Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

30. Juni 2003 | Allgemeines

Zeitung muss Teil des Jugendalltags werden

Jens Lönneker: „Die Generation Kuschel ist da“

Wenn es um die Jugend geht, reden alle mit, schließlich war jeder selbst einmal jung, meint Jens Lönneker, Geschäftsführer des rheingold Instituts, beim Zeitungstag in Köln. So habe jeder sein „Bild“ von „der Jugend“ und eine darauf basierende Erwartungshaltung, die durchaus nicht mit der Realität übereinstimmen müsse.

Der Psychologe und Medienforscher warnte daher auch, allzu feste Vorgaben an Jugendredaktionen und Redakteure zu machen. Offenheit sei der einzige Weg zu erfahren, „was Jugendliche heute von den Medien wollen“ – so auch das Thema seines durchaus provokativ gemeinten Vortrags beim Zeitungstag.

 

Die zentrale Frage jeder Jugendgeneration laute: „Wo finde ich einen eigenen Sinn und Halt im Leben?“ In den 70er Jahren habe die Antwort gelautet, besessen einer Ideologie zu folgen. In den 80ern hätten Jugendliche auf Reichtum und Karriere gesetzt. Die 90er Jahre seien von Spaßkultivierung und Ganzjahreskarneval gekennzeichnet gewesen. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts würden nun „blühende Bindungsbiotope“ gepflegt, kurz „die Generation Kuschel ist da“.

 

Aus Lönnekers Sicht sucht die Jugend von heute Halt in symbiotisch wuchernden Bindungs- und Interessengeflechten und zieht keine klaren Abgrenzungen zwischen Gruppe, Generationen und Parteien. Das Lebensgefühl sei geprägt durch ideelle Haltlosigkeit, denn worauf soll man im Leben setzen und sich verlassen, wenn alles relativ, beliebig und gleichgültig ist? Die Jugend von heute sei unsicher im Hinblick auf ihre Fähigkeiten, ihr eigenes Können und ihr Durchhaltevermögen. Sie lebe mit dem Gefühl, nicht wirklich gebraucht zu werden, und habe angesichts der allgemeinen Beliebigkeit keine Rebellionsmöglichkeiten. Vor diesem Hintergrund würden Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ als Muster für das eigene Verhalten erfahren. Diese „Könnens-Unsicherheit“ führe häufig zu Schwankungen zwischen Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung.

 

Als „zentrales Medium der Jugendkultur“ erscheint das Handy, das gleichzeitig „Nabelschnur“, „Babyfon für Heranwachsende“, „Kontrollorgan“ und „Kommunikationsprothese“ ist nach dem Muster: „Bist du da? Ich bin auch da.“ Stabilisiert werde das Leben der Jugendlichen einerseits durch ihren „Sicherheits- und Erfolgsglauben, andererseits durch Ausblendung der Realität. So würden Aufgabenfelder der „realen Außenwelt“ wie Wirtschaft, Technik, Politik und Umwelt als unüberschaubar erlebt und dämonisiert. Es gebe, konstatierte Lönneker, ein auffälliges Desinteresse an Politik und an der Entwicklung des Weltgeschehens bei Jugendlichen: „Soap-Operas übernehmen die Funktion der Tagesschau.“

 

Einfachheit, Nähe, Sicherheit

 

Aus diesen Ergebnissen sei für das Marketing der Schluss zu ziehen, dass auch und vor allem die Jugend Einfachheit, Nähe, Sicherheit und Überschaubarkeit suche. Ferner sei das Individualisierungs-Marketing ein „Relikt der 90er Jahre“; Jugendliche setzten auf Geselligkeit statt Profilierung der Persönlichkeit. Ferner tobe sich die Suche nach eigenen Ausdrucksformen im Konsumalltag aus, der neue Trend heiße „Konsumanarchie“. Feste Regeln im Umgang mit Produkten oder feste Bindungen an Marken würden aufgelöst.

 

Vor diesem Hintergrund können aus Lönnekers Sicht die Zeitungen mit einem Pfund deutlich wuchern: Sie sind Heimatmedien. Und Heimat sei auch für Jugendliche ein Orientierungspunkt in der Beliebigkeit und Vielfalt. Allerdings sei die Heimat der Zeitungen „bislang außenorientiert“, Heimat der Jugendlichen sei aber ihre Innenwelt. Die Empfehlung des Psychologen lautet daher „Dialog statt Monolog“. Die Zeitung müsse Bestandteil des Jugendalltags werden, nicht nur inhaltlich, sondern auch bei ihrer Vertriebsform, also etwa in Discos und Szenecafes zu haben sein. Wichtig seien Beiträge zur Alltagswelt von Jugendlichen wie Schule und Ausbildung, Verein, Peer-Group-Schicksale, aber auch Liebekummer und Weltschmerz. Dabei sollte sich die formale Gestaltung an der Videoclip-Technik orientieren, auch Persiflage, Verfremdung und Variation seien erwünschte Stilmittel.

 

Franz Sommerfeld: Mehr Speed in die Zeitung

 

Die Zeitung muss dialogischer werden und es muss „mehr Speed rein“, das bestätigte im anschließenden Streitgespräch auch Franz Sommerfeld, Chefredakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“. Seit am Ende der Artikel auch die E-Mail-Adresse angegeben werde, gebe es nach seiner Erfahrung beispielsweise viel mehr direkte Reaktionen der Leser - und offensichtlich auch mehr junger Leser. Auch habe der „Stadt-Anzeiger“ in seinen Bezirksredaktionen Jugendredaktionen mit 70 bis 90 Jugendlichen eingeführt, die vor Ort mitdiskutieren und auch Blattkritik machen. Der „beste Artikel zum Superstar kam von zwei Redakteuren der Jugendredaktion“, schildert Sommerfeld einen Erfolg dieser Neuerung.

 

Nicht alles lasse sich allerdings von heute auf morgen umstoßen und ändern. So berichtet der Chefredakteur, dass er anlässlich seines Eintretens in die Redaktion vor drei Jahren eigentlich eine Gruppe „U28“ mit jungen Redakteuren haben bilden wollen, aber aufgrund des durchschnittlichen Alters in der Redaktion dann auf „U35“ habe ausweichen müssen. Auch sei nicht zu übersehen, dass beispielsweise das Frühstück als wichtiger Ort des gemeinsamen Zeitungslesens verloren gegangen sei. Tatsächlich habe man gerade die Zielgruppe Jugendliche während des so genannten „Kölner Zeitungskriegs“ mit kostenlosen Blättern erreicht wie vorher nicht und nachher nicht. „Wir haben diese Vertriebsform aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt“, betont Sommerfeld dazu, „aber es geht in unseren Köpfen rum“.

 

Verhalten skeptisch zeigt sich der Chefredakteur gegenüber Leseförderungsprojekten wie „Zeitung in der Schule“. Seiner Ansicht nach wird hier „Lesen zum Ersatzobjekt“, die Schule mit zuviel zusätzlichen Aufgaben befrachtet. Allerdings gebe es auch bisher nichts Besseres, und so sei dies ein Weg, Jugendliche wenigstens über die Schule mit der Zeitung zu erreichen.

zurück