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02. März 2006 | Kinder-Jugend-Zeitung

Im Sandkasten auf Leserfang: Ideen für die Praxis beim BDZV-Fachtag „Kinder und Zeitung“

Verlage sollten eine Kinderzeitung machen, forderte Prof. Wilfried Bos beim BDZV-Fachtag „Kinder und Zeitung“ am 22. Februar 2006. Bereits am Vorabend bei der einleitenden Podiumsdiskussion, an der unter anderem Kinderbuchautor Paul Maar und der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, Heinrich Kreibich, teilnahmen, war der Ruf nach einer Kinderzeitung laut geworden. Wilfried Bos muss wissen, was für Kinder gut ist. Er leitet das Institut für Schulentwicklung in Dortmund und betreut die IGLU-Studie, bei der die Lesekompetenz von Grundschülern erhoben wird. Deutsche Grundschüler schneiden bei dem Test erstaunlich erfolgreich ab. Sie könnten gleichermaßen gut mit Informationstexten wie auch mit literarischen Texten umgehen.

Es gibt jedoch weitaus mehr Mittel als eine Kinderzeitung, um die Jüngsten zu begeistern, dafür standen die Beispiele aus der Praxis, die beim BDZV-Fachtag „Kinder und Zeitung“ vorgestellt wurden. Alle machten eins klar: Um Nachwuchsleser kann man sich nicht früh genug bemühen. So beliefert das Zeitungshaus Bauer seit 2004 drei Wochen lang Kindergärten, wo begeistert mit Zeitungen gebastelt oder vorgelesen wird, Kinder in den Artikeln nach Buchstaben suchen oder sich über den Besuch von „Panda“, dem Maskottchen des Verlags, freuen. Außer dem Verleger, der die Idee einbrachte, sei zunächst jeder „fassungslos“ gewesen, erklärte Projektleiterin Elke Jansen. „Die können doch noch gar nicht lesen“, so der erste Gedanke. Angesichts der positiven Resonanz und der hohen Anmeldezahlen von Kindergartengruppen waren die Zweifel jedoch schnell vergessen. Jährlich nehmen etwa 1.500 bis 2.000 Kindergartenkinder an dem „Zeitungstreff im Kindergarten“ teil. Neben der Leseförderung lässt sich auch die geschäftliche Seite sehen: Im letzten Durchgang konnten über das Projekt Eltern für 60 Voll-Abos gewonnen werden. Wie Aralynn McMane vom Weltverband der Zeitungen (WAN) in ihrem Vortrag am Vorabend bemerkte: Leseförderung hat immer zwei Seiten, nicht nur eine moralische, sondern auch eine geschäftliche.

Interessant wird es natürlich, wenn die printerfahrenen Kindergarten-Kinder in die Grundschule kommen und dort im Zeitungsprojekt landen. Dann könnte es sein, dass ABC-Schützen mehr über Zeitungen wissen als ihre Lehrer, denn, so weiß Harald Heuer von der Journalistenschule Ruhr, in der Grundschule begegne man mittlerweile der ersten Lehrergeneration ohne Zeitungssozialisation. Heuer hat das Grundschul-Projekt „ZeusKids“ für die Journalistenschule Ruhr entwickelt, das seit Mai 2005 im vierten Schuljahr durchgeführt wird. „Und es lohnt sich“, resümiert Heuer. Viele Kinder wachsen mittlerweile ohne die Zeitung im Elternhaus auf. Mit Schulprojekten betreibe man dringend nötiges Gattungsmarketing für das Print-Medium. Zwei Wochen lang erhalten die Viertklässler bei „ZeusKids“ ihr persönliches Zeitungsexemplar. Zusätzlich bekommen sie gegen eine Schutzgebühr eine „ZeusKids“-Kiste, in der die Kinder nicht nur ihre „Reporterschule“ finden, sondern auch einen eigenen Reporterausweis. Daneben erhalten die Lehrer Material zur Zeitung und Tipps, wie sie das Medium am besten in den Unterricht einbauen. Flankiert wird „ZeusKids“ mit einer eigenen Website www.zeuskids.de, auf der auch Beiträge von Kindern veröffentlicht werden. Im vergangenen Jahr nahmen 22.500 Grundschüler an „ZeusKids“ teil. Erfolgreich ist auch die Bilanz seitens der Lehrer: 63 Prozent der Pädagogen, die zuvor größtenteils nicht mit der Zeitung gearbeitet hatten, gaben im Anschluss an „ZeusKids“ an, auch weiterhin Zeitungen im Unterricht einsetzen zu wollen.

