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30. Oktober 2014 | Allgemeines

"Die Zukunft des Journalismus liegt im Journalismus"

Die Rede von Heribert Prantl anlässlich der Verleihung des Bayerischen Printmedienpreises am 23. Oktober 2014

Quelle: Dr. Heribert PrantlQuelle: Dr. Heribert PrantlEs gilt das gesprochene Wort:

Als vor 22 Jahren der neue Münchner Flughafen eingeweiht wurde, ging der damalige Ministerpräsident Max Streibl mit den Journalisten stolz und beseelt durch die großen Hallen. Alles war blitzblank, weitläufig, weltläufig und edel; am Boden glänzte der polierte Granit, an den Wänden prangte moderne Kunst, aus den Lautsprechern klangen die Weltsprachen. Als die Besichtigung nach zwei Stunden zu Ende war, fragte ein Journalist den Ministerpräsidenten, ob er in all dieser Pracht und Herrlichkeit etwas vermisse. Der Ministerpräsident stutzte kurz und sagte dann: „Es ist alles wunderbar, nur: Wenn man hier ankommt, merkt man doch gar nicht, dass man in München ist. Es könnte sich genauso um den neuen Flughafen in Paris oder in Melbourne handeln. Woran soll man denn hier erkennen, dass man in München gelandet ist? “ Ein Kollege schlug ihm daraufhin vor, man könne doch die nächste Landebahn „in Brezenform“ errichten. Das Gelächter war groß.

Sie schauen mich jetzt mit großen Augen an und fragen, was diese Geschichte denn mit den Printmedien zu tun hat? Warum erzählte ich Ihnen dieses Kuriosum? Wenn man dieser Geschichte nachhört, dann klingt hinter der Lustigkeit der Begebenheit und der vermeintlichen Provinzialität des Politikers etwas sehr Ernsthaftes, Wichtiges, Grundsätzliches. Die kleine Begebenheit führt uns nämlich zu einer Frage, die für den Journalismus viel wichtiger ist als für einen Flughafen: Was ist das Besondere, was ist das Erkennungszeichen, was ist das Unverwechselbare an einem guten Journalismus?


Was zeichnet den Journalismus so aus, dass er ein eigenes Grundrecht, das der Pressefreiheit, wirklich verdient? Wie soll, wie muss der Journalismus seine Freiheit nutzen, auf dass sie Pressefreiheit heißen kann und darf? Und was zeichnet die Printmedien, die wir heute hier preisen wollen, zuvorderst aus? Warum lieben wir das gedruckte Wort und das gedruckte Bild?

Weil eine Welt ohne Presse, weil eine Welt ohne guten Journalismus keine gute Welt wäre. Weil Presse animiert. Wenn die Presse und die Pressefreiheit nicht wären, gäbe es viel weniger Freiheit und weniger Demokratie. Man kann die Presse nicht hinwegdenken, ohne dass die Lebendigkeit des Gemeinwesens entfiele. Der Qualitätsjournalismus ist ein Lebenselexier einer freien Gesellschaft.

Guter Journalismus ist ein Journalismus, bei dem die Journalisten wissen, dass sie eine Aufgabe haben - und dass diese Aufgabe mit einem Grundrecht zu tun hat: Artikel 5 Grundgesetz, Pressefreiheit. Nicht für jeden Beruf gibt es ein eigenes, ein ganz spezielles Grundrecht, genau genommen nur für einen einzigen: Artikel 5 - das verpflichtet! Das verpflichtet zur Sachkunde, die sich mit Souveränität, Ausdauer, Neugierde, Sorgfalt und Aufklärungsinteresse paart.

Als in den ersten Tagen der deutschen Demokratie, im Jahr 1832, im Jahr des Hambacher Festes, die Regierung des bayerischen Königs die Druckerpresse eines Journalisten und Verlegers versiegelte, verklagte dieser Demokrat die Regierung mit dem Argument: Das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen. Das ist ein wunderbarer Satz, weil darin die Erkenntnis steckt, dass Pressefreiheit das tägliche Brot ist für die Demokratie. Das ist die demokratische Ur-Erkenntnis: Pressefreiheit ist das tägliche Brot für die Demokratie. Vor ein paar Tagen habe ich fünfhundert Zeitungszusteller meiner Zeitung zu einem Fest begrüßen dürfen. Ich habe ihnen gesagt, dass sie tagtäglich das demokratische Brot, das Grundnahrungsmittel, zu den Demokraten bringen. Ja: Zeitungmachen, Zeitungdrucken, Zeitung distributieren – das alles ist eine demokratische Aufgabe.

