Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

20. März 2002 | Allgemeines

Wirtschaft nimmt Beanstandungen des Deutschen Werberats ernst

694 Proteste gegen 421 Werbekampagnen / Gremium fürchtet schleichende Verstaatlichung der Selbstkontrolle

Im Werbejahr 2001 haben sich 694 Bürger und Vertreter gesellschaftlicher Bereiche mit Beschwerden gegen Werbemaßnahmen von Firmen an den Deutschen Werberat in Bonn gewandt. Betroffen von der Kritik waren 421 Werbekampagnen. Allerdings lag, wie die Selbstkontrollorganisation der deutschen Werbewirtschaft anlässlich ihrer Jahrespressekonferenz am 19. März 2002 in Berlin mitteilte, die Anzahl der nicht von diesem Gremium zu entscheidenden Fälle mit 116 Kampagnen doppelt so hoch wie im Vorjahr.

Zu entscheiden hatte das Gremium über 305 Werbemaßnahmen von Firmen (+14 Prozent gegenüber 2000). Dabei hatten die Beschwerdeführer in einem Drittel der umstrittenen Sujets unmittelbaren Erfolg: Die Firmen stellten die Werbung überwiegend ein, berichtete der Vorsitzende des Werberats, Jürgen Schrader. 206 Kampagnen habe die Schiedsstelle von Kritik freigesprochen: Häufig habe es sich dabei um „überzogene Ansichten der Beschwerdeführer“ gehandelt. So sei beispielsweise die Werbung eines Mobilfunkanbieters mit der Überschrift „I have a dream“ kritisiert worden. Der Werberat sei jedoch nicht zu der Ansicht gekommen, dass die Kampagne die bekannten Worte Martin Luther Kings missbrauche und „sogar verdeckt rassistisch sei“.

 

Die Firmen seien fast ausnahmslos den Beanstandungen des Werberats gefolgt. 91 Werbekampagnen wurden eingestellt, fünf geändert, nur drei Mal habe der Werberat eine öffentliche Rüge aussprechen müssen. „Die um positives Image intensiv bemühten Firmen fürchten diese Kritik in den Massenmedien“, meinte dazu Schrader. Die Rügen gingen an den Media page Verlag in Marktoberdorf, die Firma ultrafilter international aus Haan und das Fitness-Center Sport Forum in München. Im Mittelpunkt der Kritik stehen nach Angaben des Werberats „immer noch Proteste mit dem unterstellten Vorwurf der Erniedrigung von Frauen“. Sie machten 2001 35 Prozent der kritisierten Kampagnen aus. Stark war ferner die Kritik an Gewaltdarstellungen (13 Prozent Anteil) und der Verletzung religiöser Gefühle (zwölf Prozent).

 

Deutlich widersprach der Vorsitzende des Deutschen Werberats Überlegungen im Rahmen der anstehenden Liberalisierung des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb, diskriminierende Werbeaussagen wettbewerbsrechtlich zu regeln. „Zusätzliche Vorschriften sind überflüssig, wenn nicht sogar gesellschaftspolitisch schädlich“, warnte Schrader. Obendrein sei der Begriff der „diskriminierenden Werbung“ nicht unproblematisch. Nach den Erfahrungen des Werberats fielen darunter Darstellungen im Zusammenhang mit Herkunft, Hautfarbe, Nationalität, Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Alter, Kultur- oder Religionsausübung. Die Beurteilung sei geschmacksabhängig und kaum in Regeln zu fassen. Dort, wo Werbung Menschenrechte tatsächlich verletze und nicht nur sittlich-moralische Empfindsamkeiten berühre, gebe es im deutschen Recht ausreichende Regulierungen, wie zum Beispiel im Jugendschutzgesetz, Strafgesetzbuch und durch ordnungsrechtliche Verbote.

 

Schrader wies ferner auf die „gegenwärtige Ambivalenz des Verbraucherleitbildes“ in der deutschen und europäischen Politik hin. Einerseits orientierten sich im Zusammenhang mit Werbekampagnen der Europäische Gerichtshof, das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof am aufmerksamen, durchschnittlich informierten, verständigen Konsumenten. In anderen Fällen werde der Verbraucher geradezu als „Fürsorgezögling“ behandelt, der in seinen Entscheidungen vor sich selbst geschützt werden müsse. Der Werberat werde sich, so Schrader, bei seinen Entscheidungen auch weiterhin auf den kompetenten Bürger berufen.

 

Kritisches Augenmerk legte Schrader abschließend auf ein neues Politikinstrument staatlicher Einflussnahme auf die Wirtschaft – insbesondere auf Verbände und ihre selbstdisziplinären Institutionen: Zwar erkenne die Politik im Ganzen die Effektivität der Werbeselbstkontrolle an; offensichtlich wolle der Staat künftig jedoch auf der Basis eines Gesetzes „mit an den Tisch der Selbstkontrolleinrichtungen“. Vor diesem Hintergrund forderte Schrader zu einer intensiven Debatte auf allen gesellschaftlichen Ebenen über die Problematik der Verklammerung von Staat und Wirtschaft auf.

 

Anlässlich der Jahrestagung ist das Jahrbuch des Deutschen Werbrats 2002 erschienen. Die 80 Seiten starke Broschüre kann zum Preis von fünf Euro plus Versandkosten bezogen werden über: Verlag Edition ZAW, Telefon 0228/820920, E-Mail: werberat@werberat.de.

 

Internet: www.werberat.de

zurück