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25. Oktober 2012 | Allgemeines

Tageszeitungen planen Online-Bezahlschranken

Rebmann: Ausschließliche Werbefinanzierung ist nicht ausreichend

Zeitungen und Zeitschriften müssen ihr Qualitätsversprechen über die gesamte Produktpalette zuverlässig einhalten. Und „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine“ wie auch „Berliner Zeitung" denken sehr ernsthaft über bezahlte Zugänge zu ihren Online-Inhalten nach. Das waren die beiden zentralen Diskussionspunkte beim Publishing-Gipfel von BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) anlässlich der Medientage München am 25. Oktober 2012.

Brigitte Fehrle bricht eine Lanze für die Bedeutung des Journalismus für die gesamte Gesellschaft. Hier mit Moderator Frank Thomsen.Brigitte Fehrle bricht eine Lanze für die Bedeutung des Journalismus für die gesamte Gesellschaft. Hier mit Moderator Frank Thomsen.Unter dem Motto „Die digitale Zukunft gestalten: Herausforderungen - Strategien - Lösungen" ging es in der von stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen moderieten, hoch spannenden Podiumsrunde nicht um die Verteidigung tradierter Geschäftsmodelle, sondern um neue Wege – und notfalls Umwege – zum Erfolg.

„Es ist die spannendste Debatte derzeit, wie man unsere Art von Journalismus in die digitale Welt überführen kann", sagte Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur „Der Spiegel“. Die nächsten zwei, drei Jahre würden mit Blick auf die Refinanzierung journalistischer Arbeit „noch viel turbulenter, als wir uns das vorstellen können“. Er habe keinen goldenen Weg anzubieten. Und wer dies verspreche, „ist entweder ein Scharlatan oder Unternehmensberater oder beides". Auch Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der „Berliner Zeitung", bestätigte, kein überzeugendes Konzept zu haben, wie Online in Zukunft aussehen wird. „Ohne Stabilisierung der Printauflage kommen wir nicht weiter", versicherte sie jedoch. „Unsere journalistische Basis kommt aus der Printredaktion." Das Konzept heiße „Qualität". Werde diese unter ökonomischen Gesichtspunkten reduziert, „verletzen wir unseren Markenkern".

Tobias Trevisan (links) und Dr. Richard Rebmann wollen sowohl auf faz.net als auch auf sueddeutsche.de mittelfristig Bezahlschranken errichten.Tobias Trevisan (links) und Dr. Richard Rebmann wollen sowohl auf faz.net als auch auf sueddeutsche.de mittelfristig Bezahlschranken errichten.„Qualität ist eine Überschrift, die wir für uns wählen", differenzierte Dr. Richard Rebmann, Geschäftsführer SWMH (Stuttgart) und BDZV-Vizepräsident. Es müsse jedoch unbedingt auch darauf geschaut werden, „was die Leser sagen, welche Produkte sie haben möchten". Und die Verlage müssten sich fragen, wie sie ihre Prozesse so umstellen, dass alle Bereiche, Redaktion und Technik, Print, Online und Mobile, störungsfrei ineinander greifen. Viele Verlage seien bis heute noch stark um die gedruckte Zeitung herum organisiert. „Zu oft wird auf die Herausforderung der Digitalwelt noch reaktiv reagiert, nicht proaktiv", merkte Rebmann an. Die Optimierung der technischen Werkzeuge werde, prognostizierte der Manager, aber auch zu einer Arbeitsverdichtung in den Redaktionen führen.

Keine wünschenswerte Lösung sei es hingegen, bestätigte Tobias Trevisan, Sprecher der Geschäftsführung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", angesichts der Einschnitte am Werbemarkt - die „F.A.Z.“ verlor laut Trevisan seit 2003 drei Viertel ihres Stellenmarktes – bei Redakteuren „das Messer anzusetzen. Da kann man auch etwas kaputt machen." Trevisan betonte den USP der überregionalen Qualitätszeitung „F.A.Z.“, der auch digital verfolgt werden müsse. „Die meisten Klicks generieren Spiele, Sex, Crime, Drugs und austauschbare Nachrichten. In diesem Reichweitenrennen werden wir nicht mithalten können." Deshalb würde er lieber heute als morgen eine Bezahlschranke für hochwertige Online-Inhalte der einführen. Allerdings sei dies mit so enormen System-Kosten verbunden, dass der Verlag dies im Moment nicht schultern könne.

„Man kann Inhalte nicht verschenken", sekundierte Rebmann. Die „Süddeutsche Zeitung" habe mit SZ Digital in einem halben Jahr immerhin 15.000 Abonnenten nur für das iPad gewonnen. „Jetzt wollen wir sehen, ob und wie wir das auch auf anderen Endgeräten ausrollen können." Der Manager ist zuversichtlich - auch mit Blick auf die gesamte Branche: „Ich erlebe heute eine Aufbruchsstimmung, auch bei regionalen Verlagen. Vor drei, vier Jahren wurde die digitale Entwicklung noch viel stärker als Bedrohung empfunden."

Twitter-Deutschland-Chef Rowan Barnett motiviert Journalisten, soziale Netzwerke noch stärker als Recherchemedium zu nutzen.Twitter-Deutschland-Chef Rowan Barnett motiviert Journalisten, soziale Netzwerke noch stärker als Recherchemedium zu nutzen.Zuvor hatte Rowan Barnett, Market Director Germany für Twitter, mit einem Impulsvortrag dafür geworben, Twitter als Rechercheinstrument ernst zu nehmen. "Deutschland ist aus der Twitter-Perspektive ein Entwicklungsland", stellte Barnett fest. Es gebe sehr viele Journalisten, „die nicht auf Twitter sind". Der Dienst verzeichnet aktuell 140 Millionen aktive Nutzer, die Hälfte davon loggt sich täglich ein. 60 Prozent tun dies über mobile Endgeräte, im Vereinigten Königreich sind es sogar bereits 80 Prozent. „Twitter hat die politische Kommunikation und den Journalismus verändert", meinte Barnett selbstbewusst. „Wir sind ein Informationsnetzwerk, wir sind mehr als ein soziales Netzwerk." Richtig sei auch, dass der 140-Zeichen-Dienst Zeit spare und keine Zeit wegnehme.

Twitter ist durchaus ein Aufmerksamkeitskonkurrent, widersprach hingegen Spiegel-Chefredakteur Müller von Blumencron. Es sei aber auch die Chance, Leute mit Spiegel-Inhalten zu erreichen, die nie im Leben in das gedruckte Magazin oder auf die Website schauen würden. Die eigentliche Konkurrenz aber, warnte der Journalist, seien all die smarten Endgeräte. Wenn früher 20 Minuten Wartezeit am Bahnhof mit der Lektüre einer Zeitschrift verbracht worden wären, griffen die Leute heute zu iPad und Co.

„Konzentrieren wir uns auf jedes einzelne Produkt", appellierte Müller von Blumencron, "wir müssen Pflichtlektüre sein, unabdingbar." Und Brigitte Fehrle ergänzte: "Kulturgut heißt für mich nicht Zeitung. Kulturgut heißt für mich Journalismus!"

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden sich unter www.medientage.de. Fotos: Medientage München

Ort: München

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