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27. April 2007 | Allgemeines

„Wir sind die Lobby der freien Kommunikation“

Deutsche Zeitungsverleger erwarten von EU-Politik größeren Respekt vor Pressebelangen

Die deutschen Zeitungsverleger erwarten von der EU-Politik künftig einen größeren Respekt vor den Belangen der Presse und mehr Sensibilität und Sachverstand im Umgang mit presserelevanten Themen. Diese Botschaft zog sich wie ein roter Faden durch alle politischen Gespräche, die der BDZV mit EU-Kommissar Günter Verheugen, zahlreichen Abgeordneten aller Fraktionen des Europäischen Parlaments sowie Generaldirektor Claus Sørensen von der Generaldirektion Kommunikation bei der EU-Kommission führten.

Die Zeitungsverleger tagten erstmals in Brüssel und veranstalteten hier vom 17. bis zum 19. April 2007 nicht nur das traditionelle jährliche Chefre­dakteursgespräch, sondern auch die Gremiensit­zungen von Präsidium, Erweitertem Präsidium und Delegiertenversammlung. Rund 60 Verleger und 30 Chefredakteure aus ganz Deutschland nahmen teil.

Beeindruckt waren Präsidium und Chefredak­teure, mit welcher Offenheit EU-Kommissar Günter Verheugen – als Ehrengast zum Chefre­dakteursgespräch geladen – über den Verlauf der deutschen Ratspräsidentschaft in einem Hinter­grundgespräch berichtete. Der sichtlich gut auf­gelegte EU-Kommissar machte die im histori­schen Restaurant „La Cygne“ zusammengekom­mene Runde auch darauf aufmerksam, dass bereits 1848 zwei Journalisten an eben dieser Stätte Geschichte geschrieben hätten: Karl Marx und Friedrich Engels verfassten im „La Cygne“ ihr „kommunistisches Manifest“.

Valdo Lehari jr., Präsident des Europäischen Zeitungsverlegerverbands (ENPA), beklagte bei dieser Gelegenheit, dass die Zeitungsverleger von der EU als eine „unendlich belastbare“ Bran­che gesehen würden. Gleichzeitig genössen sie in Brüssel jedoch nicht den Stellenwert wie die scheinbar „modernere“ Internetwirtschaft oder die TV-Industrie.

Verhärtete Fronten bei der Alkoholwerbung

Diesem Zweck diente nicht nur der Meinungs­austausch mit Georgina Georgiou, Kabinettsmitg­lied von EU-Kommissar Kyprianou und für das Thema Alkohol zuständig. Während Frau Geor­giou versi­cherte, dass EU-Kommissar Kyprianou nicht daran denke, Alkoholwerbung zu verbie­ten, sondern vielmehr auf freiwillige Selbstbe­schrän­kung der beteiligten Industrien dringe, wie­s BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff auf die Auseinanderset­zungen um das Tabakwerbe­verbot hin, die von der EU vor zehn Jahren in ähnlicher Weise an­gestoßen worden seien. Wolff war vor seiner Tätigkeit für die deutschen Zei­tungsverleger fünf Jahre lang Geschäftsführer des Europäischen Zeitungsverlegerverbands ENPA in Brüssel und hatte die Diskussion vor Ort begleitet.

BDZV-Präsident Heinen warnte davor, das Urteil des Europäischen Ge­richtshofs zum Ta­bakwerbeverbot als Einladung zu verstehen, auch Verbote und Restriktionen bei anderen Produkten – wie beispielsweise alkoholi­schen Getränken – zu verordnen. Wer die Wer­bung für ein Produkt verbiete und einschränke, der verbiete stets auch ein Stück Kommunikation. „Werbeverbote sind Denkverbote“, sagte Heinen und wies darauf hin, dass die Zeitungen täglich über die Schädlichkeit des Rauchens ebenso berichteten wie über fal­sche Ernährungsgewohn­heiten oder die Gefahren eines übermäßigen Konsums von Alkohol. „Wir sind keine Raucher­lobby, wir sind keine Alkohol­lobby, wir sind keine Lobby der Ernährungswirt­schaft, wir sind die Lobby der freien Kommunika­tion.“

25.000 Journalisten berichten über Europa

„Die Medienordnung der Zukunft muss jetzt ge­schaffen werden“, erklärte Generaldirektor Claus Sørensen von der EU-Generaldirektion Kommu­nikation anlässlich eines Empfangs der Vertre­tung des Landes Bayern in der EU für die Dele­giertenversammlung des BDZV und Gäste aus Politik und Medien. Die Presse spiele eine maß­gebliche Rolle bei der Vermittlung europä­ischer Themen. Täglich berichteten EU-weit 25.000 Journalisten über europäische Angele­genheiten, allein 1.200 Korrespondenten seien in Brüssel tätig. Angesichts dieser Zahlen sei es kaum mög­lich, die Journalisten angemessen zu informieren. Aber, kündigte Sørensen mit Blick auf die Kom­munikationsinitiative der EU-Kom­missarin Margot Wallström an, „die Phase des Zuhörens ist zu Ende, wir treten in eine deutlich aktivere Phase ein“.