Die große Zeit der Pressefreiheit in Deutschland begann vor gut fünfzig Jahren, mit der Spiegel-Affäre. Seitdem gibt es in Deutschland Bürger, die sich nicht mehr alles gefallen lassen, seit dem Herbst 1962. Als damals Franz Josef Strauß, Verteidigungsminister der Regierung Adenauer und Chef der CSU, die Besetzung des Spiegel und die Verhaftung der führenden Köpfe des Hamburger Nachrichtenmagazins organisierte – da erwachte die Leidenschaft der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Die Affäre mobilisierte zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik die kritische Öffentlichkeit, deren Kritik von den Medien geleitet und gebündelt wurde und wird. Diese kritische Öffentlichkeit ist seitdem nie mehr so richtig eingeschlafen.

In dem halben Jahrhundert seitdem ist viel passiert. Die Welt der Medien hat sich grundlegend verändert, das Internet hat sie internetisiert. Der mediale Informationsausstoß hat sich ungeheuer beschleunigt. Das Internet hat einen Echtzeit-Journalismus geboren. In der Entwicklung des Journalismus hatten zuerst Telefon, Funk, Satellit, Radio und Fernsehen aus einer distanzierten eine fast miterlebende Öffentlichkeit gemacht - aber nur fast. Das Internet hat das "fast" beendet, es hat, wie gesagt, den Echtzeit-Journalismus geboren – dessen manchmal absurdes Kennzeichen der Live-Ticker ist, der auch dann tickert, wenn es eigentlich wenig zu tickern gibt. Die Hektik dieser Live-Tickerei der miteinander konkurrierenden Online-Redaktionen von bild.de, spiegel.online etc. etc. und die eiligen Bewertungen, Meinungsäußerungen, Blogs, die diese Tickerei begleiten, setzt Journalisten und Politiker gleichermaßen unter Zugzwang.

Das ist in dieser Form, in dieser Wucht und in dieser Massivität neu. Das produziert eine Erregungsspirale, die sich immer schneller dreht, einen Erregungsstrudel, der immer heftiger saugt. Damit wären wir, wo sonst, beim Fall Wulff; aber der ist heute nicht unser Spezial-Thema. Thema ist der Qualitätsjournalismus, Thema ist die Aufdeckungsmacht der Presse – die aber Sorgfalt, Umsicht, gründliche Recherche verlangt, die Achtung der Privat- und Intimsphäre, differenzierte Berichterstattung und die Wahrnehmung verschiedener Standpunkte. Die Bürger wissen zwischen Qualitätsjournalismus einerseits und nassforscher Rechthaberei andererseits sehr wohl zu unterscheiden.

Pressefreiheit: Vielleicht sollten Journalisten, Verleger und sonstige Printmedienleute nicht so viel von der Pressefreiheit reden, sondern sie einfach praktizieren. Zuviel Weihrauch, sagt das Sprichwort, rußt den Heiligen. Was für einen Heiligen gilt, kann auch für ein Grundrecht gelten: in den Weihrauchschwaden ritualisierter Lobpreisung erkennt man es kaum mehr, es verliert sein Gesicht. Noch einmal also: Vielleicht sollten wir von Pressefreiheit weniger reden, sie aber dafür mehr praktizieren – das gilt für Verlage und Redaktionen. Sie beide müssen in ihrer Arbeit zeigen, was Pressefreiheit ist und was sie ihnen wert ist.

Allenthalben wird von der Not der Zeitungen geredet, von einer Not, die rigoroseste Sparmaßnahmen erforderlich mache. Ich weiß nicht, ob das mit der Not wirklich so stimmt. Ich sehe eher gravierende Fehler, die gemacht wurden – das jahrelange Verschenken von Inhalten beispielsweise – Fehler, die aber behebbar sind. Der Journalismus braucht Phantasie.

