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17. Dezember 2002 | Allgemeines

Zeitung in der Schule – Leseförderung in mehr als 50 Ländern

„New York Times“ startete 1932 die erste Initiative für den Unterricht/ Sonderreport zum NIE-Workshop in Madrid von Anja Pasquay

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und vielen Ländern weltweit zählen Leseförderungsmaßnahmen im Stil von „Zeitung in der Schule“ zum regelmäßigen Bestandteil des Schulunterrichts. Über die Leseförderung hinaus verfolgen die Verlage hier zentrale gesellschaftliche Ziele der politischen Bildung und des demokratischen Diskurses; gleichzeitig soll das Interesse am Medium geweckt werden.

Einige besonders erfolgreiche Aktivitäten unter anderem aus Belgien und Schweden wurden jetzt anlässlich eines Workshops vorgestellt, den der Weltverband der Zeitungen (WAN) und sein von dem amerikanischen Verleger Scott F. Schurz geleitetes Komitee „Newspapers in Education“ (NIE – Zeitung in der Schule) gemeinsam mit dem spanischen Verlegerverband (AEDE) im November in Madrid veranstalteten.

 

Ganz anders ist die Situation in der Ländern der Zweiten und Dritten Welt: Hier dienen „Zeitung in der Schule“-Maßnahmen häufig sehr grundsätzlich der Alphabetisierung, besonders in ökonomisch rückständigen Ländern können die Zeitungen darüber hinaus nicht vorhandenes oder unbezahlbares Lehrmaterial ergänzen oder gar ersetzen. Auch hierzu wurden in Madrid Beispiele präsentiert. Insbesondere die Länder Latein- und Südamerikas, aber auch die früheren Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion profitieren derzeit besonders von den Leseförderungsaktivitäten des WAN, der in regelmäßigen Abständen eine weltweite Bestandsaufnahme leistet, über besonders interessante und erfolgreiche Maßnahmen informiert und mit Workshops und Kongressen für eine weitere Verbreitung dieser in ihrer Wirksamkeit gar nicht hoch genug zu schätzenden Bildungsangebote sorgt.

 

Ministerium bezahlt Abos

 

Den bisher größten Zuwachs in der Geschichte von Zeitung in der Schule in Belgien konnte Margaret Boribon vermelden, Geschäftsführerin des Belgischen Zeitungsverlegerverbands für die französischsprachigen Zeitungen. Als Folge des schlechten Abschneidens belgischer Schüler in der PISA-Studie hatte der Verband gemeinsam mit dem belgischen Ministerium für Erziehung im zu Ende gehenden Jahr 2002 eine Leseförderungsaktion gestartet (BDZV intern berichtete) und alle sechsten Klassen im französischsprachigen Teil Belgiens aufgefordert, jeweils zwei Zeitungen für den Unterricht zu abonnieren. Ziel war es, 1.500 Schulklassen zu erreichen; mehr als 3.000 nahmen schließlich teil. Dabei durften die Schüler die abonnierten Zeitungen zweimal wechseln und bekamen darüber hinaus einmal alle Tageszeitungen geliefert, um einen Vergleich mit den abonnierten Titeln zu ermöglichen. Die (verbilligten) Abonnements wurden vom zuständigen Erziehungsministerium finanziert. Dank des großes Erfolgs ist die Fortführung der Aktion auch für das nächste Jahr gesichert. Gleichzeitig hofft der Belgische Zeitungsverlegerverband, auch den älteren Schülern ein ähnliches Angebot machen zu können. Das wird allerdings, berichtete Boribon, gar nicht so einfach sein, da gleich vier verschiedene Ministerien und mehrere verschiedene Parteien zuständig seien. Die Verlage profitieren von der Leseförderungsmaßnahme nicht zuletzt mit einer zusätzlichen verkauften Auflage von mehr als 6.000 Abonnements.

