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05. April 2007 | Allgemeines

Interaktivität, junges Denken, Teilhabe an den Inhalten

Bei der 7. Konferenz „Junge Leser“ in Washington werden Ansätze aus aller Welt diskutiert

Wie lassen sich Kinder und Jugendliche für das Zeitunglesen gewinnen? Den Königsweg dazu gibt es sicherlich nicht, aber zahlreiche erfolgversprechende Ansätze sehr wohl. Das zeigte sich bei der 7. internationalen Junge-Leser-Konferenz, die der Weltverband der Zeitungen (WAN) und der amerikanische Zeitungsverlegerverband (NAA) vom 25. bis zum 28. März 2007 in Washington, D.C. veranstalteten.

Beachten Sie aufmerksam die Gewohnheiten junger Leser; sprechen Sie mit ihnen über ihr Leben; und laden Sie die jungen Leute ein, zu den Inhalten Ihrer Zeitung beizutragen – sowohl gedruckt als auch online: Das waren einige der zentralen Botschaften, die die rund 400 Teilneh­mer aus 70 Ländern während der Konferenz dis­kutierten. „Hören Sie auf damit, Leserschaftsun­tersuchungen zu betreiben, und fangen Sie bes­ser an, Leute zu beobachten“, empfahl beispiels­weise Anne Kirah, Direktorin der 180° Academy in Dänemark, die zuvor als Kultur-Anthropologin die Firma Microsoft beim Design ihrer Produkte beraten hatte. Kirah misstraut traditionellen Le­serschaftsstudien, da es „eine Differenz gibt zwi­schen dem, was die Leute sagen, das sie tun, und dem, was sie wirklich tun. Es ist nicht so, dass die Leute Sie belügen, vielmehr wissen sie einfach wirklich nicht die Antwort.“ Aus Sicht der Anthropologin sind Regeln und Verhalten der Bürger in der westlichen Welt durch die indust­rielle Revolution geprägt, „aber wir befinden uns schon in der technischen Revolution“. In den Haushalten herrsche heute eine Situation, wie man sie aus Immigrantenfamilien kenne: Die Kinder seien – in diesem Fall technisch – schlauer als ihre Eltern. Die Gewohnheiten dieser „digital natives“ unterschieden sich total von de­nen der „digital immigrants“, also denen der Älte­ren, die sich noch an eine analoge Welt erinner­ten und daran orientierten.

Vorgestellt wurden bei der Konferenz erste Er­gebnisse zweier qualitativer Studien, die dabei helfen sollen, die Bedürfnisse junger Leute bes­ser zu verstehen: So hat Robert Barnard, Partner des kanadischen Jugendforschungsinstituts D-code, im Auftrag der WAN hundert 14- bis 25-Jährige aus zehn verschiedenen Ländern intensiv befragt und unter anderem ermittelt, dass es nicht die Freunde und nicht die Schule sind, die Jugendliche zum Zeitunglesen bringen, sondern in ganz überragendem Maß die Eltern. Laut D-code machen kostenlose Zeitungen auch, anders als gedacht, Jugendliche den bezahlten Zeitun­gen nicht abspenstig. Vielmehr scheinen sie die Neugier auf Nachrichten anzufeuern und inspirie­ren junge Leute dazu, den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen. Auch das Vertrauen Jugendli­cher in Zeitungen lässt nicht nach, versicherte Barnard. „Was nachzulassen scheint, ist das Vertrauen in Nachrichten allgemein.“

 

Alles, was ins Auge fällt

„Teenager sind Abgraser“, sie gehen nicht ei­gens irgendwo hin für Nachrichten, aber wenn ihnen etwas ins Auge fällt, schauen sie es sich an“, berichtete Michael Smith, Geschäftsführer des Media Management Centers und Readership Instituts an der Northwestern University. Es sei auffällig, wie oft die jugendlichen Befragten den Satz „Alles, was mir ins Auge fällt“ benutzten, wenn es darum ging, was sie in den Nachrichten suchen. Bevorzugte Neuigkeiten-Sites von Tee­nagern seien solche, die alles an einem Ort an­böten. Vor diesem Hintergrund empfahl Smith, für die Ansprache von Jugendlichen eine Strategie der „Anhäufung“ (aggregation) zu wählen, auch wenn es sich dabei um etwas handle, das „große Portale besser können als Zeitungen“. Ein weite­rer interessanter Befund, der von Kongressteil­nehmern aus anderen Ländern bestätigt wurde: Die US-amerikanischen Teenager äußerten im Gespräch auffällig häufig Ängste, und zwar so­wohl mit Blick auf das allgemeine Geschehen wie auch für die persönliche Sicherheit.

