich Reifenrath, wurde mit einem Sonderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Als Redaktionsleiter habe Reifenrath - ganz im Sinn von Theodor Wolff - seiner Zeitung als liberaler Stimme auf nationaler und internationaler Bühne Gehör verschafft, urteilte die Jury.

Der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, Theodor-Wolff-Preis, ist nach dem ehemaligen Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" benannt und wird jährlich vom BDZV verliehen. An der Ausschreibung des Journalistenpreises hatten sich 397 Journalisten mit 632 Artikeln beteiligt - mehr als je zuvor seit der Gründung des Preises im Jahr 1961.

Der unabhängigen Jury zum Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis gehören an: Gernot Facius ("Die Welt", Berlin), Helmut Herles ("General-Anzeiger", Bonn), Herbert Kolbe ("Emder Zeitung"), Ralf Lehmann ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen), Herbert Riehl-Heyse ("Süddeutsche Zeitung", München), Klaus Rost ("Märkische Allgemeine", Potsdam), Jost Springensguth ("Kölnische/ Bonner Rundschau"), Uwe Vorkötter ("Stuttgarter Zeitung"), Monika Zimmermann ("Mitteldeutsche Zeitung", Halle).

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