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24. Oktober 2001 | Allgemeines

Welche Zeitung wollen junge Menschen eigentlich?

Psychologe und Marktforscher Grünewald über die Motivation zum Lesen

Wer über vorhandenes oder auch mangelndes Interesse junger Leute an der Zeitungslektüre sprechen will, müsse zunächst einmal über die Motivation zum Zeitungslesen überhaupt nachdenken, meint der Diplom-Psychologe Stephan Grünewald vom Kölner Rheingold-Institut.

Aus der Sicht des Experten dient das Medium Zeitung zum einen der Wiederbelebung vertrauter Entwicklungen. Sie führt die Themen des Vortags fort, bedeutet Kontinuität in ihrer Anlage und vertrauten Ästhetik und stellt den Bezug zur ideellen Heimat her. Damit wirkt sie laut Grünewald „beruhigend durch ihren konstanten Auftritt“.

 

Zugleich ermögliche es das Medium Zeitung, sich Neuem zu stellen, etwa durch neue Perspektiven, Anregungen und überraschende Einsichten. Auch stelle sie politisch-ideologische Standpunkte, sozusagen das „Grundwissen zum Mitreden“ bereit und ermögliche es obendrein, in Lebens- und Traumwelten einzutauchen. Der Leser könne so die Entwicklung der Welt als Gleichnis für sein eigenes Schicksal verwenden. Daneben sei er aber – durch die Auswahl der gelesenen Themen („Zapp-Montage“) – aktiver Programmgestalter der Zeitung für den eigenen Tag.

 

Dagegen stellte Grünewald die Besonderheiten der „Jugend-Cooltour“: Die Jugend habe sich äußerlich weitgehend angepasst; der Generationskonflikt alter Prägung finde nicht mehr statt. Jugendliche nähmen vielmehr eine „Meta-Haltung“ ein und empfänden das Leben als Fernsehspiel. Ihr Verhalten zeige folglich ein „konsequenzloses Zappen zwischen Erlebnisoptionen“ mit dem geheimen Wunsch, schuld- und schmerzlos erwachsen zu werden. Die Lebenshaltung der jungen Leute sei wenig konfliktträchtig und stark an unstrittigen Werten und Normen orientiert. Verfolgt würden „Mainstream“-Lebensziele; Visionen würden abgelehnt; gesucht werde Formenvielfalt statt inhaltlicher Auseinandersetzung; vorherrschendes Stilmittel des Ausdrucks seien Persiflage und Verfremdung. Als typische Lebensziele beschieb Grünewald den Wunsch nach einer „netten Wohnung“, einer „soliden Ausbildung“, einem „Beruf mit genügend Geld und Freizeit“ sowie den Entschluss, sich „nicht auf spinnerte Lebensideale einzulassen, auf die eigenen Interessen zu achten und cool zu bleiben“.

 

Als Folgen für eine Zeitung, die auch Jugendlichen gefallen soll, bedeute dies laut Grünewald, dass „junge Menschen keine eigene Zeitung“ wollen. Sie seien vielmehr an einer Zeitung interessiert, die ihre spezifische Lebenshaltung und Entwicklungsphase mit berücksichtigt. Vor allem die Funktion der kollektiven kulturellen Verankerung könne nur eine Zeitung erfüllen, die generationsübergreifend positioniert ist. Denn auch Jugendliche wollten mit der Zeitung vertraute Entwicklungen wiederbeleben, sich Neuem stellen und mit Wissen rüsten. Allerdings bevorzugten sie dabei statt der ideologischen Grundierung eher eine ideelle Verankerung.

 

Für die Behandlung des Alltags in der Zeitung bedeute dies ganz pragmatisch: Tipps und Ratgeber für Ausbildung, Schule und Geldanlagen; Informationen über Führerscheinneuregelungen, Napster oder IT-Entwicklungen; Kritik und Bewertung von Events aus der Jugendperspektive sowie Beiträge zur Alltagswelt von Jugendlichen. Das Fazit des Diplom-Psychologen: „Jugendliche lassen sich zur Zeitungslektüre motivieren, wenn die Zeitung ihnen eine kulturelle Verankerung bietet sowie Raum zur Selbstbehandlung ihrer eigenen Lebenswirklichkeit.“

 

Einigen Thesen von Grünewald widersprach Timm Klotzek, Chefredakteur von „Jetzt“, dem Jugendmagazin der „Süddeutschen Zeitung“. Gerade die Ereignisse des 11. September und die Diskussion danach hätten gezeigt, dass Jugendliche sehr wohl an einer politischen Diskussion interessiert seien. Insbesondere auf den „Jetzt“-Tagebuch-Seiten im Internet hätten sich Hunderte, wenn nicht Tausende junge Leute mit ihren Gedanken zu Terror, Tod und Krieg geäußert, so dass die „Jetzt“-Redaktion sich kurzerhand entschlossen habe, die Beiträge sozusagen im gedruckten Produkt „zu adeln“ und ein ganzes Magazin nur mit diesen Texten veröffentlicht habe. Nachdrücklich bestritt Klotzek, dass Jugendliche ihr Leben wie eine TV-Show empfänden. Aus diesem Grund seien auch Tipps und Tricks für den Alltag allein nicht ausreichend, um junge Leser zu gewinnen.

 

Volker Pfau, Redaktionsleiter von „RP-Online“ in Düsseldorf, beschieb im abschließenden Expertengespräch seine Ziele: „Wir nehmen das in Angriff, was wir können als Nachrichtenprofis.“ Die „RP-Online“-Redaktion arbeite sieben Tage die Woche im Dreischichtbetrieb, und bei aktuellen Ereignissen rund um die Uhr. Das Angebot der „Rheinischen Post“ in Düsseldorf, das im Übrigen völlig losgelöst von der Printredaktion arbeite, sei damit einer der aktuellsten und schnellsten Online-Dienste im Netz. Wenn man das Angebot von „RP-Online“ auch als Lockmittel auch für die Lektüre der gedruckten Zeitung verstehe, seien die Nutzer mit einem durchschnittlichen Alter von 30 bis 39 Jahren eigentlich zu alt, erklärte Pfau weiter. Aber daran arbeite die Redaktion noch und suche nach speziellen Angeboten für Jugendliche und junge Leute.

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