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20. Oktober 2011 | Allgemeines

Publishing-Gipfel bei den Medientagen München

Klassiker Reloaded - Die Zukunft von Zeitung und Zeitschrift hat längst begonnen

Schluss mit den destruktiven Gesprächen der Verlagsbranche über das eigene Geschäft. Keine Zeit zum Jammern über verpasste Chancen. Die Zukunft von Zeitung und Zeitschrift online und mobil hat längst begonnen - und zugleich behaupten sich die gedruckten Titel allen Untergangspropheten zum Trotz erfolgreich am deutschen Medienmarkt. Das ist ein Fazit des Publishing-Gipfels "Klassiker Reloaded - Ansprüche und Aufgaben in digitalen Welten", den der BDZV in Kooperation mit dem Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) am 20. Oktober 2011 anlässlich der Medientage München veranstaltet hat.

mittel 11 bild 103 2011 1319126958"Die Menschen in Deutschland lieben Zeitschriften", versicherte etwa Philipp Welte, Vorstand Verlage, Vermarktung, Vertrieb bei Hubert Burda Media (München). Sie entschieden sich aufgrund der hohen journalistischen Qualität ganz bewusst dafür, Geld für dieses Medium am Kiosk auszugeben. Dagegen glaube er, zumindest mittelfristig, nicht an "Paid Content" im Internet, Umsätze würden derzeit in ganz überwiegendem Maß noch über Werbung generiert. Die Vision für die Zukunft der Zeitschriften: jedes Jahr neue Produkte; die erfolgreichsten seines Hauses seien im Übrigen die für die Zielgruppe junge Leute.

BDZV-Präsident Helmut Heinen verwies auf die Wundertütenfunktion der Zeitung, die - anders als die meisten digitalen Angebote heute - nicht nachfrageorientiert sei, sondern den Lesern immer auch etwas anbiete, was diese nicht erwartet hätten, was die Leser aber gleichwohl interessiere.groß runde Ausschnitt 1319126919 Diese Wundertütenfunktion gelte es weiter zu entwickeln. Heinen zeigte sich zugleich überzeugt, dass die Leser die Hintergrundberichte ihrer Zeitung auch in Zukunft nicht nur einmal wöchentlich nachfragen würden, sondern dass sie sehr wohl täglich Hintergrund bräuchten.

„Die Hypothese, dass die Leute einmal keine Tageszeitung mehr lesen wollen, können wir nicht ausschließen“, wandte Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien NZZ-Gruppe (Zürich), mit Verve ein. Deshalb müssten die Verlage Ersatzprodukte entwickeln, wenn sie sich am Markt behaupten wollen. Es gelte, die Mediennutzungsgewohnheiten zu analysieren und daraus Schlüsse für die Arbeit zu ziehen. Hogenkamp identifizierte die Newsjunkys, die ununterbrochen am Nachrichtentropf hängen, und diejenigen, die sich einmal pro Tag kompakt über das Nachrichtengeschehen informieren. Diesen Spagat müssten die Verlage leisten. Seine Idealvorstellung: Er möchte mit der Online-Redaktion der NZZ 18 Stunden am Tag online und mobil „News in Zeitungsqualität“ ausliefern. „Das können wir bisher überhaupt nicht. Alles, was wir machen, ist Technologie.“


