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21. September 2001 | Allgemeines

Regierungssprecher Heye: Politik nicht nach dem Tempo der Schlagzeilenmacher ausrichten

Journalisten diskutieren „Die Macht der Worte – Die Macht der Bilder“

Der Sprecher der Bundesregierung, Uwe-Karsten Heye, hat Politiker gemahnt, auf die widersprüchlichen Medienberichte über einen militärischen Gegenschlag der USA nicht überstürzt zu reagieren: „Die Politik darf sich nicht nach dem Tempo der Schlagzeilenmacher richten, sondern muss sich Zeit zum Nachdenken nehmen“, sagte Heye anlässlich der Podiumsdiskussion über „Die Macht der Worte – Die Macht der Bilder“ beim fachlichen Teil des BDZV-Zeitungskongresses am 18. September 2001 in Berlin.

Die „Verführung“ zur Vereinfachung dürfe nicht zur verzerrten Berichterstattung führen. „Bilder und Schlagzeilen können eine Suggestivkraft entfalten, auf die man achten sollte“, merkte Heye bei der von dem langjährigen Intendanten der Deutschen Welle, Dieter Weirich, moderierten Diskussion an.

 

RTL-Anchorman Peter Kloeppel wies Vorwürfe zurück, bei der Berichterstattung seines Senders über die schrecklichen Vorfälle in den USA habe es sich um „Infotainment“ gehandelt. Vielmehr habe RTL sein gesamtes Programm umgeworfen und als Sender, der sich doch immerhin zur Gänze aus Werbung finanzieren müsse, tagelang auf Werbung verzichtet. Kloeppel nahm für RTL die Freiheit in Anspruch, „so zu berichten, wie wir den Schwerpunkt sehen“. Man habe alles getan, um die Erwartungen der Zuschauer als Reaktion auf die Katastrophe zu befriedigen. Dabei sei es gewiss auch zu Verdoppelungen gekommen. Doch seien diese Redundanzen nötig. Denn viele Leute hätten nur punktuell die Möglichkeit, sich zu informieren, und gehörten nicht einer „Info-Elite“ an, die pausenlos fernsieht oder Zeitungen liest.

 

Franziska Augstein, Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ in München, widersprach der These Weirichs, dass die Zeitungen „das Gefühlvolle zu Gunsten der Analyse liegen gelassen“ hätten. Aus ihrer Sicht gebe es vielmehr den „unmöglichen Umgang mit dem Ereignis“, dass in manchen Zeitungen „auf den Krieg hingeschrieben“ werde, der erwartet werde, und dass es fast Enttäuschung auslösen werde, „wenn der Krieg nicht kommt“.

 

Der stellvertretende Chefredakteur der „Welt“ in Berlin, Johann Michael Möller, verteidigte die Schlagzeilen der Boulevard-Zeitungen. Der Boulevard habe eine „öffentliche Funktion“ miterfüllt, die gemeinsame Äußerung des Entsetzens der Bevölkerung zu formulieren. Er habe es als gut empfunden, dass ein paar Tage lang Erschrecken und Empörung zu Wort kamen, „und nicht Erklärer und Resozialisierer“.

 

Michael Garthe, Chefredakteur der „Rheinpfalz“ in Ludwigshafen, machte die Politik auf ihre Verantwortung für die Darstellung in den Medien aufmerksam. Heutzutage werde Politik in Deutschland sehr inszeniert, stellte Garthe fest. Bei einer Katastrophe wie in den USA müssten die Leser erstmal merken: „Das ist nicht inszeniert.“ Die Aufgabe der regionalen und lokalen Zeitungen sei es nun, kritische Fragen zu stellen und zu beantworten und von Anfang an klare Informationen zu liefern. Für Jan Ross, Berlin-Korrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“, bedeutete in diesen Tagen die Veröffentlichung einer Sonderausgabe seiner Zeitung bereits „ein Boulevardelement“.

 

Um das Verhältnis von Politik und Medien drehte sich der zweite Teil des Streitgesprächs. Die Unterstellung, hier werde allzu große Nähe und ein „inzestuöses Verhältnis“ etwa zu den Hauptstadt-Korrespondenten gepflegt, wies Regierungssprecher Heye zurück. Mit dem Umzug nach Berlin habe es auch eine Zäsur in der politischen Berichterstattung gegeben. Die räumliche Distanz und die Zahl der 3.300 akkreditierten Journalisten seien einfach zu groß für vertrauliche Hintergrundgespräche im kleinen Zirkel, wie sie in Bonn üblich gewesen seien.

 

Chefredakteur Garthe kritisierte diese Einstellung deutlich. Eine Medienstrategie der Regierung für regionale Tageszeitungen wie die seine finde nicht statt, obwohl allein mit der „Rheinpfalz“ täglich 500.000 Leser nachhaltig erreicht würden. Eine sehr große „Folgsamkeit“ der Journalisten in Deutschland beklagte Johann Michael Möller. Es herrsche eine enormer Konformitätsdruck in der Branche. Daher seine Forderung: „In einer schnell produzierten Meinung muss man sich auch korrigieren können dürfen.“ Als „absolut legitim“ bezeichnete es Jan Ross von der „Zeit“ mit Blick auf englische Vorbilder, wenn Zeitungen Kampagnen machten und sich vornähmen, sogar die Regierung zu stürzen. „Es wird nur in der Regel nicht gelingen.“ Gleichwohl handle es sich hier um die Ausübung von Pressefreiheit.

 

RTL-Anchorman Kloeppel beschrieb den gelegentlich peinlichen Drang der Politiker nach Medienöffentlichkeit – etwa, wenn FDP-Chef Guido Westerwelle in den Big-Brother-Container oder CDU-Chefin Angela Merkel werbewirksam ins Cabrio steige. „Auf viele Ideen kommen die selber“, es sei gar nicht nötig, Politiker zu derartigen Aktivitäten zu verführen. Ein viel größeres Problem sei es, „von Politkern klare Antworten auf klare Fragen zu bekommen“.

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