Zuvor hatte der BDZV-Präsident auch bei die­ser Gelegenheit unter anderem auf die schädliche Wirkung von Werbeverboten der EU auf die deutsche Presse hingewiesen und deutlich ge­macht, dass die EU-Institutionen sich zunehmend mit presserelevanten Themen beschäftigten, für die sie überhaupt keine Zuständigkeit hätten. Sørensen räumte seinerseits ein, dass die Rege­lungen der EU für die betroffenen Medien wirt­schaftlich praktikabel sein müssten.

Umstritten: online first

Neben einer Pressekonferenz für die Korres­pondenten deutscher Zeitungen in Brüssel ver­anstaltete der BDZV auch ein Werkstattgespräch für die Chefredakteure. Dabei berichteten Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Spiegel Online, und Julius Endert, Chefredakteur von Handelsblatt-Online, über jüngste Entwicklungen ihrer Dienste und die Verzahnung von Print und Online; die Münchner Fachjournalistin Katja Riefler ergänzte das Programm mit interessanten und wirtschaftlich erfolgreichen lokalen Online-Angeboten von Zeitungen in aller Welt. Durchaus kontrovers gesehen wurde in der von BDZV-Ge­schäftsführungsmitglied Hans-Joachim Fuhrmann moderierten, lebhaften Dis­kussion beispielsweise das Diktum „online first“. „Das geht beim ‚Spiegel‘ gar nicht“, wehrte Müller von Blumencron ab. Natürlich drohe die Kanniba­lisierung einer Ge­schichte, die in einem Wo­chenmagazin erst Tage später gedruckt erschei­nen können – und bis dahin womöglich anderswo abgeschrieben und weiter recherchiert worden sei. Gleichzeitig machte der Chefredakteur aber auch deutlich, dass das pure Vorhandensein ei­nes Online-Auf­tritts keineswegs eine Kannibali­sierung bedeute, „diese Angst schwindet rasant“. Die totale Fixie­rung auf „online first“ hielt auch Endert nicht für geboten, „weil man sich alle an­deren Kanäle damit kaputt macht“. Besser sei, da war sich die Runde einig, auf „journalism first“ zu setzen. Hier einige weitere Erkenntnisse und Dis­kussions­punkte: Die Einbeziehung des Lesers etwa durch Blogs und Wikis bedeutet eine Auf­weichung des klassischen Gegensatzes von Journalist versus Leser. Dies ist keine Verdrän­gung, eher eine Bereicherung. Mehr Mut zum Experiment – selbst bei skurrilen Ideen. Für mehr Multimedialität wer­den Multitalente gebraucht, die jenseits der Jour­nalistenschulen ausgebildet wor­den sind und sich auf vielen Gebieten auskennen. Das Vorhanden­sein oder der Mangel an techni­schem Personal ist ein eingrenzender Faktor. Und die Zeitungs­verlage müssen sich beeilen: Der Fortschritt wird in Monaten gemessen, nicht in Jahren.

Anlässlich des Brüsseler Besuchs hatten die Verleger obendrein Gelegenheit, unter der kundi­gen Führung von Dr. Michl Ebner, Bozener Verle­ger und Mitglied des Europäischen Parlaments, das Parlamentsgebäude zu besichtigen. Ferner wurde in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der EU die Ausstellung „In guter Gesellschaft. Aus dem Leben einer Zeitung“ eröffnet. Zeitungen vermittelten Wissen, Bildung, soziale Anerkennung, gesellschaftlichen Erfolg und natürlich auch Spaß und Unterhaltung, sagte dazu BDZV-Präsident Heinen. „Nur wer Zeitung liest, kann wirklich mitreden. Nur wer Zeitung liest, kann ernsthaft mit entscheiden. Wer es in unserer Gesellschaft zu etwas bringen möchte, muss Zeitung lesen.“ Die als Wanderausstellung konzipierte Text- und Bilderschau ist Teil der umfassenden Imagekampagne für das Medium, die BDZV und ZMG zum Jahreswechsel gestartet haben. Sie soll den Betrachtern vor Augen führen, was Zeitungen – gedruckt, online oder mobil – Tag für Tag leisten, um die Komplexität der Welt zu erfassen und zu erklären. „In guter Gesell­schaft“ zeigt auf knapp zwei Dutzend großforma­tigen Fotos typische Alltagssituationen mit der Zeitung im Tageslauf, von der Zustellung am frühen Morgen bis zur Theatervorstellung am Abend. Kurze Texte mit Zahlen, Daten, Fakten ergänzen die Bilder. Entwickelt und gestaltet wurde die Ausstellung von Studenten des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin / Berlin Media Professional School unter Leitung von Professor Dr. Klaus Siebenhaar sowie der FTWild Kommunikations GmbH. Die Ausstellung kann auf Wunsch um eine oder mehrere regionale Stationen individuell ergänzt werden. Im Oktober 2007 ist sie an der FU Berlin zu sehen. Alle Sujets stehen auf der Homepage des BDZV (www.bdzv.de) als pdf zum Herunterladen bereit. (Buchung: BDZV, Karin Erbrich, Telefon 030/726298-201, E-Mail erb­rich(at)bdzv.de)

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