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19. Oktober 2000 | Allgemeines

Die Zeitung hat Zukunft, aber die Verlage müssen die Jugend besser erreichen

Podiumsdiskussion mit Medienexperten und Moderator Wolf v. Lojewski

Die Zukunft des Mediums Zeitung ist nach Meinung von Experten gesichert. Die Zeitungsverlage müssten aber die verschiedenen Medien - allen voran das Internet - besser mit dem geschriebenen Wort verknüpfen, um gerade die Jugend zu erreichen.

Das war das Fazit der Podiumsdiskussion zum Thema "Lesewelten - Medienwelten", die der BDZV anlässlich seines Zeitungskongresses am 17. Oktober 2000 in Mainz veranstaltete. Als besondere Qualitäten der Zeitung stellte BDZV-Präsident Helmut Heinen im Kontrast etwa zu den "neuen Medien" die "Kommentierung" und "Vertiefung" der Themen wie auch die lokale Kompetenz heraus. Medienforscher Rüdiger Schulz vom Institut für Demoskopie Allensbach nannte als Kern die "verlässliche Orientierungshilfe im lokalen/regionalen Umfeld und bei der großen Politik". Für Hellmuth Karasek, Herausgeber des Berliner "Tagesspiegels" und Autor, ist die Zeitung "ein Medium der Ruhe". Im Unterschied zum Fernsehzuschauer könnten sich die Leser "zurücklehnen und die Dinge etwas distanzierter beobachten". Monika Zimmermann, Chefredakteurin der "Mitteldeutschen Zeitung" in Halle, wies darauf hin, dass die Zeitung nicht mehr das Übertragungsmedium von Nachrichten sei wie in früheren Jahren. Diese Funktion hätten Fernsehen und Hörfunk übernommen. Darauf müssten sich die Tageszeitungen einstellen. Der Psychologe Jens Lönneker vom rheingold-Institut in Köln stellte fest, dass Zeitungen für junge Leute das Symbol einer "Gemeinschaft" seien. Dabei empfänden es die Jugendlichen einerseits als "barbarisch", wenn es keine gedruckten Zeitungen mehr gebe, andererseits würden sie das Medium aber nicht intensiv nutzen.

Die Frage, warum Jugendliche und junge Leute nicht regelmäßig zur Tageszeitung greifen wie früher, war einer der zentralen Dreh- und Angelpunkte in der von ZDF-Anchorman Wolf von Lojewski launig moderierten Podiumsdiskussion. Medienforscher Schulz zitierte in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer aktuellen Allensbach-Umfrage, wonach zum Beispiel die Lesezeit insbesondere in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen rückläufig sei und das "selektive Lesen deutlich zugenommen" habe. Bei ihnen herrsche deutlich weniger Interesse an Politik und Wirtschaft als bei den älteren Lesergruppen. Es sei, auch nach der Erfahrung von Leserförderungsprojekten wie "Zeitung in der Schule", sehr schwierig, junge Leute im Alter von 14, 15 oder 16 Jahren zur regelmäßigen Zeitungslektüre zu bewegen. Über einen Zeitraum von 20 Jahren habe sich das "Abbröckeln der Reichweiten am unteren Altersrand" fortgesetzt. Während die Tageszeitungen insgesamt pro Jahr 0,5 Prozent Reichweite verloren hätten, seien es in dieser Altersgruppe durchschnittlich ein Prozent pro Jahr gewesen.

Als Hilfsmittel gegen solche Entwicklungen empfahl BDZV-Präsident Heinen, die "Bedürfnisse der jungen Leute noch besser in den Fokus" zu nehmen und zum Beispiel die Vor- und Nachberichterstattung bei Events weiter zu verstärken. Hellmuth Karasek berichtete von "guten Erfahrungen mit Supplements und andere Beilagen als Einstieg für junge Leser" ins Mutterblatt. Jens Lönneker merkte an, dass das Zeitunglesen traditionell sehr häufig mit dem Frühstück oder mit dem Weg zur Arbeit verbunden sei. In den Großstädten hätten gerade jüngere und mobile Leute aber ihre Lebensgewohnheiten geändert. Häufig werde gar nicht mehr oder sehr hastig gefrühstückt. Auch dies könnte den Absatz von Zeitungen beeinflussen. Sprich: Die Verlage sollten sich überlegen, wann in solchen "urbanen Situationen" Zeitungen künftig rezipiert werden können.

Vielleicht sei ja auch, fragte Moderator von Lojewski, die zu Floskeln geronnene Sprache mit schuld am Desinteresse, die kleine und große Ereignisse unterschiedslos mit Begriffen wie "Unglück", "Betroffenheit", "Verzweiflung" belege. "Daran seid ihr vom Fernsehen doch als erste schuld", entgegnete Chefredakteurin Zimmermann. Mit jedem neuen Nachrichtenblock im Fernsehen würden die Zuschauer "betroffen" von etwas, das "ganz weit weg passiert und im großen Weltgeschehen vielleicht gar nicht so wichtig ist". Es ärgere sie, dass "wir Zeitungsmacher auf etwas reagieren müssen, das ihr TV-Macher uns vorsetzt". Ihre Empfehlung, Interesse zu wecken, lautet: Nachrichten personenbezogen gestalten. Denn "Menschen interessieren sich für Menschen".

Von Lesern und Schreibern

Zuvor hatte Hellmuth Karasek in einem Einführungsvortrag mit dem Titel "Von Lesern und Schreibern" über die gemeinschaftsstiftende Funktion der Zeitung gesprochen. Das Verhältnis der Leser zu ihrer Zeitung sei in der Regel von größerer Treue und Haltbarkeit geprägt als das zum Ehepartner, frotzelte der Herausgeber des Berliner "Tagesspiegels".

Die große Glaubwürdigkeit der Zeitungen machte er am Beispiel der Kampagne der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (F.A.Z.) mit dem Slogan "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf" deutlich. Hier seien sehr prominente und zum Teil bekannt medienscheue Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Leser so porträtiert worden, dass ihr kluger Kopf gar nicht zu sehen sei - der stecke ja hinter der Zeitung. Eigentlich könnte es also ein x-beliebiger Mensch sein. Gleichwohl sei aufgrund der hohen Glaubwürdigkeit der Zeitungen jeder Betrachter sofort davon überzeugt, dass genau die prominente Persönlichkeit hier auch wirklich abgebildet wurde.

Als weiteres Moment der Gemeinschaftsstiftung stellte Karasek den "Solidareffekt" der Lektüre heraus. Leser würden Buchrezensionen oder Theaterkritiken besonders gern zur Kenntnis nehmen, wenn sie das Buch bereits gelesen oder das Stück schon gesehen haben. Ebenso würden politisch sehr Interessierte und Informierte lieber zu einer Zeitung greifen, die ihren Überzeugungen nahe komme, als zu einem Blatt, das die entgegengesetzte Meinung vertrete.

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