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30. Juni 2003 | Allgemeines

Weiblich, emotional und näher am Leser

Optimismus und Aufbruchsstimmung beim Zeitungstag in Köln

Weiblicher und emotionaler müssen die Zeitungen werden, wenn sie in Zukunft ihre Leser erreichen wollen. Das war die fast einhellige Meinung der von Journalisten und Medienmanagern geführten Podiumsdiskussion zum Thema „Wie viel Qualität müssen sich Zeitungen leisten?“ beim Zeitungstag von BDZV und Zeitungsverleger Verband Nordrhein-Westfalen (ZVNRW) während des Medienforums in Köln. Ein hohes Maß an Optimismus und Aufbruchsstimmung kennzeichnete die gesamte Veranstaltungsreihe der Zeitungsverleger.

Qualität bemisst sich an „Alleinstellung“, die Zeitungen müssten ihren „Markencharakter betonen“, zeigte sich in der von „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort moderierten Runde Ulrich Reitz gewiss. Der Chefredakteur der „Rheinischen Post“ in Düsseldorf bezeichnete Qualität als eine Daueraufgabe. Allerdings müssten die Kosten transparenter gemacht und die Dynamik in der Entwicklung neuer Angebote erhöht werden. Reitz reklamierte für sein Haus, eine „Autorenzeitung“ zu machen. Früher seien 70 bis 80 Prozent der Beiträge von Agenturen gekommen, heute würden – mit derselben Mannschaft – 75 bis 85 Prozent Autorenbeiträge veröffentlicht. Das sorge auch für ein „anständiges Redaktionsklima“.

 

Ex-Zeitungsmann Claus Larass, heute Vorstand Nachrichten und Information bei ProSieben Sat.1, stellte fest, dass „Qualität im Kopf beginnt“. Redakteure müssten frei über Themen nachdenken und sie weiterdrehen können. Aus seiner Sicht liegt im Printbereich vor allen Dingen noch der Service im Argen, die Kostenproblematik sei dagegen eher nachgeordnet. Und: Die Blätter müssten weiblicher werden.

 

BDZV-Präsident Helmut Heinen, zugleich Herausgeber der „Kölnischen Rundschau“, verwahrte sich gegen den Vorschlag, die Zeitungen sollten doch auf den Abdruck der reinen Nachrichten verzichten, die habe jeder ja schließlich schon am Vorabend im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört. Es gebe nicht nur, meinte Heinen, für die Zeitungen „in gewissem Umfang eine Chronistenpflicht“. Man müsse sich heute auch fragen, wie viel Leser wirklich am Abend Nachrichten geschaut hätten. Allerdings sei es sehr wohl Aufgabe der Zeitung, hier vertiefend und mit einem eigenen Ansatz heranzugehen oder den lokalen Bezug deutlich zu machen. Heinens Forderung: Wie sollten allgemeinverständlicher werden und uns nicht Gedanken machen über die Meinung der Kollegen zu einem Artikel, sondern über das Verständnis des „durchschnittlichen“ Lesers.

 

Dies bestätigte auch Jan-Eric Peters, Chefredakteur von „Morgenpost“ und „Die Welt“ in Berlin. Der Nutzwert der Zeitung müsse weiter gefasst werden, dies gelte nicht nur für den Abdruck der Handy-Tarife, sondern auch für die politische Analyse. Peters führte in diesem Zusammenhang eine Lesebefragung nach der „idealen Zeitung“ an, bei der auf den vorderen Plätzen der Wunsch nach klaren, verständlichen und gut lesbaren Artikeln gestanden habe; „exklusive Meldungen“ seien dagegen „ziemlich an letzter Stelle gekommen“. „Zeitungen müssen dem Leser näher kommen“, meinte Peters.

 

Ippen: Berliner Modell ist nicht übertragbar

 

Sein Berliner Modell, bei dem die Redaktionen Ressort für Ressort zusammengelegt wurden und sich die Blattmacher „ähnlich wie bei einer Agentur“ dann täglich für beide Zeitungen das Passende heraussuchen, erscheint allerdings dem Münchner Verleger Dr. Dirk Ippen schwerlich übertragbar. Der Verleger und Herausgeber von Zeitungen in mittlerweile sieben Bundesländern schwört auf die lokale oder regionale Identität einer Zeitung. „Sie können das Hamburger Abendblatt nicht in München verkaufen, das funktioniert nicht“, versichert er. Ippens Credo: Wer ein Zeitungsunternehmen führt, führt eigentlich ein Unternehmen von Fremden, nämlich das der Leser. Insofern sei die Krise am Medienmarkt auch heilsam gewesen, denn „wir werden immer weniger Mittel haben, um den Interessen der Leser zu dienen“. Das US-Beispiel zeige, dass Zeitungen zu erheblich geringeren Kosten und bei Anzeigenpreisen von etwa einem Drittel des am deutschen Markt Üblichen produziert werden könnten. Allerdings sei in den USA auch der Gewerkschaftseinfluss nicht so groß wie in Deutschland.

 

In der Diskussion befasste sich die Runde auch mit dem Thema Agenturberichterstattung. Dabei war das Podium – fast – einhellig der Auffassung, dass die Deutsche Presse-Agentur eine wichtige Funktion erfülle. BDZV-Präsident Heinen etwa betonte die Notwendigkeit des Basisdienstes von dpa, nicht zuletzt auch als Back-up für die Berichterstattung. Gleichwohl könne es Sinn machen, auch über veränderte Angebotsformen nachzudenken. Der Geschäftsführer des „Handelsblatts“, Thomas Brackvogel, unterstrich dies ebenfalls. Zwar habe sein Haus den Vertrag mit dpa gekündigt, „aber mit dem Ziel, ihn fortzusetzen“.

 

Ulrich Reitz plädierte für mehr Synergien zwischen solchen Verlagen, die sich in ihren Verbreitungsgebieten „gegenseitig nicht weh tun“. Beim Austausch von Artikeln seien die Verlage noch viel zu zögerlich. „Was wir da sparen, können wir an anderen Stellen ausgeben, zum Beispiel neue Seiten erfinden.“ Ein wenig Wasser in den Wein von so viel Aufbruchstimmung goss Claus Larass, der die Aussichten für die Zeitungen als „immer noch äußerst kompliziert“ bezeichnete. Ganze Branchen würden künftig ihre Bewerbungen übers Internet abwickeln. Ähnliches gelte für Auto- und Immobilienmärkte. Auch sei es zwar richtig, dass Verlage und Chefredaktionen stärker aneinander rückten. Ihm gehe dies jedoch oft schon zu weit. „Wenn ein Feuilleton-Chef vom Business-Plan spricht, stimmt etwas nicht.“ Ferner plädierte Larass dafür, die angestrebten Kooperationen stärker im Verlag als im redaktionellen Bereich zu suchen. Wichtigstes Pfund der Zeitung sei ihre Individualität. Die müsse erhalten bleiben.

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