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29. Oktober 2009 | Allgemeines

Jeff Jarvis: "Google ist nicht der Feind, Google ist das Modell"

Verleger, Chefredakteure und Wissenschaftler diskutieren beim Printgipfel über die digitale Zukunft - und ihre Finanzierung

"Google ist nicht der Feind, Google ist vielmehr ein Modell, wie wir das Internet verstehen sollen", stellte der US-amerikanische Blogger und Internetguru Jeff Jarvis in seiner Keynote beim Printgipfel von BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) anlässlich der Medientage München fest.

Jarvis small bild 102 2009 1256829676Der auch in Deutschland mit seinem Buch "What Would Google Do?" bekannt gewordene Medienwissenschaftler lobte die innovativen Ansätze deutscher Verlagshäuser wie Axel Springer, Burda, Holtzbrinck oder WAZ in der digitalen Welt. Zugleich zeigte er sich jedoch "besorgt über die Versuche, das alte Geschäftsmodell zu schützen und abzuschotten, gerade auch gegen Google".

Bisher seien Inhalte mit vielen gedruckten Kopien an die Empfänger verteilt worden. Heute reiche eine Kopie, die digital gestreut werde. Der Wert entstehe durch die Links, die auf diese Kopie verweisen. Regel eins laute daher, so Jarvis: "Je mehr Links, desto besser." Als weiteren Grundsatz empfahl der via Skype zu den Medientagen zugeschaltete Wissenschaftler die Spezialisierung auf Kernkompetenzen: "Mach, was du am besten kannst, vergiss den Rest." Und zum Dritten gelte, dass derjenige, der die Links bekomme, versuchen müsse, sie zu monetarisieren. "Google ist nur der Distributor der Links."

Schneider Heinen small bild 102 2009 1256829797Die Verlage müssten angesichts dieser Entwicklungen radikal umdenken, verlangte Jarvis. Sie dürften nicht in Print oder Online denken und auf individuelle Umsatzstrukturen achten. Vielmehr müssten sie sich über ihren Wert definieren. Seiner Ansicht nach sei Gedrucktes ein auslaufendes Modell. Den von Moderator Frank Thomsen (Chefredakteur stern.de) milde vorgebrachten Einwurf, mit seinen Zukunftsvisionen auf den Gräbern der Zeitungen und Zeitschriften zu tanzen, wies Jarvis aufgeräumt zurück: "Don't kill the messenger!" (Bestrafen Sie nicht den Boten!). Google sei einfach ein verdammt smartes Unternehmen. "Sie haben sehr früh Gelegenheiten gesehen, die wir nicht erkannt haben."

 

Thomsen Meckel small bild 102 2009 1256829655Ein Geschäftsmodell allerdings, wie die schöne neue digitale Welt sich einmal finanzieren soll, hatte auch Jeff Jarvis nicht zu bieten, darin war sich die anschließende Podiumsrunde beim Printgipfel einig. "Mein Problem ist doch nicht die Frage gedruckt oder online?", bestätigte etwa Bernd Ziesemer, Chefredakteur des "Handelsblatts" (Düsseldorf), das vom 2. November an im halben Format aber mit mehr als dem doppelten Umfang erscheinen wird. "Für mich heißt die Frage. Kann ich mir weiter Qualitätsinhalte leisten und kann ich in Zukunft noch die 20 Auslandskorrespondenten beschäftigen, die wir beim 'Handelsblatt' haben? Dabei ist mir der Distributionsweg völlig egal."

Welte small bild 102 2009 1256829578BDZV-Präsident Helmut Heinen, zugleich Herausgeber der "Kölnischen Rundschau" und Mitinhaber der "Berliner Zeitung", wies darauf hin, dass die leicht rückläufigen Auflagen der gedruckten Zeitungen kein Resultat der Einführung des Internets seien. Dieser Rückgang habe bereits wesentlich früher eingesetzt. Im Umkehrschluss sei also eine erkleckliche Anzahl von Menschen in Deutschland bereit, trotz des Internets Tag für Tag für ihre Zeitung Geld auszugeben, weil sie sich von ihr eine bestimmte Leistung erwarteten. Heinens Überzeugung: "Print ist nicht die Seele unseres Geschäfts, die Seele unseres Geschäfts ist der Journalismus." Die Aufgabe für die Zukunft laute, ihn zu sichern.

Aber doch vielleicht nicht mehr für alle, meinte Professor Miriam Meckel, Director an der Universität St. Gallen (Schweiz). Auch wenn es schwer sei, Jeff Jarvis' Thesen zu akzeptieren, werde Gedrucktes die Medienlandschaft der Zukunft nicht mehr so bestimmen wie heute. Zeitungen und Zeitschriften könnten aus ihrer Sicht in Zukunft "Exklusivprodukte für exklusive Zielgruppen" werden.

Ziesemer small bild 102 2009 1256829638Widerspruch von Philipp Welte, Vorstand Verlage, Vermarktung, Vertrieb bei Hubert Burda Media in München: Zeitschriften hätten sehr wohl eine Zukunft. Zwar hätten sie die Newshoheit längst verloren. Aber doch die Kompetenz zu Einordnung und Hintergrund. Bestes Beispiel sei der Tod von Michael Jackson. Binnen 42 Minuten habe die Welt von seinem Tod erfahren, Geschichten über Jackson seien jedoch noch Wochen später, bis heute, in den Zeitschriften zu finden.

Die Erwartung an Journalisten, mit ihren Nachrichten gleichermaßen kompetent gedruckt, online und mobil vertreten zu sein, hat auch Auswirkungen, mit denen so bisher nicht unbedingt zu rechnen war. Claus Strunz, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", berichtete über das gewachsene Selbstbewusstsein in seiner Redaktion. "Wenn du bisher als Printjournalist irgendwo aufgetreten bist, dachtest du, ich bin schwarz-weiß und alle anderen sind in Farbe. Das hat sich in den letzten ein, zwei Jahren deutlich geändert."

Zuvor hatte der Leiter der bayerischen Staatskanzlei, Staatsminister Siegfried Schneider, die rund 600 Teilnehmer am "größten europäischen Branchentreff" begrüßt und einen kurzen Überblick über den wenige Tage zuvor ausgehandelten Koalitionsvertrag aus bayerischer Sicht gegeben. Ein Leistungsschutzrecht für die Presse werde angestrebt, versicherte Schneider. Eine mögliche Lockerung der Pressefusionskontrolle solle ebenso überprüft werden wie der verminderte Mehrwertsteuersatz für bestimmte Produkte. Dabei stehe er gerade bei letzterem Punkt ganz an der Seite der Zeitungsverleger, eine Erhöhung komme nicht in Frage.

Scherer internetDer erste Vorsitzende des Verbands Bayerischer Zeitungsverleger und Geschäftsführer der "Augsburger Allgemeinen", Andreas Scherer, ergänzte Schneiders Ausführungen um den gemeinsam mit der bayerischen Landesregierung just ins Leben gerufene "Medienführerschein Presse". In den nächsten Wochen würden 750 Grundschulklassen mit einer entsprechenden Ausbildungsinitiative der Zeitungen starten, die die Kinder nicht nur zu einem verständigen Umgang mit gedruckten tagesaktuellen Informationen befähigen solle, sondern sie (und auch ihre Eltern) ebenso über die Chancen und Gefahren der Internet-Welt aufklären werde. "Das könnte auch zu einem Vorbild für bundesweite Maßnahmen für die Verbesserung der Medienkompetenz bei Kindern werden", hoffte Scherer.

Fotos: Medientage München

Ort: München

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