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29. Februar 2008 | Allgemeines

Ist mit zehn Jahren schon die Kindheit vorbei?

Erfolgreiche Produkte und kontroverse Themen bei der 3. BDZV-Konferenz „Kinder und Zeitung“ in Berlin

Marketing und Forschung setzen immer früher an, wenn es um die Interessen Jugendlicher geht – ist die Kindheit schon mit zehn Jahren vorbei? Gibt es ein redaktionelles Angebot, mit dem sich alle Kinder erreichen lassen – oder müssen die Redakteure sich überlegen, ob die Adressaten eher Jungen oder Mädchen sind? Sind Kindernachrichtenseiten in der Zeitung das Mittel der Wahl – oder sollten Kinder besser ihre eigene Zeitung bekommen? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der von BDZV-Pressereferentin Anja Pasquay moderierten 3. Konferenz „Kinder und Zeitung“, zu der BDZV und ZV am 27. Februar 2008 nach Berlin geladen hatten. Vor den rund 120 Teilnehmern – darunter auch Gäste aus Österreich, Schweden, Finnland und vom Weltverband der Zeitungen – nutzte BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff die Gelegenheit, auch für die Leseförderungsinitiative „SCHmitZ“ zu werben, die der BDZV gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz vor eineinhalb Jahren aus der Taufe gehoben hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAWie ticken die Kinder? Was interessiert sie? Darum ging es in einem furiosen Vortrag von Axel Dammler, geschäftsführender Gesellschafter iconKids & youth (München). Der Kinder- und Jugendforscher plädierte – festgemacht an typischen Identifikationsfiguren für Kinder wie Sponge Bob oder Barbie – für unterschiedliche Behandlung der Themen – je nachdem, ob sie Jungen oder Mädchen erreichen sollen. Seine Überzeugung: Jungen möchten eher Sport und Action, Mädchen dagegen Liebe, Freundschaft und Gemeinsamkeit. „Wir sind in Deutschland davon besessen, zu belehren und zu erklären“, meinte Dammler, „damit die Kinder die Welt verstehen. Das funktioniert aber nicht. Wir müssen sie emotional andocken.“ Und noch ein Tipp des Profis: Die bekannteste Journalistenfigur unter Kindern sei vermutlich Carla Columna aus der Serie „Bibi Blocksberg“. Sie verkörpere typische journalistische Tugenden wie Neugier, Beharrlichkeit in der Recherche und Mut. „Diese Figur müsste sich doch hervorragend in der Kommunikation mit Kindern einsetzen lassen.“

Eine Zeitung für 13 Verlage

Zeitungen müssen nicht alles selber machen, sie können sich Kompetenz auch zukaufen. Das zeigten Martin Wieske, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Lokalzeitungen (VDL) und Hans-Jörg Zürrn, Chefredakteur der „Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung“ am Beispiel der „Kinder-Zeitung“. Das vom VDL vor eineinhalb Jahren initiierte und von einer Agentur konzipierte Heft hat 16 Seiten Umfang und wird mittlerweile von 13 Verlagen einmal im Monat der eigenen Zeitung beigelegt. Dabei liefert die Agentur zwölf Seiten fertig zu, vier werden durch die Verlage selbst mit regionalisierten Inhalten gefüllt. Wie Chefredakteur Zürrn berichtete, liegen die Themen bereits zwei Monate im Voraus fest, so dass die Redaktionen sich daran orientieren können und beispielsweise in einer Ausgabe mit dem Titelthema Feuerwehr auch einen eigenen Bericht über die Jugendfeuerwehr im Verbreitungsgebiet beisteuern. In Sindelfingen kann, das ist eine Besonderheit, die „Kinder-Zeitung“ auch unabhängig vom Hauptblatt durch Schulen oder Krankenhäuser (zum Preis von 40 Cent) abonniert werden. Und auch Werbung ist möglich. Immerhin rund 13.000 Euro kämen so zusammen im Jahr, zog der Chefredakteur Bilanz.

