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24. August 2011 | Allgemeines

Deutsche Kinder zeichnen die meisten Atomkraftwerke

Tsunami und Super-GAU: Wenn Nachrichten bei Kindern Ängste auslösen

Das schwere Erdbeben im Norden Japans, der dadurch ausgelöste Tsunami und schließlich der Zusammenbruch des Atomkraftwerks in Fukushima – diese Katastrophen-Nachrichten erreichten tagelang und in kurzer Folge nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Für Macher von Kindermedien stellt sich in solchen Fällen die Frage, ob, was und wie viel sie berichten sollen, um einerseits den Erkenntnis- und Wissendurst der Kinder zu stillen und andererseits nicht Ängste zu schüren oder gar erst aufzubauen. Vor diesem Hintergrund hat die Bundeszentrale für politische Bildung am 19. Juli 2011 in München unter dem Motto „Tsunami und Super-GAU“ zu einer Blitz-KinderMedienKonferenz eingeladen und Experten aus Theorie und Praxis gebeten, über eine angemessene Kata-strophenberichterstattung für Kinder zu dis-kutieren.

So stellte Maya Götz, Leiterin des Internatio­nalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bil­dungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rund­funk, Ergebnisse einer Studie vor, die sich damit beschäftigt, wie deutsche Kinder die Ereignisse in Japan erlebten. Ausgewertet wurden dafür zahl­reiche Bilder, die Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren gemalt hatten. Als typisch bezeichnete dabei die Forscherin, dass die Kinder wenig Menschen gezeichnet hätten, und wenn, „dann mit Mundschutz“. Häuser seien umgekippt darge­stellt worden, ferner leere Supermarktregale. Während dies mit Bildern in Zeitungen oder bei den Kindernachrichten „logo!“ korrespondiere, hätten kleinere Kinder auch zu Comic-Helden gegriffen, mit dem implizierten Wunsch, dass diese die Welt retten mögen.

An einer Vorgängerstudie aus dem Jahr 2004 zum Irak-Krieg erläuterte die Forscherin ebenfalls anhand von Kinderbildern, dass komplexe Ereig­nisse bei den Jüngsten häufig zu Missverständ­nissen führen. „Kindern nehmen Metaphern wört­lich“, erklärte Götz. Sie greifen sich aus den Me­dien „Wissensinseln“ und bauen sie zu ihrer ei­genen Wirklichkeit zusammen. So werde bei­spielsweise im aktuellen Fall unter dem Begriff „Atom“ sowohl die –Bombe als auch der –Müll oder das –Kraftwerk in eins geworfen und von allen Kindern eindeutig abgelehnt. Götz empfahl, die „innere Karte“ der Kinder zu unterstützen und Ereignisse wie in Fukushima durch Fakten, Hin­tergrund und persönliche Geschichten für Kinder aufzubereiten, nicht anders also als für die „Gro­ßen“ – aber auf Augenhöhe der jungen Leser und Zuschauer.

Kindernachrichten im Fernsehen

Eigene Nachrichtenprogramme im Kinderfern­sehen sind vor allen Dingen in Europa und Asien verbreitet. Hier wie dort war die wichtigste Bot­schaft: „Ihr müsst keine Angst haben!“ Typi­scherweise kommen in Asien aber auch noch Verhaltensmaßnahmen im Katastrophenfall hinzu.

In den USA beschäftigten sich Kinder, wie eine Expertise der Southern Illinois University Edwardsville zeigt, als Reaktion auf die Ereig­nisse in Japan stärker mit Schäden am Besitz als mit Menschen. Wolle man dies als „Materialis­mus“ kennzeichnen, interpretierten die Autoren Diana und Sorin Nastasia, so verhielten sich die amerikanischen Kinder in ihren Bildern typi­scherweise auch „optimistisch“ und versuchten, die gute Seite des Desasters zu finden, indem sie beispielsweise einen Surfer auf der Tsunamiwelle reiten ließen. Auch zeigten die Kinder in ihren Bildern Mitleid.

Kinder in Brasilien wiederum, berichtete Pro­fessor Pablo Ramos Rivero (Red UNIAL, Kuba), malten ihre Japanbilder voller Regen­tropfen. „Denn in Brasilien sind Überschwem­mungen immer mit Regen verbunden.“ Außer­dem war aus Sicht der Experten erstaunlich, dass sich zwar weltweit in den Kinderbildern Atom­kraftwerke fanden, aber diese überproportional oft bei deutschen Kindern Einzug hielten. Diese zeichneten auch zahlreiche technische Details bei den AKWs.

Erfahrungsberichte aus der Redaktionspraxis steuerten unter anderem Volker Stennei, Ver­lagsleiter und Chefredakteur des „Hellweger An­zeigers“, und Markus Mörchen, Redakteur der ZDF-Kindernachrichten „logo!“ bei. „Kinder stellen die Fragen, die Erwachsene sich nicht trauen zu stellen“, meinte Stennei. Die Berichterstattung im „Hellweger Anzeiger“, der seit 2006 täglich eine ganze Kindernachrichtenseite bringt, sei eine „Riesenchance, weil Eltern, Großeltern und Kin­der zusammen lesen“. Tagelang seien die Son­derseiten zum Unglück in Japan von den Schulen nachgefordert worden. „Wir verstehen das als Kompetenzsignal, die Lehrer vertrauen uns“, sagte Stennei. Gelernt habe die Redaktion übri­gens aus ihrer Berichterstattung über die Love Parade 2010 in Duisburg. „Damals haben wir die Kinder mit unserem Artikel direkt angesprochen. Das machen wir nie wieder“, versicherte der Chefredakteur. „Denn so schürt man Ängste, wie wir gemerkt haben.“

Die „logo!“-Redaktion profitierte, wie Markus Mörchen erzählte, von ihrer Umstellung auf tägli­che Kindernachrichten vor eineinhalb Jahren. „Kinder brauchen die gleiche Periodizität wie Erwachsene“, so Mörchen. Beim Erdbeben in Japan habe „logo!“ monothematische Sendungen produziert, die wegen der notwendigen Erläute­rungen auch ein wenig länger ausfallen durften. „Wir bitten dann im Vorfeld um mehr Sendezeit beim KiKa.“ Das Salz in der Suppe, erklärte Mörchen weiter, seien die Fragen der Kinder zu den Nachrichtensendungen. 750 solcher Anfra­gen seien nach dem Erdbeben in Japan einge­gangen. Noch größer sei die Zahl allerdings beim Amoklauf in Winnenden gewesen. „Am ersten Tag kamen 1.000 Fragen oder Kontakte von Kin­dern in der Redaktion an“, erinnerte sich Mörchen. Offensichtlich sei hier die Fassungslo­sigkeit noch größer gewesen beziehungsweise die Kinder noch „näher dran“ am Geschehen.

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