„Die Aufgabe, junge Leser für die Zeitung zu gewinnen, ist unerlässlich für de Zukunft“, hatte John Sturm, Präsident und Geschäftsführer des amerikanischen Zeitungsverlegerverbands an­lässlich der Begrüßung der Gäste erklärt. „Und dabei spreche ich über sehr viel mehr als den Erfolg unserer Branche. Wenn wir die jungen Leser verlieren, verlieren wir eine ganze Genera­tion. Und wenn das geschieht, wird die wichtige Maschine globaler Nachrichten und Informatio­nen beschädigt“, warnte Sturm. Wie verschie­dene Zeitungen weltweit dies Problem zu lösen versuchen, zeigten anlässlich der Konferenz bei­spielsweise Monserrat Lluis, Redakteurin der spanischen Zeitung „El Correo“ und Espen See­rup, verantwortlicher Redakteur von „Fyens Stift­stidende“ in Dänemark.

 

Leser wollen teilhaben

Lluis ist Vertreterin einer Philosophie des „total jungen Denkens“ für ihre Zeitung, und das be­deute vor allem Interaktivität und Zugang. In Zei­ten von Multimedia sei der Leser keine anonyme Person mehr, der alles brav schlucke, sondern verlange Teilhabe – und dies versuche „El Cor­reo“ in allen Zeitungsteilen zu ermöglichen. Dabei würden die Beiträge der Leser mit einem spe­ziellen Kennzeichen versehen, um einerseits zu zeigen, dass sie willkommen seien, andererseits aber auch zu signalisieren, dass die Artikel und Fotos nicht notwendigerweise den journalisti­schen Standards entsprächen, wie sie von den Redakteuren des Blattes erwartet werden dürf­ten. „Fyens Stiftstidende“ auf der anderen Seite versuchte, sein Publikum zu vergrößern, indem es neue und zusätzliche Informationsangebote macht, etwa eine kostenlose Pendlerzeitung mit 25.000 Exemplaren Auflage; eine Zeitungsweb­site mit modernem Anspruch und 90.000 wö­chentlichen Nutzern; einem 2005 gegründeten Radiosender mit 75.000 wöchentlichen Hörern und betont jugendlicher Ansprache. Zur Crew gehören ferner Jugendliche, die Beiträge für junge Leute produzieren, und ein Studenten-Re­porterteam in den Schulen, ein „Media Lab“ am Sitz der Zeitung für Klassenbesuche sowie jeden Sommer ein „Mediencamp“ für 20 Schü­ler/Studenten mit

 

Zeitung im Kindergarten

Zwar standen die Aktivitäten für Jugendliche und junge Leute im Mittelpunkt der Junge-Leser-Konferenz, doch auch Angebote für Kinder wur­den thematisiert. So berichtete BDZV-Presserefe­rentin Anja Pasquay über das weltweit bisher einzigartige Projekt „Zeitung im Kindergarten“, das vor drei Jahren vom Zeitungshaus Bauer in Marl ins Leben gerufen wurde und mittlerweile Nachahmer in ganz Deutschland gefunden hat. Erzieherinnen und Erzieher seien von Anfang an von der Idee begeistert gewesen, erläuterte Pas­quay in Washington. Dagegen seien viele Eltern verblüfft gewesen, wie nachdenklich ihre Fünf-Jährigen schon mit Neuigkeiten umgingen. Ganz besonders wichtig für den Kindergarten sei der spielerische Umgang mit der Zeitung gewesen. So hätten die Kinder beispielsweise ein Zeitungs­lied erfunden, interessante Bilder aus der Zeitung ausgeschnitten, dazu ihre eigenen Geschichten erfunden, Buchstaben gesucht und erkannt, sich über das tägliche Wetter ausgetauscht oder so­gar eigene Zeitungen erfunden. Alles in allem habe das Projekt gezeigt, sagte Pasquay, dass die Freude am Lesen mit diesem Projekt geweckt werden könne, lange bevor die Kinder in der Lage seien, tatsächlich selbst zu lesen. Das Interesse an Buchstaben werde ebenso gefördert wie, die Fähigkeit der Kinder, sich zu unterhalten, werde gefördert – und sie lernten bereits in einem sehr frühen Stadium ihres Lebens die Zeitung als spannendes Medium kennen. Nicht zuletzt: Zei­tungen erklären die Welt.

Über Blogs für Kinder in einem „sicheren“ Um­feld berichtete Vincent Partal, Direktor des Vila­webs in Spanien. Vilaweb gehört zu einer katalo­nischen Zeitung und erreicht 120 Schulen, die es im Rahmen des „Zeitung in der Schule“-Prog­ramms nutzen. Wöchentlich werden drei Storys angeboten, die sich mit den aktuellen Nachrich­ten beschäftigten – zwei in katalonischer und eine in englischer Sprache. Die Kinder dürfen sich – im Rahmen eines Schulzugangs – in den Blogs äußern und erfahren so, „was es heißt, zu schreiben und eine Story zu veröffentlichen“, sagte Partal. Aus seiner Sicht sei dies aber nur sinnvoll, wenn die Blogs in einem größeren Pro­jekt eingebettet seien, bei dem die Schüler auch erführen, wie sie mit Nachrichten umgehen könnten. Bereits Sechs-jährige beteiligten sich an den Diskussionen. Größtes Problem für die Kin­der sei es, im Schulalltag genug Zeit für die Teil­nahme zu finden.

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