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23. Oktober 1997 | Allgemeines

Münchner Medientage: Die Zeitung hat Zukunft

Opaschowski: Datenautobahn ist eher ein "Trampelpfad" / "Zeitungstag" wurde zum Treff der Kommunikationsbranche

Internet- und Online-Angebote spielen nach Ansicht von Prof. Dr. Horst. W. Opaschowski, Leiter des BAT-Freizeitforschungs-Instituts in Hamburg, im Alltag der meisten Deutschen eine untergeordnete Rolle. Bis die Mehrheit der Bevölkerung ihre Freizeit mit Multimedia-Angeboten verbringe, würden noch 20 bis 30 Jahre vergehen, sagte Opaschowski beim "Zeitungstag" am 17. Oktober 1997 in München, den BDZV, Zeitungs Marketing Gesellschaft (ZMG) und Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) gemeinsam bei den Münchener Medientagen veranstaltet haben.

"Der Multimediazug ins 21. Jahrhundert gleicht eher einem Geisterzug, in dem sich ein paar Nintendo- oder Sega-Kids geradezu verlieren, während die Masse der Konsumenten nach wie vor auf das Fernsehprogramm abfährt", führte Opaschowski vor den mehr als 200 Teilnehmern aus. Die hohen Erwartungen an das Internet hätten sich noch nicht erfüllt. Nur zwei Prozent der Bevölkerung "surften" gelegentlich in dem weltweiten Computernetzwerk. "Anno 1997 gleicht der Informations-Highway keiner Datenautobahn, sondern eher einem Trampelpfad, in dem sich ein paar elektronisch Gebildete geradezu verlieren", sagte der Freizeitforscher. Folglich werde auch im Jahr 2010 der Fernsehkonsum ebenso wie die Buch- oder Zeitungslektüre noch zum Alltag der Menschen gehören. Weiter prognostizierte Opaschowski, daß das 21. Jahrhundert eher ein Erlebnis-Zeitalter als ein Multimedial-Zeitalter sein werde. Die multimedialen Unterhaltungsangebote wüchsen schneller als die Nachfrage der Konsumenten. Die Wirtschaft "läuft also Gefahr, am Bedarf und an der Stimmung der Bevölkerung vorbei zu produzieren".

Auch der Geschäftsführer der Würzburger Tageszeitung "Main-Post", Dr. Rainer Esser, setzt auf eine große Zukunft der gedruckten Zeitung. Mit einer täglich Auflage von 30 Millionen Exemplaren und einer Reichweite von 80 Prozent sei die Tageszeitung ein "starker Tiger" in der Medienlandschaft. Dagegen überlebten die neuen Medien bisher nur, weil sie von Verlagen finanziert würden, die ihr Geld mit dem Verkauf von Tageszeitungen verdienten. Zur Strategie des eigenen Blattes im zunehmend schärferen intermedialen Wettbewerb erklärte Esser, daß die "Main-Post" auf regionale Themen setze. "Die Nachricht, daß in Kathmandu die Regierung gewechselt hat, wird bei uns nur im Blatt stehen, wenn ein Unterfranke dort einen Ministerposten erhält." Aber auch bei Entscheidungen auf europäischer Ebene würden die Leser weniger erfahren, was in Brüssel oder Straßburg beschlossen worden sei, sondern vielmehr, wie sich diese Beschlüsse in ihrer Region auswirkten.

Um die Zukunft der Zeitung und die Zeitung der Zukunft ging es auch in der anschließenden Podiumsdiskussion, bei der Moderator Ulrich Meyer (SAT.1) Teilnehmer und Publikum aufforderte, sich in das Jahr 2010 zu versetzen und über die Veränderungen zu spekulieren, die für den erfolgreichen Spurt der gedruckten Zeitung ins dritte Jahrtausend verantwortlich waren. "Wir versuchen nicht mehr, wirklich über alles zu berichten", erklärte Ulf G. Schierke, Geschäftsführer der Agentur TBWA in Frankfurt, zum Beispiel sein Erfolgsrezept. Die Zeitungen seien klarer, einfacher und übersichtlicher geworden und sprächen einzelne Zielgruppen stärker an. Außerdem seien lokale Themen das wichtigste Zukunftskapital der Zeitung. Der Chefredakteur der Münchner "Abendzeitung", Dr. Uwe Zimmer, konnte sich zwar nicht vorstellen, daß im Jahr 2010 auf seinem Platz ein Vertreter der Marketingabteilung das Blatt machen würde. Aber sehr wohl war er davon überzeugt, daß Journalisten in Zukunft eine "noch wesentlich bessere Ausbildung" erhielten, und daß dazu auch gründliche Kenntnisse von Werbung und Vertrieb zählten.

Rainer Esser stellte sich vor, daß die Redakteure der "Main-Post" sich längst an einen Redaktionsschluß spät in der Nacht gewöhnt hätten, denn "unsere Redakteure wissen, wer sie ernährt: die Leser". Horst Opaschowski glaubte an den Erfolg der Zeitung, weil "wir in dem Informationsgewitter auch ein Medium brauchen, wo wir mal zu Ruhe kommen und auch in Ruhe gelassen werden". Die Münchner Schülerin Maria Meiler bedauerte, daß sie morgens nicht genügend Zeit habe, die Zeitung zu lesen. Sie wünschte sich extra für junge Leute eine Beilage zur Politik, in der die wichtigsten Ereignisse übersichtlich zusammengefaßt und erklärt würden. Und Julia Niemeyer, Redaktionsleiterin der Jugendbeilage "UnKRAUT" von der "Deister-Weser-Zeitung" in Hameln, prognostizierte, daß die jungen Leute im Jahr 2010 sich nicht wesentlich von denen im Jahr 1997 unterscheiden würden. Ziel von "UnKRAUT" sei es nicht, die Welt zu verändern, aber "zumindest die Stadt, in der ich wohne".

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