mittel 11 bild 103 2011 1319127025Technik hält auf


Dass Technikfragen ganz schön aufhalten können, bestätigte Ulrich Reitz, Chefredakteur „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (Essen) und Miturheber des Portals DerWesten.de für die NRW-Titel der WAZ-Gruppe. Ein Jahr habe es gebraucht, das Portal neu aufzustellen und als Dachmarke für die künftig individualisierten Online-Auftritte der Zeitungen unter deren eigenem Namen einzurichten. „Mit der gedruckten Zeitung kann ich bedeutend schneller reagieren“, versicherte Reitz. Sein Haus habe sich für ein Umsteuern entschieden, als klar wurde, dass „wir die meisten Klicks für unsere Erscheinungsorte und für Fußball bekommen“. Reichweite wird die WAZ-Gruppe in Zukunft womöglich auch auf anderen und in Deutschland bisher kaum begangenen Wegen generieren: „Wir denken über eine Pendlerzeitung nach“, kündigte der Chefredakteur an. Mit einem solchen kostenlosen Produkt, wie es die Verlage in der Schweiz sehr erfolgreich auf den Markt gebracht hätten, „könnten wir täglich zwei Millionen Pendler im Ruhrgebiet erreichen“.
Schwarze Zahlen online schreibt Stefan Plöchinger, seit Beginn des Jahres Chefredakteur von sueddeutsche.de. Er kündigte eine neue App der „Süddeutschen Zeitung“ fürs iPad an und gab sich gleichwohl keinen allzu süßen Blütenträumen über die Verdienstaussichten hin: Angesichts der langen Gewöhnung der deutschen Nutzer an kostenlosen Content im Internet „werden wir es lange nicht erleben, dass es sich lohnt, 'paid' zu sein.“ Das sei aber kein Problem, sondern ein zu lösendes Puzzle, versicherte Plöchinger gut gelaunt. „Wir müssen uns jetzt ausprobieren, um zu sehen, wie wir künftig Geschäfte machen.“ Denn Zeitungsverlage verdienten ordentlich, die Aufla-gen seien immer noch recht stabil. „Jetzt ist die Zeit zum Testen. Diese Chance müssen wir nutzen.“


Zeit zum Testen ist jetzt


Als Michael Ebert, Chefredakteur von „NEON“ und „Nido“, vor acht Jahren mit seinem Kollegen Timm Klotzeck und der Entwicklungsredaktion in München ein neues Heft entwickeln sollte, hieß der Auftrag des Verlags Gruner + Jahr bloß: „Macht irgendetwas, was sich am Kiosk verkauft.“ Heute würden 1,1 Millionen junge Leute in der Altersgruppe 20 bis 35 Jahre erreicht, berichtet Ebert stolz. Für Publisher lasse sich daraus lernen, dass die Aussage, junge Leute würden nicht lesen, nicht gelte. „Mir fällt auf“, erläuterte der Chefredakteur selbstbewusst, dass die Macher von erfolgreichen neuen Zeitschriften wie „Landlust“, „Grazia“ oder „11 Freunde“ alle „sehr genau erklären können, was sie sich dabei gedacht haben.“


Zuvor hatten Andreas Scherer, 1. Vorsitzender des VBZV und Geschäftsführer der „Augsburger Allgemeinen“, und Staatsminister Marcel Huber, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, die rund 400 Gäste beim Publishing-Gipfel begrüßt. Huber schritt in seiner Rede sämtliche medienpoliti-schen Themen aus, die die Zeitungen in Deutschland und insbesondere in Bayern bewegen, und bemerkte etwa zum Leistungsschutzrecht, die bayerische Regierung verstehe es gut, wenn die Verleger ungeduldig würden. Bei der Klage von acht Zeitungsverlagen gegen die „Tagesschau“-App verwies der Staatsminister auf die Anregung des Kölner Landgerichts, sich doch besser gütlich zu einigen. Von Gipfel-Moderator Frank Thomsen (Chefredakteur stern.de) gefragt, wie er es denn mit der Aufforderung des Kölner Richters halte, „doch mal miteinander zu reden“, antwortete BDZV-Präsident Helmut Heinen, dass es voraussichtlich Ende November zu einem Gespräch zwischen Vertretern der Verlage und Intendanten der ARD-Anstalten kommen werde. Solche Gespräche habe es allerdings auch in den zurückliegenden Jahren schon gegeben. Heinen diplomatisch: „Manchmal braucht es etwas Nachhilfe.“

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