Die Projekte, die heute zur Auszeichnung nominiert sind, zeigen doch, wie das geht. Zum Beispiel das „Projekt Kommunalwahl“ der Mittelbayerischen Zeitung, bei dem sich der digitale und der analoge Journalismus wunderbar ergänzen, bei dem Live-Streams, Live-Blogs und Apps eine treffliche Liaison mit dem Print-Produkt eingegangen sind. Der digitale Journalismus ist doch kein Horror – er hat ja auch ganz besondere Vorteile: man erspart sich zum Beispiel Druck- und Vertriebskosten. Das kann in haarigen Zeiten einem Verlag durchaus helfen. Und man kann die besonderen Vorteile des digitalen Journalismus, seine Schnelligkeit, nutzen.

Eine Eisenbahn fährt gut auf zwei Schienen – der Journalismus auch. Die eine Schiene ist die digitale, die andere ist die analoge. Wenn man auf beiden Schienen fährt, erreicht man das Ziel.

Die Printmedien werden nicht vom Internet bedroht und nicht vom Online-Journalismus, sondern zu allererst vom eigenen Dauer-Wehklagen und der andauernden Larmoyanz. Es gibt bei den Printmedien einen merkwürdigen journalistischen Dekadentismus, der eine Mischung ist aus Melancholie, Leichtlebigkeit, Weltschmerz und vermeintlicher Ohnmacht gegenüber Anzeigenschwund und Internet, gegenüber dem angeblichen unaufhaltsamen Gang der Dinge. Die angebliche Not, die angebliche Existenzkrise, ja Todesnähe der Zeitungen oder gleich gar des professionellen Journalismus gehört zu den Hysterien, die im Journalismus noch besser gedeihen als anderswo. Der Kikeriki-Journalismus, die aufgeregte Kräherei, die seit einiger Zeit unsere politische Publizistik prägt, kräht nun das eigene Ende herbei. Man schreibt sich sein eigenes fin de siecle.

Man schreibt und redet sein eigenes Produkt schlecht, so lange bis es alle glauben – selbst kluge Leute wie der große Philosoph Jürgen Habermas und der kluge Verfassungsjurist Dieter Grimm; beide sind verschiedentlich für eine Staatsfinanzierung von Zeitungen eingetreten sind. Aber: Staatsfinanzierung kann verlegerischen Mut und journalistische Power und Phantasie nicht ersetzen. Staatsfinanzierung macht eher träge als munter. In Frankreich geht es den Zeitungen, die dort mit gut 40 Cent pro Exemplar vom Staat bezuschusst werden, nicht besser, sondern schlechter als in Deutschland. Staatsgeld macht träge. Man muss nicht nach Staatsfinanzierung rufen, nur weil man journalistische Inhalte viel zu lange im Netz kostenlos abgegeben, also verschenkt hat; man muss das ändern.

Die deutsche Presse braucht kein Staatsgeld. Sie braucht aber Journalisten und Verleger, die ihre Arbeit mit Leidenschaft und Phantasie machen. Sie braucht Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig und integer sind. Sie braucht Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen. Vielleicht braucht der Journalismus auch ein paar Mäzene. Es gibt sie und es gibt die Freude am unabhängigen Journalismus.

Das Internet ist nicht das Ende der gedruckten Zeitung; es nimmt der gedruckten Zeitung nur eine Aufgabe ab, die sie bisher, so gut es halt ging, zu erfüllen versuchte. Bei der „Vermeldung“ von Ereignissen kommt und kam die Zeitung bei allem Bemühen immer zu spät. Diese natürliche Schwäche war den Zeitungen seit jeher bewusst. Die „Zürcher Zeitung“ stellte im Titelblatt ihrer ersten Ausgabe vom 12. Januar 1780 nüchtern fest, dass es ihr bei allem Bemühen versagt bleiben werde, „die Weltbegebenheiten früher anzuzeigen, als sie geschehen sind.“ Der Vorsprung, die Vermeldung eines Ereignisses zumindest vor der gesamten Konkurrenz, war deshalb bisher Ziel jedes Unternehmens, das mit Informationen Geschäfte macht – erreichbar durch ein ausgebautes Korrespondentennetz, durch Ausnutzung aller technischen Hilfsmittel bei der Übermittlung durch Erschließung neuer Nachrichtenquellen. Dank dieses Bemühens schrumpfte die zeitliche Distanz zwischen Ereignis und Öffentlichkeit immer weiter. Mit dem Internet ist das Ende dieser Entwicklung erreicht. Es erreicht das Publikum im Idealfall in Echt-Zeit. Es verfügt also über eine Fähigkeit, die eine analoge Zeitung bei allergrößtem Bemühen nicht erreichen kann.