Lebenszyklus-Modell

Kinder, Jugendliche und insbesondere junge Familien haben Chefredakteur Manfred Sauerer und Martin Wunnike, Verlagsleiter der „Mittelbayerischer Zeitung“ in Regensburg, im Visier mit ihrem breit gefächerten Angebot. Verlag und Redaktion orientieren sich gemeinsam an einem „Lebenszyklus-Modell“, das praktisch vom Baby bis zum jungen Erwachsenen mitwächst und Produkte wie das Zeitungsküken „Zinny“ (wöchentliche Seite), „Junior“ (tägliche Seite und Monatsmagazin) sowie die Jugendmarke „Kult“ (wöchentliche Seite, Monatsmagazin und Internetprotal) beinhaltet, daneben Leseförderungsaktivitäten Zeitung in der Grundschule/Schule – und „Spaß“. Dafür stehen zum Beispiel die Kinderbürgerfeste, die die „Mittelbayerische Zeitung“ veranstaltet. Hier können Vereine, Verbände oder sonstige Organisationen ihre Kinder- und Jugendarbeit vorstellen. Bedingung: Alle Angebote außer der Gastronomie müssen kostenlos sein. Binnen zwölf Jahren haben gut 850.000 Menschen eines der Kinderbürgerfeste besucht. Dank dieser und anderer Aktivitäten sei es gelungen, so Wunnike, laut einer Studie Neukunden nicht nur aus den zeitungstypischen Milieus der „Konservativen“, „Traditionsverwurzelten“ und „Etablierten“ zu gewinnen, sondern auch aus der „bürgerlichen Mitte“.

Seit einem Jahr erscheint „Galaxo“, die Kinderausgabe der „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle. Bisher gab es „Galaxo“ zweimal die Woche als PDF via Internet; Abonnenten konnten sich die Ausgabe auf Wunsch zumailen lassen. Demnächst wird „Galaxo“ auch in gedruckter Form erscheinen, statt bisher drei Seiten digital werden es dann vier Seiten sein. Abonnenten wird auf Wunsch die Kinderausgabe gedruckt mitgeliefert. Wie Torsten Kledizsch, stellvertretender Chefredakteur der „Mitteldeutschen Zeitung, erläutert, hat „Galaxo“ heute gut 3.000 Abonnenten. Hinzu kommen mehrere hundert Downloads von der Homepage. Identifikationsfigur der Kinderzeitung ist ein froschgrünes Männchen, dessen Name durch einen Wettbewerb ermittelt wurde: „Galaktikus“ heißt der kleine Kerl. 2.000 Kinder beteiligten sich an der Namensfindung. Die ursprüngliche Marketing-Idee, „Galaxo“ ausschließlich Abonnenten zukommen zu lassen, hat die „Mitteldeutsche Zeitung“ zu Gunsten der höheren Reichweite aufgegeben. So werde auch daran gedacht, bestätigte Kledizsch, bei der gedruckten Auflage interessierte Schulklasen zu berücksichtigen.

dpa: Viel mehr Bilder

Vor knapp einem Jahr an den Start ging auch die Deutsche Presse-Agentur mit ihrem Nachrichtenangebot für Kinder. Petra Kaminski, Leiterin der dpa-Nachrichten für Kinder, fasste erste Ergebnisse der Arbeit zusammen. In Hamburg sorgen eine Kinderredaktion mit viereinhalb Stellen sowie 25 freie Autoren mit Spezialgebieten sechs Tage die Woche von Sonntag bis Freitag für Texte, Grafiken und Bilder sowie Internetangebote. Täglich gibt es eine spezielle Kindergrafik, wöchentlich ein Podcast und eine aufwendige bewegte Grafik. Dabei könne es nicht Ziel sein, berichtete Kaminski, die komplette dpa kindgerecht abzubilden. Die spezifischen Interessen der Kinder stünden im Vordergrund. „Wir sind mit einem Thema auch schon mal einen Tag später dran, aber dann so, dass Kinder es auch wirklich verstehen“, und besonders freue sich die Redaktion, wenn der Erklärtext der Kinderredaktion unversehens in der normalen Tageszeitung auftauche, weil ein Problem klar und schlüssig erläutert wurde. Eine weitere Erkenntnis: Anfangs lieferte der Kinderdienst täglich zehn Bilder, heute sind es bis zu 30, denn „Kinder brauchen den optischen Einstieg“.

Die „Kindernachrichten“ (KiNA)-Redaktion des sh:z Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags in Flensburg zieht demnächst um in eine „gläserne Redaktion“. Hier können dann Kinder den Blattmachern Tag für Tag bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, berichtete Ina Reinhardt, pädagogische Leiterin der KiNA-Redaktion. Für steten Besuch sorgen nicht nur die eigenen „Zeitung in der Schule“-Aktivitäten, sondern auch der Hausherr, die Phänomenta in Flensburg. Die wissenschaftliche Einrichtung macht Spiel- und Lernangebote an Kinder und Familien und ist damit sozusagen geborener Partner der „gläsernen Redaktion“ für Kinder.

