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13. Mai 2003 | Allgemeines

„Es kann nicht sein, dass wir Reporter Teil des Krieges werden“

Podiumsdiskussion von BDZV und Reporter ohne Grenzen zum Internationalen Tag der Pressefreiheit

„Wenn es die Zeitungen nicht gäbe, würden viele Kriege unter den Tisch fallen“. In diesem Punkt waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema „Sehen, Hören, Schreiben, Schweigen – Medienberichterstattung in Zeiten des Krieges“ völlig einig. Bei der Veranstaltung von BDZV und der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Gren-zen anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit in Berlin wurde deutlich, wie wichtig die gedruckten Medien sind, gerade wenn es um Hintergrundberichterstattung geht oder um größtmögliche Vielfalt der Informationen. Im Mittelpunkt allerdings standen naturgemäß vor allem der gerade zu Ende gegangene Irak-Krieg und die Erfahrungen der Journalisten vor Ort wie der Redakteure in der Heimat.

Moderator Thomas Roth, Leiter des Haupt-stadtstudios der ARD in Berlin, betonte eingangs noch einmal den in jüngster Zeit häufig wie-derholten Satz, dass keine Story es wert sei, dafür zu sterben. Den hätten viele Kollegen erfreulicherweise im Kopf – „und trotzdem sterben sie“. Womöglich auch, weil sie ganz gezielt angegriffen wurden? Aktham Suliman, Deutsch-landkorrespondent des arabischen Senders „Al Jazeera“ in Berlin, wehrte die nach dem Angriff auf das Al Jazeera-Büro in Bagdad laut gewordenen Verdächtigungen, die US-Armee habe gezielt einen unliebsamen Sender zum Schweigen bringen wollen, ab. „Ich hüte mich vor Schuldzuweisungen“, sagte Suliman. „Dafür hätte ich gerne erst einmal einen Beweis.“ Denn es wäre doch eine „ungeheuerliche Geschichte, wenn eine reguläre Armee gezielt Journalisten beschießt“.

 

Ähnlich zurückhaltend beurteilte Christoph Maria Fröhder, freier Journalist und Korrespondent der ARD in Bagdad, den Beschuss des Hotels Palestine, in dem zahlreiche Journalisten untergebracht waren, die nicht zum „eingebetteten“ Programm der US-Armee zählten. „Dazu müsste ja ein offizieller Befehl gegeben werden“, warnte Fröhder vor vorschnellen Urteilen. Die Situation sei noch nicht aufgeklärt. Allerdings bestätigte der ARD-Korrespondent auch Berichte, dass es unter den Amerikanern „keine große Freude gab über Journalisten, die sich nicht bei ihnen akkreditiert hatten. Es wurde uns auch angedroht, dass wir beschossen werden, wenn wir nicht verschwinden.“

 

Michael Rediske, Sprecher des Vorstands von Reporter ohne Grenzen, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Sucht nach Bildern angesichts der immer größeren Zahl von Sendern, die ihre Nachrichten über Kabel, Satellit, Internet etc. verbreiteten, sehr hoch sei. Entsprechend groß sei die Zahl der Journalisten vor Ort gewesen. Zu den 500 „embedded journalists“, die die USA akkreditiert hätten, seien mindestens weitere 1.500 Journalisten gekommen, die frei im Land agiert hätten. Dabei seien die, die auf eigene Faust arbeiteten, „sicher am gefährdetsten“ gewesen.

 

„Journalisten werden von allen Kriegsparteien instrumentalisiert, das haben die USA nicht erfunden“, warnte Bettina Gaus, politische Korrespondentin der „tageszeitung“ in Berlin, vor allzu schematischem Freund-Feind-Denken. Insoweit sei auch der „embedded journalism“ keine neue Erfindung. Normalerweise gingen Journalisten an der Seite einer Kriegspartei ins Land. Die Berichte über den Irak-Krieg seien aus ihrer Sicht im Fernsehen besonders deshalb problematisch gewesen, weil die Moderatoren in den Heimatredaktionen die Warnung vor der Zensur „als so eine Art Flagge vorneweg“ getragen hätten und nicht differenziert hätten, was wahr ist oder nicht. „Das widerspricht der Aufgabe der Journalisten zur Einordnung.“

 

Das Meinungsklima während des Irak-Kriegs in den USA schilderte Don Jordan, freier US-Journalist aus Bonn. Die Amerikaner seien „in jedem Krieg sehr patriotisch“, versicherte Jordan. Das sei eine Komponente der amerikanischen Seele. Die „sehr tendenziöse Berichterstattung“ des US-Senders Vox mit einer „fast skandalösen Verunglimpfung von Menschen, die eine andere Meinung hatten“, bewertete der Journalist als eine leider zunehmende Tendenz in den USA. Allerdings sei es heute wohl auch viel schwieriger, als Journalist in Washington zu arbeiten, als noch vor 20 Jahren. Damals habe man sich abends in bestimmten Kneipen im Regierungsviertel getroffen. Heute sei jedoch „nach 20 Uhr kein Mitglied der Bush-Administration in der Öffentlichkeit zu finden“. „Es gibt keine Lecks“, bedauerte Jordan.

 

Nicht einmal zu den offiziellen Briefings durften, genau wie viele deutsche Journalisten, die Berichterstatter von „Al Jazeera“. Gleichwohl gelangen dem Korrespondenten vor Ort Bilder, auf die auch Aktham Suliman in Deutschland stolz ist. „Unser Reporter hat es als erster geschafft, auch richtig kritische Stimmen aus der irakischen Bevölkerung einzufangen“, sagte Suliman. „Wir haben ganz früh gezeigt, wie der Alltag der Leute im Krieg funktioniert hat.“ Gleichwohl hat die Kriegsberichterstattung, machte Bettina Gaus deutlich, im Moment des Krieges ein strukturelles Problem: Sie konzentriert sich allein auf das Militärische, den Kriegsverlauf. „Die politische und emotionale Wahrheit fällt hinten runter.“

 

Zu früh der Macht gebeugt

 

Selbstbewusstes Auftreten und eine Portion Schlitzohrigkeit sind für TV-Korrespondent Fröhder die Zutaten, um auch ohne den Segen der kriegführenden Parteien überall hin zu kommen. Das Konzept des „embedded journalism“ lehnt er eindeutig ab. „Wir haben uns als Journalisten viel zu früh der Macht gebeugt“, kritisierte Fröhder. „Das fängt damit an, dass wir zu den Militärs gehen und uns dort beraten lassen, wie wir uns am besten verhalten sollen.“ Aus Fröhders Sicht sollten solche Schulungen vom Deutschen Journalisten-Verband oder anderen Organisationen getragen werden. Fröhder erinnerte sich in diesem Zusammenhang auch an seine Arbeit in Vietnam, „da konnten wir an jede Front gehen auf eigenes Risiko“. Er sehe überhaupt nicht ein, warum das anderswo nicht auch möglich sein sollte. Gleichzeitig warnte der erfahrene Reporter aber auch davor, den Krieg angesichts einer Technik, die jederzeit das Dabeisein des Publikums live ermögliche, zu einer Dimension von Entertainment auszubauen. „Es kann nicht sein, dass wir Reporter Teil des Krieges werden!“

 

Zahlreiche Zeitungen haben mit Interviews und Berichten auf den Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai aufmerksam gemacht. So räumte etwa die „Süddeutsche Zeitung“ ihre gesamte Seite 2 für dieses Thema frei, der Bonner „General-Anzeiger“ widmete dem beson-deren Datum seinen Leitartikel.

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