Weil es das Internet, weil es also nun bessere, schnellere Methoden bloßer Informationsvermittlung gibt, kann sich Zeitung auf anderes konzentrieren – auf Analyse, Hintergrund, Kommentierung, auf Sprachkraft, Gründlichkeit und Tiefgang, auf all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt. Die Zeitung kann Wegweiser sein im Wirrwarr; sie kann Informationen destillieren, konzentrieren, auswerten, bewerten. Für die Lokalzeitung und das überregionale Blatt kann das ganz verschiedene Gewichtungen bedeuten. Aber: Wenn eine Zeitung das gut macht, wird sie – ob digital oder gedruckt - immer genügend Leser haben, die sich an ihr festhalten, weil sie der Realitätsvergewisserung dienst, weil sie ein Schlüssel ist zum Verstehen der globalisierten Welt, deren Abbild das Internet ist. Eine solche Tageszeitung wird dann eine Solidarität und eine Autorität haben, von der das Internet nur träumen kann.

Zeitungsleute müssen also vom Internet nicht reden wie von einem neuen Hunneneinfall. Die Hunnen kamen vor 1500 Jahren aus dem Nichts, schlugen alles kurz und klein (und verschwanden hundert Jahre später wieder). Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein. Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie noch wichtiger als bisher.

Daraus folgt: Das beste Rezept für eine gute Zukunft der Zeitung ist verlegerische und journalistische Leidenschaft. Natürlich verändert das Internet den journalistischen Beruf. Aber ein Journalismus, der Angst vor Veränderungen hätte – was wäre das für ein erbärmlicher Journalismus. Die Zukunft des Journalismus liegt im Journalismus.

Deshalb noch einmal: Journalisten, Verleger und Medien-Geschäftsführer, alle Presseleute, sollten nicht so viel von Pressefreiheit reden, sondern sie einfach praktizieren. Es mag sein, dass sich der Journalismus nicht mehr ganz so fest wie bisher am Papier festhalten wird, er löst sich zum Teil davon; aber er löst sich nicht auf. Er verändert seinen Aggregatzustand, er ist nicht mehr so fest wie er hundertfünfzig Jahre lang war, er ist schon flüssig geworden, vielleicht wird er gasförmig. Das wird ihm nicht schaden. Gase erfüllen jeden Raum.
Ein guter Journalist ist ein Forscher, ein Entdecker, ein Erklärer - er ist ein Amundsen, er ist ein Scott. Er kann Dinge, die andere nicht können und er traut sich Dinge, die sich andere nicht trauen.

Das Internet ist die globale horizontale Verbreiterung des Wissens. Guter Journalismus geht in die Tiefe. Die Demokratie braucht diesen Tiefgang. Es gibt die Pressefreiheit, weil die Presse auf die Demokratie achten soll. Diese Achtung beginnt mit Selbstachtung - und diese Achtung wird zerstört von der von mir schon beklagten Heulsuserei, die leider Mode geworden ist. Die Zukunft des Journalismus liegt im Journalismus. Man sieht diese Zukunft nicht, wenn man weint und nach hintern schaut.

Unter Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind gewiss kundige Zuhörer, die sich im Alten Testament auskennen. Dort gibt es die Geschichte, wie Lot und seine Familie gerettet werden sollen – sie dürfen sich, das ist die Weisung der Engel, nicht umdrehen. Als sich Lots Ehefrau entgegen dem Verbot umwendet um zu sehen, was in Sodom um Gomorrha geschieht, erstarrt sie zur Salzsäure.

Erstarren wir nicht, schauen wir nach vorn – schauen wir darauf, dass und wie sich das Digitale und das Analoge verbinden und verbünden. Die Zukunft des Journalismus liegt im Journalismus.

 

Prof. Dr. Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" und leitet dort das Ressort Innenpolitik.

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