 

Kontakt: Margaret Boribon, E-Mail margaret.boribon@jfb.be

 

Junge Leute und Wahlen

 

Rund um das Thema Wahlen drehte sich eine Aktion des schwedischen Zeitungsverlegerverbands, die Göran Subenko präsentierte. Mitte September 2002 wurde in Schweden auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene gleichzeitig gewählt. Bei den jungen Leuten sei dies jedoch auf wenig Interesse gestoßen. Die Zeitungsverleger hätten deshalb zunächst einmal Ursachenforschung betrieben und festgestellt, dass beispielsweise die Lehrbücher in den Schulen keinen aktuellen Bezug zu Themen wie Politik und Wahlen enthielten, die Lehrmethoden bei diesem Thema sehr traditionell seien und obendrein die zahlreichen lokalen Zeitungen in Schweden Politik auch nur unter einem sehr verengten lokalen Blickwinkel betrachteten. Vor diesem Hintergrund habe der Verband die September-Wahlen als zentrale medienpädagogische Maßnahme ausgewählt und bereits im Frühjahr alle Zeitungen mit allen Abteilungen darüber informiert. Daneben gingen Informationen auch an Schulen und Lehrer und an die Journalisten. Fünf Wochen vor der Wahl schalteten die schwedischen Zeitungsverleger eine eigene Homepage, auf der die Schüler Artikel recherchieren und ein sonst kostenpflichtiges Archiv unentgeltlich benutzen konnten, Links zu allen Parteien und Institutionen fanden, ihre Meinung zur „Demokratie-Frage des Tages“ äußern und einmal pro Woche an einem politischen Quiz teilnehmen konnten. Die Ergebnisse der „Demokratie-Umfrage“ waren gleichzeitig wieder frei als Stoff zum Abdruck für die schwedischen Zeitungen. Darüber hinaus durften die Jugendlichen auch als Jungreporter gemeinsam mit Profijournalisten Politiker interviewen. „Da kamen ganz andere Fragen, viel direkter“, erinnert sich Subenko an die aus Lehrer- und Schülersicht sehr erfolgreiche Aktion. Als kleinen Tipp zum Nachmachen empfahl der schwedische Experte die Einladung zum „Lehrerfrühstück“ durch die örtliche Zeitung; ein lokaler Titel in Südschweden habe auf diesem Weg 350 Lehrer persönlich und direkt erreicht. Geglückt ist nach Subenkos Erfahrungen bei dieser Aktion auch das Ziel der Verlage, mit ihren Zeitungen „als Zeitung wahrgenommen zu werden“ – und nicht als eine andere Form von Schulbuch.

 

Kontakt: Göran Subenko, E-Mail goran.subenko@tu.se

 

Zeitungsstand für die Schulpause

 

Ähnlich wie in Belgien gibt es seit September 2002 auch in Norwegen und Schweden ein Jahr lang an allen weiterführenden Schulen einen „Zeitungsstand“ für die Pause. Pro 100 Schüler werden jeweils fünf Exemplare unentgeltlich von den Verlagen an die Schulen geliefert, mit dem Ziel, dass besonders die Kinder, deren Eltern keine Zeitungen abonnieren, ihre Lesegewohnheiten verändern. Ein Jahr sei eine gute Zeit, um Zeitungslesegewohnheiten einzuüben, glauben beide Verlegerorganisationen. Obendrein soll mit der Pausenlektüre der Erholungsaspekt (recreational), nicht der Erziehungsaspekt (not educational) im Vordergrund stehen.

 

In Frankreich bezahlte das Erziehungsministerium eine Zeitungskampagne in den Schulen, mit der 215.000 Schülerinnen und Schüler erreicht wurden. Jede weiterführende Institution erhielt dazu täglich je einmal alle überregionalen französischen Titel sowie sieben Zeitungen aus der Region/dem Departement. Das Projekt soll 2003 fortgeführt werden. Jean-Pierre Spirlet vom französischen Verlegerverband hofft, dass die Schulen die Abonnements des Erziehungsministeriums (bei halbiertem Preis) in eigener Regie übernehmen werden. Pro Schule werde dies jährlich einen zusätzlichen Aufwand von etwa 2.000 Euro bedeuten.

 

Kontakt: Jean-Pierre Spirlet, E-Mail jp.spirlet@sudouest.com

 

In den Niederlanden geht man bei den Schulprojekten neue Vertriebswege. Henny Grootveld berichtete, dass Lehrer für diejenigen Kinder, deren Eltern kein Zeitungsabonnement haben, drei Wochen lang Zeitungen anfordern können. Neu ist, dass die Kinder die Zeitung nach Hause geliefert bekommen, damit sie zum einen „ihre“ Zeitung mit in die Schule nehmen und zum anderen die Eltern das Kind mit „seiner“ Zeitung erleben. Regional begrenzt können Lehrer auch für ihre Schüler zwölf Frei-Coupons zum Zeitungskauf an Kiosken oder in Läden bestellen. Ziel in beiden Fällen ist die größere Bindung an die Zeitung durch aktives Handeln der Kinder und Jugendlichen.