Wie den Reporterausweis bei „ZeusKids“, bekommen Kinder bei der „Kinder-Uni“ in Tübingen einen eigenen Studentenausweis. Ulla Steuernagel und Ulrich Janssen vom „Schwäbischen Tagblatt“ präsentierten ihre Tübinger Erfolgsstory, die weltweit Nachahmer gefunden hat. Man habe vor dem ersten Semester „Kinder-Uni“ gezittert, ob überhaupt ein Kind kommen werde. Dass auf Anhieb 400 Kinder die Hörsäle stürmten, sei überwältigend gewesen. Jährlich antworten Professoren im Rahmen der achtwöchigen Vorlesungsreihe der „Kinder-Uni“ auf Fragen wie „Warum kann man Gedanken lesen?“ oder erklären, warum man Chefs braucht. Unter den Rednern waren schon Nobelpreisträger und Empfänger des Leibniz-Preises. Die Zeitung begleitet die Vorlesungen redaktionell, die mittlerweile Hörsäle mit 800 Plätzen füllen. Unter anderem verwandelt sich der Lokalteil des „Schwäbischen Tagblatts“ zum Start des neuen Semesters in die „Lokalzeitung für Kinder“, in der jeder Artikel für Kinder verständlich geschrieben ist. Die Kosten für die „Kinder-Uni“ seien gering, so Steuernagel und Janssen, und fielen vor allem im Marketing an. Die Räume stellten die Universitäten kostenlos zur Verfügung und Professoren verzichteten auf Honorare. Interessierte können bald auf der Website www.diekinderuni.de zwanzig Tipps nachlesen, die für die Organisation einer eigenen „Kinder-Uni“ nützlich sein können.

Natürlich standen auch die eingangs geforderten Kinderzeitungen beim Fachtag „Kinder und Zeitung“ auf dem Programm. Präsentiert wurde die wöchentlich erscheinende Kinderzeitung „Le Journal des Enfants“ aus Belgien und „Oink!“, eine monatliche Wirtschaftszeitung aus Großbritannien. Die belgische Kinderzeitung richtet sich an 8- bis 12-Jährige und verfolgt einen deutlich pädagogischen Ansatz. Marie-Agnès Cantinaux und Bénédicte Lemercier erklärten, „Le Journal des Enfants“ wolle zwischen der Welt der Erwachsenen und jener der Kinder vermitteln. So werde kein politisches Thema ausgespart und es würden Fachbegriffe erklärt. Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass von den insgesamt 15.000 Abonnenten die Mehrzahl Schulen sind. „Oink!“ ist dagegen kommerzieller ausgerichtet, schon, was den Inhalt betrifft: Es geht um Geld. „What I do know is that most of the children I have met – rich or poor – and I have met a lot of them, knew about money.“ Kinder interessierten sich sehr wohl für Finanzielles, erklärte Ernest Henry, Verleger von „Oink!“, der britischen Wirtschaftszeitung, die im lachsfarbenen Layout wie die kleine Schwester der „Financial Times“ daherkommt. Gespickt mit Comics enthält die kostenlose Zeitung, die sich an 7- bis 12-Jährige richtet, Informationen über Geldfragen aber auch über Stars aus Kino- und Musikszene. „Oink!“ wolle vor allem auch unterhalten, so Henry. Offenbar wird dabei den Anzeigenkunden etwas zu großer Raum eingeräumt. Wie WAN-Ausbildungsleiterin Aralynn McMane kritisch anmerkte, enthalte „Oink!“ kaum klar gekennzeichnete Anzeigen, dafür jedoch umso mehr PR-gefärbte Artikel, die als solche nicht für Kinder zu erkennen seien.

Obwohl „artfremd“, wie Markus Mörchen sich beim Fachtag einordnete, sah der verantwortliche Redakteur der ZDF-Kindernachrichtensendung „logo!“ viele Parallelen zwischen der Berichterstattung für Kinder in Zeitungen und im Fernsehen. Bereits seit 1988 werden bei „logo!“ Nachrichten für Kinder gemacht. Thematisch gebe es keine Tabus, genau wie bei „Le Journal des Enfants“. Bei Bildern sei man jedoch vorsichtig, ebenso vermeide man zu starke Emotionalisierung durch Musik. Bei „logo!“ werden regelmäßig Kinder-Reporter ausgesandt, die „den Großen“ unangenehme Fragen stellen. Außerdem gibt es eine Redezeit für Kinder, in der sie Beschwerden los werden können, sowie Erklärstücke zu Themen wie Vogelgrippe, Organspende oder dem Karikaturenstreit, die mittlerweile in den Printbereich exportiert werden. Es besteht eine Kooperation mit sieben Tageszeitungen, für die die Fernsehbeiträge in adäquate Zeitungsform umgearbeitet werden. Mit dabei sind unter anderem die „Badische Zeitung“, die „Westfälische Rundschau“, die „Augsburger Allgemeine“ und die „Westdeutsche Zeitung“.

Ob der Fachtag Überlegungen in Richtung Kinderzeitung aus deutscher Verlagshand angestoßen hat? Fest steht: Das Engagement für Kinder lohnt sich, nicht nur mit der Kinderseite, sondern auch außerhalb des Blattes, da mittlerweile viele Kinder ohne Zeitung im Elternhaus aufwachsen. Moderatorin Anja Pasquay, Pressereferentin des BDZV, formulierte es wie folgt: „Alles ist möglich, machen Sie weiter oder fangen Sie an - bitte!“.

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