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04. Oktober 2005 | Allgemeines

Hände weg von der Pressefreiheit

Bundesinnenminister Schilys Medienschelte löst heftige Debatte aus / EU-Kommissarin Reding lehnt Werbeverbote ab

Die Presse und ihre Freiheit – die Presse und ihre Glaubwürdigkeit: Um gleich zwei Konstanten des Mediums Zeitung kam es beim Zeitungskongress 2005 des BDZV am 26. und 27. September in Berlin zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung, die die Branche auch noch in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigen wird.

heinen schilySo übte BDZV-Präsident Helmut Heinen deutliche Kritik an Eingriffen auf die Pressefreiheit durch Abhöraktionen gegen Journalisten und Durchsuchungen von Büros und Wohnräumen. Die jüngsten Ereignisse in Sachsen und Potsdam belegten, dass vor allem dann durchsucht und beschlagnahmt werde, wenn die Behörden undichte Stellen in den eigenen Reihen aufdecken wollten. Dieses Ziel allein rechtfertige jedoch keinen Eingriff in das hohe Gut der Pressefreiheit, warnte Heinen.

Bundesinnenminister Otto Schily verteidigte dagegen vehement die staatsanwaltschaftliche Durchsuchung der Redaktionsräume des Monatsmagazins "Cicero" und konstatierte, dass es ein Recht für Journalisten auf Beihilfe zum Geheimnisverrat nicht gebe. Zugleich erneuerte der Innenminister die Kritik von Bundeskanzler Schröder an der Wahlkampfberichterstattung der Medien. Nach seinem Eindruck habe es offene oder auch verdeckte Wahlkampfhilfe für die Opposition in den Medien gegeben.

Damit löste Schily nicht nur bei den gut 500 anwesenden Verlegern und Journalisten im Publikum, sondern auch bei den Diskutanten auf dem Podium empörten Widerspruch aus. Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe in Essen, Valdo Lehari jr., Verleger des "Reutlinger General-Anzeigers", und Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der "Süddeutschen Zeitung" (München), stritten erbittert über das Recht auf Pressefreiheit und ihre zunehmende Begrenzung. Prantls Fazit: Aus seiner Sicht sei die Pressefreiheit ein "einbalsamiertes Grundrecht", das nur noch beinah ausschaue wie lebendig.

Product-Placement für fiktionale TV-Stoffe?

Die bei der EU-Kommission für Medienpolitik zuständige Kommissarin Viviane Reding versicherte unter dem Beifall der anwesenden Zeitungsverleger, dass es, solange sie im Amt sei, aus Brüssel keine Verbote für Werbung geben werde. Ferner präzisierte sie ihre Pläne, die Beschränkungen für das Product-Placement im Fernsehen zu lockern. So könne sie sich vorstellen, die gezielte Platzierung von Markenprodukten bei fiktionalen TV-Sendungen zuzulassen, in Informationssendungen hingegen weiterhin zu verbieten. Der BDZV befürchtete hingegen, dass die Aufhebung der sauberen Trennung von Werbung und Programminhalten im Fernsehen die werbungtreibende Wirtschaft und Agenturen dazu verleiten würde, ähnliche Lockerungen auch von den Tageszeitungen zu verlangen. Die hohe Glaubwürdigkeit der Tageszeitungen sei jedoch eine der wichtigsten Qualitäten des Mediums, das hatte BDZV-Präsident Helmut Heinen bereits in seinem Eingangsstatement nachdrückliche festgestellt. Nicht nur das Fernsehen, sondern alle Medien würden durch Product-Placement verlieren, weil ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt werde.

Beim Fachprogramm des Zeitungskongresses demonstrierte Bengt Braun, CEO der schwedischen Bonnier-Gruppe, wie sich ein Zeitungshaus mit 200-jähriger Tradition Stück für Stück dem wandelnden Markt erfolgreich anpasst. Inhalte würden heute auf allen Kanälen transportiert, damit habe das Unternehmen seine Reichweite durch Aktivitäten in Fernsehen und Hörfunk sowie im Internet erweitert und die Marke gestärkt. Allein in Stockholm würden 97 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre von Zeitungen oder auf elektronischem Weg übertragenen Zeitungsinhalten erreicht, sagte Braun.

Erfolg mit Zusatzgeschäften

Um Erfolgsgeschichten aus Deutschland ging es im Impulsreferat von Klaus Josef Lutz, Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags und der "Süddeutschen Zeitung" in München, und in der anschließenden, von Christoph Keese, Chefredakteur der "Welt am Sonntag", moderierten Podiumsrunde. Am Anfang standen "Mut und eine starke Marke", erinnerte sich Lutz an die Entscheidung seines Hauses, als erste den Versuch zu wagen, mit Zusatzgeschäften Kunden zu binden. Es entstand die "Süddeutsche Zeitung Bibliothek", wenige Monate später kam der "Klavier Kaiser" - der Rest ist Geschichte. Dass sich mit solchen Zusatzprodukten auch auf Jahre substanzielle Gewinne erzielen lassen, davon zeigte sich Rainer Esser, Sprecher der Geschäftsführung von "Die Zeit" in Hamburg, überzeugt. Das 20-bändige "Zeit"-Lexikon sei nur das erste hochwertige Produkt in einer Reihe geplanter Objekte. Michael Rümmele, Verlagsleiter des "Nordbayerischen Kuriers" in Bayreuth, setzt auf die Kundenkarte als Kundenbindungssystem. Angesichts der hier anfallenden Daten gebe es noch ein riesiges Potenzial bisher nicht ausgeschöpfter Kundenansprache. Clemens Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft in Düsseldorf, stellte das regionale Markenversprechen seines Hauses in den Mittelpunkt. Dies wolle er einhalten. Interessante Zusatzgeschäfte erkenne er vor allen Dingen bei Postdienstleistungsangeboten und bei mobilen Informationen.

Anzeigenpotenzial besser ausschöpfen

Wenn Redakteure, Anzeigenverkäufer, Anzeigenkunden und Werbeagenturen mehr über die Arbeit des jeweils anderen wüssten, gäbe es noch häufiger als bisher richtig gute Anzeigen in der Zeitung. Das war das Fazit der von der ZMG veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema "Kreative Nutzung des Werbemediums Zeitung". "Wir sollten viel mehr miteinander reden", stellten Bernhard Boll, Verleger des "Solinger Tageblatts", Paul-Josef Raue, Chefredakteur der "Braunschweiger Zeitung", Herman Waterkamp, Geschäftsführer und Kreativ Director der Agentur Leagas Delany in Hamburg, sowie Ivo Hoevel, Vice-President für das Brandmanagement des Telekommunikationsanbieters O2 in München, fest. Das Anzeigenpotenzial werde noch zu wenig genutzt.

Gelegenheit, die heftigen politischen Auseinandersetzungen des ersten Kongresstages noch einmal in entspannter Atmosphäre Revue passieren zu lassen, gab es beim Abend der Kommunikation im Museum für Kommunikation. Dinnerspeaker Klaus Zumwinkel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post AG, erinnerte die rund 500 Festgäste aus Verlagen, Wirtschaft, Politik und Kultur in einer kurzen, heiteren Ansprache an Dinge, die Post und Zeitungen derzeit trennen - wie das Direktmarketingangebot "Einkauf aktuell" oder die Konkurrenz bei der Postdienstleistung -, und an Dinge, die sie einen - wie die Deutsche Post als wichtiger Anzeigenkunde der Zeitungen und als Vertriebspartner für die Pressepost.

 

Zeitungskongress 2005

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