 

Kontakt: Henny Grootveld, E-Mail h.grootveld@uitgeversbond.nl

 

Ein Lehrer, eine Klasse, ein Journalist

 

Danièle Fonck, Verlegerin aus Luxemburg, schilderte die schwierige Situation am Lesermarkt ihres Landes. 48 Prozent der Bürger sind Immigranten, es herrsche daher eine große Vielfalt an Sprachen. Gleichzeitig gebe es eine große Zahl von Pendlern, die tagsüber im Land arbeite und es abends wieder in Richtung Deutschland oder Frankreich verlasse. Vor diesem Hintergrund sei es nicht einfach, Kindern ein gutes Angebot in den Zeitungen zu machen. Die beiden führenden Tageszeitungen „Tageblatt“ und „Luxemburger Wort“ böten Aktivitäten an, bei denen ein Lehrer, ein Journalist und eine Klasse ein Trimester lang gemeinsam arbeiteten. Die letzte derartige Aktion fand im Frühjahr 2002 statt und erreichte rund 800 Schülerinnen und Schüler. Allerdings habe die neue Erziehungsministerin ohne Rücksprache mit den Schulen oder den Zeitungen diese Aktivität einseitig aufgekündigt. Da Leseförderungsprojekte in den Schulen großen Rückhalt genießen, seien die Verlage jedoch zuversichtlich, die Aktionen auch ohne den Segen des Ministeriums fortführen zu können.

 

Kontakt: Danièle Fonck, E-Mail dfonck@tageblatt.lu

 

Aus Deutschland berichtete BDZV-Pressereferentin Anja Pasquay, dass hier mittlerweile vier vom Verband völlig unabhängige Anbieter Leseförderungsprojekte für die Verlage allein oder mit Sponsoren veranstalten. Daneben würden viele Verlage jedoch auch individuell „Zeitung in der Schule“-Aktivitäten entwickeln und zum Teil ehrgeizige Projekte verwirklichen. Ein Beispiel sei etwa die Kinder-Uni in Tübingen, eine Aktion des „Schwäbischen Tagblatts“, bei der Experten der Tübinger Universität in einer überregional beachteten Veranstaltungsreihe Kindern die Welt erklärt hätten. Trotz der schlechten wirtschaftlichen Situation, die sich auf das Anzeigengeschäft der Verlage und damit deren Umsätze in den letzten beiden Jahren sehr negativ ausgewirkt habe, hielten die deutschen Zeitungen an ihrer Leseförderung fest. So hätten 2001 rund 440.000 Kinder und Jugendliche an Leseförderungsmaßnahmen der Zeitungen teilgenommen, im zu Ende gehenden Jahr 2002 seien es sogar etwa 260.000 junge Menschen. Sie würden dabei von fast 160 Verlagen betreut. Eigene Internetangebote der Zeitungen für Jugendliche seien mittlerweile integraler Bestandteil fast aller Schulprojekte. Vor diesem Hintergrund stießen die Ergebnisse der Allensbach-Studie „Zeitung und Internet“ (lesen Sie dazu bitte auch „BDZV intern“ Nr. 26 vom 9.12.2002) auf großes Interesse, insbesondere die Frage, welche Gewichtung Jugendliche und junge Leute der gedruckten Zeitung im Vergleich mit anderen Medien beimessen. Ferner die Frage, welche Angebote sie von ihrer Zeitung online erwarten und wie sie diese Angebote bewerten.

 

Kontakt: Anja Pasquay, pasquay@bdzv.de

 

In Mexiko spielt das Internet eine wesentliche Rolle bei der Leseförderung: Humberto C. Luna, Verleger der Zeitung „Cold North Wind“, berichtete von der Einrichtung einer virtuellen nationalen Bücherei für die Bevölkerung. Als Beispiel für die Notwendigkeit einer solchen Institution führte Luna die historisch erste Zeitung Mexikos, die „Mexican Cassete“, an. Aufgrund der anfangs sehr schlechten Papier- und Druckqualität sei die Zeitung schwer zu archivieren und Originale seien bisher nur für Wissenschaftler zugänglich gewesen. Um der gesamten Bevölkerung einen Zugriff auf wichtige Quellen wie diese zu ermöglichen, werde nun das Archiv „Infolectura“ im Internet aufgebaut.