Klaro Safaro

Agentur-Nachrichten für kleine Leser bieten auch die ddp und ihr Kooperationspartner, die Agentur für Kindermedien in Bremen an. Wie ddp-Chefredakteur Joachim Widmann und Agenturgründerin Judith Roth erläuterten, besteht der Dienst aus unterschiedlichen Modulen für Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren. Wie bei der dpa gibt es auch hier Informationen aus Politik, Wirtschaft, Vermischtes, Wissenschaft und Sport von Sonntag bis Freitag (Ticker), eine wöchentliche Ganzseite mit dem Titel „Klaro Safaro“ sowie Webcontent. Alle Angebote dienen eindeutig der Wissensvermittlung und einem selbstbewussten Umgang mit der Zeitung, regelmäßige Spiel- und Spaßelemente sind hingegen nicht vorgesehen. Mit Ausnahme allerdings der Identifikationsfiguren Klaro (ein Schwein) und Safaro (eine Giraffe). „Die sind deutlich von den Kindern beeinflusst“, berichtete Judith Roth, „wir hätten ganz andere Figuren ausgewählt.“ Wie das Nachrichtenangebot von dpa und zahlreiche individuelle Zeitungsinhalte für Kinder lassen auch ddp und Judith Roth ihre Nachrichten und Kinderseiten regelmäßig durch die Zielgruppe überprüfen, deren Vorschläge wiederum in das Produkt einfließen.

Hochbetrieb am Sonntag

Einen Blick über den Tellerrand erlaubten Andreas Schweizer, Portalmanager des Internetangebots „KinderCampus“, und Christopher Schering, Geschäftsführer der Agentur Cobra Youth (Berlin). Hier können Kinder auf der Website nicht nur rätseln, spielen oder interessante und lustige Dinge nachlesen – sie können innerhalb einer geschlossenen Community auch chatten, Fotos und kleine Videos hinterlegen. Kindercampus.de wird stärker von Mädchen als von Jungen besucht und verzeichnet derzeit monatlich durchschnittlich 100.000 Visits bei drei Millionen PageImpressions. Bester Tag ist der Sonntag, die stärkste Nutzung liegt zwischen 17.00 und 19.00 Uhr, einen Hausaufgaben-Knick gibt es nicht. Um 20.00 Uhr wird der – moderierte – Chat geschlossen. Wichtigste Inhalte der Online-Site für Kinder: Spielen (18 Prozent), Wissen (13 Prozent), Witze (12 Prozent) und Gewinnspiele (11 Prozent). Sicherheit werde groß geschrieben, versicherten Schweizer und Scherer; gleichwohl verzichten die Portalbetreiber auf eine Erlaubnis der Eltern für die Online-Aktivitäten der Kinder. Fotos und Filme unterliegen allerdings strengeren Schutzmaßnahmen.

Ein Problem, das Zeitungen kennen, beschrieb auch Ulla Illerhaus, Leiterin der Abteilung Kinderprogramme Hörfunk beim WDR in Köln: Es gibt Kinder, in deren Familien zwar vier Fernseher, aber kein Radio stehen und die noch niemals mit Hörfunk in Kontakt gekommen sind. Diesem Umstand musste gegengesteuert werden – und so kommt der Hörfunk seit einiger Zeit auch zu Besuch in die Schulen Nordrhein-Westfalens und macht mit den Kindern von hier aus Programm. „Schulleitung und Lehrerinnen berichten uns oft hinterher, die Schule sei wie verwandelt gewesen“, freut sich Illerhaus. Plötzlich hätten sich Kinder zu Wort gemeldet, die sonst nie den Mund aufbekämen – und das Interesse der Jungen und Mädchen an der Rundfunktechnik sei ungeheuer groß. Das Angebot des WDR ist mit Sendungen wie „Bärenbude“ (für die ganz Kleinen) und „Lillipuz“ sowie einem Online-Kanal im Vergleich mit anderen Sendern besonders gut ausgestattet. Illerhaus‘ Wunsch: auch Kinder mit Migrationshintergrund besser zu erreichen.

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