 

Der Wissenschaftler Luis Ernesto Salomón Delgado ergänzte Lunas Ausführungen. 55 Prozent der Bevölkerung in Mexiko sei jünger als 25 Jahre. Bücher und Zeitungen erzielten hier eine schlechte Reichweite. Gleichzeitig würden Zeitungen oft Schulbücher ersetzen. Vor diesem Hintergrund hätten sich die eigentlich konkurrierenden Zeitungen „El Informador“ und „El Occidental“ entschlossen, mit Hilfe des Internets ein gemeinsames Leseförderungs- und Forschungsprojekt zu starten und in der Kombination von Online und gedruckten Angeboten zu verbreiten. Mit Unterstützung der Lehrer sollen bis zum Jahr 2004 etwa 300.000 Kinder erreicht werden. Über die aktuelle Information hinaus will Delgado für Mexiko jedoch vor allen Dingen eine Grundlagenstudie zu Lesegewohnheiten schaffen und die beteiligten Kinder in den nächsten 20 Jahren beim „was, wie und wann?“ ihrer Lektüre verfolgen.

 

200 Jahre alte Idee

 

Einen Überblick über die Entwicklung von Zeitungsleseprogrammen für Kinder hatte einleitend Jan Vincens Steen aus Norwegen gegeben. 1991 habe es 23 Länder mit NIE-Aktivitäten gegeben, berichtete der Wissenschaftler, 1997 waren es bereits 35, aktuell seien es 52. Die Idee, Zeitungen im Unterricht einzusetzen, sei jedoch bereits mehr als 200 Jahre alt: Ein Blatt aus Maine (USA) empfahl dies schon am 8. Juni 1795. Regelmäßige derartige Programme legte als wohl erste Zeitung weltweit 1932 die „New York Times“ auf. Seit den 60er Jahren gibt es Zeitung in der Schule in Schweden, Norwegen folgte 1970. Die beiden bisher letzten Länder, die solche Programme offiziell auflegten, sind Ghana und Island. In Deutschland übrigens wird Zeitung in der Schule seit 1979 – damals von BDZV und dem Aachener IZOP-Institut initiiert – betrieben.

 

Bemerkenswert waren Steens Beobachtungen zu den unterschiedlichen Gewichtungen der Leseförderungsprogramme in den einzelnen Ländern. So werde beispielsweise in Skandinavien besonderer Wert auf die Ausbildung von Lehrern, Schülern und nicht zuletzt der Eltern gelegt, die mit ihren Kindern zusammen ein einleitendes Medientraining durchliefen. Diese Programme dauerten allerdings maximal eine Woche, während etwa in Deutschland die Leseförderung auf deutlich längere Dauer angelegt sei. US-amerikanische Programme würden vor allen Dingen von dem Wunsch motiviert, Zeitungen zu verkaufen. In Frankreich dagegen seien die Aktivitäten stark Journalisten-orientiert; hier wie beispielsweise auch in Uruguay seien die Leseförderungsaktivitäten vornehmlich eine Sache der Ministerien für Unterricht und Erziehung. In Ländern wie Irland und Singapur wiederum orientierten sich die Aktionen bevorzugt an Veranstaltungen etwa in den Sommerferien. Insgesamt seien bei 76 Prozent der Länder mit NIE-Angeboten die Leseförderungsmaßnahmen Bestandteil der Schulpläne.

 

Kontakt: Jan Vincens Steen, E-Mail jvs@mediebedriftene.no

 

5. Weltkongress für junge Leser

 

Pirjo-Riitta Puro, Geschäftsführerin des Zeitungsverlegerverbands Finnland, präsentierte abschließend erste Programmpunkte des 5. Weltkongresses für junge Leser, der vom 7. bis zum 10. September 2003 in Helsinki stattfinden wird. Thema sind unter anderem neue Jugendstudien weltweit, Tipps und Tricks für die Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen, eine Hitliste der besten Jugendprojekte von Zeitungen aus aller Welt sowie eine Präsentation politischer Bildungsmaßnahmen unter anderem aus den USA und Südafrika. Das regelmäßig aktualisierte Programm kann abgerufen werden über die Homepage des Weltverbands der Zeitungen (www.wan-press.org). Die Teilnahmegebühr am Kongress beträgt bei einer Anmeldung bis 15. Juni 2003 600 Euro, danach 650 Euro (Begleitpersonen zahlen 125 Euro).

 

Kontakt: Pirjo-Riitta Puro, E-Mail pirjo-riitta.puro@sanomalehdet.fi

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